Leftfield - Alternative light source

Infectious / PIAS / Rough Trade
VÖ: 05.06.2015
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Die Technokraken

Es gibt kaum Gruppen, die von sich behaupten können, für ein ganzes Genre Pate gestanden zu haben und dennoch nicht auf Plattentests.de besprochen worden zu sein. Den Briten Leftfield ist dieses Kunststück gelungen, da sie ihrer Diskografie ein Ende setzten, ehe die üblichen Redaktions-Spürhunde des Duos habhaft werden konnten. Seither geistern ihre zwei Alben als ungelöste Aktenzeichen durch den Referenzbereich unserer Webseite.

Doch man findet auch heute noch Menschen, die bei der Erstveröffentlichung von "Leftism" (1995) und "Rhythm and stealth" (1999) Ohrenzeugen waren. Und die bei dem einzigen Weckruf aus neueren Tagen, dem Live-Album "Tourism" von 2012, nostalgisch verzückt die Synapsen verdrehen, wenn sie den vertrauten Weisen lauschen. Denn Leftfield waren tatsächlich mal ein Garant für deftige Allianzen zwischen Dub, gebrochenen Rhythmen und britisch gefärbtem Techno, auf offener Bühne festgehalten in unerbittlich lauten Liveshows.

Inzwischen hat sich Gründungsmitglied Neil Barnes entschlossen, das erloschene Feuer gemeinsam mit dem Studiotechniker Adam Wren neu zu entfachen. Sein früherer Mitstreiter Paul Daley hält sich ja seit der Stilllegung Leftfields im Jahr 2002 aus allem raus. Er vertieft sein Fachwissen indes lieber mit verqualmten Dub-Remixes diverser Steckdosen-Größen. Amüsanterweise kokettiert Daley dabei weiterhin mit dem alten Namen, weil er sonst vermutlich in der Masse an Neubearbeitungen unterginge. Ein Schicksal, das "Alternative light source" nun ebenfalls droht? Ganz bestimmt nicht. An diesem explosiven Album hätte sogar der frühere US-Außenminister Donald Rumsfeld seinen Spaß, und der war mehr für seine miese Bombenstimmung im Irak-Krieg vor zwölf Jahren berüchtigt.

Natürlich sind die alten Zeiten längst vorbei, hat sich die elektronische Tanzmusik verändert und nicht nur in Sachen gefühlter Lautstärke deutlich an Wucht gewonnen. Aber zugleich ist vieles, was zur Blütezeit Leftfields noch neu und aufregend erschien, inzwischen Alltagsroutine. Es wird immer schwieriger, überhaupt neue Standards zu setzen. Was einen beim ersten Durchlauf der Platte prompt über die seltsam biedere Witch-House-Mär "Storms end" stolpern lässt. Ein winziger Fauxpas, der sich zum Glück nicht wiederholt. Denn der Rest ist feinster Radau auf dem Stand heutiger britischer Elektro-Ingenieurskunst.

Gleich einer vielarmigen Technokrake werfen Kapitän Barnes und Matrose Wren ihre Schleppseile ins weite Meer der Electronica und fischen dabei etliche dicke Brocken heraus. "Bad radio" mit TV On The Radios Tunde Adebimpe am Mikro strotzt vor Rückkopplungs-Effekten und lässt seine rabiaten Arpeggio-Glocken kreisen, dass den Fischen die Kiemen bimmeln. "Universal everything" schiebt einen ausgebremsten Progressive-House-Dampfer mit chemisch-brüderlichen Beats hinterher. Dazu schmachtet die passende Seemannsbraut in Gestalt von Channy Leaneagh, Sängerin der amerikanischen Synth-Rocker Poliça, den munter klöppelnden Electro-Hopper "Bilocation" vom Sonnendeck aus an. Mit dem Erfolg, dass sie außerdem das abgetauchte Tech-House-Ungeheuer "Little fish" mit ihrer Anwesenheit befrieden darf.

Erst spät besinnen sich Leftfield auf ihre Wurzeln im Dub und stemmen mit "Head and shoulders" einen einsamen Big-Beat-Hybriden auf die Planken, bei dem Rapper Jason Williamson von Sleaford Mods einige schnodderige Phrasen über ein Sample von The Crystal Method hinweg in die aufbrausende Gischt göbeln darf. Das große Finale nach allerlei Knöpfchenfummelei bestreitet dann Ofei, ein aufstrebender Soulsänger aus London, der "Levitate for you" zu majestätischer Schwerelosigkeit im Sturm der Schaltkreise verhilft. Nette Anekdote am Rande, dass für dieses Stück ursprünglich George Michael vorgesehen war. Was aus der Technokrake wiederum sicherlich keine Octopussy gemacht hätte. Wir sind alle Tintenfisch!

(Andreas Knöß)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bad radio
  • Universal everything
  • Levitate for you

Tracklist

  1. Bad radio
  2. Universal everything
  3. Bilocation
  4. Head and shoulders
  5. Dark matters
  6. Little fish
  7. Storms end
  8. Alternative light source
  9. Shaker obsession
  10. Levitate for you
Gesamtspielzeit: 52:33 min

Im Forum kommentieren

Und wieder...

2018-07-13 22:35:28

... auf heavy rotation.
Gut die Hälfte der Tracks finde ich obergenial, und der Rest ist mindestens überdurchschnittlich. Für mich eine 9 von 10.
Wer hat seither annähernd ähnlichen Electro aufgeschnappt? Reicht auch eine 7 von 10 😉

terranova

2015-12-29 11:26:23

großartige scheibe

Natürlich ohne den neuigkeitsbonus den damals leftism hatte, aber doch ein rundum gelungenes comeback.

The MACHINA of God

2015-11-29 17:56:59

Hmm, nicht so wirklich was.

Der Überfragende

2015-11-29 04:17:39

Was ist denn draus geworden Machina? Hört die überhaupt noch wer?

The MACHINA of God

2015-06-09 14:04:24

Ach Blackfield, genau.

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