Christine And The Queens - Chaleur humaine

Because / Warner
VÖ: 04.07.2014
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Heute so, morgen so

Die Frage, ob ein Mensch nun Männlein oder Weiblein ist, wird in manchen Kreisen schon seit längerem nicht mehr ganz so eng gesehen. Der androgyne Chic ist seit einigen Jahren wieder extrem in. Tilda Swinton etwa verkörpert auf der Leinwand genauso gerne männliche wie weibliche Charaktere, und Topmodels wie Andrej Pejic und Stav Strashko geben in Kleidern beiderlei Geschlechts eine gute Figur ab. Schubladen? Gerne, aber nur, um darin Socken zu verstauen. Was Mann oder Frau erlaubt ist und was nicht, entscheiden diese Künstler alleine nach ihren Vorlieben – mögen die selbsternannten Tugend- und Moralwächter auch noch so oft die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Im Falle von Héloïse Letissier hat das Androgyne gleich auf mehreren Ebenen Methode. Zum einen äußerlich: Erst aus der Nähe betrachtet weisen frivoler Augenaufschlag, lange Haare und feine Gesichtszüge die Französin eindeutig als Frau aus. Auf der Bühne könnte sie mit ihren maßgeschneiderten Anzügen, Hosen und Retro-Hüten auch ein Wiedergänger Michael Jacksons sein. Und dann eröffnet Letissier das Debütalbum ihres Projekts Christine And The Queens auch noch mit dem Refrain "I've got it / I'm a man now" und nennt den dazugehörigen Song "It". Doch das muntere Spiel mit den Versatzstücken schlägt sich auf "Chaleur humaine", was übersetzt so viel wie "menschliche Wärme" bedeutet, auch musikalisch nieder. Wären die verschiedenen Ecken des Pop-Spektrums Geschlechter, dann wäre "Chaleur humaine" der perfekte androgyne Bastard, der jedem erzkonservativen Radiohörer den Angstschweiß auf die Stirn treibt.

Mal klingen Christine And The Queens im erwähnten Opener mit schleppenden Beats, satten Streichern und melancholischem Gesang ein wenig wie eine exotische, bilinguale Ausgabe von Lana Del Rey. Dann fiepen plötzlich die Synthies und zucken die Glieder zum treibenden Beat von "Science fiction". Nur um in "Paradis perdus" einem Klagegesang Platz zu machen, der von einem reduzierten Klavierteppich getragen wird. Die übergeordnete Klammer, die "Chaleur humaine" zusammenhält, ist der Abenteurergeist. Immer wieder schlägt das Album Haken, ist unvorhersehbar, biedert sich nicht an, sondern entfaltet sein volles Potenzial erst nach mehrmaligem Hören. Wenn Letissier im abschließenden, großartigen "Here" singt: "Here is where everything happened", dann könnte das durchaus als Zusammenfassung dieses interessanten Albums herhalten. Denn es passiert viel auf "Chaleur humaine", und zwar auf so unaufdringliche, angenehme, anspruchsvolle Weise, dass man sich fragen muss, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist, Genre-Grenzen einfach mal Genre-Grenzen sein zu lassen und den androgynen Chic in die Popmusik zu bringen. Aber das Business war ja zu sehr mit der Frage beschäftigt, ob Lady Gaga nun einen Ihr-wisst-schon-was hat oder nicht.

(Mark Read)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • It
  • Science fiction
  • Narcissus is back
  • Here

Tracklist

  1. It
  2. Saint Claude
  3. Christine
  4. Science fiction
  5. Paradis perdus
  6. Half ladies
  7. Chaleur humaine
  8. Narcissus is back
  9. Ugly-pretty
  10. Nuit 17 à 52
  11. Here
Gesamtspielzeit: 42:42 min

Im Forum kommentieren

Kojiro

2020-11-24 15:49:30

Mochte das Album ebenfalls sehr. Übrigens sehr großartiger Remix von Saint Claude https://www.youtube.com/watch?v=Nh9_p-l9e0M

echt gut

2018-05-31 00:32:56

schon das neue lied "damn, dis moi" gehört?
auf englisch hört sich der song gleich mal eine ecke schlechter an, weil gewollt auf massenmarkt gebürstet.

saihttam

2016-04-18 01:43:33

Echt ein ganz gutes Album. Das Wechseln zwischen Französisch und Englisch stört eigentlich auch nicht wirklich.

musie

2015-07-13 08:01:44

die räumen aktuell live ziemlich ab, hab sie am rock werchter und am eurockeennes in belfort gesehen. ist aber auch wirklich gut.

Franzmanm

2015-07-11 20:42:14

https://www.youtube.com/watch?v=rs40yxHjTxQ

Typisch französische Avantgarde, das Video.
Übrigens in den Charts oben.

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