East India Youth - Total strife forever

Stolen / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 28.02.2014
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Den Fohlen gestohlen

Einsamkeit ist mächtig. Ob nun als Reaktion auf Globalisierung und Großstadtwahn oder schlicht, weil die besten Ideen schon immer in der Stille kamen - Isolation gilt nicht erst seit gestern als wirksames Kreativwerkzeug. Dabei scheint es nicht mal notwendig zu sein, tief im kanadischen Hinterland zu suchen. Jüngstes Beispiel: Ein gewisser William Doyle fand seinen einsamen Flecken in den Londoner Docklands, im East India Dock.

Dorthin, in den äußersten Nordwesten der britischen Hauptstadt, zog es ihn, nachdem er fürs Musikmachen das College abgebrochen hatte. Ohne Freunde, ohne soziales Umfeld. Seine damalige Band Doyle & The Fourfathers blieb in Southampton zurück, aber so richtig störte den Frontmann das nicht. Denn im Indierock vermochte er sich kaum noch auszudrücken, längst waren die musikalischen Abenteuer zuhause auf dem Laptop spannender geworden. Dass die schon während des Umzugs und der Zeit kurz vor Auflösung seiner Ex-Band Form annahmen, ist "Total strife forever" anzuhören. Das Album klingt wie ein Notizbuch, voller kleiner Skizzen aus der Zeit des musikalischen Umbruchs.

Der begann 2010 mit "Total strife forever III", genauer: dem zentralen Loop, den diese und die drei anderen Episoden des Titeltrack-Vierergespanns weichgeklopft durch den Fleischwolf drehen. Anfangs sind alle vier ungefähr so zugänglich wie Fort Knox, mehr eigensinnige Klangcollagen als alles Andere. Doch irgendwann packen sie einen, Doyles dramaturgischem Geschick sei dank. Dass die fertigen Stücke einmal fast wie ein Foals-Album heißen würden, wusste er damals noch nicht. Genauso wenig wie er sagen konnte, ob seine Elektro-Frickeleien jemals das Kämmerchen verlassen würden. Gut drei Jahre später konnte er das gesammelte Material dann aber nur noch unter Qual für sich behalten - und Frickelei war längst nicht mehr alles.

"Total strife forever" ist ein beeindruckendes Album und nicht selten ein brutales. Brutal wegen der Sounds, die der Brite einem um die Ohren schlägt, brutal aber auch wegen der waghalsigen Sprünge zwischen vollkommen gegensätzlichen Stimmungen und Klängen: so chaotisch eben wie Doyles Lebensabschnitt. Er sagt selbst, es sei schwierig gewesen, eine Dramaturgie in die Platte zu bekommen, und das hört man. Nicht alles ist makellos im Fluss, Stolperstellen sind vorprogrammiert. Doch dem 22-Jährigen war es wichtiger, möglichst viele seiner Ideen unterzubringen als ein perfekt geschlossenes Ganzes zu erschaffen. Und besser hätte es nicht kommen können.

Das zentrale Stück der Platte ist gleichzeitig das, mit dem Doyle die Arbeit an "Total strife forever" beendete: "Heaven, how long" bildet den Kern im Spannungsfeld zwischen zugänglichem Songwriting und verkopfter Electronica. Um ihn versammeln sich die anderen Tracks, in alle Richtungen verteilt. Wer das Album schnell verstehen will, beginnt am besten mit diesem Bastard: Wabernde Synthesizer fließen wie dicker Vanillepudding, irgendwann beginnt Doyle zurückhaltend zu singen - alles macht einen ruhigen Eindruck. Auch wenn der schlanke Beat dazukommt, ist noch nichts von dem Monstrum zu erahnen, das schon darauf wartet, endlich auszubrechen. Doch dann setzt die Hook ein und plötzlich ist Doyle der Traumschwiegersohn von Mutti Elektropop - zumindest bis das krautige Outro in "Total strife forever II" übergeht und wieder abgedrehtere Töne anschlägt.

So geht das hin und her, strengt den Hörer an, lässt ihn wieder verschnaufen und ist in dieser Zusammensetzung wirklich innovativ. Toll, wie Doyle Techno und Ambient, Krautrock und Pop zusammenbringt und alle Disziplinen wie im Schlaf beherrscht. Den überraschten Hörer fängt eine angenehme Wärme auf, die "Total strife forever" von den ersten Tönen des Openers "Glitter recession" an davor bewahrt, sich zu sehr ins hochtechnisierte Nirwana zu graben. Die weißen MIDI-Noten auf dem Cover sind nur die halbe Wahrheit.

(Konrad Spremberg)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hinterland
  • Heaven, how long
  • Looking for someone

Tracklist

  1. Glitter recession
  2. Total strife forever I
  3. Dripping down
  4. Hinterland
  5. Heaven, how long
  6. Total strife forever II
  7. Looking for someone
  8. Midnight koto
  9. Total strife forever III
  10. Song for a granular piano
  11. Total strife forever IV
Gesamtspielzeit: 51:13 min

Im Forum kommentieren

mariobava

2015-10-08 01:22:06

Eines der absoluten Highlights 2014. Was für ein Album! Völlig zu Recht auf Platz 4 der The Quietus-Jahrescharts.

Holden

2014-12-10 14:33:55

Ist mir beim Release irgendwie auch durchgerutscht. Sehr schön.
Großstadt. Funkelnde Lichter. Einsamkeit. Isolation. Hoffnung. London. Underworld.
Gutes Ding, definitiv Jahres Top-10.

Leatherface

2014-09-03 23:15:55

Die hab ich seit einem halben Jahr auf meiner To Do-Liste und höre jetzt endlich mal rein. Schade, dass ich das nicht schon vorher gemacht hab, ist nämlich ganz nice. Macht sich ganz gut neben der Hundred Waters-Platte, die ich immer noch sehr gerne und häufig höre. Ähnlich verspult, aber anders.

hmmmm

2014-03-21 00:47:44

was sagt pitschie hierzu?

Ani Mosine

2014-03-19 01:19:10

...ganz GUT getan.

*rülps*

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