La Dispute - Rooms of the house

Big Scary Monsters / Al!ve
VÖ: 21.03.2014
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Anders anders

"Rooms of the house" ist eine dieser Platten, die einen über ein ganzes Genre nachdenken lassen: über die Vergangenheit und die Zukunft des Hardcore, über Musik und Texte und über Dynamiken und Stimmungen, die man mit dem Begriff assoziiert. Das dritte Album von La Dispute ist mehr als die Summe seiner elf exzellenten Songs. Und ohne der Band Hochnäsigkeit vorwerfen zu wollen, darf man annehmen, dass das durchaus auch ihr Ziel war.

La Dispute laufen ja spätestens seit dem extrem smarten "Wildlife" Gefahr, eine Hipster-Band zu werden. Neben Touché Amorés "Parting the sea between brightness and me" war die Platte die Speerspitze einer Neuinterpretation von Hardcore. Und beim Hören von "Rooms of the house" stellt sich die Frage, was von den Ursprüngen des Genres noch übrig ist. Viel Punk steckt nämlich auf den ersten Blick nicht mehr in diesen Songs. Sie sind oft laut, meist wütend, manchmal verzweifelt und basieren ab und zu auf drei Akkorden. Aber wie schon in "Hudsonville, MI 1956" die anfangs schroffen Gitarren sich immer weiter ausdifferenzieren und dann befreit von jeglicher klassischen Songstruktur über-, neben- und gegeneinander purzeln, sich nur an der Narration von Sängern Jordan Dreyer orientierend, geht weit über die Anfänge des Genres hinaus, egal ob man aus Boston oder Washington kommt.

Inhaltlich sind La Dispute diesmal auf den ersten Blick trivial. Das heißt nicht, dass ihre Texte plötzlich vor Allgemeinplätzen strotzen, sondern einfach, dass Dreyer auf impressionistische Weise vom Alltag singt. Seine Gesellschaftsskizzen sind hier nicht persönliche Dramen über Krebs, Verlust und Selbstmord, sondern voller ordinärer Situationen: Dinnerparties, Autofahrten und Frühstück zieren die Bilder in den Räumen des Hauses. Ihr dramatisches Momentum ziehen die Songs daraus, dass sie Erinnerungen sind, Bruchstücke aus einer früheren Zeit, in der - zumindest angedeutet - vieles anders war. Erinnerungen sind selektiv, und sie stehen oft in Verbindung mit bestimmten Objekten. Diese Erinnerungsstücke, in ihrer auf den ersten Blick unbelebten Langweiligkeit, füllen "Rooms of the house" mit Leben.

Dreyers atemloser Erzählduktus, der oft zwecks Verdichtung auf Artikel und Pronomen verzichtet, verschiebt zudem das Verhältnis von Text und Musik. Die Menge der Zeilen und Worte erdrückt die Instrumente manchmal und hebelt die üblichen Strukturen von Strophen und Refrains vollkommen aus. Daraus entstehen dann so verzweifelte Rückzugsgefechte wie "First reactions after falling through the ice", an dessen Ende Dreyers Bandkollegen gerade noch so vom Platz humpeln. Den Songs tut diese Intensität gut. Denn "Rooms of the house" schlägt ab und zu auch mal leisere Töne an und verliert dabei keinen Funken Durchschlagskraft. Das nachdenkliche "Woman (in mirror)" oder der abschließende Stream-of-consciousness-Blues "Objects in space" sind genauso zentral für die Platte wie die unmittelbareren Songs.

Zu den letzteren gehört die exzellente Charakterstudie "For mayor in Splitsville", die laute und leise Töne mit einer Eingängigkeit vereint, die den Song zumindest zur hypothetischen Single machen. Mit Leichtigkeit schleicht sich auch in "Extraordinary dinner party" eine Harmonie ein, die an alte Melodycore-Helden erinnert, etwa Good Riddance um die Jahrtausendwende. Sind La Dispute am Ende doch wieder eine Punkrock-Band? Hoffentlich. Und hoffentlich sind sie weiterhin zu schlau, um sich darauf festnageln zu lassen.

(Maik Maerten)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hudsonville, MI 1956
  • For mayor in Splitsville
  • Extraordinary dinner party

Tracklist

  1. Hudsonville, MI 1956
  2. First reactions after falling through the ice
  3. Woman (in mirror)
  4. Scenes from highways 1981-2009
  5. For mayor in Splitsville
  6. 35
  7. Stay happy there
  8. The child we lost 1963
  9. Woman (Reading)
  10. Extraordinary dinner party
  11. Objects in space
Gesamtspielzeit: 41:40 min

Im Forum kommentieren

Affengitarre

2021-11-15 21:13:06

Perfekte Jahreszeit für die Band. Das Album bleibt wohl weiterhin mein Liebling, weil mir die Mischung hier einfach am besten gefällt. Gut sind aber eh alle Alben.

Affengitarre

2021-02-21 10:25:52

Schönes Album. Im Vergleich zu "Wildlife" wurde alles eine Nummer kleiner. Die Musik ist oft ruhiger, bekommt mehr Platz zum Atmen, auch die Themen sind oft nicht mehr so wuchtig. Gerade das steht der Band aber ziemlich gut, das Geschrei wird viel akzentuierter eingesetzt und fängt dadurch auch nicht so schnell an zu stören. Ein zweites "King Park" findet sich zwar nicht darauf, "The Child We Lost" ist aber auch verdammt intensiv und die beiden "Woman"-Teile sind auch echt klasse.

Eliminator Jr.

2015-04-15 09:55:00

Wer heute noch Post-HC hört, sollte sein Leben überdenken.

Hab's überdacht, bin immer noch zufrieden mit der Entscheidung. Und nu?

Affengitarre

2015-04-14 23:25:39

Die Band hat für eine Compilation ein Cover von Nirvanas "Polly" aufgenommen. Halte ich für sehr gelungen, interessante Neuinterpretation mit den Trademarks der Band.

https://soundcloud.com/roboticempire/06-la-dispute-polly

H. K.

2014-11-05 15:14:18

@ Eliminator Jr.

Ja, definitiv!
Sehe ich vollkommen genauso.

Da müssen sich La Dispute bei ihrem nächsten Album ganz klar was einfallen lassen ;-)

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