Forest Swords - Engravings
Tri Angle / PIAS / Rough TradeVÖ: 23.08.2013
Fasern zu Fäden
Faszinierend. "Engravings" ist vor allem das, gleichzeitig aber in etwa so wenig fassbar wie Erinnerungen an einen Drogentrip von vor drei Jahren. Vor allem die Tatsache, dass die Musik von Forest Swords so kompromisslos eigensinnig ist, macht sie so beeindruckend. Dieses Konstrukt versucht, jeden Anflug von Schönheit so sicher wie möglich hinter dichten Nebelschwaden zu verstecken, und doch ist "Engravings" auch aus rein ästhetischer Sicht mehr als gelungen. Große Melodien sucht man vergeblich, die wären natürlich viel zu einfach. Es ist eher eine Art von Soundperfektionismus, der Matthew Barnes drei lange Jahre an seinem Debütalbum hat feilen lassen.
Jedes Bruchstück sitzt genau an seinem Platz und klingt, als hätte Barnes sehr ausführlich darüber nachgedacht, obwohl sich kaum ein Gedankengang nachvollziehen lässt. Der Eindruck, dass es sich bei "Engravings" um ein filigran inszeniertes Werk handelt, kommt eher daher, dass das Album in seiner Gesamtheit einen unheimlichen Sog entwickelt und hier Klänge ineinandergreifen, die miteinander zu assoziieren einiges Ausprobieren und Verwerfen gekostet haben dürfte. Der uneingeweihte Hörer kann folglich überhaupt nicht verstehen. Er muss einfach hinnehmen, was da an seine Ohren dringt und darf das, was beim Erzeuger unzählige Hirnwindungen durchlaufen hat, auf seine rein gefühlsmäßige Wirkung testen.
"Engravings" ist Kopfhörermusik und entgegen des aktuellen Post-Dubstep-Hypes in erster Linie einfach Dub, der zu den Denkmustern klassischer Musik eine ebenso intensive Beziehung pflegt wie zu TripHop und R'n'B. Dazu passt, dass die recht präsenten Stimmsamples mit Gesang an sich relativ wenig zu tun haben und sich vielmehr als eine von unzähligen Klangfarben in ein wahnsinnig komplexes Instrumentalalbum fügen. Wie die einzelnen Tracks miteinander verwoben sind, braucht zum Glück niemand zu kapieren. Es reicht, festzustellen, dass sich eine ganz bestimmte Soundästhetik als vordergründig dickster roter Faden durch die Platte zieht, der an vielen Stellen aber unüberschaubar ausfasert. Macht nichts, denn die einzelnen Tracks bieten schon genug Raum zum Grübeln.
Wie ein aufgeregter Bienenschwarm schwirrt der Beginn von "Ljoss" auf und ab und bekommt Gesellschaft von einem schleppenden Beat mit Industrial-Migrationshintergrund. Auch jedes weitere Element wird Teil eines stark auf Repetition fixierten Musters, das irgendwie auch den Rest der Platte bestimmt – noch ein roter Faden! Und wo wir schon bei Fäden sind: Düsternis ist ebenfalls ein Begriff, der "Engravings" durchgängig prägt, wenn auch nicht ausnahmslos. Wie eine quälend lange Reise zum Mittelpunkt der Erde brennen sich die ersten Minuten von "Onward" in aufwändig gebauter Eintönigkeit in die Gehörgänge, bevor im letzten Viertel plötzlich eine geheimnisvoll lächelnde Sonne aufgeht, die zu allem Bisherigen in totalem Kontrast steht, aber auch schon wieder verschwunden ist, kaum dass sie sich vom Horizont gelöst hat.
Diese eineinhalb Minuten sollen der einzige derart befreiend klingende Moment bleiben und wirken entsprechend unwirklich. Der Rest bedrückt mehr, als dass er glücklich macht, und leicht verdaulich ist an diesem Album ohnehin überhaupt nichts. Genau das fühlt sich aber nie schlecht an, sondern wird alles Teil des Zaubers von Forest Swords. Die letzten Töne von "Friend, you will never learn" lassen den Hörer nachdenklich zurück: Erst jetzt wird spürbar, wie sehr "Engravings" seinem Titel schon die gesamten vergangenen 50 Minuten Ehre gemacht und sich ins Gemüt gefressen hat. Wer sich jetzt eine Runde Easy Listening wünscht, dem sei diese gegönnt. Er wird ohnehin zurückkommen, früher oder später. Und der zweite Durchgang wird nicht leichter als der erste.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Ljoss
- Onward
- The weight of gold
- Friend, you will never learn
Tracklist
- Ljoss
- Thor's stone
- Irby tremor
- Onward
- The weight of gold
- An hour
- Anneka's battle
- Gathering
- The plumes
- Friend, you will never learn
Im Forum kommentieren
saihttam
2014-12-03 01:59:50
In den richtigen Momenten ist das echt ein überwältigendes Album! Hat einen sehr einzigartigen Sound und gehört mit Sicherheit zu den spannendsten Sachen des letzten Jahres. Live wars übrigens auch nicht schlecht. Mit echtem Bass und so.
saihttam
2014-02-03 23:50:11
Ist morgen übrigens im Vorprogramm beim Konzert von Mogwai in Frankfurt zu sehen und zu hören. Ich bin gespannt, wie das live rüberkommt.
ZH
2014-02-03 22:21:14
Schon ein ziemlich geiler Trip, ja.
Cinori
2013-10-06 03:53:33
Yop, sehr schönes Album. Da versteh ich die 9/10 für Haim überhaupt nicht.
Lichtgestalt
2013-10-03 19:58:52
Verdiente 8/10 und in meiner Top15 des Jahres.
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