Low

Felix H

10.01.2026 - 16:46

Die Suchfunktion macht es einem nicht leicht, aber so weit ich das gesehen habe, gibt es noch keinen Low-Thread? Naja, jetzt gibt es einen, ich habe mich letztens erst wieder durch die Alben gehört und wollte ein Ranking teilen.


So. Low. Einfach eine ganz tolle Band, weshalb es in dieser Liste wertungstechnisch nicht allzu vielfältig wird und die Platzierungen daher ein wenig Tageslaune sind.
Dafür ist es musikalisch breitgefächert: Ich finde es bemerkenswert, wie sehr sich eine Band verändert hat, die eigentlich mit einem singulären Sound für ein paar Alben losgelaufen ist. Aber ob rein akustisch, in Rock verkleidet oder unter harschem Noise versteckt, Low erkennt man.
Mir fiel auf, dass die Opener sehr häufig emblematisch für die folgende Platte (und Highlights) sind, daher steige ich jeweils mit der Beschreibung dieses Songs ein.


13. Long Division (1995, Nr. 2) 7,5

Wie klingt der Opener? Wenn Sparhawk und Parker "You can't trust violence" wie ein Mantra in "Violence" singen, ist die Sache schon entschieden. Tolle Atmosphäre in einem ganz typischen frühen Low-Song.
Und sonst so? Im Prinzip eine Kopie des ersten Albums, also Slowcore to the core. (Low-Alben kommen generell in Paaren, dazu die letzten drei als Trilogie.) Aber was soll man dagegen sagen? Na gut: Ein kleines, kleines bisschen ist "Long Division" schon wie eine Leftover-Sammlung des Debüts. Oft minimal, vor allem häufig ohne diese Melodien zum Niederknien. Ist "Turn" nun bedrohlich und fröstelig oder doch etwas langgezogen?
Die Stimmung hält natürlich und hörenswert ist das sicher und kein "sophomore slump". Aber als Einstieg würde ich es beispielsweise nicht empfehlen. Trotz allem: Wenn DAS ein Schlusslicht sein soll, hat die Band alles richtig gemacht.
9er & 10er: Violence | Throw Out the Line | Caroline


12. Drums and Guns (2007, Nr. 8) 7,5

Wie klingt der Opener? Ein elektrisches Knistern, schiefe Töne, eine laute Stimme. "Pretty People" ist ein Paradebeispiel für die Eröffnung als klares Ausrufezeichen, dass hier alles anders ist. Unter all den Openern mein unliebster, gefühlt aber so konfrontativ gewollt.
Und sonst so? Kein anderes Album klingt wie "Drums and Guns". Es sind Miniaturen, kurze Vignetten, eher Skizzen als Songs. Es geht teils schon in Richtung Folktronica, blippt und bleept umher. Die Lyrics sind teils überraschend bissig, ist "Hatchet" ihr erster Disstrack? All das hält mich teilweise, zumindest im Vergleich zu den anderen Alben.
Ich mag die Atmosphäre schon, aber so ganz greift es nicht wie der Rest der Alben. Und das harte Panning der Vocals in einen Stereokanal finde ich als Kopfhörer-Hörer echt anstrengend. Aber es hat schon was faszinierend Eigenwilliges, dieses Werk. Und mit dem sehr intensiven "Murderer" auch einen Eintrag für die potenzielle Best-of.
9er & 10er: Breaker | Dust on the Window | Murderer | Violent Past


11. The Invisible Way (2013, Nr. 10) 8,0

Wie klingt der Opener? Strumming, das sofort einen stark folkigen Vibe versprüht. Der von "Now they make you piss in a plastic cup / And give it up" untergraben wird, aber okay. "Plastic Cup" ist ein wirklich hübscher, melancholischer Song.
Und sonst so? Allgemein das am wenigstens geliebte Low-Alben und vielleicht liegt es am Einfluss von Jeff Tweedy, der als Produzent fungiert. Es klingt sehr entspannt, unkompliziert und deshalb etwas un-low-ig. Akustische Instrumente dominieren den Klang, die Texturen und Ausbrüche der Vorgänger sind zurückgefahren, einzig in "On My Own" entsteht sowas wie Lärm.
Ich verstehe die Reaktionen trotz allem überhaupt nicht. Ich wünsche Tweedys Hauptband hätte mich zu der Zeit noch so abgeholt. Da sind so tolle Songs drauf, die hier eben ganz unspektakulär "da" sind, offensichtlicher. Aber die Melodien, die beiden Stimmen! Und eben "Just Make It Stop", das ich nach Mimis Tod oft gehört habe, was auf eine niederschmetternde Art tröstend war. Unfassbarer Song. Schönes Album.
9er & 10er: Plastic Cup | Amethyst | Just Make It Stop | On My Own


10. C'mon (2011, Nr. 9) 8,0

Wie klingt der Opener? Welch optimistisches Gebimmel. "Try to Sleep" ist sehr einladend, zugänglich und schön. Das geht ja einfach.
Und sonst so? Nach ein paar zunehmend querstehenden und -schlagenden Platten machen Low einfach mal folkigen Indierock und natürlich funkioniert auch das.
Ein paar Songs wie "Done" und "$20" sind als Echo früher Tage zu verstehen, neben neuen dynamischen Epen. "C'mon" fühlt sich nicht ganz so groß an, weil es mit nur 10 Tracks auch eher umfangarm ausgefallen ist. Diese stehen dafür fest zusammen und werden von 8 Minuten "Hey Jude"-Grandezza in "Nothing but Heart" gekrönt.
9er & 10er: Witches | Especially Me | Nothing but Heart


9. The Great Destroyer (2005, Nr. 7) 8,0

Wie klingt der Opener? "Monkey" brummt motorisch ins Ohr, so elektronisch und mit bedrohlicher Percussion waren Low bis dahin auch noch nicht unterwegs. Aggressiver als gewohnt, wenn auch nicht ohne Herz.
Und sonst so? Diese Platte ist deutlich lauter und energischer und zwar nicht immer nur temporär in Schüben zwischen flüsterleisen Passagen. Ungewöhnlich und doch durch die Melodien und die Vocals ganz klar Low. "Broadway" ist das zentrale Epic, da könnte ich mich jedes Mal reinlegen. Die Platte streckt sich in einige Richtungen: garagig-fuzzig in "Step", noisig in "Everybody's Song", verschwommen-sheogazig in "Pissing". Ganz einheitlich wirkt das nicht, eher suchend. Dadurch ist es eher eins ihrer schwierigeren Alben, aber fast alles ist große Klasse.
9er & 10er: Monkey | Silver Rider | Cue the Strings | Broadway (So Many People) | Pissing


8. Secret Name (1999, Nr. 4) 8,5

Wie klingt der Opener? Vielleicht einer der wenigen Eröffnungssongs, die etwas in die Irre führen. Das elektrisch knisternde "I Remember" mit (absichtlich) schwachbrüstigen Vocals ist eher ein Einzelgänger. Wobei "Secret Name" sowieso etwas von allen zusammenklaubt. Passt deshalb auch wieder.
Und sonst so? Es wird schleichend diverser und vielfältiger auf den ersten paar Low-Alben und "Secret Name" macht da keine Ausnahme. Nach dem untypischen Opener bricht "Starfire" in bis dato unbekannte, laute Euphorie aus. Gleich danach kommen mit "Two-Step" und "Weight of Water" wieder so zwei typisch schöne reduzierte Songs mit tollen Melodien. "Secret Name" ist schwer zu charakterisieren, weil es weniger auf einen Sound fokussiert ist. Dank des sehr hohen Niveaus ist es aber leicht zu lieben.
9er & 10er: Starfire | Two-Step | Weight of Water | Don't Understand | Immune


7. Double Negative (2018, Nr. 12) 8,5

Wie klingt der Opener? Krass verzerrt. Nichts vom Vorgänger konnte auf die 180-Grad-Wendung vorbereiten, der sich in Form des digitalen Aufräumkommandos "Quorum" über einen ergießt. In der live dargebotenen Version buddeln Low den Song darunter aus und es ist kaum wiederzuerkennen.
Und sonst so? Das war mein Einstieg bei Low. Ein sicher ungewöhnlicher Einstieg, denn nicht mal "Drums and Guns" war so abstrakt und ungreifbar wie dieser Mittelteil der drei von BJ Burton produzierten Alben. Wenn überhaupt Songs erkennbar sind, stecken sie hinter Distortion, Vocals sind fast immer verzerrt und verfremdet, die Instrumente baden in Säure.
"Double Negative" funktioniert mehr als Gesamtwerk, auch wenn es dazwischen immer wieder klare Höhepunkte gibt. Aber am besten ist es, diese im positiven Sinne trostlose Masse über sich hinwegschwemmen zu lassen. "It's not the end / It's just the end of hope."
9er & 10er: Quorum | Always Trying to Work It Out | Dancing and Fire | Rome (Always in the Dark)


6. Ones and Sixes (2015, Nr. 11) 8,5

Wie klingt der Opener? Es pulsiert, es atmet. "Gentle" macht seinem Namen ale Ehre, auch wenn vor allem über Kopfhörer die neue Schärfe im Klang herauskommt. Die Stimmen von Alan und Mimi sind ungewöhnlich klar und laut.
Und sonst so? Der Beginn der BJ-Burton-Trilogie und von den 3 Alben sicher das konventionellste. Im Prinzip sind das "klassische" Low-Songs in harschem Produktionsgewand. Vocals sind oft im Fokus, Drums schlagen ungewöhnlich hart ein, es herrscht konstante Übersteuerung.
Aber die Kompositionen sind einfach gewohnt toll. Das poppige "What Part of Me", der abgehackte Groove von "No comprende", die zerstörerische Epik von "Landslide". Und mitten darunter mein liebster Song der Band. "Spanish Translation" ist einfach abartig schön, da kommen nicht selten die Tränen.
9er & 10er: Gentle | Spanish Translation | What Part of Me | The Innocents | Landslide | DJ


5. Trust (2002, Nr. 6) 8,5

Wie klingt der Opener? Fantastisch. "(That's How You Sing) Amazing Grace" ist der längste Opener von allen und von mir aus konnte diese hypnotische Träumerei in Slowmotion noch ewig gehen. Zumal das Album danach deutlich ungemütlicher wird.
Und sonst so? Low-Alben kommen oft in Paaren und dies hier ist das Yin zum Yang vom Vorgänger "Things We Lost in the Fire". Mehr Band, mehr Variation und immer noch unfassbar viel Gefühl. Selbst wenn "Canada" im Low-Kontext schon lärmig ist, geht nie das Gespür verloren. Generell ist die Musik etwas mehr sludgy und düster, sowas wie "Candy Girl" hätte auch David Lynch für seine Filme gebrauchen können. Das ausladende "The Lamb" strotzt dagegen vor Hoffnungslosigkeit an anderen Stellen wie "John Prine" ist die primitive Percussion der frühen Swans und der Zeitstopp von Bohren & Der Club Of Gore zu spüren. "Trust" verlangt Immersion, entlohnt aber immer mehr als genug.
9er & 10er: (That's How You Sing) Amazing Grace | Candy Girl | Last Snowstorm of the Year | John Prine | Point of Disgust


4. The Curtain Hits the Cast (1996, Nr. 3) 8,5

Wie klingt der Opener? "Anon" schleicht sich zwar mit ganz leisem Feedback an, bleibt dann aber knochig mit noch mehr Leerstellen als auf den ersten beiden Alben. Die Drums klatschen ins Ohr, Alans Gesang traut sich kaum nach vorne.
Und sonst so? Die Verschiebung ist dezent, aber spürbar. "Curtain" ergeht sich keinesfalls im Maximalismus, es probiert jedoch mehr Dynamik, neue Zutaten.
Trotz allem ist es das gleiche Holz wie die Vorgänger, wieder mit mehr großen Momenten als auf "Long Division". Allen voran natürlich das Viertelstunden-Monster "Do You Know How to Waltz?", in dem Low erstmals so richtig laut werden. Ein ergreifendes Album, das sich Zeit nimmt.
9er & 10er: Over the Ocean | Coattails | Standby | Stars Gone Out | Do You Know How to Waltz?


3. I Could Live in Hope (1994, Nr. 1) 9,0

Wie klingt der Opener? Karg und spärlich, aber mit einer Melodie der beiden Stimmen gesegnet, die ihresgleichen sucht. Der erste Song auf dem ersten Album nimmt schon vorweg, was man über Low wissen muss.
Und sonst so? Was für ein Start in eine Diskographie. Was für ein berührendes, verletztliches und eigenständiges Album. Low haben gar keinen Anlauf gebraucht, sondern direkt eins ihrer großen Werke rausgehauen und Slowcore für sich neu definiert. Langsam und bedächtig, immer mit der Harmonie im Fokus.
Speziell die erste Hälfte ist ganz groß, findet ihren Höhepunkt im epischen "Lullaby", das statt 10 auch 20 oder 40 Minuten dauern dürfte. In der zweiten Hälfte wird es etwas reduzierter, die Repetition vordergründiger, aber kaum weniger intensiv. Die gespenstische Stimmung von "Rope" beispielsweise ist richtig einschnürend.
9er & 10er: Words | Cut | Lazy | Lullaby | Rope


2. Things We Lost in the Fire (2001, Nr. 5) 9,5

Wie klingt der Opener? Ja, ist denn heut' scho' Weihnachten? Die "Christmas"-EP kam vorher ("Just Like Christmas" ist Advents-Pflichtprogramm!), aber mit der üppigen Festlichkeit hätte "Sunflower" sich auch da gut gemacht. Ungewöhnlich voll instrumentiert, was ein passender Fingerzeig ist.
Und sonst so? Ui, hier spielt ja noch häufiger eine volle Band. Der Umschwung ist natürlich schon vorher angedeutet worden, aber nach der Jahrtausendwende klingen Low auch tatsächlich anders, man erkennt sie jedoch trotzdem ohne Mühe wieder. Ein so schnörkellos schöner Refrain wie bei "Dinosaur Act" ist jedoch schockierend direkt. Überhaupt dieser Anfangslauf ist so wahnsinnig gut, bis einschließlich "Medicine Magazines", dem wohl lautesten leisen Song, den es gibt. "How can you be so fun / When everyone around you dies so young?" Uff.
9er & 10er: Sunflower | Whitetail | Dinosaur Act | Medicine Magazines | July | Closer | In Metal


1. Hey What (2021, Nr. 13) 9,5

Wie klingt der Opener? "White Horses" stellt den harschesten Noise neben Alans und Mimis Harmonien, die nach "Double Negative" wieder klar und unverfälscht erklingen und eine so eindringliche Gesanglinie über das Kreischen und Bohren legen. Das ist extrem. Toll, ja. Und extrem.
Und sonst so? Nun gut, im Prinzip sind fast alle Alben in dieser Liste auf ihre Art extrem, aber bei "Hey What" gibt es kein Drumrum: Diese Platte klingt krass aggressiv und hält trotzdem so herzzerreißend schöne Momente bereit. Vor Emotion platzt sie beinahe, taumelt am Rand von schwarzen Löchern und schafft es dennoch, dabei alle Herzen zu streicheln. Überhaupt mischt "Hey What" sich von beiden Vorgängern seine eigene Sache zusammen: die Klarheit von "Ones and Sixes", die abstrakten Kompositionen und Interludes von "Double Negative". Wahnsinnig intensiv und ihr größtes Meisterwerk unter vielen zum Abschluss.
9er & 10er: White Horses | All Night | Disappearing | Hey | Days Like These | More | The Price You Pay (It Must Be Wearing Off)

VelvetCell

10.01.2026 - 17:19

Starkes Ranking, Felix, mit dem ich weitgehend übereinstimme. Zumal die Bewertungen alle gut sind: Zwischen 7,5 und 9,5. Das sehe ich ähnlich. Low sind auch für mich eine Herzensband. Eine der wenigen Bands, die ich seit Ewigkeiten und absolut regelmäßig höre. Die begleiten mich stets durch das ganze Jahr.

Ich glaube, irgendwer hat schon mal so ein schönes Ranking gemacht. Ich such mal...

Mr Oh so

10.01.2026 - 17:20

Hey What ist deine Nr.1? Interessant.

Felix H

10.01.2026 - 17:22

@VelvetCell: Danke!

@Mr Oh So:
Schon, wobei "Things We Lost" manchmal auch vorne sein könnte. Wie du an den Wertungen siehst, ist das Feld einfach sehr dicht, daher die exakte Platzierung nicht zu genau nehmen.

Mr Oh so

10.01.2026 - 17:39

Tja, von Low gibt es wohl keine schlechten Alben (kenne nicht alle), insofern ist nix gegen die Wertung zu sagen.

"Hey What" war für mich eher die konsequente Fortsetzung des eigentlich bahnbrechenden Meisterwerks "Double Negative", (für das ich damals sogar die 10/10 vergeben habe).

Felix H

10.01.2026 - 18:12

"Double Negative" fand ich als Erstkontakt auch absolut bahnbrechend, so hat sich schlichtweg nichts angehört.
Mit der Zeit fand ich den Nachfolger emotional packender und den Vorgänger im Songwriting besser, aber wie du quasi sagst: Es lässt sich eigentlich für so gut wie jedes Album ein Argument finden, warum es nach oben gehört. Eine Platte wie "The Great Destroyer" nur auf Platz 9 zu setzen, fühlte sich wirklich weird an.

boneless

10.01.2026 - 18:51

Sehr feiner Thread, danke Felix. Diese unglaublich gute Band könnte man kaum besser würdigen.

Ich muss zugeben, dass ich nicht alle Alben kenne, aber den großen Teil liebe ich ziemlich abgöttisch.
Wenn ich meine last.fm Plays zu Rate ziehe, sieht meine Top 10 so aus:

1. Double Negative
2. Ones And Sixes
3. Things We Lost In The Fire
4. Trust
5. Hey What
6. I Could Live In Hope
7. The Invisible Way
8. Long Divison
9. Christmas Ep
10. The Curtain Hits The Cast

Lucas mit K

10.01.2026 - 19:29

"Medicine Magazines", dem wohl lautesten leisen Song, den es gibt. "How can you be so fun / When everyone around you dies so young?" Uff.

Oh ja. War damals eine der ersten Begegnungen mit der Band für mich, und dann gleich so ein Kaliber. Richtig schmerzhaft, richtig gut.

Sehr schöne Übersicht insgesamt. Kenne längst nicht alles, fällt mir dabei auf. Macht richtig Lust in der Diskografie zu wühlen.

Lateralis84skleinerBruder

11.01.2026 - 11:42

Danke Felix für deine Mühe.

Ranking ist bei mir Tages,Jahreszeit,Laune abhängig. Es sind einfach alles tolle eigenständige Alben.
Macht mir gerade wieder bewusst, wie sehr mir Mimi fehlt. Denke sooo oft an sie und logischerweise auch an Alan

Huhn vom Hof

11.01.2026 - 14:51

Ich wusste gar nicht, dass es von Low so viele Alben gibt. Ein Boxset mit allen Studioalben fänd ich toll.

Old Nobody

11.01.2026 - 19:37

Danke @ Felix für die Arbeit.
Low hat schon wirklich eine starke Diskographie, würde auch kein Album unter 7/10 bewerten, wobei es schon auch etwas schwächere Songs gibt. Ich glaube, ich hab auch nicht so viele Neuner und Zehner in den Highlights und da findet sich zum Teil freilich auch manch ein anderer Song als bei Dir.

Würde auch zustimmen, dass die Liste je nach Stimmung gewaltig variieren kann. Things we lost in the Fire zb kann ich mir in seiner einnehmenden Langsamkeit und leisen Art nicht oft geben aber in der richtigen Laune kratzt das an der 10. einfach wahnsinnig homogenes Album.


Dass eine Band sich so spät nochmal neu erfindet und dabei trotzdem unverkennbar und nicht nur stark bleibt sondern sogar ein Karriere Highlight wie Hey what liefert, ist auch echt ne Seltenheit

Umso trauriger ist und bleibt natürlich der Verlust von Mimi

Felix H

11.01.2026 - 20:16

@Old Nobody:

Danke dir! :)

Things we lost in the Fire zb kann ich mir in seiner einnehmenden Langsamkeit und leisen Art nicht oft geben

Meinst du vielleicht "The Curtain Hits the Cast"? "Things" ist doch vergleichsweise lebhaft.

Old Nobody

11.01.2026 - 20:50

@ Felix: oh, sorry.
ich wollte damit nicht sagen, dass Things das stillste Werk von Low ist. Hab das einfach deutlich öfter gehört als etwa das Frühwerk, was ich vom grad der zurückgenommenheit grad weniger einschätzen kann. Aber Du hast natürlich recht, curtain ist angesichts von sowas wie standby und vor allem waltz wohl wirklich das ruhigere Werk der beiden. Hatte ich irgendwie anders im Kopf :)

The MACHINA of God

18.01.2026 - 11:19

So, jetzt mal alles gelesen. Danke für die Ausführungen. Kenne bisher nur so 6-7 Alben von ihnen (unter anderem "HEY WHAT" was auch meine Nummer 1 wäre), ich denke das werde ich jetzt mal erweitern.

NOK

18.01.2026 - 18:33

@VelvetCell: Oh! Oh! Ich! Hier:

https://www.plattentests.de/forum.php?topic=19260&seite=53

Find ich nett, dass du dich erinnerst. Felix' Ranking fand ich als riesiger Anhänger der Band (hab vor, mir IRGENDWANN in nächster Zeit das "Ones and Sixes"-Bäumchen auf den Unterarm tätowieren zu lassen) auch unheimlich lesenswert, und der Opener-Fokus hat tatsächlich ganz entschieden was für sich.

Meine Lieblingstextzeile aus "Things We Lost in the Fire" ist übrigens tatsächlich auch eine aus "Medicine Magazines", allerdings die danach:

"And I'm not your favorite one/But who will walk you out when it's all done?"

Irgendwie resoniert die immer noch ganz ungeheuer, ich kann gar nicht sicher sagen, warum.

VelvetCell

18.01.2026 - 19:15

Na, siehste! Wusste doch, dass da schon mal was war. Konnte es nur nicht wiederfinden.

Vielleicht kopierst du deinen Wertungen hier nochmal rein, NOK!?

NOK

18.01.2026 - 19:54

Bitte sehr, bitte gleich, gern auch nochmal die textlichen Ergüsse dazu:

I Could Live in Hope (1994) 10/10

Ein erstes Ausrufezeichen ein Jahr nach der Gründung. Low mögen die Indierock-Subströmung mit dem ungeliebten Namen Slowcore - gern versucht man, eine Opposition zum Grunge zu konstruieren, aber nicht sicher - nicht erfunden haben, aber dieser ätherisch schwebende Paargesang zur klassischen Rockband-Dreierbesetzung zumindest war und ist in der Form absolut singulär und unerhört. Ich finde Anekdoten bemerkenswert wie jene, dass die Band sich mit "Words" zuallererst selbst im Radio hörte, unmittelbar nachdem der Moderator den Selbstmord Kurt Cobains bekanntgegeben hatte, und ich schätze, wie unterschiedlich die Platte auf das Publikum wirkt - von Entspannung über eine ganz eigene Art von Trost bis hin zu totaler Nieder...geschmettert...heit findet man alles. Und die Coverversion am Schluss habe ich lange Zeit als Tongue-in-cheek-Gag abgetan. Fälschlicherweise.

Highlights: "Words", "Lullaby", "Sea"

Long Division (1995) 9/10

Ein Jahr später bereits der Nachfolger mit dem neuen Bassisten Zak Sally, der sich als sehr prägend erweisen sollte, und... an Low ist ja unter anderem so besonders, dass nahezu jedes einzelne der dreizehn Alben ihrer Karriere seine eigene Identität und seine individuellen klanglichen Eigenheiten hat. Und das "nahezu" steht da wegen "Long Division". Ich wusste lange nicht ganz so viel damit anzufangen, weil ungefähr das Rezept von "I Could Live in Hope, selber Produzent (Kramer), nur vielleicht nicht ganz so faszinierend. Das möchte ich mittlerweile ausdrücklich revidieren - auch wenn nicht jeder Song gleich juwelenhaft schimmert, findet sich einiges an Highlights, und gerade im Hinblick auf Mimi Parkers viel zu frühen Tod 2022 schneidet die Leadsingle "Shame" inklusive packendes Video mit dem Wrestlingstar Baron von Raschke sehr tief ein.

Highlights: "Violence", "Shame", "Swingin'"

The Curtain Hits the Cast (1996) 9,5/10

Das radikalste Werk ihrer frühen Reduktionsphase, deutlich mehr Mut zur Lücke, und ich attestierte ihm auch anfangs eine gewisse Sprödigkeit. Wen wundert es auch bei kriechenden Neunminutenkolossen wie "Laugh", die das Rezept von Dylan Carlsons Earth-Neuerfindung auf "Hex" so mal eben neun Jahre vorher vorwegnahmen? Oder angesichts des apokalyptischen Viertelstünders "Do You Know How to Waltz?", der live schon knapp doppelt so lange dauerte, und bei dem ich immer noch darauf warte, dass ein YouTube-User mir endlich die Idee klaut, ein Fanvideo mit bewegten Bildern von Béla Tarrs "Das Turiner Pferd" dazu zu machen? Selbstverständlich fehlen auch die intimen Drei- bis Vierminüter nicht, in denen die Sparhawk-Parker-Gesangsharmonien mehr strahlten denn je - und als sie "Over the Ocean" in Dresden auf Publikumswunsch hin als Zugabe spielten, ist mir ja ohnedies alles aus dem Gesicht gefallen.

Highlights: "Over the Ocean", "Coattails", "Do You Know How to Waltz?"

Secret Name (1999) 8,5/10

Die erste LP mit Steve Albini - ruhe er in Frieden - am Pult, und da streckten Low ihre Fühler tatsächlich einmal aus, nachdem man sich schon mit dem Minialbum "Songs for a Dead Pilot" etwas experimentelleren Gefilden geöffnet hatte. Wer glaubt, dass Liz Harris (Grouper) das erfunden hat, höre sich bitte die dortig auffindbare LoFi-Drone-Version von "Will the Night" an. Ende der Neunziger waren auch bereits wundervolle 7"-Singles namens "Venus" und "Joan of Arc" erschienen, die eine gewisse Öffnung zum Popsong anzukündigen schienen, und dann kamen da auch noch die Streicher, die sich einschlichen, um alles ein wenig einladender zu machen. Das Ergebnis war von allem etwas, und man kann das nun als Ganzes sicherlich als zerfasertes Übergangsalbum begreifen. Aber die Klangmalereimomente "I Remember" oder "Don't Understand" funktionieren ebenso wundervoll wie die Popsongs ("Starfire", "Immune") und die Streichereinsätze, die schon vom nächsten Triumph kündeten ("Will the Night", "Weight of Water").

Highlights: "Two-Step", "Immune", "Will the Night"

Things We Lost in the Fire (2001) 10/10

Nochmal Albini, und... sie hätten einen anderen Weg gehen können, zumal sie zu dem Zeitpunkt beim experimentellen Ambient-etc.-Label Kranky waren, das sie problemlos auch etwas im Stil der besagten "Songs for a Dead Pilot"-Version von "Will the Night" hätte machen lassen. Sie beschlossen hingegen, den Weg mit der Öffnung zu etwas Wärmerem mit Streichern weiterzuverfolgen, und da ich Low mit ihren, äh, anstrengenderen Werken kennengelernt hatte, war mir das auf den ersten Blick fast etwas zu viel Wohlklang. Der ist allerdings nur an der Oberfläche - erzählt wird von Krisen, Ambivalenzen hinsichtlich Mimi Parkers Schwanger- und Mutterschaft, ewiger Liebe, die nie kitschig ist, traumatischen Jugenderlebnissen (Parker musste zusehen, wie ein Polizist ihren betrunkenen Vater mit Pfefferspray bearbeitete)... es ist eben kein Zugeständnis an irgendeine Form von Gefälligkeit, es ist ein reifes künstlerisches Statement, das vielleicht die größten Growerqualitäten in diesem Katalog aufgewiesen hat.

Highlights: "Sunflower", "Laser Beam", "July"

Trust (2002) 10/10

Low hätten jetzt natürlich mit ein paar abgeklatschten Crowdpleaseralben für das saturierte Indierockpublikum weitermachen können. Stattdessen setzte es vor einer fantastischen, als Duo aufgenommenen 10" namens "Murderer" noch die nächste Neuerfindung, einen gut einstündigen Koloss, der so viele verschiedene Herangehensweisen vereint, ohne zum Stückwerk zu verkommen. Grundsätzlich gilt: Sie klangen für mich nie schöner als auf "Trust", egal, ob wir jetzt von der unglaublich irreführenden Leadsingle reden, das war ein Indierockstampfer namens "Canada", von dem Ambientexkurs "Shots and Ladders", oder von kompakten Perlen wie "Last Snowstorm of the Year" oder "La La La Song", die sich irgendwo zwischen sieben- bis achtminütigen, ausgebrannten Post-Rock-Klangkathedralen mit abgründigen Texten tummeln, handelnd wahlweise vom Gründer der Mormonen (Sparhawk und Parker sind Anhänger:innen), von Momenten, in denen man sich absolut verloren wähnt, dem im Alten Testament Sterne zählenden Abraham und was zu Teufel auch immer Sparhawk bei "John Prine" im Kopf hatte. Diese fantastische Produktion fuhr den Hall deutlich nach oben und bot haufenweise Details von Kirchenglocken bis unironisch eingesetzter Klospülung. Es gibt hier so viel zu entdecken, mit dem Opener gar den vielleicht besten Song ihres gesamten Katalogs. All das ein Zeugnis davon, dass Low immer den Stillstand vermieden haben, ohne dabei über Gebühr zu verkrampfen.

Highlights: "(That's How You Sing) Amazing Grace", "John Prine", "Little Argument With Myself"

The Great Destroyer (2005) 8,5/10

"Here's your stinkin' rock record" hieß es vorab von Sparhawk, und unter Dave Fridmann wurde es genau das, was sich auf "Trust" schon durch die Leadsingle "Canada" abgezeichnet hatte - schneller, unkomplizierter, mit weniger Berührungsängsten zum Lärm, allerdings auch ähnlich vielfältig und - auch wenn Pitchfork damals widersprach - noch mit einigem, was Low zu Low macht. Es gibt tatsächlich sowas wie Mitwipp-Jangle-Pop ("California", klar, mit dem Titel), eins ihrer schönsten Alan-Mimi-Liebeslieder ("When I Go Deaf"), Reflexionen zur Akustischen über das Auskommen als Musiker, mit denen Sparhawk seinen Vater, der das auch versucht hat, zu Tränen gerührt haben soll ("Death of a Salesman") - und noch weit mehr. Leider geriet die darauffolgende Tour im Vorprogramm von Sun Kil Moon (ob das half?) zum Desaster, Sparhawk erlitt einen psychischen Zusammenbruch, hielt sich für den Antichristen und vergraulte den langjährigen Bassisten Zak Sally, und nicht wenige fragten sich, wie es da weitergehen sollte.

Highlights: "When I Go Deaf", "Broadway (So Many People)", "Pissing"

Drums and Guns (2007) 9,5/10

Mein Einstieg, und an alle Kenner:innen der Band, jaha, ausgerechnet. 2007 war ein Jahr, wo ich dem verdammten Musikexpress bereits nichts mehr glaubte, und dann kam da diese seltene Höchstwertung von Albert Koch für ein existenzialistisches Album über Krieg und Tod von einer mir unbekannten Indierockband, die plötzlich ihre politische Ader entdeckt hatte. Ich wusste damit nicht unmittelbar viel anzufangen, blieb aber am Ball, und das war der größte Payoff dieser Art, den ich mit Musik je hatte. Dave Fridmann ließ keinen Stein auf dem anderen und holte spröde, holzgeschnitzte Experimentalarrangements zwischen Glitch, Drone und mehr hervor, und man hatte den Eindruck, dass da Menschen in Auflösung in einer Band in Auflösung über eine Welt in Auflösung singen, falls das nicht zu viele Pathosalarmglocken zum Schrillen bringt. Eine Platte, die nicht annähernd klingt wie auch nur irgendeine andere, die ich kenne. Mit dem Anti-Fundamentalismus-Fanfavoriten "Murderer".

Highlights: "Dust on the Window", "Murderer", "Violent Past"

C'mon (2011) 7,5/10

Alan Sparhawk war nach wie vor etwas außer Gefecht, es gab 2008 eine unrühmliche Episode, in der er seine Gitarre mit voller Wucht in ein Festivalpublikum schleuderte. Ihr schwächstes Album "C'mon" erschien vier Jahre nach dem Vorgänger, und es enttäuschte mich bei Release immens, weil das für mich nach dem ambitionierten "Drums and Guns" etwas wie College-Radio-Rock daherkam. Wie so oft bei Low und mir täuschte das etwas, und auch wenn das mit dem Pop-Produzenten Matt Beckley eingespielte Werk mit dem Naja-irgendwas-mit-Sommer-Song "You See Everything" und der unfreiwilligen Smokie-Hommage "Something's Turning Over" plus Kinderchor zwei mäßige Exemplare enthält, habe ich es darüber hinaus sehr zu schätzen gelernt, sowohl die zugänglicheren Momente als auch den überlangen Gänsehautorkan gegen Ende. Und die Gefälligkeit, die in einem Pitchfork-Review, dem ich zustimme, als Abwesenheit einer "certain restlessness" gedeutet wurde, sollte nicht die letzte Episode bleiben. Man beachte trotz allem gerade die Miniatur "Done", von der schon jemand schrieb, er finde es schade, dass Elvis Presley die nie werde singen können. Ich versteh's.

Highlights: "Done", "Especially Me", "Nothing but Heart"

The Invisible Way (2013) 8/10

Meine tiefsitzende Abneigung Wilco gegenüber hab ich ja schon anderswo breitgetreten, ergo war die Nachricht von Jeff Tweedy als Produzent keine bei mir überragenden Jubel erzeugende. Aber man wollte dann doch wieder ein bisschen neue Wege bestreiten und schuf eine pastorale Klavierplatte mit einem überdurchschnittlichen Mimi-Parker-Leadvocalanteil. Fragt man nun Fans von Low nach ihren Lieblingsplatten, man wird am mit Abstand seltensten "The Invisible Way" hören. Das Songwriting hätte in der Tat weniger von Wiederholungen leben können (gibt es jemanden, der den Refrain von "So Blue" aus vollstem Herzen mag?), aber einiges ist immens berührend. Der Text der Single "Plastic Cup", der von einem THC-Test-Pinkelbecher handelt, der Jahrhunderte später ausgegraben und für den Becher des Königs gehalten wird. Der Schneckenhaussong "Amethyst" mit der Amethystmine als schönes Sinnbild persönlichen Rückzugs und dem Resümee "You're nobody's stupid girl". Und warum redet eigentlich niemand über "To Our Knees"? Und...

Highlights: "Amethyst", "Holy Ghost", "To Our Knees"

Ones and Sixes (2015) 8,5/10

Und dann war plötzlich BJ Burton da. "More of a hip-hop guy" (Sparhawk), der den loudness war nicht als etwas zu Vermeidendes ansah, aber eben auch genau wusste, was er tat, und ihn - gasp! - als Stilmittel begriff! Das geht auf "Ones and Sixes" nicht in exakt demselben Maße auf wie auf den Nachfolgern, die noch deutlich mehr "out there" sind, weil mir oft der Mehrwert der komprimierten Abmischung nicht ganz klar ist, aber hier sind tatsächlich einige der schönsten Songs von Low versammelt, die - deutlich mutiger als zuletzt - in ein anindustrialisiertes, elektronisches Klangbad getaucht wurden. Das ließ allerdings nicht annähernd ahnen, was da noch kam.

Highlights: "Gentle", "The Innocents", "Landslide"

Double Negative (2018) 9,5/10

Hui, das war eine polarisierende Geschichte. Und ich wusste nicht einmal, bei welchem Pol ich mich einreihen sollte. Sind Dinge wie "Quorum" oder "Tempest" tatsächlich ihr Ernst? Nun: Low hatten ja schon eine gewisse Historie, wenn es darum geht, Schönes mutwillig zu zerstören. "Double Negative" allerdings war eine auf so viele faszinierende Arten und Weisen grenzensprengende Angelegenheit, wenn es darum ging, auf welche Arten und Weisen man etwas im klassischen Sinne Hübsches nimmt und es dann völlig durch den Fleischwolf dreht, bis das Ergebnis gerade noch erahnen lässt, was daran so wundervoll war, und aus dieser Ahnung macht man dann etwas besonders Reizvolles. Das Ergebnis: Gehämmer mit Andy-Stott-Kratzblurfiltern. Jenseitsballaden mit funky Bassläufen und Parker im Róisín-Murphy-Modus. Klangbreie, die wie sterbende Supercomputer klingen, die Rückschau auf ihr Leben halten, Autotune, der sich mindestens seit dem Debutalbum von Polica nicht mehr so angebracht anfühlte. Und am Schluss doch noch sowas wie ein Popsong. Was für eine Reise.

Highlights: "Dancing and Blood", "Poor Sucker", "Rome (Always in the Dark)"

HEY WHAT (2021) 9,5/10

Ich hätte ja keine Ahnung gehabt, was ich "Double Negative" folgen lassen soll. Low - zum Duo geschrumpft - blieben ein weiteres Mal beim Produzenten BJ Burton und beschlossen, ein Album aufzunehmen, das fast ausschließlich aus Gesang und effektbeladenen Gitarrensounds bestand, wobei der Gesang nicht dazu gedacht war, mit dem Ganzen zu verschmelzen, sondern quasi als ein aus dem hässlichen Sumpf emporgleißender Kontrapunkt. Das funktioniert wunderbar bei Songs wie dem übersteuerten, strukturell konventionelleren Fernwehlied "Disappearing", es ist mehr als erstaunlich, was man aus Gitarren für Teppiche und Schleifen rausholen kann, wie vor allem im überlangen "Hey", und insbesondere wenn man Mimi Parkers Schicksal - sie starb ja 2022 an Eierstockkrebs, was die Bandhistorie von Low auf einen Schlag beendete - bedenkt, ist dieses eine letzte Liebeslied namens "Don't Walk Away" immens berührend, auch wenn es bereits 2014 live gespielt worden sein mag. Was für ein Album als Schlusspunkt, was für eine Band.

Highlights: "Disappearing", "Don't Walk Away", "More"

NOK

18.01.2026 - 20:12

Zu Huhn vom Hof noch: Ein Boxset oder ein paar davon wären mal was, allerdings ist die Rechtslage teils etwas verzwickt. Seit "Drums and Guns" sind sie ja auf Sub Pop, und meines Wissens sind die Sachen auf Vinyl alle mehr oder weniger gut erhältlich, und das experimentelle Ambientalbum kranky lässt das Zeug, das Low bei ihnen veröffentlicht haben, in meist bescheidener Stückzahl, aber halbwegs hübscher Regelmäßigkeit nachpressen, also "Songs for a Dead Pilot", "Secret Name", v.a. "Things We Lost in the Fire" und auch "Trust".

Der wirkliche Skandal findet davor statt: "I Could Live in Hope", "Long Division" und "The Curtain Hits the Cast", die ikonischen drei Alben ihrer frühen Reduktionsphase, wurden, wenn man das Bootleg des Debuts nicht mitzählt, zuletzt 2011 auf Vinyl veröffentlicht, von einem nicht über die Maßen renommierten US-Label namens Plain. In Ermangelung eines Vinylmasters von "I Could Live in Hope" wurde das CD-Master auf Vinyl gepresst, und auch ansonsten war bei der Ausführung Luft nach oben. Alan Sparhawk sah von den Erlösen dieser Represses keinen Cent und besitzt auch nach wie vor die Rechte nicht. Diese Alben sind in den Neunzigern beim Indielabel Vernon Yard erschienen, die irgendwann ein Teil von Virgin wurden (oder schon damals waren?), Virgin wurde schon vor langer Zeit von Universal geschluckt, und die sitzen nun auf den Rechten und machen nichts damit, obwohl Alan - meines Wissens sogar anwaltlich - versucht hat, eine Übertragung der Rechte in die Wege zu leiten. Er leitete lange Zeit den Bandaccount auf Twitter und war da immer sehr offen und umgänglich, beschwerte sich aber einige Zeit nach dem Tod von Mimi Parker wirklich bitterlich, dass er die Rechte an Teilen seines eigenen Backkatalogs nicht wiederkriege und mit Low (die, da war er recht unmissverständlich, zusammen mit Mimi gestorben sind) auch nicht mehr auf Tour gehen könne.

In dem Zusammenhang:

https://www.change.org/p/release-low-music-masters-of-vernon-yard-umg-catalog-to-alan-sparhawk

NOK

18.01.2026 - 20:15

*experimentelle AmbientLABEL kranky

VelvetCell

19.01.2026 - 20:04

Üble Nummer. Ich suche vor allem "I could live in hope" schon seit Jahren zu einem halbwegs bezahlbaren Preis. Jetzt weiß, was dahintersteckt. Sehr blöd für Alan. Ich geh mal eben die Petition unterschreiben.

Huhn vom Hof

19.01.2026 - 20:34

@NOK
Danke für die Infos!

Ich suche vor allem "I could live in hope" schon seit Jahren zu einem halbwegs bezahlbaren Preis.

Dieses Album hätte ich gerne auf CD.

NOK

07.05.2026 - 15:35

Ich hab grade ein bisschen ein Mitteilungsbedürfnis, was das letzte Wochenende angeht, ergo:

Alan Sparhawk war letzten Sonntag auf dem Donaufestival, einem beschaulichen und sehr gut kuratierten Avantgarde-Festival, das seit längerer Zeit jedes Jahr in der niederösterreichischen Kleinstadt Krems stattfindet. Letztes Jahr war er schon als Gitarrist von Circuit des Yeux dort, diesmal quasi als er selbst. :) Ich gehörte zwar zu den gefühlt sieben Personen, die nicht explizit v.a. für Exit Void, die Supergroup um Anja Plaschg (Soap&Skin), oder Peaches dort waren, fand das aber eigentlich alles unheimlich charmant und gelungen.

Die Livedarreichung seines Solomaterials sah so aus, dass man ihm eine gute Stunde plus Zugabe einräumte. Die umstrittene "White Roses, My God", aus der bei letztjährigen Auftritten noch einige Stücke als Eröffnung präsentiert wurden, fehlte komplett - stattdessen wurde das Material aus der berührenden Kollaboration mit Trampled by Turtles und der diesjährigen "Alan Sparhawk Solo Band"-EP gespielt, dazu neue Songs, ein ausuferndes Exemplar des Nebenprojektes Retribution Gospel Choir und zum Schluss zwei Klassiker von Low, "Holy Ghost" und "Days Like These". Bei "Holy Ghost" wundere ich mich auf eine positive Art und Weise immer noch etwas, dass Alan den Song nun live spielt, weil ich mich an ein Interview erinnere, wo er gefragt wurde, welchen Song er Mimi gern singen hört, und ihm fiel damals gleich "Holy Ghost" ein.

Besetzung war jedenfalls die von besagter Alan Sparhawk Solo Band, also neben dem Namensgeber noch Alans und Mimis Sohn Cyrus (Bass und wirklich SEHR beeindruckende Backing Vocals!) sowie Tourkeyboarder aus "C'mon"-Zeiten und Nebenprojektdrummer Eric Pollard (fluide Drums und nicht minder beeindruckende Backing Vocals!), und ich fand diesen sich gelegentlich in Mantren ergehenden Humanismusrock, so konventionell er daherkam, sehr packend und berührend. Mein Begleiter fühlte sich aufgrund der Folkeinschübe mit sporadischen Gitarrenfreakouts ein wenig an Neil Young erinnert.

Und wenn IHR Alan spielen seht und ihn hinterher noch irgendwo abpassen könntet und ein ähnlicher Diehard-Fan seid wie ich: Nutzt eure Chance. Er ist unheimlich lieb, eine jahrzehntelange Indierock-Legende zum Anfassen, die sich immer noch über den Enthusiasmus seines Publikums freut. Mein Lieblingsmoment war der, als er das auf meinen Unterarm tätowierte "Ones and Sixes"-Bäumchen sah und wie von der Tarantel gestochen backstage rannte, um sein Smartphone zu holen, zum Fotografieren.

Solltet ihr bewegte Bilder dieses Trios wollen, sie haben an Krems noch weitere Auftritte in Tschechien und Belgien drangehängt, und in Letzterem konnte man sie für eine kleine Acoustic-Session vor die Kamera holen. "Holy Ghost" war ja einer der wirklichen leisen Glanzmomente von Mimi Parker für mich, und mich bewegt und begeistert es sehr, wenn ich sehe, wie Alan und Cyrus das nun weitertragen.

https://www.youtube.com/watch?v=l4-j7cHNqVA

Old Nobody

07.05.2026 - 16:24

@ NOK:
Lieben Dank für den schön geschriebenen und sehr informativen Bericht. Freut mich,dass er sich live wieder an Low Songs ranwagt, nachdem er sich ja auf dem ersten Werk nach Mimis Tod nicht mal selbst singen hören konnte.

Mr Oh so

07.05.2026 - 16:45

@NOK: Danke für den Link. Wirklich wunderbar.

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