Code - Flyblown Prince
nagolny
19.03.2025 - 19:20
Code ist eine Band, die ich seit ihrem Debütalbum "Nouveaux Gloaming" schätze, und die sich von Album zu Album immer interessant gewandelt hat.
Nach dem eher innerliche und auf eine untypische Weise doch irgendwie postrockig beeinflussten "Mut", ging es mit "Flyblown Prince" dann wieder deutlich wurzeliger zu: Der Blackmetalanteil wurde wieder kräftig hochgefahren, die Stücke sind harscher und wütender, jedoch ohne darob die Progressivität und Stimmungsmalerei wirklich hintanzustellen.
Von der zunächst geradlinig knüppelnden Eröffnung sollte man sich nicht täuschen lassen; zwar gibt der Titeltrack einen durchaus passenden Auftakt, doch danach wird es noch differenzierter. Aber auch hier schon findet sich einiges, das weit über generischen Schwarzmetall hinausgeht.
Bereits mit Clemency & Atrophy wird dann der Sound differenzierter, schleppender, melancholischer, facettenreicher, aber es bleibt heavy. Hier zeigt die Band deutlich ihre progressive Seite, und im weiteren Verlauf steigert sich das Stück in einen dynamischen Strudel.
Chaotischer wird es mit The Charred Stile, das stilistisch am ehesten zwischen den beiden ersten Alben "Nouveaux Gloaming" und "Resplendent Grotesque" anzusiedeln ist. Letzteres ist von den metallischeren Alben zugleich auch das tontechnisch klarste und bei aller Progressivität geradlinigste Werk der Band, wohingegen ersteres noch deutlich verwaschen, nebliger, grobkörniger klang, dadurch aber seinen ganz eigenen, mysteriösen Reiz entfaltete.
Richtig heavy, aber wieder geradliniger, erschafft Rat King eine ins avantgardistisch schwarzmetallische gewendete Atmosphäre, die mich nichtsdestotrotz (oder darum?) mitunter an das Spätwerk von Celtic Frost, "Monotheist" erinnert. Hier wird sich sehr auf schwere Riffs und schwere Drums und etwas growligeren Gesang fokussiert, doch die übrigen Texturen im Hintergrund sind durchaus facettenreich.
Mit dem melancholisch elegischen, phasenweise balladesken From the Next Room besinnt sich Code einmal mehr auf die etwas ruhigeren Stärken der Band, mit sehr nuanciertem und gefühlvollen, bisweilen richtig zärtlichem Gesang. Hier kommt man dem dunkel schwelgerischen Sound von Bands wie Anathema oder, mehr noch, Katatonia etwas näher, oder eben den eigenen progressiveren Midtempostücken auf "Resplendent Grotesque". Denn auch hoch aufgetürmte Riffschichten mit unnachgiebig deftigerem Schlagzeug gibt es auf die Ohren, bevor die wabernde Coda sich in schierer Einsamkeit und Traurigkeit ergeht. Eine äußerst interessante, verzweifelnde Verwirrung der Gefühle, die musikalisch erzählend durch mehrere Phasen der Trauer geht.
Dread Stridulent Lodge und Scold's Bride gehen hingegen geradliniger und wütender nach vorne. Das erste Stück mit ganz klar im Black Metal verwurzeltem Zorn, der aus Negativität neue Kraft zu schöpfen weiß und durch trotzige Beharrlichkeit und einen langen Atem im Midtempo besticht, richtig schön heavy und nicht zu rasend. The Sound of Perseverance in schwarz, ohne Technical Death, quasi. Das zweite Stück verkörpert Aufbegehren gegen ein tiefsitzendes Trauma, das durch jahrelange verbale Erniedrigung und Ersticken des Selbstwerts entstanden ist. Das aufgestaute Ressentiments entlädt sich in Wut, die allenfalls durch die herabdrückenden Erinnerungen noch ausgebremst wird, was für eine enorme Angespanntheit und Drucksättigung sorgt. Hier wird mit dem groben Hobel geschmirgelt, unterschwellig mischt sich wieder eine doomige Stimmung ein.
The Mad White Hair ist dann das progressive Meisterwerk zum Abschluss. Auch wer mit der schwarzen Seite des Metalls sonst wenig anzufangen vermag, könnte hiervon dennoch begeistert sein. Ja, der Sound ist überwiegend harsch und reverbgesättigt. Aber kompositorisch fühle ich mich hier mitunter an Pink Floyd und an Tiamat erinnert; so geschickt sind hier hypnotische und psychedelische und rezitative Elemente in den obsessiven, persönlichen, intimen und doch manisch getriebenen, bisweilen verzweifelten Gesamtklang miteingewoben. Die Innerlichkeit eine Albums wie "Mut" findet hier ihr nach außen gewendetes Ventil, eine Art theatralisch überhöhten Ausfluss aus dem momentanen stream-of-consciousness, es wirkt wie spontaner Ausruckstanz in schwarzes Metall gewandet, doch tatsächlich ist es avantgardistischer, geschickt durchkomponierter und in seinen vielen Facetten und Nuancen perfekt ausbalancierter Progmetal, eben nur sehr lyrisch und immersiv und energetisch dargeboten. Einen emotional derart variantenreichen, flüssig sich bis ins finale Crescendo aufbauenden Longtrack gab es von Code zuvor noch nicht zu hören.
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