Light Bearer - Lapsus
bernhard.
11.04.2011 - 07:46
Warum auch immer diese Band bisher keine Beachtung gefunden hat.
Wahrscheinlich das Beste was 2011 bisher musikalisch gebracht hat (und ich bin nach wie vor schwer begeistert von Radiohead, R.E.M., Yuck, J Mascis - an Lapsus kommen sie nicht ran).
Ich habe mich an einer Review versucht (hauptsächlich deswegen, weil ich mal sehen wollte ob ich sowas kann, und ich versuchen wollte meine Begeisterung für dieses Album in Worte zu fassen - Kommentare hierzu sind gerne erwünscht, sei es positiv oder negativ - Trolle dürfen sich auch gerne austoben), und stelle diese hier mal rein. (Hoffe es gibt kein Problem mit dem Layout)
Am Anfang ist die Stille. Schließlich eine simple Melodie, die alles andere als beruhigend wirkt. Ein Heranpirschen. Und dann ziehen sie auf, die dunklen Wolken, es donnert, aus dem Nichts entsteht etwas. Wir befinden uns am nebelverhangenen Anfang einer Geschichte, der Geschichte, und bereits jetzt ist klar: das wird nicht gut enden. Ein wahnsinnig gewordenes Cello zerrt an den Nerven, ein Schlagzeug wiederholt repetitiv bedrohliche Schläge, Gitarrenflächen dröhnen, ein einziges Chaos, Angst, Verstörung. Aus diesem Nebel steigen sie auf: die ersten Töne, es hallt, die Streicher finden zur Melodie zurück, der Wind weht schneller, die Wolken ziehen über unsere Köpfe hinweg. Das Schlagzeug versucht sie zu vertreiben, versucht den Blick frei zu geben auf die Welt. Die ersten Schemata werden deutlich. Doch es funktioniert nicht, die Wolken kommen zurück, es dröhnt überall, es wird wieder dunkel. Eine bedrohliche Stimme erhebt sich und berichtet vom Anfang. Vom Entstehen aus dem Nichts. Von der Macht, von dem Gott der all dies geschaffen hat. Und schließlich die Herbeigesehnte Erlösung: „He shackled thought and chastised free will and saw that this was good.“ Die Schöpfung ist vollendet. Die Geschichte beginnt. Die Geschichte der Menschheit. Doch vor allem die Geschichte Luzifers.
Light Bearer sind nicht irgendeine beliebige Band. Dies zeigt sich bereits in den Parallelen zu der Band, deren Sänger und Texter vor der Gründung von Light Bearer im Jahr 2010 spielte: Fall of Efrafa. Von Beginn an war bei diesem Bastard aus Hardcore, Sludge und Doom eine Geschichte vorgegeben. Sie orientierten sich an Richard Adam's Roman „Watership Down“, erzählten über drei Alben hinweg eine darauf basierende Geschichte, und verbanden diese mit ihren politischen Einstellungen, indem sie die dem Roman inhärente Religionskritik aufgriffen, aber auch – ihrer politisch geprägten vegetarischen Lebensweise entsprechend - die Ausbeutung der Natur durch den Menschen thematisierten.
Das Konzept Light Bearer setzt ebenfalls auf eine Geschichte: Über den Verlauf von vier Alben soll, anhand einer Geschichte des Sängers Alex, basierend auf Philipp Pullmans „His Dark Materials“ Trilogie, dem Buch Genesis und John Miltons „Paradise Lost“ die Geschichte Luzifers erzählt werden. Von der vollkommenen Liebe zu Gott getrieben weigert er sich den von Gott geschaffenen Menschen, personifiziert durch Adam, zu unterwerfen, und wird aus dem Himmelreich verbannt. In den Selbstzweifeln die ihn von nun an treiben beginnt er seinen Herren zu hinterfragen, zu kritisieren, und beschließt den freien Willen in die Welt zu bringen. Der Lichtbringer. Ende des ersten Teils.
Man könnte das Konzept ehrgeizig nennen, und das wäre wahrscheinlich noch untertrieben. Doch während Fall of Efrafa hier in der Kür bereits umwerfend waren, gehen Light Bearer noch einen Schritt weiter. Vom rohen Hardcore Punk der frühen Fall of Efrafa ist nichts mehr zu spüren, auch die 20 Minuten langen, tonnenschweren Riffs des letzten Albums spielen nicht mehr die Hauptrolle. Verschwunden sind sie allerdings noch lange nicht. Vielmehr knüpfen Light Bearer auf „Lapsus“ an diesen Ideen an. Der Stil dieses Albums lässt sich folgerichtig als eine Mischung aus Post Rock, Sludge Metal, Post Hardcore und Ambient beschreiben, und verbindet diese Musikstile in einer Art und Weise, dass sich die Band bereits mit diesem Album einen Platz ganz weit oben in der Welt des Progressive Metal gesichert haben dürfte.
Das oben beschriebene Szenario eröffnet dem Hörer den Zugang in diese Welt, um mit Beginn des Meisterwerks „Primus Movens“ in melodische und verträumte Klangflächen überzugehen. Nach drei Minuten brechen die Gitarrenwände auf den Hörer nieder, die Melodie bleibt hoffnungsvoll, Lucifers Gelöbnis zu seinem Gott wird nicht nur textlich sondern auch musikalisch verdeutlicht. Bis schließlich seine Liebe als Betrug gewertet wird, und nach fünf Minuten die Melodie verschwindet, ein treibendes Schlagzeug und ein verzweifeltes Pfeifen auftauchen und die Grundstimmung von Dur in hoffnungsloses Moll wechselt. Die Gitarren schrauben sich nach oben, die Verzweiflung nimmt zu. Alex schreit, die Stimmung wird tragischer, es gibt keinen Ausweg, die Rhythmen werden abgehakter, aggressiver. Ein letztes Aufbäumen Luzifers, auch in der Musik: das Schlagzeug nimmt an Tempo auf, eine weitere Wall of Sound trifft den Hörer, hoffnungsvolle Töne, der Versuch sich zu verständigen. Luzifer gesteht seine Liebe, doch er wird nicht verstanden. All das in 14 Minuten, die bereits sprachlos machen. Und erst der Anfang der Geschichte.
Die Geschichte des weiteren Falls Luzifers wird durch das verzweifelte und brutale Geschrei von Alex nach vorne gepeitscht, Gitarren wechseln zwischen brutalen, tonnenschweren Klangwänden und verhallten Melodien hin und her, unterstreichen jedes Gefühl und arbeiten sich im Laufe des Albums immer weiter in tiefes, trauriges und verzweifeltes Moll vor. Das Schlagzeug schleppt sich träge dahin, um in den entscheidenden Momenten auszubrechen, sei es ein Aufbäumen oder ein Ausdruck von purer Verzweiflung.
Der Mittelteil des Albums wird durch die Anklage der Getreuen Gottes im 15 minütigen „Armoury Choir“ eingeläutet, welcher durch aggressives Growlen, Riffing, Moll-Klangflächen, und einem monotonen Schlagzeug vorgetragen wird und sich durch ruhige Passagen mit immer verzweifelter klingenden Gitarren hindurch zu hasserfüllten Klängen und markerschütterndem Gebrüll vorarbeitet. Im Laufe des Songs schafft es Liam Stewart seinem Schlagzeug derart schmerzhafte und gewalttätige Schläge zuzufügen, dass der Hörer sich direkt in die Lage Luzifers verstetzt fühl. Diesem Biest von einem Song folgt das Urteil Metatrons, der Stimme Gottes, welcher Luzifer unterstellt Gott von seinem Thron stoßen zu wollen. Als reine Drone Nummer, von einem Chor vorgetragene Anklage unterstreicht die Musik hier durch ihre Kürze von nicht einmal zwei Minuten die inhaltlichen die Vorurteile gegenüber Luzifer und die Rolle des falschen Gottes, welcher blind gegenüber dieser Liebe ist und sich damit schmückt eine Welt erschaffen zu haben, obwohl diese frei sein sollte.
Der bedrohliche Ton welcher im Lauf des Albums angeschlagen wird, läuft strikt auf das große Finale in Form des abschließenden Song-Doppels Prelapsus und Lapsus zu. Luzifers letzter Versuch sich zu erklären ist zum Scheitern verurteilt: durch einzelne Schläge und verzweifeltes Gebrüll einer Stimme, die kaum noch Hoffnung in sich trägt, entwickelt sich ein lava-artiger Strom, welcher durch viele Trommel-Schläge, monotones Riffing und immer wieder einzeln angeschlagenen verzerrten Akkorden auf die Zerstörung hinweist, die in der Seele des Lichtbringer vor sich geht: „I beg you my father retreat and repent!“ Doch der zweite Teil des 7 Minüters zeigt textlich und musikalisch eine Wandlung auf: die Hoffnungslosigkeit weicht der Entscheidung, Gott zu hinterfragen. Das Schlagzeug wird straighter, die Riffs konkreter, die Entscheidung ist gefallen. Dies ist die Stelle an der Alex Schreie von einer glasklare Stimme unterbrochen werden, die Worte in unendlicher Traurigkeit über die moll-getränkten, verzerrten Flächen singr und schließlich von Alex düsterem Organ unterstützt wird: „My brothers in arms, I forge this creed! My blasphemy, our eulogy! We are the sons of fire! We are the daughters of light!“
Im abschließenden 17minütigen „Lapsus“ findet Luzifers Verbannung statt. Die Stimmung hat ihren Tiefpunkt erreicht, Alex' Gebrüll verdeutlicht Luzifers Unverständnis. Die Erkenntnis, dass dieser Gott kein wahrer Gott ist überwiegt, und diese Lehre wird Luzifer in die Welt hinaus tragen. Die Verbannung wird schließlich musikalisch verändert, und einen würdevollen Abgang umgemünzt: Der Auszug der unschuldigen Engel wird von einem stolzen Marsch und einem hoffnungsvollen Cello unterstrichen. Eine Versöhnung? Nein. Aber eine Entscheidung. Für den freien Willen. Der Weg ist noch nicht zu Ende. Er fängt gerade erst an.
Die Mischung zwischen agressiven Sludge-Attacken und Ambiente-artigen Melodien, immer wieder unterstützt durch teils ein hoffnungsvolles, doch immer hoffnungsloser werdendes Cello, der permanente Wechsel der Gitarren zwischen Flächen, Riffs und sich in die Höhe schraubenden Melodien, darüber der verzweifelte, markante Gesang von Alex, gepaart mit dem inhaltlichen Anspruch und der vollendeten Klasse der Verbindung von Musik und Handlung lassen den Hörer sprachlos zurück. Diese dunkle schwarze Masse welche sich innerhalb der 59 Minuten Spielzeit aus der Anlage über alles im Umkreis ergießt und unter sich begräbt muss verarbeitet werden.
Light Bearer schaffen es trotz wenig Abwechslung im Gesang, musikalisch repetitiven Mustern und einer negativen schleppenden Grundstimmung ähnlich zu den Genre-Königen Cult of Luna niemals zu langweilen, und etwaige Eintönigkeiten im Gesang und im Tempo durch Gastsänger, Celli und hoffnungsvolle Einsprengsel, Rhythmuswechsel und dem bereits mehrfach angesprochenen wechselnden Gitarrenspiel aufzuheben.
Sollten die folgenden Alben Silver Tongue, Magisterium und Lattermost Sword nur ansatzweise das Niveau dieses Erstlings halten ist nichts geringeres als eine Offenbarung zu erwarten. Für sich genommen ist dieses Album beinahe ein Meisterwerk – seine ganze Kraft wird es allerdings erst eingebettet in den gesamten Kontext erfahren.
Knorke
10.02.2013 - 10:19
Neues Album ist draußen.
Delirium
11.06.2015 - 10:30
Light Bearer
8. Juni um 13:06
"...we have made the difficult decision to end Light Bearer."
:[
Was wohl jetzt aus der für Juli angekündigten EP und dem Album "Magisterium" wird?
MartinS
11.06.2015 - 11:15
Nix mehr vermutlich. Schade drum. Aber es gibt ja genügend andere Projekte der Bandmitglieder.
Zum Beispiel das hier:
http://archivistmusic.bandcamp.com/releases
Fiep()
11.06.2015 - 11:53
Schade. Mir gefiel zwar Inlé von Fall of Efrafa besser als alles was ich von LB gehört habe, was nicht heißt das sie schelcht waren, im gegenteil. Darum bleib ich mal gespannt was die typen sont noch leisten.
@MartinS
11.06.2015 - 16:21
Danke für die Empfehlung! Das macht beim ersten Hören ein echt tollen Eindruck.
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