Klez.e - Einmal mehr mit dir gegen die Furcht

Armin

07.03.2026 - 13:48- Newsbeitrag

Klez.e - „Einmal mehr mit dir gegen die Furcht“
Album-VÖ: 05.06.2026
Windig/Cargo
Tourdaten



Liebe Musiclovers,

dieses Album braucht keinen Anlauf und keine Vorrede. Von Sekunde eins an ist es da. Es türmt sich auf, überlebensgroß und mit einer nahezu existenziellen Dringlichkeit. „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ ist das sechste Studiowerk der Berliner Band Klez.e. Es ist von der düsteren Ahnung getrieben, dass da draußen gerade etwas kippt, und es setzt dieser Bedrohungslage etwas entgegen.

Klez.e, das sind fast 25 Jahre nach der Bandgründung: Tobias Siebert (Gesang, Gitarre), Daniel Moheit (Synthesizer, Bass) und Filip Pampuch (Schlagzeug, Percussion). Waren die Vorgänger „Erregung“ (2023) und „Desintegration“ (2017) von einer grimmigen Düsterheit geprägt, ist diese Trostlosigkeit einer bislang ungehörten musikalischen Luftigkeit gewichen. Und es ist, als habe sich die Band beim Schreiben der Songs auch erstmals bewusst gegen die Furcht vor dem Erzählen gestemmt. An die Stelle früherer Verklausulierung ist eine neue textliche Klarheit getreten.

Dabei muss man nicht wissen, dass Siebert auch Alben für Künstler und Bands wie Phillip Boa and the Voodooclub, Monolink und Juli produziert. Aber es leuchtet unmittelbar ein, bedenkt man die Rolle, die die Klangarchitektur bei Klez.e spielt. „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ ist eine Kathedrale von einem Album: akustisch weit, mit glatten, kühlen Oberflächen, atmosphärisch dicht und verhallt. Das Licht, das durch die Fenster hereinfällt, verdrängt die Dunkelheit und malt hier und da tanzende Flecken auf den Boden und an die Wände.

Gleich der Opener - und erste Auskopplung - „Hymnus“ steht wie ein massiver Monolith im Raum, mit einer flächigen, triumphierenden Melodie, hohl donnernden Toms und Klavierakkorden so tief wie der Marianengraben. Mitten dort hinein singt Siebert, als hätte er in den Jahren, die seit dem letzten Album vergangen sind, nur Luft geholt: „Schau auf das, was du hast / Schau auf das, was du verpasst / Da ist ein Licht, das auf uns scheint / Für diese superkurze Zeit“. Damit setzt „Hymnus“ die Themen dieses Albums. Es handelt sich um die vorläufige Bilanz einer Band im mittleren Alter: eine Zeit, in der Menschen auf den bisher zurückgelegten Weg schauen, an diejenigen denken, die gegangen, und diejenigen, die geblieben sind. Gleichzeitig denkt „Einmal mehr…“ über den gegenwärtigen politischen Moment nach und darüber, wie man dem, was da passiert, begegnen kann. Hier ist das Stück zu sehen:



Die gut gelaunte Klingklang-Melodie von „La Boum“ könnte leicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses zentrale Stück des Albums die entscheidende Frage stellt: Was machen wir, wenn die Welt, wie wir sie kennen, demnächst vor die Hunde geht? Zwei treffen sich spätnachts in einer Bar, vielleicht graut auch schon der Morgen. Draußen quietscht die Straßenbahn um die Ecke, jemand legt noch eine Platte auf. „Und jede Bad-News-Theorie / zerrt, bricht an unserer Hedonie“. Dieser Song ist eine Erinnerung daran, dass die Freiheit auch immer am Tresen verteidigt wird.

Während „Melancholia“ von dem leisen Sommer-Abschiedsschmerz erzählt, der sich paradoxerweise am längsten Tag des Jahres – und damit eigentlich völlig verfrüht – einstellt, ist „Mailied“ ein Song über das Loslassen. Über zwei, die in den vielen miteinander verbrachten Jahren doch nicht zusammengefunden haben. Ein Song darüber, dass es manchmal wichtig ist, weiterzugehen, statt im Lauwarmen zu verharren, eben weil das Leben so irrsinnig kurz ist.

„Ich seh’ es an mir“ verhandelt, wie wenig die meisten von uns bereit sind, sich für das moralisch Gebotene einzuschränken, sei es nun in Sachen Konsumverhalten oder beim gelegentlichen Frisieren der Wahrheit. Der Erzähler nimmt sich selbst nicht davon aus: „Und all meine Schuldzusammenhänge / und die Parolen, die ich hier singe / sind redundant zu meinem Schwur auf dem Nachtschrank“.

In „Paradies“ sitzen zwei nebeneinander auf der Parkbank und haben sich nichts mehr zu erzählen. Ihre Weltbilder passen nicht mehr übereinander; der Boden ihres jeweiligen Erlebens schwankt dermaßen, dass er keine Basis mehr bietet, auf der sich diskutieren ließe. Global betrachtet bewohnen sie das Paradies. Aber irgendetwas – vielleicht die Pandemie, vielleicht das Internet oder andauernde Verlusterfahrungen – hat sie einander unwiderruflich entfremdet und sprachlos gemacht.

„Einer mehr im Zement“ handelt von der vermeintlichen Unwiderruflichkeit einmal getroffener Lebensentscheidungen. Von Menschen, eingemauert durch eine Mischung aus gesellschaftlichen Konventionen, Bequemlichkeit und Angst.

Das letzte Stück, „Im Herbst“, schließlich schlägt einen Bogen zurück zu „Mauern“, dem Opener von „Desintegration“. Hieß es dort über die Jugend des Erzählers „Früher da im Osten wollte ich im Wedding sein“, ist da heute nur noch Erschöpfung „von all dem Westglück“. „Das ist vorbei“, singt Siebert mit dieser ihm eigenen Melancholie in der Stimme.

Mit „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ haben Klez.e den schmerzhaften persönlichen Erfahrungen in einer sich verdüsternden Welt ein drängendes und bestürzend schönes Album abgetrotzt. Eines, das die Antwort auf die bange Frage gibt: „Was tun, wenn alles zusammenbricht?“ Sie lautet: näher zusammenrücken. Gemeinsam gegen die Furcht.


Tracklisting:
01 – Hymnus
02 – Melancholia
03 – Ich seh es an mir
04 – Mailied
05 – Call it Love
06 – LaBoum
07 – Paradies
08 – Das eine Treffen im Jahr
09 – Einer mehr im Zement
10 – Im Herbst

Tourdaten:
17.09.26 Boock, Rinderstall
18.09.26 Göttingen, Exil
19.09.26 Essen, Grend
20.09.26 Köln, Artheater
22.09.26 Leipzig, Moritzbastei
23.09.26 Hannover, Lux
24.09.26 Hamburg, Hafenklang
25.09.26 Bremen, Lila Eule
26.09.26 Chemnitz, Weltecho
27.09.26 Berlin, Frannz
29.09.26 Dresden, Ostpol
30.09.26 Nürnberg, Stereo
01.10.26 Mainz, Schon Schön
02.10.26 Jena, Trafo
03.10.26 München, Milla



VelvetCell

08.03.2026 - 12:32

Böse gemeint, könnte man ja sagen: Wozu ein neues Klez.e-Album, wenn The Cure doch zurück sind?

Denn "Hymnus" ist ein mal mehr eine tiefe Verbeugung vor Robert Smith & Co. Oder – wieder böse gemeint – ein Rip-off.

Ich selbst sehe es positiv, finde Klez.e sympathisch, die Songs gut und bin als beinharter Cure-Fan erfreut (und nicht verärgert) über diese liebevolle Reverenz.

Bin gespannt, was das ganze Album so kann.

joseon

08.03.2026 - 12:48

Oh, so schnell hätte ich bei denen mit neuer Musik gar nicht gerechnet. "Hymnus" gefällt schon mal. Einen Konzertbesuch peile ich auch wieder an.

nörtz

08.03.2026 - 13:05

Würde mir gerne mal eine Zusammenarbeit beider Bands anhören.

Felix H

08.03.2026 - 13:19

Ich fand "Desintegration" als klare Hommage schon echt cool, aber mittlerweile ist es bei aller Qualität schade, dass sie ihren Sound kaum noch weiterentwickeln und da hängen geblieben sind. Die ersten 4 Alben klingen alle so unterschiedlich und jetzt scheint sich bei Klez.e kaum noch was zu verändern.

Affengitarre

08.03.2026 - 13:22

Jap, da gehe ich komplett mit.

Talibunny2

08.03.2026 - 13:40

Bin ganz bei Velvet.

Hierkannmanparken

08.03.2026 - 14:06

Ein Rip-off würde sich aber anders anfühlen. Dieser Song und die anderen im Cure-Stil haben ja, trotz der Hommage auf ganzer Fläche, irgendwie Seele.

Knopfler

08.03.2026 - 13:58

Aber es ist ein 9/8tel Song! Sowas haben Cure noch nie gemacht. Frag mich ob die absichtlich mit sowas rumspielen.

Hierkannmanparken

08.03.2026 - 16:58

"Aber es ist ein 9/8tel Song!"

Mathcure

Knopfler

08.03.2026 - 17:11

Mathcure 🤣🤣🤣😊😊😊
Also der Hymnus ist 9/8tel, wenn ich das richtig zähle. Aber man merkt es kaum. Ziemlich gut gemacht. Obwohl so ungerade wirkt das Lied trotzdem rund.
The Cure haben noch nie einen 9/8tel Song geschrieben. Soweit ich weiss.

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