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Mad Cool Festival 2019: 12 Dinge, die wir gelernt haben

Zum ersten Mal ein Festival-Besuch in Spanien – und dann noch bei einem, das im Vorjahr teils verheerende Kritik abbekommen hat. Die Organisation beim Mad Cool soll 2018 von vorn bis hinten chaotisch gewesen sein.

Insofern trat Plattentests.de die Reise nach Madrid mit einer Extra-Portion Skepsis an. Aber auch mit dem Wissen, Zeuge des wohl besten Festival-Line-Ups 2019 zu werden – so oder so. Die Zweifel am Drumherum erwiesen sich in den drei Tagen vom 11. Juli bis 13. Juli als unbegründet, bis auf ganz kleine Mängel lautet unser Fazit: Sensations-Festival!

Hier 12 Dinge, die wir vom Mad Cool Festival 2019 gelernt haben. Und vorneweg die große Foto-Galerie bei Facebook.



1. Das Line-Up ist schwer zu toppen

Wie schaffen es die Mad-Cool-Organisatoren nur immer, so ein Line-Up auf die Beine zu stellen? 2018 hießen die Headliner noch Pearl Jam, Arctic Monkeys, Jack White, Depeche Mode und Queens Of The Stone Age.

2019 dann Bon Iver, The National, The Smashing Pumpkins, The Cure und Prophets Of Rage. Dazu kamen in der zweiten und dritten Reihe mit Vampire Weekend, The Chemical Brothers, Ms. Lauryn Hill, Iggy Pop, Noel Gallagher's High Flying Birds, Robyn oder Gossip zahlreiche Acts, die auch die erste verdient gehabt hätten.

Mehr zu einigen Highlight-Auftritten weiter unten. "Man fragt sich, warum so ein Line-Up nicht mal in Deutschland möglich ist", so ein User auf der Plattentests.de-Facebook-Seite. Er spricht wohl vielen Musikfans aus dem Herzen.


2. Von Chaos keine Spur

Die Mängelliste zum Mad Cool 2018 im Internet war lang. Überall Wartezeiten, schlimme Klo-Situation, zu wenige Bars, Ärger um die An- und Abreise, Endlos-Schlangen beim Einlass – so nur einige der Kritikpunkte, die sich in den sozialen Netzwerken und den Rezensionen fanden.

Für 2019 wurde Besserung gelobt – und gehalten. Zu lange Wartezeiten gab es einzig und alleine an den Essensständen sowie angeblich beim Öffentlichen Nahverkehr (von uns nicht genutzt). Der Rest: perfekt! Und das aufgrund der Vorgeschichte völlig unerwartet.

Der Einlass lief flott, die Toiletten (mit Wasserspülung!) wurden sogar mitten in der Nacht noch geputzt. Die Sicherheitskräfte waren zahlreich und hielten sich dezent im Hintergrund. Und die Getränkeversorgung wollte nie versiegen: Meist wurde man schon aus zehn Metern Entfernung von einer Thekenkraft angelächelt, wenn man sich näherte, weil es keinerlei Schlange gab. Längste Wartezeit für ein Getränk: fünf Minuten während des Auftritts von The Cure.



3. Auch in der Wüste lässt sich eine Oase ausrollen

Das Gelände des Mad Cool ist das Gegenteil von "zentral". Es liegt am äußersten nördlichen Zipfel von Madrid, in der Nähe sind lediglich Flughafen und das Stadion von Real Madrid. Ansonsten zeugt die Umgebung von Verkehrsadern, staubigen Straßen und einer wenig charmanten Vorstadt. Aber: Wenn man sich nur Gedanken macht und Mühe gibt, lässt sich auch eine Wüste zur Oase machen. Wichtiger Wohlfühlfaktor ist der Kunstrasen: Das komplette Gelände wurde mit einem grünen Teppich ausgelegt. Dazu kommen optische Highlights wie Albumcover-Screens, Kunstwerke und das obligatorische fotogene Riesenrad. Kein Wunder, dass es auch eine Schminkstation gab.

Bei Facebook wurde das Mad Cool wegen all dem teils als Influencer-Festival beschimpft. Natürlich rannten viele schöne, aufgebrezelte Menschen herum. Die aber zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckt haben, nicht an der Musik interessiert zu sein. Und wen stört es, dass ein Festival nicht aussieht wie der letzte Matschtümpel, sondern auch abseits der Bühnen die Sinne betört? Da machte sich auch der Plattentests.de-Beutel (auf dem Foto rechts zu erkennen) gut.



4. Die eigentlich saudumme Idee, im höchsten Hochsommer in Madrid ein Festival zu veranstalten, erweist sich als brillant

Wer kommt denn bitte auf so eine Idee? In Spanien ist es im Sommer durchweg heiß, im Juli am allermeisten. Muss man ein Festival ausgerechnet auf die hitzigste Zeit terminieren? Solche Gedanken schwirrten durchs Hirn des Erstbesuchers, erst recht bei der Wetter-Vorhersage, die 40 Grad versprach. Doch verbunden mit ein paar cleveren Maßnahmen erwies sich das Konzept als brillant. Denn die Konzerte begannen erst um 18 Uhr und dauerten bis 4:30 Uhr in der Nacht.

Bei den ersten war es zwar noch unerträglich heiß, hier wurden die mobilen Abkühl-Kräfte – junge Helfer, die mit einer Art Rasensprenger übers Gelände gingen und alle nass spritzten, die wollten – dringend benötigt.

Ab 21 Uhr wurde es dann angenehmer. Und im Dunkeln bei perfekten 30 Grad um Mitternacht barfuß zum Headliner auf dem kitzlig-flauschigen Kunstrasen zu tanzen, ist ein unvergessliches Erlebnis. Das kein deutsches Festival so bieten kann.



5. Aha, die Deutschen mögen also Debreziner

Sachen gibt's! Unter den Food Trucks war doch tatsächlich ein spanischer, der deutsche Spezialitäten verkaufte. "Erleben Sie die authentische deutsche Erfahrung in Madrid", werben die Macher auf ihrer Homepage. Die authentische deutsche Erfahrung schließt offenbar neben Burgern (typisch deutsch?) und Bratwurst auch eine mit Käsescheibe angerichtete Debreziner-Wurst (typisch deutsch???) für 6 Euro ein. Die Festivalbesucher waren offenbar verrückt nach der ach so authentischen Erfahrung, wie die Länge der Schlange belegte – wir verzichteten darum auf einen Test, sondern wunderten uns lediglich.

Auch über die stattlichen Essenspreise an sich. Die den Andrang aber nicht geringer werden ließen.


6. Ein Mega-Festival in einer Großstadt ohne Camping funktioniert

Wo schlafen die eigentlich alle? Die Frage stellte sich spätestens, als wenige Tage vorm Festival immer noch Zimmer in den nächstgelegenen Hotels (20 Minuten zu Fuß) frei und im Preis sogar gesunken waren. Es gab keine Camping-Möglichkeit, dafür wurde das Verkehrssystem auf eine ernste Probe gestellt. Die es zumindest bei den Taxis bestanden hat: Dort wurden die Menschen in eine Schlange eingereiht und sogar Fahrzeugen zugewiesen. Das funktionierte – zu den Stoßzeiten mit Einschränkungen – prächtig.

Dazu gab es eine Uber-Partnerschaft mit Pauschalpreis (30 Euro in die Stadt) sowie Shuttles, über die wir mangels Test nichts sagen können. Dass nur wenige öffentliche Verkehrsmittel auch nachts fuhren, sollte so gut aufgefangen werden wie möglich.



7. Es braucht drei Tage, um das spanische Festival-Pfandsystem zu durchschauen

Deutschland ist ja inoffizieller Pfand-Weltmeister – insofern hat man schon alles gesehen. Vermeintlich. Doch um zu durchschauen, wie es auf dem Mad Cool funktioniert, brauchte so mancher drei Tage. Wer nicht schon einen Becher hat, kauft einen für einen Euro. Bringt den immer wieder mit, bekommt zwar einen neuen, zahlt aber kein neues Pfand. Dann gibt es noch blaue Becher (Soft- und Longdrinks) sowie durchsichtige (Bier), die – so wurde es uns berichtet – beim Umtausch untereinander allerdings nicht kompatibel gewesen seien.

Dass es überall ein bisschen anders ablief und die (ansonsten äußerst freundlichen und fähigen) Thekenleute selbst nicht durchzublicken schienen, versteht sich von selbst. Und sich den Euro Pfand durch Abgeben des Bechers zurückzuholen, war wohl auch nicht möglich. Das geht nämlich grundsätzlich nicht. Also: Souvenir.

Die Getränkepreise (5 Euro fürs Bier, 8 Euro für Longdrink) blieben im Rahmen. Und in den Longdrinks steckte überall gefühlt eine Flasche Spirituose pro Becher – Vorsicht also.


8. Die Smashing Pumpkins können es immer noch – oder wieder

Das überdimensionierte Bühnenbild, für das man gefühlt das Dach nach oben hieven musste, spricht Bände: Die Smashing Pumpkins im Beinahe-Original-Line-Up ohne Bassistin D'Arcy halten sich immer noch für die Größten. Nach Jahren, in denen die Band immer wieder für Augenrollen gut war, zeigte sie in Madrid, dass sie es immer noch kann – oder wieder.

Zwar kann sich das neuere Material nicht mit dem alten messen. Aber das muss es auch nicht, wenn rund die Hälfte der Setlist von den ersten drei Alben stammt. Und dann auch noch glänzend aufgelegt dargeboten wird. Die Offenbarung folgte zum Schluss: Die Band grub als allerletzten Song "Today" wieder aus, das in den Konzerten zuvor meist auf der Strecke geblieben war. "Today ist the greatest day I've ever known …"



9. The National sind verstärkt noch stärker

Die große Deutschland-Tour folgt im Winter, einzelne Shows in Frankfurt und Hamburg gab's am 15./16. Juli. Ein paar Tage zuvor kam schon das Mad Cool Festival in den Genuss der "neuen" The National.

Auf dem Album "I am easy to find" nehmen Frauenstimmen einen breiten Raum ein und sorgten mit dafür, dass es auf Plattentests.de mit 10/10 prämiert wurde. Und auch in Madrid bekamen The National auf der Bühne weibliche Verstärkung: Gail Ann Dorsey, Mina Tindle sowie erstmals auf der aktuellen Tour auch Lisa Hannigan, die alle auch auf dem Album zu hören sind, unterstützten die Band in langen Gewändern. Umringt von so viel Stimmgewalt zeigte sich auch Matt Berninger bestens aufgelegt und ließ sich nicht einmal von einer Fliege in seiner Kehle stören.

Alleine der Schlussteil mit "Fake empire", "Mr. November" und "Terrible love" zeigte die ganze Breite und emotionale Tiefe der Plattentests.de-Lieblingsband. Schade nur, dass das bei Headliner-Shows übliche Finale mit "Vanderlyle crybaby geeks" ausblieb. Und dass man dieser Band keinen längeren Slot als 80 Minuten gegönnt hat.



10. The Cure zeigen in der Größe ihre Bescheidenheit

Am Samstag überfluteten offenbar die Tagesticket-Käufer das Gelände. Wegen The Cure. Die Fanshirts wurden zahlreicher, und schon während Gossip sicherten sich viele Anhänger mit The-Cure-Shirts die besten Plätze in den ersten Reihen vor der Hauptbühne.

Sie mussten etwas länger warten, denn die Show wurde um einige Minuten nach hinten verschoben. Schon bevor der erste Ton erklang, hatte Robert Smith aber für die Verspätung versöhnt. Denn der Frontmann begrüßte das Publikum mit Gesten voller Demut und Bescheidenheit. Und einer aufrichtig wirkenden Begeisterung darüber, vor so vielen Leuten zu spielen – als ob er das zum ersten Mal machen würde.

Mit dem donnernden "Plainsong" sowie "Pictures of you" und "High" eröffneten gleich drei der stärksten Songs der Bandgeschichte das Set. Das angesichts des Festivalrahmens aus vielen Hits bestand, aber nicht nur: Vor "In between days" und "Just like Heaven" blieb noch Raum für "Push".

In 2:15 Stunden – der längste Slot aller Bands auf dem Festival – passten eine Menge Highlights. Zum 30-jährigen Jubiläum stellte "Disintegration" gleich sieben Songs. Und am Ende bewiesen The Cure, dass sie ihrer Radio-Schinken keineswegs müde sind und bewiesen bei den letzten vier Songs "Friday I'm in love", "Close to me", "Why can't I be you?" und "Boys don't cry" unbändige Spielfreude. Der Headliner unter den Headlinern.



11. Es passen sehr viele Songs für die Ewigkeit auf ein Festival

Nicht nur von den Headlinern waren große Klassiker zu hören. Bei "Fake empire" (The National), "Tonight, tonight" (The Smashing Pumpkins), "Skinny love" (Bon Iver), "Close to me" (The Cure) und "Killing in the name" (Prophets Of Rage) endet diese Liste lange nicht.

Ex-The-Smiths-Gitarrist Johnny Marr ist merklich stolz auf das, was er vor seinem Solo-Leben vollbracht hatte, und baute "Bigmouth strikes again" ebenso in sein Set ein wie "How soon is now?" und das finale "There is a light that never goes out", bei dem man Morrisseys Stimme nur so ein kleines bisschen vermisste.

Und Noel Gallagher's High Flying Birds spielten mit "The importance of being idle", "Little by little", "Half the world away", "Wonderwall" und "Stop crying your heart out" gleich fünf Oasis-Songs am Stück, auf die später noch ein umarrangiertes, wunderschön entschleunigtes "Don't look back in anger" folgte. Nur das Beatles-Cover "All you need is love" hätte es dann wirklich nicht mehr gebraucht.



12. Mad Cool Festival 2020? Sehr gerne

Die Organisatoren verschickten ein 186.128-faches Dankeschön an alle, die am Festival teilgenommen haben. Neben den drei Haupttagen gab es schon am Mittwoch eine Welcome-Party, bei der unter anderem Bring Me The Horizon und Rosalía auftraten. Der The-Cure-Samstag zählte laut Veranstalter-Angaben rund 50.000 Besucher, sodass es sich bei obiger Gesamtzahl wohl um die Summe der Tagesbesucher handelt.

"Das schönste Festival, bei dem wir bisher waren", schwärmten Bear's Den. Eine typische Band-Floskel, ja. Aber auch mit einem großen Funken Wahrheit.

Die günstigen Flüge nach Madrid, das Hotelangebot, die Nähe zum Airport und die gewachsene Organisation sollte 2020 auch mehr deutsche Festival-Fans dazu animieren, einen Besuch ins Auge zu fassen. Wir wollen jedenfalls wieder hin.


Text: Armin Linder
Fotos: Armin Linder, Barbara Dobrovitz
Transparenzhinweis: Plattentests.de war durch eine Presse-Akkreditierung bei dem Festival, dies hat die Berichterstattung aber nicht zum Positiven beeinflusst, und die ganze Reise wurde privat bezahlt. Geld floss nicht, Teil der Kooperation war die Verlosung von zwei Tickets an Plattentests.de-Leser.