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Buch: Ocean Vuong - Auf Erden sind wir kurz grandios (Buchclub-Wahl #10)

User Beitrag

Autotomate

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Registriert seit 25.10.2014

07.11.2021 - 13:48 Uhr
Ich erlaube mir zur guten Halbzeit mal den Thread für das Oktober-November-Buch zu eröffnen. So richtig gut komme ich mit dem Vuong ja nicht klar und bin schon am überlegen, ihn wegzupacken. Aber mal sehen, noch liegt er da halb gelesen...

Neuer

Postings: 756

Registriert seit 10.05.2019

24.11.2021 - 20:21 Uhr
Wollte nur ankündigen, dass ich mittlerweile am Album dran bin, aber mich wahrscheinlich erst verspätet beteiligen kann, weil ich es nicht termingerecht schaffen werde.
Ich sehe aber schon, dass das Buch polarisieren könnte. Wird sicher interessant, die Meinungen zu sehen.

Perfect Day

Postings: 462

Registriert seit 18.01.2014

30.11.2021 - 06:11 Uhr
Dann will ich hier mal mit der Diskussionsrunde starten:


Ich war zunächst sehr angetan von der Art des Geschichtenerzählens. Die Bilder und kurzen Episoden, die Ocean Voung beschreibt und lose miteinander verwebt, haben mich anfangs ziemlich beeindruckt. Wie hier einzelnen Motive aus dem Leben der Großmutter, der Mutter und des Jungen scheinbar zusammenhanglos aufgegriffen und wieder verworfen werden, zeugt schon von großer Erzählkunst. Gerade die erste Hälfte des Romans hat mich stark begeistert.

Ich habe hier nicht näher recherchiert, ob und wiefern hier eventuell autobiografische Tatsachen dahinterstehen. Da kann bestimmt jemand nähere Infos geben.

Die Familiengeschichten, die sich um „Little Dog“ abspielten, fand ich absolut mitreißend und rührend erzählt. Hier trifft der Autor in meinen Augen fast immer den richtigen Ton, wechselt gekonnt zwischen unnahbarer Distanz und schon fast erdrückend intimer Nähe. Traurige Leidensgeschichten werden wiederholt durch humoristische Schnurren durchbrochen. Das war oft großes Kino…

Überraschend schwer fiel mir anschließend der Zugang zum Haupterzählstrang der zweiten Romanhälfte. Die homosexuelle Selbstfindung, die aufregende und verletzende Beziehung mit Trevor, das Scheitern und der Verlust… bei diesen eigentlich spannenden Themen stellte ich bei mir eine zunehmende Gleichgültigkeit fest. Möglicherweise hätte mich hier eine etwas stringentere Erzählweise ohne größere Zeitsprünge näher an der Geschichte gehalten. So manches war dann auch ein wenig zu dick aufgetragen. So hatte ich zu guter Letzt das frustrierende Gefühl, dass mir hier eine große Erzählung buchstäblich durch die Finger entgleitet und außer einigen schönen Bildern nicht mehr viel übrig bleibt.

Fazit für mich: Die Geschichte war in der Tat kurz grandios; aus losen Fragmenten aufgebaut, schafft es der Autor leider nicht, die stellenweise wirklich tollen Szenen zu einer vollends überzeugenden Geschichte zu formen. Die große Erzählung scheint immer wieder auf, zerfleddert aber auf der Zielgeraden. Und ich denke, dass das sogar die eigentliche Absicht des Autors war.

Eine würdige Buchclub-Lektüre war es dennoch… 7/10

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

30.11.2021 - 08:41 Uhr
Ich habe das Buch vor einigen Monaten für meinen anderen Book Club gelesen und kann mich Perfect Day anschließen.

Ich habe damals auch eine 7/10 gegeben und war teilweise verzaubert vom Buch, hatte aber ähnliche Problemchen wie Perfect Day.

myx

Postings: 2660

Registriert seit 16.10.2016

30.11.2021 - 09:26 Uhr
Ich mach's auch kurz: Von mir bekam das Buch vor rund zwei Jahren eine 9/10. Ich fand's sprachlich bravourös (man merkt, dass der Autor von der Lyrik herkommt) und inhaltlich in seiner Offenheit und gefühlten Authentizität teilweise richtig atemberaubend. Ein faszinierend originärer Blick auf den vermeintlichen American Dream.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17871

Registriert seit 10.09.2013

30.11.2021 - 11:37 Uhr
Um erstmal Perfect Days Frage zu beantworten: Ja, dem Roman liegen die eigenen Erfahrungen des Autors zugrunde.

Ansonsten bin ich bei myx. "Atemberaubend" in der Tat, gerade sprachlich merkt man Vuong nicht nur den Ursprung in der Lyrik an, sondern auch die im Text erwähnte Barthes-Lektüre, die ihn zu teils dekonstruktivistischen Sprachspielen hintreibt. Eine solche Radikalität im Erproben eines eigenen Ausdrucks habe ich in der englischsprachigen Literatur der letzten Jahre eigentlich gar nicht erlebt, im deutschsprachigen Raum würde mir nur Senthuran Varatharajahs ähnlich ergreifendes "Vor der Zunahme der Zeichen" einfallen.

Das ist politische Literatur, die nicht direkt anklagt oder belehrt, sondern der marginalisierten Perspektive des queeren, vietnamesisch-amerikanischen Einwanderungskinds jeden nötigen Raum zum Entdecken einer eigenen Artikulation gibt. Da ist es auch nicht schlimm, wenn nicht jedes Bild ins Schwarze trifft und mal etwas Pathos dabei ist – ich bin im Gegenteil froh, dass Vuong seiner unperfekten assoziativen Form treu bleibt, sich nicht Genres oder stringenteren Erzählmustern ergibt und damit in Kauf nimmt, nicht jeden Leser abzuholen. Mich hat er gerade in seiner formalen und inhaltlichen Ich-Zentriertheit konstant und tief bewegt. 9-10/10.

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

30.11.2021 - 11:58 Uhr
Ich war zunächst etwas skeptisch vorm lesen, weil nur weil jemand Lyrik schreiben kann, kann die Person noch lange keine Romane schreiben und umgekehrt.

Umso positiver überrascht war ich, dass das bei Vuong so super klappt :)

Autotomate

Postings: 3778

Registriert seit 25.10.2014

30.11.2021 - 12:29 Uhr
Ich habe leider keinen Zugang zu diesem Buch gefunden und es auch nicht zu Ende gelesen. Der fragmentarische Charakter der Erzählung in Briefansprache an die Mutter hat mich mehr und mehr aus der Geschichte gekickt, ohne dass die poetische Sprache mich hätte halten können.

Vielleicht war ich auch einfach jedes Mal zu müde, wenn ich es zur Hand genommen habe, aber mir fehlt der Antrieb, das in einer wachen Stunde zu überprüfen.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

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Registriert seit 10.09.2013

30.11.2021 - 12:52 Uhr
Ich habe das Buch oben übrigens gedankenlos einen "Roman" genannt, aber bei näherer Überlegung würde ich es nicht mehr so bezeichnen. Das ist in meinen Augen eher eine Hybridform zwischen Briefroman, Lyrik und Essay.

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

30.11.2021 - 13:10 Uhr
Wie gedankenlos von dir ;P

Neuer

Postings: 756

Registriert seit 10.05.2019

30.11.2021 - 13:26 Uhr
Romane können alles mögliche sein, es einen Roman zu nennen ist schon sehr passend. :)
Bin erst halb durch, aber mein Urteil folgt, wenn ich so weit bin

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

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Registriert seit 10.09.2013

30.11.2021 - 13:43 Uhr
Meine Anmerkung war vor allem auf Enricos Kommentar (11:58) bezogen, der eine Grenze zwischen Roman und Lyrik impliziert, die gerade dieses Buch ja auflöst.

Enrico Palazzo

Postings: 2218

Registriert seit 22.08.2019

30.11.2021 - 13:47 Uhr
Aber das schrub ich dann ja wiederum im Satz danach.

dreamweb

Postings: 170

Registriert seit 14.06.2013

30.11.2021 - 17:17 Uhr
Das Buch hat mich sehr beindruckt und berührt. Pathos ist sicherleich teileweise vorhanden, aber Ocean Vuong lässt es nie überbordern. Das rechne ich ihm hoch an. Bei der "Iss das"-Geschichte mit Trevor etwa hätte es in eine ungute Richtung gehen können, das wird dann aber doch wieder erstaunlich zärtlich aufgelöst.

Hier liegt auch noch sein Lyrikband "Night Sky With Exit Wounds" herum, auf den ich auch sehr gespannt bin.

8/10

Unangemeldeter

Postings: 546

Registriert seit 15.06.2014

30.11.2021 - 17:28 Uhr
Ich hab das Buch letztes Jahr gelesen und tat mich damit enorm schwer. Ich bin nie richtig reingekommen und hatte als Hauptkritikpunkt tatsächlich auch das Pathos. Insbesondere durch die zweite Hälfte musste ich mich richtig quälen. Lese hier nun gespannt mit, die positiven Eindrücke decken sich mit denen von Freunden; schon interessant wie das Buch einen entweder abholt oder halt nicht.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17871

Registriert seit 10.09.2013

30.11.2021 - 18:03 Uhr
Die sehr direkte Schilderung der Sexszenen, in denen die Verschränkung von Gewalt und Zärtlichkeit immer präsent ist, hat mich übrigens auch schwer beeindruckt.

myx

Postings: 2660

Registriert seit 16.10.2016

30.11.2021 - 20:14 Uhr
Das hat sich mir auch sehr eingeprägt. Mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, wie der vermeintlich unterlegene Part allmählich seine Macht entdeckt und dadurch quasi ein Rollenwechsel in Gang kommt. Mit Gewalt und Zärtlichkeit einher gehen in der Sexualität also oftmals auch Dominanz und Unterwerfung mit all ihren Abstufungen und Kippeffekten, das fand ich sehr gut von Vuong dargestellt.

dieDorit

Postings: 2004

Registriert seit 30.11.2015

01.12.2021 - 22:07 Uhr
Ich habe es jetzt auch durch. Hat ein paar Tage länger gedauert als gedacht, weil ich es manchmal angefangen habe und wieder weglegen musste, weil ich merkte, dass ich gerade nicht die richtige Aufnahmefähigkeit dafür hatte.

Aber insgesamt hat mir das Buch erneut recht gut gefallen. Der Buchclub ist wahrlich eine Bereicherung.

slowmo

Postings: 847

Registriert seit 15.06.2013

02.12.2021 - 08:49 Uhr
Habe das Buch auch bereits kurz vor Erscheinungstermin schon gelesen. Ich mochte den lyrischen Schreibstil sehr, aber fand auch das es im zweiten Teil leicht abbaut. Bei mir war es eine 8/10.

Etwas besser gefiel mir das Buch von den mir Vuong befreundeten Autor Tommy Orange zu gleichen Zeit erschienenes „There, there“.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17871

Registriert seit 10.09.2013

02.12.2021 - 10:55 Uhr
Interessant, dass hier von mehreren Leuten von einem Qualitätsabbau ab dem zweiten Teil gesprochen wird, das hab ich überhaupt nicht so empfunden. Die Fragmente um Trevor fand ich mindestens genauso eindringlich wie die Familienerinnerungen und gerade der dritte Teil des Buches hat etwa mit den Toden von Trevor und Lan doch ein paar der bewegendsten Momente.

dieDorit

Postings: 2004

Registriert seit 30.11.2015

02.12.2021 - 13:56 Uhr
Ich habe zwar auch einen (leichten) Qualitätsabbau im zweiten Teil empfunden, dafür aber nochmal einen deutlichen Qualitätsanstieg am Ende, gerade auf dem letzten Seiten.

Einige Metaphern muss mir aber vielleicht nochmal jmd erklären, z.B. die mit dem Tisch…

dieDorit

Postings: 2004

Registriert seit 30.11.2015

04.12.2021 - 12:21 Uhr
Noch eine andere Frage: Wie habt ihr die Beziehung zwischen Mutter und Sohn wahrgenommen? Die ersten Seiten weckten in mir eher den Eindruck einer zerrütteten, distanzierten Beziehung. Aber je mehr ich in der Geschichte vordrang, desto mehr zeigte sich mir eine sehr innige Beziehung zwischen den beiden auf. Ging es anderen ähnlich?

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17871

Registriert seit 10.09.2013

04.12.2021 - 14:58 Uhr
Das Besondere der Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist in meinen Augen die Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz. Das Buch ist als Brief an die Mutter verfasst, die ihn jedoch nie lesen können wird, weil sie Analphabetin ist. Je mehr Little Dog aus seinem Inneren preisgibt, desto mehr öffnet er sich seiner Mutter, doch gleichzeitig entfernt er sich mit jedem geschriebenen Wort von ihr, zieht sich in eine Welt der Schrift zurück, die ihr verschlossen bleiben wird. Die Ambivalenz ihrer Beziehung zeigt sich auch (wie bei Trevor) in der Verschränkung von Zuwendung und Gewalt, wofür die Kriegstraumatisierung auch einen Erklärungsansatz liefert.

Die Metapher mit dem Tisch ist in meinen Augen dazu da, um das "Gemachtsein" von Erinnerungen zu verdeutlichen. Little Dog erinnert sich an einen Tisch, an den er sich nicht erinnern kann, weil er ihn nie mit eigenen Augen gesehen hat. Er erinnert sich, wie er sich mit seiner Mutter und Großmutter unter dem Tisch in Vietnam versteckt hat oder wie seine Mutter dort saß, als sein Vater sie das erste Mal verprügelte, aber beides war vor seiner Geburt. Der Tisch ist damit auch ein Symbol für die wirklichkeitsschaffende Erzählmacht von Sprache.

dieDorit

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Registriert seit 30.11.2015

04.12.2021 - 16:02 Uhr
Vielen Dank, Marvin. Ich hätte dich gerne als Deutschlehrer gehabt :D

Neuer

Postings: 756

Registriert seit 10.05.2019

08.12.2021 - 14:56 Uhr
Jetzt endlich auch geschafft. :)

Ich war anfangs irgendwie skeptisch. Die poetischen Anteile erschienen mir etwas zu sehr Pathos aufgeladen und ich befürchtete, dass da vielleicht zu viele Banalitäten poetisiert werden würden.

Und das war mMn völlig unbegründet. Die Episoden sind eindringlich, verweben verschiedene Themen und Ebenen auf interessante Weise, und vor allem die Beziehungen zwischen Little Dog und Trevor oder Little Dog und seiner Mutter zeigten so viele Ambivalenzen ... ich war teilweise sehr gerührt und ergriffen. Auch von der Erotik. Das hat eine große Kraft, wenn man sich darauf auch ei lassen kann.
Tolles Buch, ich bin froh, dass es das Rennen gemacht hat.

Neuer

Postings: 756

Registriert seit 10.05.2019

08.12.2021 - 18:42 Uhr
Ich frage mich btw. inwiefern in der zweiten Hälfte die Qualität nachgelassen haben soll? Qualität sehe ich hier sehr durchgängig, nur eben nicht einen klassischen zusammenhängenden Plot. Hat die Beziehung mit Trevor einfach nicht so gezündet, wie die Teile mit der Mutter?
Ich muss auch zugeben, dass ich fragmentarische Erzählungen auch einfach mag, wenn alle Fragmente gut erzählt sind. Ist ja auch nicht jedermanns Fall.

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