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Buch: Olga Tokarczuk - Gesang der Fledermäuse (Buchclub-Wahl #5)

User Beitrag

Jennifer

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03.04.2021 - 12:03 Uhr
Sag doch einer, dass ich den Thread hier ganz vergessen hatte zu erstellen. :)

Enrico Palazzo

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03.04.2021 - 12:23 Uhr
Du hattest vergessen diesen Thread zu erstellen :D

Kannst du das bitte noch kurz erledigt gehabt haben werden? Oder so.

Autotomate

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04.04.2021 - 09:20 Uhr
Habe eben die NZZ-Rezension zu dem Buch gelesen und bin etwas säuerlich, weil darin mal eben kackdreist (mit dem Hinweis, das wäre gar kein Spoiler) die Krimihandlung gespoilert wird. Warnung davor!

Ich tu mich aber auch davon abgesehen etwas schwer damit, das Buch zu bestellen. So richtig verlockend wirkt dieser Tierschutz-Astrologie-Plot erst mal nicht auf mich...

Jennifer

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04.04.2021 - 10:04 Uhr
Danke für die Warnung, Autotomate.

Kannst Du das Buch denn über Deine Stadtbibliothek ausleihen? Unsere hier hat geöffnet und einen Abholservice eingerichtet, das machen andere sicher auch so. Das wäre ja zumindest eine Idee, wenn man das Buch nicht gleich kaufen möchte.

Jennifer

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09.04.2021 - 13:17 Uhr
Also, ich bin jetzt auf Seite 50 und am Überlegen, ob ich das Buch abbreche. Es packt mich irgendwie so gar nicht. Ist jemand schon weiter? Lohnt es sich am Ball zu bleiben?

mrnovember

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09.04.2021 - 13:36 Uhr
Mich hat ehrlich gesagt schon die Beschreibung eher abgeschreckt, so dass ich diesen Monat leider aussetzen werde.

Deaf

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09.04.2021 - 13:44 Uhr
Dito.

Enrico Palazzo

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09.04.2021 - 13:50 Uhr
Also in meiner Buchhandlung ist das Buch offenbar eines der besten aller Zeiten für die Verkaufenden. Wurde mir zumindest so angepriesen, als ich es gekauft habe :)

Ich werds wahrscheinlich später lesen, weil ich grad knee deep in Infinite Jest bin und das nicht unterbrechen will.

Jennifer

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09.04.2021 - 14:05 Uhr
Hier auch, da hieß es noch "Da kaufst Du aber ein ganz besonders tolles Buch." Ich will auch gar nicht behaupten, dass es schlecht wäre. Aber ich tu mich leider doch ziemlich schwer damit. Werd es jetzt am Wochenende noch mal versuchen, ansonsten breche ich dann doch ab und lese lieber ein anderes.

Autotomate

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09.04.2021 - 14:20 Uhr
Ich hab's mir jetzt doch besorgt (trotz des Spoilers in der NZZ, über den ich mich immernoch maßlos ärgere). Vorher ist aber noch kurz "Faserland" an der Reihe. Ganz hübsch gestaltet und angenehm in der Hand liegend ist es jedenfalls, meine Liebste hat gleich lange Augen gemacht^^

Jennifer

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11.04.2021 - 20:31 Uhr
Also, ich gebe an dieser Stelle leider wirklich auf. Nach wie vor komme ich da einfach nicht rein und muss mich mittlerweile richtig zwingen. Das hat ja auch keinen Wert. Bin gespannt, wie es den anderen so ergehen wird. :)

Autotomate

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11.04.2021 - 21:15 Uhr
Bist du denn noch ein paar Seiten weitergekommen?

dreamweb

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11.04.2021 - 21:52 Uhr
Schade, das zu lesen. Es erstaunt mich schon ein wenig, dass du da so gar keinen Zugang findest. Liegt es vielleicht an der Übersetzung? Ich habe das Buch nur auf Englisch gelesen - und da hatte ich so gar keine Probleme, reinzukommen.

Jennifer

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11.04.2021 - 22:12 Uhr
Bist du denn noch ein paar Seiten weitergekommen?

Ein bisschen. Ich hab noch 25 Seiten geschafft und würde jetzt theoretisch bei Kapitel 5, "Das Licht im Regen" weiterlesen.

Schade, das zu lesen. Es erstaunt mich schon ein wenig, dass du da so gar keinen Zugang findest. Liegt es vielleicht an der Übersetzung? Ich habe das Buch nur auf Englisch gelesen - und da hatte ich so gar keine Probleme, reinzukommen.

Mich erstaunt es auch, denn anders als beispielsweise mrnovember oder Deaf fand ich die Beschreibung auch gar nicht abschreckend, im Gegenteil. Bei der Abstimmung war es meine Erstwahl.
An der Übersetzung liegts auch nicht, die find ich recht gelungen. Aber mich bockt die ganze Story beim Lesen irgendwie nicht, ich finds teilweise auch sehr trocken und langatmig erzählt. Möchte hier jetzt aber auch nicht spoilern und Beispiele nennen.

Jedenfalls hat mich heute Mittag dann die ganze Zeit der Roman von Benedict Wells angelacht, den ich mir ja schon bei Erscheinen geholt und seitdem aufgrund von Zeitmangel nur angelesen hatte. Den hab ich jetzt stattdessen angefangen. Vielleicht kommt ich Ende des Monats noch mal auf die Fledermäuse zurück.

Autotomate

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11.04.2021 - 22:17 Uhr
Das Buch wurde von der hochgelobten Doreen Daume aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt. So ganz vermurkst sollte das nicht sein.

Jennifer

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11.04.2021 - 22:20 Uhr
Behauptet ja auch niemand. :)

Autotomate

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11.04.2021 - 22:29 Uhr
Nee, sag ich auch "nur zur info" und zu dreamweb, der die Möglichkeit in Erwägung zog. :)

dreamweb

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11.04.2021 - 23:14 Uhr
Alles klar, danke für die Ausführungen und die Info zur Übersetzerin :)



Autotomate

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29.04.2021 - 08:15 Uhr
Bis morgen wird das nichts bei mir, bin erst in der Mitte.

Enrico Palazzo

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29.04.2021 - 10:11 Uhr
Ich werde wahrscheinlich noch später nachziehen, ggf. erst nach Jesmyn Ward. Das hängt gerade davon ab, wie schnell ich bei "Infinite Jest" durchkomme. Ich denke, ich brauche noch rund zwei Wochen.

Perfect Day

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29.04.2021 - 11:16 Uhr
Ich werde morgen sogar mal eine Punktlandung hinlegen!

Vraet

Postings: 7

Registriert seit 22.03.2021

30.04.2021 - 07:08 Uhr
Moin,
Zuerst von dem Astrologiefokus etwas abgeschreckt, ließ mich dann letztendlich das Wissen über
den Nobelpreis Tokarczuks doch zum Buch greifen. Neugier regelt und belohnt.
Viel mehr als der direkte Handlungsstrang der Geschichte fasziernierten mich die kleinen,
eingestreuten Bemerkungen und Lebensweisheiten, gehe es um gewaschene Füße, Taschenlampen,
Namen oder das Leben in ordentlichen Schubladen voller Nebensächlichkeiten. Schnell wird klar,
selbst die esotherischen Facetten von Frau Duszejko schaffen es nicht, mich abgeklärten
mittzwanziger abzuschütteln, sondern treffen oft tief ins schwarze.
So eine Venus bewirkt eine seltsame Art der Trägheit – die Gelegenheiten im Leben laufen einem
vor der Nase weg, man hat verschlafen, ist zu spät gekommen, hatte keine Lust, hat es verschlampt.
Es ist der Hang zum Sybaritismus, zum Leben im Halbschlaf, sich in kleinen Annehmlichkeiten zu
verzetteln; keine Lust sich anzustrengen, und nicht der geringste Wettbewerbsgeist. Lange
Vormittage, ungeöffnete Briefe, auf später verschobene Angelegenheiten, nie ausgeführte Projekte.
Der Widerwille gegen jede Obrigkeit, schon gar keine Lust, sich unterzuordnen, ein schweigendes,
gemächliches Dahintrotten – auf eigenen Wegen. Man kann sagen, dass diese Menschen
niemandem von Nutzen sind.
Sätze wie diese tragen das Buch, binden mit ein und schieben Gedankenzüge an.
Hauptsächlich reflektiert die Autorin die Mensch zu Tier Beziehung, wobei sie zwar meiner
Meinung nach das Rad nicht neu erfindet, es ihr allerdings gelingt durch die wunderbar millitante
Protagonistin ein paar wichtige Fragen nach Hause zu hämmern.
Warum stellen wir Menschen uns über anderes Leben?
Ist Fleischkonsum in seinen moralischen und ökologischen Auswirkungen zu rechtfertigen?
Ist Jagd als Hobby mit töten zur Plaisir zu übersetzen?
Als langjährigen Vegetarier holt mich das schon ab, auch wenn etwas verwundert, weshalb die
Missstände der industriellen Massentierhaltung nicht intensiver angesprochen werden.
Die Krimihandlung ist durchaus spannend, plätschert aber eher als dass sie wirklich mitreißt. Auch
die Wendung am Ende kommt nicht überraschend. Definitiv ging es in diesem Buch einfach um
mehr als nen Thriller. Trotzdem:
Ich wurde gut unterhalten, hab einiges mitgenommen und bin sehr froh diesen Roman gelesen zu
haben.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

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30.04.2021 - 10:48 Uhr
Das ging mir sehr ähnlich. Keine große Literatur, aber ein angenehm zu lesender Roman mit verschroben-liebenswürdigen Figuren und einigen interessanten Reflexionen. Lohnenswert.

Perfect Day

Postings: 306

Registriert seit 18.01.2014

30.04.2021 - 11:27 Uhr
Dieses Buch hatte es wahrlich nicht leicht in diesem Monat.
Nach den ersten Kommentaren hier im Forum war ich mir nicht sicher, ob ich mich dem "Gesang der Fledermäuse" überhaupt hingeben wollte. Es hatte sich im Vorfeld bei mir leider doch die erschöpfte Lesezurückhaltung eingeschlichen, was auch daran lag, dass ich mich parallel durch Hilary Mantel's "Wölfe" arbeitete (beileibe keine einfache Lektüre, wenn man mit Englands 16. Jahrhundert nicht vertraut ist). Ich konnte also eine Skepsis gegenüber unserer Monatsempfehlung nicht leugnen, obwohl sie meine erste Wahl bei der Abstimmung war.

So machte ich es mir diesmal etwas einfacher und griff ausnahmsweise die Hörbuchversion, gelesen von Angelika Thomas, zurück. Und diese mediale Abwechslung machte mir wirklich großen Spaß. Angelika Thomas trifft hier meines Erachtens den richtigen Ton und bringt die eremitische Schrulligkeit der Janina Duszejko, ihre immer wieder aufflammende Empörung und ihren dauernden Zynismus perfekt zur Geltung. Sprachlich ist das alles schon fein und auch flüssig übersetzt. Die Geschichte hat mich von Anfang an gut unterhalten, ohne jetzt besonders originell zu sein.

Zur Geschichte: die "Krimihandlung" an sich ist nicht besonders ausgefallen. Zwischenzeitlich tritt die Handlung über mehrere Kapitel auch ziemlich auf der Stelle. Ich will nicht ausschließen, dass ich hier beim Lesen auch den Ball verloren hätte. Zumal mich das penetrante "Die Rehe waren die Täter"-Gerufe ein wenig ermüdete. Janina treibt es mit ihrem Tieraktivismus und dem stetigen Anprangern des Unrechts ziemlich auf die Spitze. Als Leser/Hörer ging mir das irgendwann ein wenig auf die Nerven, obwohl ich aus tiefer Überzeugung fast deckungsgleich Janinas Ansichten teile (klammert man das Esotherische mal konsequent aus). Andererseits denke ich mir, dass das von der Autorin genau so beabsichtigt war. Die Auflösung des Krimi-Plots war wenig überraschend, befriedigte mich aber dennoch.

Letztendlich waren es die kleinen Dinge, die mir an diesem Roman gefielen:
Sehr schön fand ich die Beschreibung des polnischen Hochplateaus und die kleinen Interaktionen mit den Nebenfiguren, wie der Schriftstellerin oder dem alkoholisierten Zahnarzt. Auch die Erstattung der Anzeige auf dem Polizeirevier hatte einen gewissen Witz.

Auf die astrologischen Aspekte und philosophischen Zwischentöne möchte ich hier gar nicht groß eingehen, weil mich die Abhandlungen jetzt nicht sonderlich bewegten. Sie nehmen aber auch einen weit weniger großen Raum ein, als befürchtet, wodurch ich gerade die Sternendeutung nicht als störend empfand.

Unter dem Strich eine klassische 7/10 für mich, die die Wahl zum Buch des Monats durchaus bestätigt, ohne allzu lange nachzuhallen.

myx

Postings: 2009

Registriert seit 16.10.2016

30.04.2021 - 12:27 Uhr
Habe leider gerade keine Zeit für eine etwas ausführlichere Besprechung, aber ich schliesse mich gerne an, mir hat der Roman auch gut gefallen.

Freude hatte ich v. a. an den kleinen "Theorien" (sei es über Gott oder über unsere Psyche), die Janina immer wieder aufgestellt hat, und auch das eine oder andere gelungene, poetische Sprachbild im Roman ist mir positiv aufgefallen.

Komme auf beides gerne nochmals etwas näher zurück. Notenmässig sehe ich das Buch bei 7,5/10.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16909

Registriert seit 10.09.2013

30.04.2021 - 12:47 Uhr
Großartig auch, wie sie immer von ihren "Mädchen" spricht, man eine tragische Kindsverlust-Geschichte erwartet, sich dann herausstellt, dass es "nur" Hunde waren, man aber Janinas "Tiere gleich Menschen"-Ethos schon sehr verinnerlicht hat, dass es den Schmerz dahinter kaum abschwächt.

myx

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Registriert seit 16.10.2016

30.04.2021 - 13:25 Uhr
Genau, die "Mädchen"-Geschichte bzw. deren Auflösung gegen Ende hin fand ich auch eindrücklich und nochmals sehr kennzeichnend für Janina und ihr Wertesystem.

dieDorit

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30.04.2021 - 15:41 Uhr
Ich schließe mich meinen Vorschreibern an. Ich fühlte mich insgesamt ebenfalls gut unterhalten von dem Buch, auch wenn ich, zugegebenermaßen, die Astrologiestellen mehr überflogen als gelesen habe. Die Kriminalhandlung empfand ich auch nur als eine Nebengeschichte, eigentlich interessierten mich nur die Gedanken und Begegnungen der Hauptfigur und diese waren teilweise echt toll beschrieben. Mein Lieblingskapitel war übrigens das, das den gleichen Namen wie das Buch trägt, als die Dame mit Matoga und Boros einen gemütlichen Amend verbrachte. Die Stelle als Boros die Musik von The Doors abspielte und die anschließende „Diskussion“ warum manche Menschen böse sind, fand ich grandios.

Den Ausgang der Kriminalhandlung habe ich schon recht früh geahnt, nachdem dann auch klar wurde wer mit „meinen Mädchen“ gemeint war, war ich mir dann aber sicher was die Aufklärung sein wird. Am Ende fühlte ich mich etwas an den Film "Keeping Mum" (oder "Mord im Pfarrhaus") erinnert, falls den jemand kennt.

myx

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30.04.2021 - 16:09 Uhr
Die Stelle mit den ganz verschiedenen Erklärungsansätzen für die Boshaftigkeit mancher Menschen hat mir auch sehr gut gefallen.

Vraet

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Registriert seit 22.03.2021

30.04.2021 - 16:41 Uhr
Das Buch wurde übrigens auch verfilmt (https://www.imdb.com/title/tt5328350/). Der Trailer (https://youtu.be/QQHD9awysVg) sah gar nicht so schlecht aus.
Hat den schon jemand gesehen?

Außerdem interessant fand ich die Rolle der Kirche in dem Buch. Danke, lieber Gott für den Säkularismus. Amen

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

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Registriert seit 10.09.2013

30.04.2021 - 16:50 Uhr
Wunderbar sind auch die Abrechnungen mit der Kirche, vor allem bei der heuchlerischen Jagdpredigt.

dieDorit

Postings: 1685

Registriert seit 30.11.2015

30.04.2021 - 16:58 Uhr
Die war schon fast montypythonesk.

myx

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Registriert seit 16.10.2016

10.05.2021 - 13:46 Uhr
Hier also, wie angekündigt, noch etwas näher zu den theoretischen Ausflügen, die Janina im "Gesang der Fledermäuse" immer wieder mal unternommen hat. Am spannendsten fand ich folgende ihrer Überlegungen:

Kein Herrgott wird sich damit befassen, kein himmlischer Buchhalter. Keine Einzelperson könnte so viel Leid aushalten, am allerwenigsten eine Allwissende. [...] Nur eine Maschine wäre imstande, den ganzen Schmerz der Welt auszuhalten. (S. 50)

Ein sehr treffender Gedanke, finde ich. Wer könnte schon das gesamte kreatürliche Leid der Welt auf seinen Schultern tragen? Ob Gott leidensfähig ist, ist meines Wissens tatsächlich eine in der Theologie diskutierte Frage. Antwort (vermute ich mal): Ja, aber nur dadurch, dass er in Jesus Mensch geworden ist und in seinem Sohn alles Leiden auf sich genommen hat (oder so ähnlich). ;)

Ich glaube nämlich, unsere menschliche Psyche ist dazu da, um uns vor dem Anblick der Wahrheit zu bewahren. Um uns keinen direkten Einfluss in den Mechanismus zu erlauben. Die Psyche ist unser Immunsystem – sie sorgt dafür, dass wir niemals verstehen, was um uns herum vorgeht. (S. 254)

Schön provokant formuliert, im Kern aber durchaus richtig: Unsere Psyche liefert uns, evolutionsbiologisch betrachtet, nur so viel "Wahrheit", wie wir zum Überleben benötigen, niemals jedenfalls ein komplettes, detailliertes Bild der Welt. Janina denkt hier im Besonderen wieder an das irdische Leid, wenn sie fortfährt: Doch alles Wissen wäre nicht zu ertragen. Denn jedes kleinste Teilchen der Welt ist aus Leid zusammengesetzt. (S. 254) Das erinnert mich, philosophisch betrachtet, an Schopenhauer, der auch das Leiden in den Mittelpunkt seiner Welttheorie stellt.

Und noch ein letztes Beispiel. Janina sagt: So wie wir eine Weltanschauung haben, so haben die Tiere eine Weltanfühlung […]. (S. 229) Der Pfarrer sagt zu Janina: Tiere haben keine Seele, sie sind nicht unsterblich. Sie werden nicht gerettet. (S. 266)

Man erkennt hier schön den Leib-Seele-Dualismus beim Pfarrer einerseits (Seele wird als etwas rein Geistiges, Rationales (miss-)verstanden, das nur dem Menschen zukommt) und andererseits das Bewusstsein für die psychologischen Zwischentöne bei Janina (Tiere haben sehr wohl eine Seele, mit der sie die Welt erfühlen, und sind keine seelenlosen Automaten).

Es waren solche Textpassagen, und es gab noch einige mehr davon, die den "Gesang der Fledermäuse" für mich zu einer interessanten, alles andere als langweiligen Lektüre gemacht haben. :)

Dazu kommen ein paar schöne Sprachbilder, wie zum Beispiel:

Seine Blumen im Garten stehen fein säuberlich und ordentlich da, gerade aufgerichtet und schlank, als hätten sie ein Fitnesstraining absolviert. (S. 33)

Die Sonne strahlte, sie war eben aufgegangen und noch rot vor Anstrengung, und sie warf lange, schläfrige Schatten. (S. 75)

[…] zum Beispiel einer dieser gelangweilten Falken, die wie heilige Seelen am Himmel kreisen. (S. 116)

So ist es eben, der Herbst sammelt all seine Instrumente und sein Spielzeug ein, er streift die unbrauchbar gewordenen Blätter ab und fegt sie in die Feldwege […]. (S. 260)

Autotomate

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Registriert seit 25.10.2014

13.05.2021 - 13:11 Uhr
Mit geringfügiger Verspätung bin nun auch endlich durch und kann mich dem allgemeinen Tenor nur anschließen: Schöne gemächliche Unterhaltung, mit vielen bizarren Episoden, treffenden Beschreibungen und sympathischen Gestalten.

Zugegeben: Ohne den ehrenlosen Spoiler der NZZ hätte ich das Ganze noch mehr genießen können, da ich immer die Möglichkeit gewittert hätte (Achtung Spoiler), dass die Autorin die Idee von der Rache der Tiere doch noch wahr werden lässt oder die Krimihandlung noch mal ganz anders auflöst. Naja, soll mir eine Leere sein, nicht solche Kackblätter zu lesen ;)

Die eigentlich recht kurzen Astrologieparts haben mich gerade in der Mitte zum Teil etwas rausgebracht, was ich aber ebenfalls nicht dem Buch anlasten kann, weil das eher daran lag, dass ich sie unbedingt überlesen wollte und nachher das Gefühl hatte, mir wäre doch etwas entgangen :D

Für mich eine nette, affirmative Lektüre ohne große Spannungs- und Erkenntnismomente, aber auch ohne wirkliche Minuspunkte.

Autotomate

Postings: 3140

Registriert seit 25.10.2014

13.05.2021 - 13:27 Uhr
*soll mir keine "Leere" sein, sondern ein Denkzettel

myx

Postings: 2009

Registriert seit 16.10.2016

13.05.2021 - 17:25 Uhr
@Autotomate:

Der Spoiler ist wirklich eine bodenlose Frechheit, hab mir das Ganze, nachdem du dich hier zum wiederholten Mal, zurecht, darüber aufgeregt hast, nun doch noch genauer angeschaut.^^ Hoffentlich hat es damals geharnischte Kritiken von Seiten der Leserschaft gegeben.

Zum Glück aber meines Wissens alles andere als repräsentativ für die Redaktion des NZZ-Feuilletons. Lies vielleicht mal die Rezensionen von Roman Bucheli, Claudia Mäder, Angela Schader oder Paul Jandl, die sind nämlich gar nicht sooo kacke, finde ich. Ehrenwort! ;)

Autotomate

Postings: 3140

Registriert seit 25.10.2014

13.05.2021 - 18:05 Uhr
Danke myx, das mache ich :)

dieDorit

Postings: 1685

Registriert seit 30.11.2015

13.05.2021 - 20:48 Uhr
Ich habe mir jetzt auch mal aus Neugierde die genannte Kritik aus der NZZ durchgelesen und die ist schon, nicht nur wegen des Spoilers, ziemlich mies. Wer sich bei Literatur wirklich darüber beschwert, dass man "menschlich" ja gar nicht steigern kann, sollte vielleicht nochmal über die Berufswahl nachdenken.

Enrico Palazzo

Postings: 1861

Registriert seit 22.08.2019

17.05.2021 - 11:41 Uhr
Ich gebe mal eine okaye 6/10.

Ich bin oft kein großer Freund von in der Ich-Form geschriebenen toughen Frauengeschichten, das kann oft ganz unangenehm werden. Hier schrammt es manchmal haarscharf daran vorbei.

Ich bin mir nicht sicher, was ich mit diesem Buch schlußendlich überhaupt anfangen soll - aber vielleicht kann mir ja jemand auf die Sprünge helfen:
- Was hat denn der Titel des Buches überhaupt mit dem Buch oder der Geschichte zu tun?
- Gibt es eine Metaebene zB politisch, die ich nicht sehe? Ist das Buch gar eine Fabel, die ich nicht als solche erkenne?

Und ich frage mich, warum die Frau den Literaturnobelpreis bekommen hat. Wohl hoffentlich nicht in erster Linie für dieses leicht und schnell wegzulesende Buch? Kennt hier jemand andere Bücher von Tokarcuk?

Spoiler
Mit NZZ- Spoiler meint ihr schon, dass Sie selbst die Mörderin ist? Ich finde, dass das gar nicht so ein großer Spoiler wäre, sondern sich das doch relativ fix zwischen den Zeilen abzeichnet. Für mich war das jedenfalls nicht überraschend.

Autotomate

Postings: 3140

Registriert seit 25.10.2014

17.05.2021 - 12:15 Uhr
Wegen des Spoilers: Auf welcher Seite stand denn für dich fest, dass sie es selber war und dass kein anderes Ende mehr möglich ist?

Wahnsinnig überraschend war die Auflösung sicherlich nicht, aber das ist ja gar nicht der Punkt bei einem "Spoiler". Wie gesagt: Ich hätte es (vermutlich) bis zur Auflösung nicht abwegig gefunden, dass die Autorin die Idee von der Rache der Tiere doch noch wahr werden lässt oder die Krimihandlung noch mal ganz anders auflöst. Es ist ja ein Unterschied, ob sich etwas "abzeichnet" oder immer wahrscheinlicher wird, oder ob man von vornherein definitiv weißt, dass es so ist. Aber vielleicht bin ich auch zu naiv für "Krimis"...

Enrico Palazzo

Postings: 1861

Registriert seit 22.08.2019

17.05.2021 - 12:28 Uhr
Naja, 100% nicht. Aber mir war der Roman als solches zu "gewöhnlich" erzählt und die Öko/Eso-Protagonistin offensichtlich zu durchgescheppert, als dass es Tiere hätten sein können. Finde ich. Seit "The Murder Of Roger Aykroyd" von Agatha Christie klingelts jedenfalls bei mir immer, wenn es um Mord und Ich-Erzähler geht :)

Was ist denn eurer Meinung die Moral dieser Geschicht?

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16909

Registriert seit 10.09.2013

17.05.2021 - 12:55 Uhr
Die Nicht-Erklärbarkeit der Grausamkeit, Empathielosigkeit und Arroganz der Menschen führt dazu, dass wir uns unsere eigenen Erklärungsmuster schaffen, die der Welt einen Sinn geben – bis eine persönliche Grenze überschritten ist, ab der wir uns nur noch selbst um die Wiederherstellung der Gerechtigkeit kümmern können.

Autotomate

Postings: 3140

Registriert seit 25.10.2014

17.05.2021 - 13:02 Uhr
Gesang der Fledermäuse: "Ihre dünnen, vibrierenden Stimmchen verwirbeln die mikroskopisch kleinen Nebelteilchen, sodass die Nacht leise klingelte, um alle Geschöpfe zum nächtlichen Gottesdienst zu rufen." (S. 190)

Im Original heißt das Buch übrigens (grob übersetzt) "Führe deinen Pflug durch die Knochen der Toten", ein Quasi-Zitat von William Blake. Ich habe nur eine leise Ahnung, warum es so nicht übersetzt wurde.

Und die Moral von der Geschicht: Der Jäger ist ein Bösewicht.
(Ohne Mopeds Deutung schmälern zu wollen ;)

Enrico Palazzo

Postings: 1861

Registriert seit 22.08.2019

17.05.2021 - 13:04 Uhr
Ich fand es übrigens negativ irritierend, dass immer auf die Bedeutung von Namen hingewiesen wurde, aber diese Bedeutung im Normalfall nicht ins deutsche übersetzt oder erklärt wurde. Da fehlte mir etwas.

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