Banner, 120 x 600, mit Claim

Buch: Sayaka Murata "Die Ladenhüterin" (Buchclub-Wahl #1)

User Beitrag

dieDorit

Postings: 1296

Registriert seit 30.11.2015

01.01.2021 - 15:00 Uhr
@mrnovember

Ich sehe es genauso wie du. Feminismus in der heutigen Form ist den Zielen und Gedanken des Kapitalismus sehr ähnlich. Frauen wollen/sollen genau wie Männer in Vollzeit arbeiten, Karriere machen und sich von der Arbeitswelt ausbeuten lassen. Der Wert der Arbeit ist danach bemessen wieviel Kapital sie bringt, d.h. Frauen sollen Manager werden, Ingenieur- oder IT-Berufe ergreifen. Die eher traditionellen Frauenberufe (Kinderbetreuung, Krankenpflege) bringen kein Geld und werden daher weder vom Feminismus noch vom Kapitalismus gefördert. Aber das nur am Rande.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 15:15 Uhr
Ich denke, dass ein Studium ja erstmal ein ganz typischer Schritt für Menschen ist, die nach Schulabschluss noch keinen wirklichen Plan haben, was sie machen wollen. Da sprech ich auch aus eigener Erfahrung^^ Und dass es im Roman keine Rolle mehr spielt, verdeutlicht nur nochmal, dass Keiko diesen "normalen" Weg nur aus Besänftigung ihres Umfelds eingeschlagen hat, nicht aus bei ihr sowieso nicht existenten eigenen Interessen.

kingsuede

Postings: 2022

Registriert seit 15.05.2013

01.01.2021 - 15:16 Uhr
Es zeigt aber auch auf, wie aus einem ursprünglichen Nebenjob ein Fulltimejob wird.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 15:31 Uhr
Aber einfach mal so bemerken, man habe die Uni abgeschlossen, ohne überhaupt zu sagen, in welchem Fach und mit welchen Einflüssen für ihr Denken und Erleben, finde ich schon ein bisschen seltsam und unglaubwürdig.

Einen der grössten Schwachpunkte des Romans sehe ich denn auch bei der Stelle, wo die Ich-Erzählerin sagt, sie könne sich nur noch vage an die Zeit vor ihrer "Geburt" als Ladenhilfe erinnern. (S. 9) Das nehme ich ihr einfach nicht so wirklich ab und damit bleibt Keiko psychologisch unterbelichteter, als sie es eigentlich sein müsste.

maxlivno

Postings: 2247

Registriert seit 25.05.2017

01.01.2021 - 15:33 Uhr
Ja ich bin ja jetzt leider hier sehr spät dran, aber gestern habe ich leider keine Zeit gefunden, mich zu beteiligen, aber ich habe eben alles schön nachgelesen und bin sehr froh, dass Moped den Begriff Hikkomori in die Runde eingeführt hat.

Ich fand, das Buch las sich ziemlich schnell weg, ohne dabei großartig Eindruck zu machen. Das Buch hätte von mir aus gerne 200-300 Seiten länger sein können um der Geschichte mehr Fleisch verleihen. Shiraha als Figur erscheint mir sehr unausgegoren, er war mehr wie die Karikatur eines Hikkomoris, was schade ist, weil dieses Phänomen so fremd ist für uns. Aber ich schätze mal, dass Murata das einfach nicht so sehr interessierte als Thema. Ansonsten habt ihr eigentlich alles schon gesagt, was es zu sagen gab. Ich schwanke zwischen einer 5 oder 6 als Wertung.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 15:54 Uhr
Ach ja, von mir auch noch ein herzliches Dankeschön an Moped für die Nennung der mir bisher unbekannten Hikkomori-Störung. Es scheint sich um eine soziale Phobie zu handeln, die nicht, wie normalerweise, auf fremde Menschen gerichtet ist, sondern auf die eigene Familie, vor der man sich zurückzieht.

Damit könnte man wieder das "Shiraha-Fass" aufmachen, dass sich hier jemand ganz offensichtlich dem familiären "Brutpflegegeschäft" entziehen will. Finde ich als Ergänzung zur hier bereits schön diskutierten Kapitalismus- und Feminismusfrage eines der spannendsten Themen des Romans.

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 4010

Registriert seit 14.05.2013

01.01.2021 - 16:01 Uhr
Ja ich bin ja jetzt leider hier sehr spät dran, aber gestern habe ich leider keine Zeit gefunden, mich zu beteiligen

Alles gut. Die Diskussionsrunde ist ja nicht endlich, jeder darf sich seit gestern beteiligen. :)

dieDorit

Postings: 1296

Registriert seit 30.11.2015

01.01.2021 - 16:21 Uhr
Wer hätte gedacht, dass dieses kurzweilige Büchlein soviel Diskussionsstoff bieten würde?

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 16:30 Uhr
Wie auf der vorigen Seite ausgeführt, macht man, denke ich, einen Fehler, wenn man eine tiefenpsychologische Ausarbeitung der Figuren erwartet. Keiko und Shiraha sind Repräsentant*innen einer Haltung, keine Charaktere mit möglichst realistischem Anspruch. Wobei ich Keiko ja wie gesagt schon wegen meiner eigenen autistischen Tendenzen nicht unglaubwürdig finde.

"Einflüsse für ihr Denken und Leben" gibt es bei Keiko nicht, das ist genau der Punkt. Sie ist ein in sich geschlossenes System, das Änderungen im Ablauf nur dann vornimmt, wenn sie der Normalitätssimulation nach außen hin dienen. Die Abläufe im Konbini passen so perfekt zu diesem System, das sie mit dem Laden zu einem neuen, symbiotischen Organismus verschmolzen ist. Mit dieser durchaus auch transhumanistisch auslegbaren Lesart würde ich den Satz mit ihrer Neugeburt deuten: Erst im Konbini ist sie zum vollwertigen Lebewesen geworden, weswegen sie an die Zeit vorher keine Erinnerung hat.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 16:53 Uhr
@Moped: Schöne Analyse, es spricht wirklich viel für die Sicht von Keiko als "geschlossenem System". Trotzdem scheint sie mir mehr Intuition und Menschenkenntnis zu haben, als sie eigentlich besitzen dürfte. Am besten sieht man dies auf Seite 68, finde ich, wo sie u. a. die verschiedenen Blicke der Menschen gekonnt psychologisch deutet.

Aber ich kenne mich tatsächlich bei Autismus viel zu wenig aus, um sagen zu können, wie "minimiert" und trotzdem realitätsgetreu sich hier der Bezug zur Wirklichkeit gestaltet.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 16:58 Uhr
edit: Sorry, ich meinte S. 63.

Bay

Postings: 69

Registriert seit 12.07.2019

01.01.2021 - 17:14 Uhr
Ich bin wirklich sehr beeindruckt von den durchweg fundierten und plausibel begründeten Meinungen, und diese darüber hinaus in unerwarteter Vielzahl. Auch wenn einige hochstudierte Leute dabei sind und man von diesen ja qualifizierteres Feedback erwarten kann wie dem Vernehmen nach von manchen Teilnehmern des "Literarischen Quartetts"...vor allem ziehe ich den Hut vor so mancher analytischen Selbstenthüllung, die selbst unter dem Schutz der Anonymität in einem solchen Forum durchaus Mut erfordert. Da ich in einem Llosa feststeckte und ehrlich gesagt auch keine Lust hatte, mich um das ausgewählte Buch zu kümmern, habe ich in der ersten Runde ausgesetzt. Was ich mir in der zweiten Runde mit dem Auster nicht erlauben werde.

dieDorit

Postings: 1296

Registriert seit 30.11.2015

01.01.2021 - 17:21 Uhr
Ich glaube ich muss jetzt Moped einmal widersprechen, wenn er schreibt „"Einflüsse für ihr Denken und Leben" gibt es bei Keiko nicht, das ist genau der Punkt.“ Kann sein, dass ich dich falsch verstanden habe, aber sie lässt sich doch schon von ihrer Umwelt beeinflussen, so sehr sogar, dass sie Sprache und Kleidung ihrer Mitmenschen imitiert.

Mr. Fritte

Postings: 561

Registriert seit 14.06.2013

01.01.2021 - 17:28 Uhr
Ich hab das Buch einfach mal heimlich unangemeldet mitgelesen und melde mich dann hiermit mal verspätet und unverbindlich zur Buchclub-Diskussion. ;)

Grundsätzlich kann ich mich vielen Meinungen hier auch ganz gut anschließen: Das Buch hat sich flott gelesen, hat mich vor allem im Mittelteil auch zwischenzeitlich durchaus gepackt, und ein paar Mal laut lachen musste ich auch. Ab und zu wurde es mir ein bisschen zu redundant, insbesondere was die Schilderungen von Keikos Orientierungslosigkeit gegen Ende hin angeht. Manches wurde dann so überdeutlich gemacht, dass es etwas anstrengend wurde.

Etwas schade fand ich, dass durch die Übersetzung sehr wahrscheinlich doch ein bisschen was verloren gegangen ist. Wie Keiko die Sprechweise ihrer Kolleginnen imitiert ging da für mich aus den Dialogen nie so richtig hervor, und ich kann mir gut vorstellen, dass das im Japanischen besser funktioniert. Da gibt es ja soweit ich weiß diese viel feingliedrigeren Unterscheidungen zwischen verschiedenen Höflichkeitsformen usw., und ohne es jetzt natürlich sicher zu wissen, hatte ich zumindest das starke Gefühl, dass damit im Original was gemacht wurde, was sich im Deutschen nicht so ohne Weiteres wiedergeben ließ. Hier hat aber niemand mit Japanischkenntnissen das Original gelesen, oder?

Ein interessanter Punkt, über den ich mir beim Lesen immer wieder Gedanken gemacht habe: Wie gut ist Keiko eigentlich wirklich in ihrem Job? Insbesondere am Ende wirkt sie ja wie ein absoluter Supermarkt-Profi und ist als herkömmliche Aushilfskraft eigentlich völlig überqualifiziert. Der ideale Job für sie wäre doch eigentlich der einer professionellen Konbini-Optimiererin, die von Filiale zu Filiale tingelt und da jeweils mal ordentlich aufräumt. Die Frage ist aber vielleicht, ob das, was sie da macht, tatsächlich so große Verbesserungen sind, wie sie das empfindet, oder ob es am Ende keinen so wahnsinnig großen Unterschied macht, ob die Chips jetzt oben oder unten im Regal liegen (wobei das ja nun mal tatsächlich Dinge sind, auf die in Supermärkten geachtet wird). Ich war jedenfalls schon überrascht, dass der Chef so glücklich darüber war, sie gehen zu lassen, denn da verliert er doch (wenn man dem glaubt, was man durch Keiko erfährt) seine beste Angestellte. Das war für mich übrigens auch die traurigste Szene, wie sie da nach all den Jahren der Aufopferung so problemlos ersetzt wird, ohne dass es offenbar für irgendjemanden (oder den Konbini selbst) irgendeinen Unterschied machen würde. Für mich war dadurch jedenfalls bis zum Ende nicht richtig geklärt, ob Keikos Supermarkt-Superkräfte bloß niemand erkennt oder ob das alles, was sie da so perfekt macht, nur in ihrer Wahrnehmung dermaßen entscheidend und wichtig ist und eine schlampig arbeitende Aushilfe dem Laden am Ende auch nicht viel weniger Geld einbringt als eine hochkonzentrierte. Wahrscheinlicher ist wohl leider die letztere Lesart, aber das ist natürlich auch die traurigere. ;) Als Happy End habe ich das Ende sowieso nicht empfunden, weil es doch nur ein Frage der Zeit ist, bis Keiko aus körperlichen Gründen nur noch unter Qualen oder gar nicht mehr im Konbini arbeiten kann. Diese Probleme wurden ja nicht gelöst, und die Reaktionen ihrer Mitmenschen werden nach ihrer endgültigen Entscheidung für das Konbini-Dasein auch sicher nicht wohlwollender ausfallen als vorher.

Eine Kleinigkeit, die mich ein bisschen gewundert hat: Wieso kann sich Keiko problemlos an die Regeln des Supermarkts halten und wundert sich auch immer über Kolleginnen, die mit solchen einfachen Regeln überfordert sind, versteht dann aber die ähnlich einfache gesellschaftliche Regel "Töten ist verboten" nicht? Es gibt ja diese Stelle, an der sie nicht versteht, wieso ihre Schwester ihr Baby nicht ersticht, anstelle es so aufwändig im Arm zu wiegen, weil es dann doch viel schneller ruhig wäre. Aber die (sehr einfache und unmissverständliche) Regel, dass andere Menschen nicht getötet werden sollen, muss ihr ja auch bekannt sein, und die müsste sie doch genauso akzeptieren können wie die Regeln des Supermarktes? Das schien mir nicht so ganz stimmig und war vielleicht ein bisschen sehr auf den Schockeffekt ausgelegt. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass der Grad, zu dem Keiko ihre Mitmenschen durchschaut und auch der Grad ihrer Empathie für andere Menschen nicht durch das ganze Buch hindurch konsistent ist, aber ich bin jetzt auch kein Experte für Autismus, vielleicht passt das schon so.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 17:32 Uhr
@myx: Das ist schon ein Punkt, der widersprüchlich anmutet, da stimme ich zu. Wobei sie bei ihrer Arbeit im Konbini ja eine Art von Menschenkenntnis dazugewonnen haben muss, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Kund*innen wortlos ablesen kann. Vielleicht hat sich das auch auf andere Kommunikationsformen übertragen. Und das konstante Beobachten und die Entschlüsselungsversuche fremd erscheinender menschlicher Verhaltensweisen ist für ein autistisches "System" durchaus üblich.

Autotomate

Postings: 2737

Registriert seit 25.10.2014

01.01.2021 - 17:40 Uhr
Es gibt ja diese Stelle, an der sie nicht versteht, wieso ihre Schwester ihr Baby nicht ersticht, anstelle es so aufwändig im Arm zu wiegen, weil es dann doch viel schneller ruhig wäre.

Tatsächlich auch für mich eine dieser plakativen Stellen im Buch, bei denen ich ziemlich die Nase gerümpft habe...

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 17:45 Uhr
@Dorit: Da hab ich mich auf myx bezogen und ihn leicht falsch zitiert (es muss "denken und erleben" heißen). Ich meine damit, wie auch im nachfolgenden Satz angerissen, dass sie sich nur bewusst beeinflussen lässt, wenn sie denkt, dass dieser spezielle Einfluss ihre "Normalitätssimulation" fördert. Sie hat ja ein Bewusstsein dafür, nicht "normal" zu sein, will diesen Schein aber vor den Menschen ihrer Umgebung wahren. In diesem Sinne imitiert sie die Sprechweise ihrer Kolleginnen und lässt sich auch in anderer Hinsicht vielfach beeinflussen. Wenn die Motivation von ihr selbst ausgeht, würde ich allerdings nicht von einem "Einfluss" im konventionellen Wortsinn sprechen.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 17:55 Uhr
Ja, das mit dem Baby hätte nicht sein müssen. Wobei es aber vielleicht auch nur Ausdruck von Muratas ambivalenter Haltung zu ihrer eigenen Protagonistin ist und sie es den Lesenden nicht zu einfach machen will. Eine potenzielle Kindermörderin ist jetzt keine Figur uneingeschränkter Sympathie.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 18:09 Uhr
Ich lese diese auf mich ebenfalls stark überzeichnet wirkende Szene auch als Anithese zum Familien-Imperativ des maximalen Fortpflanzungserfolgs, womit wir wieder bei Shiraha/Hikkomori bzw. meinem Steckenpferd biologische Verhaltensgrundlagen wären. ;)

Hier stand Ihre Werbung

Postings: 704

Registriert seit 25.09.2014

01.01.2021 - 18:16 Uhr
Ein möglicher Erklärungsansatz wäre das Handbuch des Konbini: hier werden alle Regeln klar und deutlich formuliert, durch die Morgenappelle werden diese nochmal bekräftigt. Im echten Leben sind viele dieser Regeln implizit oder werden in Texten abgedeckt, die ein Normalbürger nie liest. Ich glaube, wenn Keiko die Gesetzestexte lesen würde, würde sie sich über Kriminalität ebenso wundern wie über das Nichtbefolgen der Konbiniregeln.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

01.01.2021 - 18:45 Uhr
@myx: Oh, spannender Ansatz, das hab ich gar nicht bedacht! Der implizierte Wunsch der Kindertötung ließe sich durchaus mit der Fortpflanzungsverweigerung von Keiko und Shiraha in Verbindung bringen. Dann wäre die Szene zwar immer noch etwas "plakativ", aber nicht einfach nur ein auf Schockeffekt ausgelegter Tabubruch, sondern in eines der zentralen Themenfelder des Romans eingespannt.

myx

Postings: 1559

Registriert seit 16.10.2016

01.01.2021 - 18:58 Uhr
@Moped: Ja, das würde ich tatsächlich auch so in dieses zentrale Thema einfügen wollen, schön gesagt. ;)

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 2145

Registriert seit 14.03.2017

03.01.2021 - 00:59 Uhr
Ich hatte beim ersten Versuch Anfang Dezember so meiner Probleme mit dem ausgiebigen Darstellen so alltäglicher Dinge wie dem Einräumen eines Regals. Schwierig machte mir auch, dass ich mit einigen japanischen Begriffen nichts anfangen konnte und mich nicht in die Welt einfühlen konnte bzw es mir schwer gemacht wurde.

Hab mir aber heute ein Herz gefasst und nochmal angefangen und es quasi in einer Rutsche durchgelesen. Ging tatsächlich flott weg und ist angenehm geschrieben. War absolut unterhaltsam. Besonders die zweite Hälfte hat mir sehr gut gefallen.

Ich konnte mich, wie glücklicherweise ja andere hier auch, ein Stück weit in der Schrulligkeit der Keiko wiederfinden. Es ist leichter sich in eine Routine zu begeben, den Tagesablauf immer gleich zu gestalten weil das Sicherheit gibt oder eben sogar Wohlgefühl.Der Weg raus aus der sozialen Isolation ist immer auch ein Wagnis, man riskiert etwas, muss interagieren, läuft Gefahr sich angreifbar zu machen, kritisiert zu werden. Da ist der Drang groß etwa am Samstag abend einfach zuhause zu bleiben weil es leichter ist. Da kann man das machen was man immer macht und wird nicht hinterfragt. Da hat man ja zur Zeit eine hervorragende Entschuldigung nichts unternehmen zu müssen^^
Der Unterschied ist, was mich betrifft aber der, dass ich irgendwas vermisse, weil es eben auch die guten Abende gab für die sich das Risiko gelohnt hat.
Keiko kommt dagegen aus eigenem Antrieb gar nicht auf die Idee überhaupt ansatzweise was anders zu machen weil sie nichts zu vermissen scheint. Sie scheint ihre Persönlichkeit wegen ihrer Kindheitserfahrungen so sehr weggesperrt zu haben, dass sie keine eigene mehr hat.
Ich finde es in dem Zusammenhang mit das spannendste an dem Roman, dass sie den Konbini wie einen Organismus, ein Lebewesen beschreibt, gar ein höherwertiges Lebewesen als sich selbst, wenn sie von der Stimme spricht die sie hört, die ihr sagt was sie braucht. Die ihr den Sinn im Leben gibt. Das ist eigentlich traurig, dass sie es letztlich nicht schafft sich von dieser Abhängigkeit zu befreien. Ich verstehe aber auch, wenn hier von einem Happy End gesprochen wird weil sie immerhin ja den Zwängen der Gesellschaft nicht nachgibt. Aber sie ist für mein Empfinden dennoch am Ende nicht frei.Sie hat zwar ihren Platz gefunden und damit ein gewisses Wohlgefühl aber fristet für mich von außen betrachtet ein tristes Dasein,lebt nur für die Arbeit, lebt ein freudloses Leben

Insgesamt fühlte ich mich gut unterhalten, hätte mir etwas mehr Tiefe gewünscht, dafür hätte es auch gerne länger sein dürfen. Denn da wurde ja einiges angedeutet, worüber man noch ausführlicher hätte reden können wenn man gewollt hätte.Über das Mäntelchen etwa, mit dem sich die moderne Zeit umgibt, wie eine Art Maske. Oder über die Gene, die man besser nicht weitergibt, was Keiko ja sofort geschluckt hat.
Hier steckt schon einiges drin.
Ich möchte wie bereits von anderen geschrieben auch hervorheben, dass ich dem Roman hoch anrechne, dass daraus nicht so eine Liebesgeschichte wurde.

Ich bin so in etwa bei ner 7,5/10 und bedanke mich für die Empfehlung des Buchclubs

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

03.01.2021 - 11:28 Uhr
Diese Lesart einer organischen Verschmelzung von Keiko und dem Konbini wird u.a. auch dadurch gestützt, dass sie sich fast ausschließlich aus den Lebensmitteln von dort ernährt.

Autotomate

Postings: 2737

Registriert seit 25.10.2014

03.01.2021 - 13:00 Uhr
Naja, warum sollte sie irgendwo anders einkaufen? Ich empfinde diese Deutung im Sinne von Symbiose, Verschmelzung und Transhumanismus als übertrieben und nicht sinnvoll.

Der Konbini gibt ihr das Gerüst vor, in dem sie aufgrund der streng vorgefertigten Abläufe Halt findet und leben kann, der ihr ja z.B. auch Zeiten vorgibt, zu essen oder schlafen zu gehen. Aber das ist etwas, was jeder, der einer "geregelten" Arbeit nachgeht, in gewisser Weise nachempfinden kann und wofür es keiner Deutung als "organischer Verschmelzung" bedarf. Ob diese Taktung durch die Arbeit immer so lebensnotwendig ist, wie bei Keiko, sei dahingestellt, aber z.B. die "Verlotterung" des Lebenswandels nach dem Verlust des Arbeitsplatzes ist ja kein Einzelfall.

Autotomate

Postings: 2737

Registriert seit 25.10.2014

03.01.2021 - 13:08 Uhr
Ob diese Taktung durch die Arbeit immer so lebensnotwendig *und erwünscht* ist, wie bei Keiko, sei dahingestellt...

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

03.01.2021 - 13:37 Uhr
Der Roman bietet diese Lesart selbst in seiner Sprache an, u.a. mit der erwähnten "Stimme" des Konbini. Die Deutung wird aus dem Werk abgeleitet und ihm nicht von außen aufgezwungen, weswegen sich ihr durchaus Sinn zuschreiben lässt. Darauf reduzieren würde ich den Roman wie zuvor ausgeführt allerdings auch nicht.

Autotomate

Postings: 2737

Registriert seit 25.10.2014

03.01.2021 - 14:14 Uhr
Diese Sache mit der Stimme ist mir zu wenig, um diese Interpretation als sonderlich zwingend zu empfinden. Natürlich ließe sich ihr Sinn zuschreiben, ich persönlich finde sie aber nicht so angemessen.

Old Nobody

User und News-Scout

Postings: 2145

Registriert seit 14.03.2017

03.01.2021 - 17:05 Uhr
Für das Organische des Konbini gibt es ja mehrere Hinweise. Wenn etwa von den Zellen geschrieben wird, die ständig ausgetauscht werden,das Aussortieren von Fremdkörpern. Und am Ende eben die Stimme, die sie durchströmt.Für die sie geboren wurde. Und dann heißt es auch: " Für mich war fast greifbar, was er wollte, wie er es wollte"
Den Satz, und gerade das "er", verstehe ich durchaus auch als Personalisierung.
Dieser Gedanke hat sich beim Lesen insgesamt einfach verfestigt so dass die Stimme am Ende dann nur eine Bestätigung für mich ist.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 16332

Registriert seit 10.09.2013

03.01.2021 - 17:55 Uhr
Ja genau, danke @Old Nobody. War jetzt selbst zu faul, das Buch nochmal danach zu scannen, aber neben der "Stimme" gibt es noch andere sprachliche Bilder, die diese Deutung zumindest anbieten. Ob man das Angebot annimmt, ist dem Leser/der Leserin freilich selbst überlassen.

Mr Oh so

Postings: 1607

Registriert seit 13.06.2013

05.01.2021 - 16:53 Uhr
MopedTobias (Marvin)
Keiko und Shiraha sind Repräsentant*innen einer Haltung, keine Charaktere mit möglichst realistischem Anspruch.


Ich sehe durchaus einen etwas vielschichtigeren Charakter bei Keiko. Ich denke, sie setzt sich schon mit ihren Verhaltensweisen auseinander, daher der – zugegebenermaßen etwas halbgare – Versuch, ein neues, „bürgerliches“ Leben zu starten. Auch die Tatsache, dass sie sich im „Konbini-Leben“ mit seinen festen Regeln einrichtet, geht auf eine bewusste Entscheidung zurück. Zu Beginn beschreibt sie ja, wie sie sich aufgrund der Reaktionen auf ihre diversen Schoten zurückziehen und möglichst unangreifbar machen will. Da stimme ich Old Nobody zu
Sie scheint ihre Persönlichkeit wegen ihrer Kindheitserfahrungen so sehr weggesperrt zu haben, dass sie keine eigene mehr hat.

Mr Oh so

Postings: 1607

Registriert seit 13.06.2013

05.01.2021 - 17:00 Uhr
Mr Fritte
… Etwas schade fand ich, dass durch die Übersetzung sehr wahrscheinlich doch ein bisschen was verloren gegangen ist. Wie Keiko die Sprechweise ihrer Kolleginnen imitiert ging da für mich aus den Dialogen nie so richtig hervor, und ich kann mir gut vorstellen, dass das im Japanischen besser funktioniert. …


Ja, das ist wohl bei den meisten Übersetzungen so. Denke, die Stellen, wo im Deutschen steht „sagte sie in der Sprechweise von Frau Izumi“ sind eine Krücke. Im Original hat man dann die sprachlichen Eigenheiten vor sich.


Ich war jedenfalls schon überrascht, dass der Chef so glücklich darüber war, sie gehen zu lassen, denn da verliert er doch (wenn man dem glaubt, was man durch Keiko erfährt) seine beste Angestellte. Das war für mich übrigens auch die traurigste Szene, wie sie da nach all den Jahren der Aufopferung so problemlos ersetzt wird, ohne dass es offenbar für irgendjemanden (oder den Konbini selbst) irgendeinen Unterschied machen würde.

Die Stelle hat mich auch berührt. Neben der recht plakativen Kapitalismuskritik zeigt es aber auch wie fragil das System ist, in dem Keiko (scheinbare) Sicherheit findet.

dieDorit

Postings: 1296

Registriert seit 30.11.2015

05.01.2021 - 17:56 Uhr
@Mr. Fritte

Die Frage wie gut Keiko in ihrem Job ist, ist tatsächlich interessant. Schließlich gibt es in der kleinen Hierarchie noch mindestens zwei Positionen über ihr, die der Frau Izumi ("Chefaushilfe") und die des Filialleiters, trotzdem stand wohl eine Beförderung Keikos in all den Jahren nie zur Debatte. Entweder weil niemandem aufgefallen ist, was sie drauf hat oder weil sie nicht die richtige Qualifikation für eine höhere Position hat (obwohl sie das mit ihrer Erfahrung sicher hätte kompensieren können) oder weil sie ob doch – über ihre Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit (diese Qualitäten wurden ihr zumindest anerkannt) hinaus – mit ihren Leistungen nicht sonderlich heraussticht.

Seite: « 1 2 3
Zurück zur Übersicht

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht: