Film: Midsommar

User Beitrag

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

11.10.2019 - 16:46 Uhr
Gestern gesehen und für sehr gut befunden. Ich will hier noch nicht zu viel verraten, nur so viel: auf eine gewisse Weise ist es ein Verfilmtes Goat-Album. Wer also die Band mag, sollte die Chance nutzen sich diese Perle zu Gemüte zu führen.

Matjes_taet

Postings: 394

Registriert seit 18.10.2017

11.10.2019 - 16:51 Uhr
Mal grundsätzlich: Muss jetzt wirklich jeder durchschnittliche Film einen eigenen Thread haben, oder wollen wir nicht einfach im Film-Thread bleiben?

Sonst mach ich demnächst noch nen Stuber-Thread auf.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

11.10.2019 - 17:53 Uhr
Dieser Film ist alles andere als durchschnittlich und hat seinen Thread verdient, würde ich sagen.

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

11.10.2019 - 18:02 Uhr
Ach Matjes_taet, dann bleib doch auf Facebook, wenn dir das hier zu "wild" ist.

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

11.10.2019 - 18:03 Uhr
p.s.: Witzig auch dieses "objektive" Kunstverständnis.

Schwarznick

Postings: 417

Registriert seit 08.07.2016

11.10.2019 - 19:38 Uhr
werde mir vorher noch einmal hereditary als appetithappen anschauen und mich dann auf diesen stürzen.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 19:21 Uhr
Midsommar (enthält !Spoiler!)

Aufgrund der überaus positiven Rezensionen war ich extrem gespannt auf den Film. Aber wie ist es mit Erwartungen: sie werden so gut wie nie übertroffen, im besten Fall erfüllt - aber in der Regel unterboten.

Beginnen wir mit dem Anfang: warum die Schwester der Hauptdarstellerin nicht nur sich selbst, sondern auch die gemeinsamen Eltern umbringt - keine Ahnung. Wird nicht erläutert, sie ist halt krank, fertig. Ich als Zuschauer kann daher aber keine emotionale Bindung zur Vorgeschichte aufbauen, da mir die Beweggründe komplett fehlen. Selbst ein Psychopath handelt in seinem eigenen Kosmos rational. Der Film suggeriert: die Hauptdarstellerin war bereits vorher mental angeknackst und hat durch dieses Erlebnis endgültig den Boden unter den Füßen verloren. Dass sie im weiteren Verlauf des Films noch am normalsten rüberkommt, ist ein lustiger Aspekt. Die Vorgeschichte spielt für den eigentlichen Film aber absolut keine Rolle, der Film würde auch ohne (nicht) funktionieren. Aber ok, wir fahren einfach mal in eine Kommune nach Schweden, eine Frau und 4 Männer, die sich nicht so richtig kennen und mögen - wo allein der Zweck der Reise völlig nebulös ist. Ok, es klärt sich im Laufe der Zeit, einer der Nebenfiguren möchte seine Abschlussarbeit darüber schreiben, und der Initiator möchte einfach Frischfleisch für seinen Inzestkult finden. Ok, gekauft, nach 2/3 des Films. Mit viel gutem Willen.

Nach einer halben (oder 3/4?) Stunde gibt es dann einen blutigen und extrem verstörenden Höhepunkt, der im Laufe des Films nicht mal ansatzweise wieder erreicht wird. Ich hatte die kurze Hoffnung nach der schwachsinnigen
Vorgeschichte, dass es ab jetzt besser wird.

Weit gefehlt. Wir erleben im Laufe des Film absolute Standardware. "Oh, jemand ist verschwunden? Wir müssen ihn suchen! Ach, ihm geht es gut? Na dann, ich glaube dir unbekannter Person einfach mal! Ja, ich bin auch aktuell auf Drogen und da vorne wartet schon der nächste Plottwist auf mich. Wir tanzen jetzt im Kreis oder backen Kuchen!"

Nicht, dass wir uns missverstehen: ich liebe Anti-Feelgood-Movies, je verstörender desto besser, aber es muss glaubhaft transportiert werden. Und das habe ich in einer Reihe von Filmen deutlich besser gesehen. Die Kunst besteht darin: ich baue vorher eine Feelgood-Atmosphäre auf, um sie dann stückweise einzureißen und in einem Albtraum enden zu lassen. Wenn aber vorher schon alles wie an-den-Haaren-herbeigezogen wirkt, kann ich mich zu keiner Zeit in die Lage der Protagonisten hineinversetzen. Sorry.

5/10

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

02.02.2020 - 19:29 Uhr
Dann nutze ich den hochgeholten Thread mal, um meine Review von damals reinzukopieren:

Midsommar 9/10 (mit SPOILER-Warnung, nichts Konkretes, aber u.a. eine Deutung des Endes)

Meine Begleitung, ein großer Fan von "Hereditary", war nach dem Kinobesuch enttäuscht von "Midsommar". Als Hauptgrund wurde eine falsche Erwartungshaltung ausgemacht, die einem "Hereditary" ähnlichen, nervenaufreibenden Psycho-Horror-Trip entsprach. Tatsächlich bewegt sich "Midsommar" so weit von Genre-Konventionen weg, dass eine Klassifikation überhaupt als "Horror" sehr stark von der eigenen Definition davon abhängt. Ari Aster stellt einer drohenden Hollywood-isierung nach seinem extrem erfolgreichen Debüt einen sperrigen, ambitionierten, wirklich unfassbar eigenartigen Film entgegen, bei dem man sich auch lange nach dem Abspann noch fragt, was man da eigentlich gerade gesehen hat.

Aber von Anfang, denn der hat es schon in sich. Wegen des Folk-Horror-Settings wurde "Midsommar" im Vorfeld viel mit "The Wicker Man" verglichen, doch in der Eingangssequenz erscheint Nicolas Roegs bitterböses Meisterwerk "Don't Look Now" als näherliegende Referenz. Aster inszeniert im Intro seines Films eine intensive Familientragödie, die ganz ohne Geister, Dämonen oder sonstige Genre-Tropen den größtmöglichen Horror erzeugt. Dani (Florence Pugh), die Leidtragende jenes Dramas, wird nach den ersten fünf Minuten emotional bereits am völligen Abgrund stehen und dem Zuschauer ergeht es kaum anders. Aster beweist schon hier seine – für sein junges Alter beeindruckende – Virtuosität als Regisseur, setzt Visuals und Musik mit klinischer Präzision zu einem expressionistischen, nahezu abstrakten Alptraum zusammen. Die Intensität seiner Bilder wird im Folgenden keinen Deut abnehmen.

Dani, die zusätzlich zu ihrem Trauma noch an einer eher unglücklichen Beziehung zu ihrem Freund Christian (Jack Reynor) leidet, entscheidet sich, Christian und ein paar seiner Uni-Freunde auf einen Trip nach Schweden zu begleiten. Pelle (Vilhelm Blomgren), einer dieser Freunde, hat sie zu einem Festival seiner einem Natur-Kult gleichenden Familiengemeinschaft eingeladen, das alle neun Jahre zur Sommersonnenwende stattfindet. Der Zeitpunkt ist ein Schlüsselelement, weil Aster fast seinen kompletten Film in gleißendem Tageslicht spielen lässt. Die Atmosphäre wirkt mit der wunderschönen Umgebung und den offenherzigen, in weiß gekleideten Leuten idyllisch, nur manch merkwürdige Andeutung oder das ein oder andere Hintergrundgeschehen irritieren etwas. Was dann alles passiert ist… schwer in Worte zu fassen. Jordan Peele meinte, dieser Film enthielte ein paar der verstörendsten Bilder, die er überhaupt je gesehen habe – ich würde denselben Superlativ nicht verwenden, allerdings sage ich etwas, das ich im Zuge der dritten Twin-Peaks-Staffel schon mal äußerte: "Midsommar" ist genau die Art von Film, wegen der ich Filme gucke und dieses Medium so liebe. Es ist ein unglaublich faszinierender, die Form beherrschender und dekonstruierender Trip, der zu keinem Zeitpunkt erahnen lässt, wo er überhaupt hin will. Das Geschehen zwischen Drogen-Hallus, Splatter und abseitigem Ritual-Sex ist einnehmend, absurd, immer unheimlich und im schlimmsten Fall absolut verstörend. Auch wenn der Film im klassischen Sinne weder Terror noch Nervenkitzel-Spannung erzeugt, würde ich ihn wegen dieses konstanten Gefühls des Unbehagens samt augenaufreißenden WTF-Momenten zu 100% als Horror einordnen. Aster legt in aller Seelenruhe alles radikal offen und sorgt in Kombination mit der nichts im buchstäblichen Dunkeln lassenden Lichtstimmung dafür, dass sich seine Bilder besonders stark einbrennen.

Worauf "Midsommar" letztlich hinausläuft, ist passend zum Rest herrlich ambig: War das jetzt grausam oder ein total verqueres Happy End und was zur Hölle soll eigentlich alles bedeuten? Die Interpretation ist dank sehr reicher okkulter wie biblischer Symbolik sicherlich vielfältig, auch der von Wolfgang angesprochene Kulturbezug – Christian und seine Freunde sind Anthropologie-Studenten, die z.T. ihre Diplomarbeit über die Schweden schreiben wollen – kann eine Rolle spielen. Ich würde den Kern des Films aber in der psychologischen Ebene sehen, er war zu Beginn ein Charakter- und Beziehungsdrama und wird es in meinen Augen am Ende immer noch sein. Wie in der verrücktesten Gruppentherapie der Welt verarbeitet Dani – vielleicht auch wirklich allegorisch? – mit Unterstützung des Kults ihr Trauma und setzt einen Schlussstrich unter ihre ungesunde Beziehung. Wie auch immer man es deuten mag, zumindest in einer Sache bin ich mir nach der ersten Sichtung und zwei Tagen Verarbeitung sicher: "Midsommar" ist der Film des Jahres und ein spätes Highlight der ausglühenden 2010er-Jahre.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 21:23 Uhr
Meine Begleitung, ein großer Fan von "Hereditary", war nach dem Kinobesuch enttäuscht von "Midsommar". Als Hauptgrund wurde eine falsche Erwartungshaltung ausgemacht, die einem "Hereditary" ähnlichen, nervenaufreibenden Psycho-Horror-Trip entsprach. Tatsächlich bewegt sich "Midsommar" so weit von Genre-Konventionen weg, dass eine Klassifikation überhaupt als "Horror" sehr stark von der eigenen Definition davon abhängt.

Der Film ist so Horror, mehr geht es kaum. Natürlich atmosphärischer Horror, aber mit denselben dämlichen Ingredienzen. Die Hauptfigur ist von einem Schicksalsschlag heimgesucht und ihr näheres Umfeld drängt sie zur Bewältigung dessen hin eine Reise zu unternehmen, zu der sie eigentlich keinen Bock hat. 0815. Oh Schreck, alle Nebenfiguren verschwinden auf einmal, aber wir finden für alles eine PLAUSIBLE Erklärung. 0815. Dann gerät man in einen komischen Kult und am Ende sterben alle bis auf die Hauptfigur. Die hat ja genug Schlimmes erlebt und darf überleben. 0815.

Nein, ich geb es ja zu: müsste ich mindestens 10 Filme aus meinem Gedächtnis streichen, die eine ähnliche Thematik hatten und besser waren, würde ich Midsommar sogar ganz gut finden.

Jordan Peele meinte, dieser Film enthielte ein paar der verstörendsten Bilder, die er überhaupt je gesehen habe – ich würde denselben Superlativ nicht verwenden

Das ist sehr billig. Mein 6-jähriger-Neffe meinte, dieser Film enthielte ein paar der verstörendsten Bilder, die er überhaupt je gesehen habe. Er hat bis jetzt nur Baumeister Bob und Paw Patrol gesehen. WTF?

Eurodance Commando

Postings: 607

Registriert seit 26.07.2019

02.02.2020 - 21:32 Uhr
Die Vorgeschichte spielt für den eigentlichen Film aber absolut keine Rolle, der Film würde auch ohne (nicht) funktionieren. Aber ok, wir fahren einfach mal in eine Kommune nach Schweden, eine Frau und 4 Männer, die sich nicht so richtig kennen und mögen - wo allein der Zweck der Reise völlig nebulös ist. Ok, es klärt sich im Laufe der Zeit, einer der Nebenfiguren möchte seine Abschlussarbeit darüber schreiben, und der Initiator möchte einfach Frischfleisch für seinen Inzestkult finden. Ok, gekauft, nach 2/3 des Films. Mit viel gutem Willen.

:D

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 21:36 Uhr
Ja, sorry für meine Ausdrucksweise. :D Aber es ist doch echt trashig.

Eurodance Commando

Postings: 607

Registriert seit 26.07.2019

02.02.2020 - 21:44 Uhr
Faszinierend wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Für mich hat der Film glänzend funktioniert, hat mich eingesaugt und nicht eine Sekunde gelangweilt trotz der drei Stunden. Die Atmosphäre, die Bilder, die Darsteller, die absurden und sicken Momente. Ach komm ey, is doch beste Unterhaltung. Richtig schönes Fremdschämen auch im Kino bei einer speziellen Szene. Also Ari Aster ist für mich echt ein kleines Wunder.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 21:56 Uhr
Es ist leider sehr konstruiert, hat für mich 0 Atmosphäre, überhaupt keine tollen Bilder (welche überhaupt?), die Darsteller sind grottig und eher aus der Riege C-Darsteller. Bis auf Will Poulter (Bandersnatch und The Revenant) kannte ich auch niemand.

Ach komm ey, is doch beste Unterhaltung.

Ich hätte es mir so gewünscht. Wenn schon nicht gut, dann wenigstens trashig. Aber es ist nichts.

Eurodance Commando

Postings: 607

Registriert seit 26.07.2019

02.02.2020 - 21:59 Uhr
:D

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

02.02.2020 - 22:18 Uhr
Natürlich ist das "konstruiert", das ist ein zu 100% durch-ästhetisierter Film. Ist doch nicht zwingend was schlimmes. Kannst du nichts mit anfangen, okay, für mich ist es eine absolut grandiose, kunstvolle Art, mit dem Medium umzugehen. Mir erging es wie Eurodance, ich war drei Stunden völlig gebannt und fasziniert. Wie man die Bilder nicht beeindruckend und einbrennend empfinden kann, kann ich nicht nachvollziehen. Allein die Anfangssequenz, sie mit dem Schlauch... das ganze Ende, der Bär, Dani im "Blumenkleid" (eine Szene, die zb Scorsese, der übrigens genauso wenig wie Jordan Peele dein Neffe ist, ausdrücklich gelobt hat). "Grottige" Darsteller*innen, auf keinen Fall, Florence Pugh ist super. Kann in anderen Filmen vielleicht mehr zeigen, aber dass du sie nicht kennst, kann sie ja auch nichts für (und was hat das überhaupt für eine Bewandtnis?).
Ne, wie gesagt: Filme wie "Midsommar" sind der Grund, warum ich Filme liebe. Wir werden hier aber auch einfach auf keinen Nenner kommen, weil wir extrem unterschiedliche Arten von Filmeguckern sind.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 22:44 Uhr
Ihr seid 3 Stunden völlig gebannt und fasziniert gewesen? Cool, der Film ging nicht mal 2 1/2 Stunden. ;) Ist das irgendne Metapher, die ich nicht verstehe? Haben sie euch ne halbe Stunde nach Filmende aus dem Kinosaal getragen, weil ihr völlig zugedröhnt im Sessel sitzengeblieben seid? Ich will es nur verstehen...

Wie man die Bilder nicht beeindruckend und einbrennend empfinden kann, kann ich nicht nachvollziehen.

Ich schon. Ich sehe grüne Wiesen und ein paar Holzhäuser. Nein, das gibt es natürlich nirgendwo. ;)

"Grottige" Darsteller*innen, auf keinen Fall, Florence Pugh ist super. Kann in anderen Filmen vielleicht mehr zeigen, aber dass du sie nicht kennst, kann sie ja auch nichts für (und was hat das überhaupt für eine Bewandtnis?).

Gegen sie sag ich gar nix, außer, dass sie aussieht wie maximal 16, und mit Mitte-Zwanzigern, alle männlich, ein Reise unternimmt.

Wir werden hier aber auch einfach auf keinen Nenner kommen, weil wir extrem unterschiedliche Arten von Filmeguckern sind.

Absolut. Ich wollte Midsommar gut finden, ich finde in fast jedem Film etwas Gutes. Er ist auch absolut keine Katastrophe oder grottenschlecht, versteht mich nicht falsch. Aber erwartbar, ohne Twist, ohne Besonderheit, ohne Relevanz. Deswegen 5/10.

Eurodance Commando

Postings: 607

Registriert seit 26.07.2019

02.02.2020 - 22:53 Uhr
Ihr seid 3 Stunden völlig gebannt und fasziniert gewesen? Cool, der Film ging nicht mal 2 1/2 Stunden. ;) Ist das irgendne Metapher, die ich nicht verstehe? Haben sie euch ne halbe Stunde nach Filmende aus dem Kinosaal getragen, weil ihr völlig zugedröhnt im Sessel sitzengeblieben seid? Ich will es nur verstehen...

Alter ich kann nicht mehr. :D

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

02.02.2020 - 23:00 Uhr
Ich auch nicht. :D Beenden wir es für heute. :*

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

02.02.2020 - 23:43 Uhr
Hängst du dich echt an der halben Stunde auf, unglaublich... strenggenommen ist es sogar noch mehr, weil zumindest die Faszination eigentlich sogar bis heute anhält.

Wenn du die Bilder auf "Wiesen und Holzhäuser" reduzierst und diesem unheimlich eigenständigen Film (welcher Film ist denn genau so?) Besonderheit und Relevanz absprichst, dann weiß ich auch nicht weiter.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

02.02.2020 - 23:55 Uhr
Nicht abwertend gemeint oder so, jeder Jeck ist anders. Mir kommt es beim Lesen schlicht so vor, als hätten wir zwei völlig unterschiedliche Filme gesehen, weil wir so extrem andere Bewertungsmaßstäbe ansetzen.

Herr

Postings: 1233

Registriert seit 17.08.2013

03.02.2020 - 00:04 Uhr
Bei Schauen des Films machte irgendwas in mir Alarm,
Und dann kam ich drauf; jetzt klingelts,
Ich dachte immer an „Unsere kleine Farm“,
mit Laura Ingels.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

04.02.2020 - 18:53 Uhr
Der Film ist in gewisser Hinsicht schon eigenständig, da diese sonnendurchfluteten Aufnahmen für einen Horrorfilm (im weitesten Sinne Horrorfilm) doch sehr untypisch sind. Das spreche ich ihm nicht ab. Die Sekten- oder Kult-Thematik ist allerdings überhaupt nicht neu (Apostle, Wicker Man, The Invitation, The Ritual u.a.), wobei ich die Thematik sogar gut finde.

Wenn ich aber nach 30-45 Minuten so ein einschneidendes Ereignis präsentiert bekomme, wo eigentlich jeder Mensch das Weite suchen müsste und nur 2/7 Personen eine rationale Reaktion zeigen, verliert mich der Film komplett. Da ist zu sehr konstruiert und plakativ.

Natürlich ist der Film keine Vollkatastrophe und hat neben der unglaubwürdigen Handlung auch ein paar gute Szenen zu bieten, aber mehr als 5/10 ist das nicht für mich.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

04.02.2020 - 19:20 Uhr
Wie gesagt, unterschiedliche Ansprüche. Ich gucke Filme nicht, um Menschen möglichst rational und glaubwürdig handeln zu sehen und habe kein Problem mit "Konstruiertheit". "Midsommar" hat mich in erster Linie ästhetisch und in zweiter in seinen mehrschichtigen Deutungsdimensionen fasziniert.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

04.02.2020 - 20:37 Uhr
Ja, in der Tat unterschiedliche Ansprüche. Ästhetisch hat der Film durchaus seinen Reiz.

Aber es gibt für mich zu viele Szenen, die mich vollkommen rausreißen. Die eine Szene, wo die englische Touristin nach ihrem Mann sucht (kann es leider nur sinngemäß wiedergeben):
"Hey, wo ist mein Mann?"

"Ja, den haben wir zum Bahnhof gebracht"

"Hä, der würde niemals ohne mich einfach abhauen"

"Ja, der wartet da auf dich, der wollte schonmal vorher los"

"So ein Quatsch, wir hätten doch zu zweit fahren können!"

"Ja, wir haben aber nur ein Zweisitzer-Auto"

"Er hätte mich doch auf den Schoß nehmen können"

"Ne, wir in Schweden achten sehr auf die Verkehrsregeln"

*facepalm* Gibt zig Szenen der Art.

Ich les mir nochal deine Rezi durch, aber mehrschichtige Deutungsdimensionen hab ich nicht gesehen.

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

04.02.2020 - 20:44 Uhr
Ja, aber doch gerade diese Verstrahltheit der offensichtlichen Lügen der Kultisten trägt doch zum Unbehagen bei...

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

04.02.2020 - 20:49 Uhr
Bei mir leider nicht. Dass fast alle perfekt englisch sprechen können auch nicht. Wirkliches Unbehagen hatte ich leider selten.

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

04.02.2020 - 21:05 Uhr
Dass aber gerade vieles Schwedisch ohne Untertitel bleibt ist schon eine positive Ausnahme...

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

04.02.2020 - 21:22 Uhr
Ja, das fand ich auch gut. Trägt zur Atmosphäre bei. Viel zu selten....

Hallohallo

Postings: 89

Registriert seit 30.01.2020

04.02.2020 - 22:49 Uhr
Japanische Anime nur im koreanischen Original schauen!

alterniemand

User und News-Scout

Postings: 1378

Registriert seit 14.03.2017

06.02.2020 - 23:26 Uhr
Bin vollkommen bei MopedTobias.
Ich liebe es, wenn ein Film so eine einnehmende Atmosphäre hat, so eine spezielle unbehagliche und doch extrem faszinierende Stimmung erzeugt. Mit einer Bildsprache, die ich gar nicht in Worte fassen kann. Auch diese langsamen Kamerafahrten oft.
Mega intensiv.
Ich bin, wie ich schon öfter schrieb, jemand für den die Atmosphäre oder die Stimmung, die bei mir erzeugt wird, wichtiger sind als Handlungen. Deswegen ist so eine Art Film wie für mich gemacht.
Ein Kunstwerk

Gibt jetzt nicht eben unzählige Filmen und Serien, die eine derart unbehagliches Gefühl auslösen und mich dabei derart in den Sessel drücken, mich so überwältigen.
Da fällt mir als erstes Bergman ein vor allem mit Persona ein.Das wäre wohl meine oberste Referenz.
Mir fällt da auch die legendäre achte Folge der dritten Staffel Twin Peaks ein.
Überhaupt natürlich Lynch. Lanthimos, von Trier, Haneke ...

Hereditary war auch brillant, hab ich erst vor kurzem gesehen. Grandiose Stimmung. Da wusste ich auch nicht, wohin die Reise geht. Wie auch bei Midsommar ein sensationell eingesetzter Score.Midsommar ist aber doch nochmal ein höheres Level.

Underground

Postings: 1393

Registriert seit 11.03.2015

07.02.2020 - 07:49 Uhr
Ich finde durch die langsamen Kamerafahrten und die weiten Kameraeinstellungen hat der Film etwas von einer Doku, was gut zu dem anthropologischen Hintergrund der Studenten passt.

tumbleweed

Postings: 125

Registriert seit 02.09.2019

16.02.2020 - 11:31 Uhr
Ich habe den Film nun im Heimkino begutahctet und bei so vielen positibven Kritiken möchte man den Film natürlich auch gut finden.

Und ja, natürlich kann man in dieser 2 1/2 stündigen Wicker Man Variante auch viel Liebe zu Detail erkennen und interpretierfreudige Menschen werden auch gesellschaftspolitische Querverweise entdecken oder auf Feinheiten achten wie Wandbemalung, Kamerafahrten oder bestimmte Verhaltensweisen der Dorfbewohner.

Ich selbst kann dem Film mit Ach und Krach eine 2/10 geben, da dieser gockelhafte langweilige und sonderbare Film eine 10-Minuten Story auf 150 Minuten ausgewälzt hat. Die Okkultismus-Story ist vorhersehbar und ohne jede Überraschungen. Jede Spoilerwarnung bei diesem Film wäre lächerlich.

Nachdem die schwedischen Dorfbewohner Ihre alten Traditionen pflegten und singen, tanzen, klatschen und hüpfen, passiert irgendwann natürlich mal etwas sonderbares. Bis dahin muss man sich nur wach halten. Das Verhalten vieler Beteiligten wirkt nicht immer schlüssig oder logisch. Manche Szenen finde ich sogar echt nervig (der Sing Sang der Damen, die der Sex-Szene beiwohnten)

Auch wenn sich die Kritiken überschlagen, schaut Euch mal die ersten paar Seiten der IMDb Kommentare an. Soviele 1-Sterne Bewertunegn am Stück habe ich nioch nicht gesehen.

Bei mir hat der Film übrigens auch ein unbehagliches Gefühl ausgelöst, nämlich dass ich gerade 2 1/2 Stunden Lebenszeit verschwendet habe.

slowdive

Postings: 157

Registriert seit 15.09.2016

16.02.2020 - 12:05 Uhr
Zitat: eine 10-Minuten Story auf 150 Minuten ausgewälzt

Abgesehen davon, dass ich dir in allen Punkten wiedersprechen würde, frage ich mich immer was genau damit gemeint ist. Liest man ja öfter. Wirkt für mich immer wie eine Reduktion des Mediums "Film" auf die Informationen, die vermittelt werden. Was für eine Verkürzung. Nachdem es nun ja auf diversen Anbietern bereits die 1,5-Speed-Funktion gibt, ist wohl der nächste Schritt nur noch das Lesen der Inhaltsangabe, um zu wissen "worum es geht".

Hatte ja vor einiger Zeit auch schon etwas zum Film geschrieben, jedoch nicht hier im Thread. Also nochmal:

Midsommar

Die Art und Weise, in der Ari Aster in der um Superlative nie verlegenen Kritikerwelt aktuell zum neuen Hohepriester des Horrorgenres geweiht wird, ist sicherlich ein wenig übertrieben und doch: Begeisterungsstürme sind angemessen. Wurde in Hereditary noch die Familie auf den Prüfstand gestellt, rückt nun – wie vielfach bereits interpretiert wurde – die Idee der Beziehung und ihre psychologischen Implikationen in den Vordergrund. Wir sehen ein Film über Dani – herausragend verkörpert von Florence Pugh – die traumatisiert ist, die, egal wie schlecht sich alle anderen verhalten, die Schuld immer bei sich selbst sucht. Sie ist in einer Beziehung mit einer Person, die nicht böse, aber unsensibel und ausnutzend ist. Eine psychologisch oft schwer zu ertragende Konstellation, deren Schrecken im Horror des Films gespiegelt wird. Doch Asters zweites Werk funktioniert auch in anderen Lesarten hervorragend: Wir sehen zugleich ein politischen, einen ideologiekritischen Film.

Midsommar entführt uns in eine Welt, eine Kommune, die uns auf den ersten Blick fremdartig erscheinen mag und doch Entscheidendes über die Ideologien unserer Zeit zu berichten weiß. Das, was wir hier sehen, wirkt zunächst wie die übliche westliche, studentische Aussteigerfantasie. Zurück zu Natur, die Gemeinschaft als höchstes Gut, Drogen zur Bewusstseinserweiterung, esoterische Rituale als Scheuklappen vor der Wirklichkeit, Abschottung. Eine Szenerie, in die sich auch radikale Impfgegner und Homöopathie-Jünger ohne weiter aufzufallen einbetten könnten.

Ari Aster macht sich nun daran, die Ideologie hinter jenen New-Age-Ideen zu dekonstruieren, welche mit harmloser Hippie-Träumerei letztendlich doch nur wenig gemein haben. Wir sehen blutige Rituale, die Auflösung des Individuums zugunsten eines totalitären Kollektivs, die Abschaffung des Privaten und die Konstruktion einer naturgewollten Kultur und Lebensweise, in der jede Abweichung von einem angeblich natürlichen Verhalten mit tödlicher Härte bestraft wird. Die rückwärtsgewandte Idee, es gebe ein solches „Zurück zur Natur“, ein Zurück zu einem friedvollen, unberührten Zustand purer Harmonie, der bereinigt ist von den Missetaten der Zivilisation, wird hier mit blutiger Konsequenz zu Ende gedacht: Hälsingland, eine mit Freundlichkeit und Blumen geschmückte faschistische Enklave.

Gerechtfertigt wird jenes Unrecht auf alle Weisen, nur nicht auf die Entscheidende: Eine politisch-moralische. Das sei Tradition. Das werde schon immer so gemacht. Andere Länder, andere Sitten. Die Philosophin Martha Nussbaum stellt in diesem Kontext fest:

<blockquote>„Viele meiner Studenten und allgemein viele Personen, denen ich heute begegne, sind Kulturrelativisten. Sie vertreten die Ansicht, es wäre grundsätzlich unangemessen, die Praktiken fremder Kulturen von außen zu kritisieren, egal ob diese mit ansonsten universell gültigen moralischen Werten zu vereinbaren seien oder nicht.“</blockquote>

Die Falschheit jener Ideen führt uns Aster in Form seiner Protagonisten eindrucksvoll vor. Wir sehen Anthropologie-Studenten, die nicht in der Lage sind, mehr als nur Beobachtungen anzustellen. Die keinen moralischen Standpunkt mehr besitzen und in ihrer politischen Korrektheit selbst das gröbste Unrecht noch zu rechtfertigen wissen. Es fallen die bekannten Phrasen und Relativierungen: Man müsse eben offen für andere Lebensweisen sein. Und ohnehin, die Leute hier wären „wohl auch nicht begeistert davon, dass wir unsere älteren Bürger ins Altenheim abschieben“. Eben diese vehemente Weigerung, Unrecht als solches zu benennen und diesem mit einer universalisierbaren, aufklärerischen Moral zu begegnen, wird hier mit dem eigenen Leben bezahlt.

Ähnlich wie die Kamera zu Beginn, wird in Midsommar auch die Grundkonstellation einer solch relativistischen Weltsicht auf den Kopf gestellt. Der übliche Vorwurf des Eurozentrismus wird durch die kluge Entscheidung, Schweden, vermutlich das sozialliberale Utopia schlechthin, als Handlungsort für das bizarre Treiben zu wählen, bereits im Vorfeld entkräftet, sodass der Fokus anschließend nur auf moralischen Fragen liegen kann und nicht mehr auf identitätspolitischen Ideen. Auch die Wahl der Opfer, die hier weiße Mittelschicht-Studenten sind, zeugt von dem klugen Geist, der Asters Zweitwerk umweht. Dem Publikum wird im Kunstwerk ein Spiegel vorgehalten, während es in der Realität meist die Marginalisierten sind, die leidtragend sind. Die Frauen, die kein Mitspracherecht haben, die zwangsverheiratet werden, die unter rituellen Genitalverstümmlungen leiden. Die Homosexuellen, denen Leben bedroht wird für die Art, in der sie lieben. Die politisch Andersdenkenden in repressiven Gesellschaften. Mit einer gewissen Süffisanz darf zur Kenntnis genommen werden, dass gerade dieses Werk nun in Schweden der kulturellen Aneignung bezichtigt wird.

Wenn wir Midsommar im Kino sehen, zeigt sich erneut: Der wahre Horror unserer Existenz liegt nicht in gewalttätigen Ausbrüchen und angeblichen Ausnahmezuständen. Vielmehr sollten wir unseren Blick für die Furchtbarkeit der längst zur Normalität gewordenen Strukturen, die uns tagtäglich umgeben, schärfen. Für die Art und Weise, in der wir miteinander umgehen, für die Psychologie unserer Beziehungen, für unsere realpolitische Situation, für die Ideologien, die uns vorgaukeln keine zu sein, während sie sich selbst als Naturzustand verkleiden. Die Meisterwerke des Genres verschreiben sich der Dekonstruktion jener Schrecken. Trotz einiger szenischer Albernheiten und ein paar Pacing-Problemen im Mittelteil gehört Midsommar zweifelsfrei dazu.

Online auf tiefenschärfe.org.

Anbei ärgere ich mich, dass die Blu-ray-Version, die auch den Extendend-Cut enthält, mitlerweile in Preisregionen angesiedelt ist, bei denen ich nicht mitgehen mag. Scheiß künstliche Verknappung.

boneless

Postings: 2697

Registriert seit 13.05.2014

16.02.2020 - 13:06 Uhr
Zu meinen im Film-Thread angemerkten Kritikpunkten: trotz der sehr schlüssigen Stimmung und Inszenierung waren mir einige Rituale des Kults schon ein wenig zu sehr "Over the Top". Gerade diese Geräusche, die bei verschiedenen Zeremonien ausgestoßen wurden, haben mich schon hier und da schmunzeln lassen und als die alte Frau Christian beim Sex zur Hilfe geht, dachte ich schon kurz: jetzt übertreibt es Aster aber. Fällt im Gesamten aber nicht wirklich ins Gewicht, ebenso wenig wie die vom Piloten angesprochenen "Plotholes", als nach und nach die Freunde verschwinden und sich Dani und Christian sehr leicht davon überzeugen lassen, dass alles gut wäre. Mag man als Filmfehler werten, ich hatte aber den Eindruck, dass beide (vor allem Christian) permanent unter Drogeneinfluss standen bzw. gehalten wurden und sowieso nicht wirklich mitbekamen, was da eigentlich um sie herum und mit ihnen passierte.

alterniemand

User und News-Scout

Postings: 1378

Registriert seit 14.03.2017

16.02.2020 - 13:29 Uhr
@ slowdive:
Toller Beitrag

"Nachdem es nun ja auf diversen Anbietern bereits die 1,5-Speed-Funktion gibt, ist wohl der nächste Schritt nur noch das Lesen der Inhaltsangabe, um zu wissen "worum es geht"."

Danke dafür, geht mir 100% genau so.
Das WIE ist so unendlich viel wichtiger als das WAS. Die Atmosphäre, die Stimmung eines Films, die Gefühle, die bei mir ausgelöst werden sind mir grds hunderttausendmal wichtiger als Handlung und etwaige Fehler darin. Ich weiß nicht, gibt auch Spiele, die mich emotional voll abholen und die ich dafür feiere, wo andere sich über irgendeinen Logikfehler aufregen.Ich frag mich dann meist warum sich Leute nicht fallen lassen können/wollen

Wobei ich da im Kino selbst so meine Probleme mit habe:
Ich will mich auf so eine Atmosphäre wie hier voll einlassen können, daher kann ich mir sowas nicht mehr im Kino anschauen weil ich die vielen Störgeräusche nicht ausblenden kann.Macht mir einfach zuviel kaputt, zerstört die Immersion.

tumbleweed

Postings: 125

Registriert seit 02.09.2019

16.02.2020 - 13:37 Uhr
@boneless: genau diese Punkte meine ich und für mich fielen vieler solcher Einzelszenen sehr wohl ins Gewicht.

@slowdive: Danke für den Beitrag, ich kenne jedoch schon viele ähnlich geschriebener Kritiken und die Argumentation war nun nicht wirklich neu für mich. Ich will auch nicht bestreiten, dass sich der Film visuell Mühe gegeben hat und vielleicht auch künstlerisch wertvoll ist, vielleicht passt auch das ganze Zeugs wie Metapher, Metaebene, Message, Geselslchaftskritik usw...

Aber was soll ich sagen? Auch wenn mich deine Argumente überzeugen und alles was du schreibst, stimmen würde....ich kann nun mal nicht beschliessen, dass mir ein allgemein anerkanntes Meisterwerk gefällt. Mein Kopf würde den Film gerne mögen, doch ich bin ein Bauchmensch und habe mich leider gelangweilt, weil der Film für mich überraschungsarm, aufgesetzt und zuweilen arg seltsam wirkte. Vielleicht ein Kunstwerk, aber ein kaltes Kunstwerk ohne Seele

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

16.02.2020 - 14:05 Uhr
"Aufgesetzt" ist auch eine der Lieblings-Worthülsen, wenn es an die Verurteilung künstlerischer Ambitionen geht. Als wäre man sofort ein selbstverliebter Gockel, nur weil man es wagt, tatsächlich aufgesetzte (!) Sehgewohnheiten in Frage zu stellen.
Und was genau ist die "Seele" eines Films und inwiefern soll "Midsommar" keine haben? Wenn ein Filmemacher eine eigene, von Konventionen und Erwartungen losgelöste Vision hat, diese radikal umzusetzen und mit ästhetischer wie ideeller Bedeutung aufzuladen weiß, würde ich sehr wohl davon sprechen, dass sein Film eine "Seele" hat.

@slowdive: Danke auch von mir. Jeder wie er will im Leben, aber diese Reduktion von Filmen auf das, was man auch ohne "Zeitverschwendung" in der Wikipedia-Inhaltsangabe nachlesen könnte, ist auch von meiner Beziehung zu diesem Medium unendlich weit weg. Ich hoffe inständig, dass sich diese Verengung nicht so weit durchsetzen wird, dass Leute wie Ari Aster in Zukunft entmutigt werden.

boneless

Postings: 2697

Registriert seit 13.05.2014

16.02.2020 - 14:11 Uhr
Ich hoffe inständig, dass sich diese Verengung nicht so weit durchsetzen wird, dass Leute wie Ari Aster in Zukunft entmutigt werden.

Meinst du wirklich, eine derartige Befürchtung könne Realität werden? Es ist ja nicht so, das Midsommar wegen seiner Länge oder Art der Inszenierung reihenweise durch die Kritiken gefallen ist...

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

16.02.2020 - 15:32 Uhr
Weiß nicht. Aber Kritiken zahlen ja keine Honorare und Gehälter :)

Zappyesque

Postings: 181

Registriert seit 22.01.2014

16.02.2020 - 15:48 Uhr
Habe für den Film in weiten und breiten Kreisen viel Befürwortung und Huldigung beobachtet. In Verruf, gar finanzielle Belastung wird so schnell keiner geraten, daher bezweifle ich sehr stark, dass da junge Regisseure entmutigt sein werden :)

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

16.02.2020 - 16:37 Uhr
Ich glaube das selbst auch nicht, hab ja auch nicht bewertet, wie realistisch das ist. Hoffe einfach nur, dass es nicht so kommt. Die von slowdive angesprochene 1,5-Speed-Funktion ist allerdings schon ein Schritt in eine bedenkliche Richtung...

tumbleweed

Postings: 125

Registriert seit 02.09.2019

17.02.2020 - 08:54 Uhr
@MopedTobias: Warum hat man bei dir immer das Gefühl, du nimmst andere Meinungen persönlich? Du hast auch Deine Standardphrasen, mit denen Du deine Meinung verteidigst, man reibt es dir vielleicht nur nicht so direkt unter die Nase, weil nicht jeder gleich auf die persönliche Ebene wechselt :)

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

17.02.2020 - 11:25 Uhr
Hä? Also jetzt bist du grade derjenige von uns beiden, der auf die persönliche Ebene wechselt. Mein Kommentar war nicht auf dich konkret und deine "Standardphrasen" bezogen, sondern auf die aus meiner Sicht falsche bzw. bedeutungsleere Benutzung des Begriffs "aufgesetzt". Die stelle ich häufiger gegen derartige Werke wie "Midsommar" fest und war halt jetzt in deinem Beitrag. Mir sagt dein Username, um ehrlich zu sein, fast nichts, ich hab keine Ahnung, ob das eine "Standardphrase" von dir ist...

Zappyesque

Postings: 181

Registriert seit 22.01.2014

17.02.2020 - 12:02 Uhr
In jedem Fall: mir persönlich hatte die erste Hälfte des Filmes (die Rede ist weiterhin von Midsommar) sehr gut gefallen. Das schreckliche psychologische Element welches für mich erquickend wirkte, der frühe Über-tragische Vorfall, das aparthische Verhalten des Großteils der Menschen um die Protagonistin herum. Auch die erste Phase in dem „sommercamp“ gefiel mir sehr gut, ein ausgeglichenes Maß an Intrige und „Komik“ (eher im Sinne des seltsamen Elementes). Doch sobald das „kultige“ Element dann drastisch zunimmt hat mich der Sog verloren, die psychologische Ebene war für mich nur noch teilweise vorhanden (dann aber sehr stark und im tollen Schauspiel der pough verankert). Zu flach gestalten sich letzten Endes alle anderen Figuren in dieser Geschichte, zu willkürlich psychedelisch reimen sich die Ereignisse auf einander, wenngleich natürlich sehr Symbol-stark. An dieser Stelle kann man natürlich argumentieren, dass das psychedelische Element überhaupt Sinn und Zweck des Films ist, was wohl zur Schlussfolgerung führt, dass das einfach nicht ganz mein Genre ist. Dennoch: die Farben, Kontraste und das Ideenreichtum des Filmes kann man nicht leugnen und haben eine tolle Wirkung.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

17.02.2020 - 13:48 Uhr
Ich empfand die psychologische Ebene in der zweiten Hälfte genauso stark wie in der ersten. Die mögliche Deutung des Films als absurd-psychedelische, vielleicht sogar komplett allegorische Gruppentherapie für Dani beim Überkommen ihrer destruktiven Beziehung manifestiert sich doch erst am Ende. Die Flachheit anderer Figuren hat mich nicht gestört, weil es auf Charakterebene ja nie um jemand anderen als Dani ging.

hubschrauberpilot

Postings: 5648

Registriert seit 13.06.2013

17.02.2020 - 22:06 Uhr
ebenso wenig wie die vom Piloten angesprochenen "Plotholes", als nach und nach die Freunde verschwinden und sich Dani und Christian sehr leicht davon überzeugen lassen, dass alles gut wäre. Mag man als Filmfehler werten, ich hatte aber den Eindruck, dass beide (vor allem Christian) permanent unter Drogeneinfluss standen bzw. gehalten wurden und sowieso nicht wirklich mitbekamen, was da eigentlich um sie herum und mit ihnen passierte.

Ist für mich leider lame storytelling. Mit Drogenkonsum kannst du jegliche Handlung abseits des suggerierten Handlungssprektrums eines Charakters erklären.

Ich selbst kann dem Film mit Ach und Krach eine 2/10 geben, da dieser gockelhafte langweilige und sonderbare Film eine 10-Minuten Story auf 150 Minuten ausgewälzt hat. Die Okkultismus-Story ist vorhersehbar und ohne jede Überraschungen. Jede Spoilerwarnung bei diesem Film wäre lächerlich.

Ich bin nicht ganz so streng, aber vorhersehbar war der Film auf jeden Fall. Er spoilert sich lustigerweise auch noch selbst (Bär im Käfig, komische Zeichnungen auf einer Wäscheleine, ein Haus was man nicht betreten darf - ok alles klar.) Dazu auch noch (bis auf die Klippenszene) erschreckend harmlos. Sollte so ein Film nicht schocken? Er lullt den Zuschauer wie die Protagonisten von vorne bis hinten ein.

Hereditary war auch brillant, hab ich erst vor kurzem gesehen. Grandiose Stimmung. Da wusste ich auch nicht, wohin die Reise geht.

Bei Hereditary wusste ich auch nicht wohin die Reise geht. Bei Midsommar war es nach 1/3 des Films sonnenklar.

Ich weiß nicht, gibt auch Spiele, die mich emotional voll abholen und die ich dafür feiere, wo andere sich über irgendeinen Logikfehler aufregen.Ich frag mich dann meist warum sich Leute nicht fallen lassen können/wollen

Ja, wenn mir Logikfehler erst nach Ende des Spiels/Films auffallen ist es für mich auch kein Problem. Aber nicht währenddessen. Richtige Logikfehler hat Midsommar auch gar nicht, nur massig Ungereimtheiten. Hat mich leider immer wieder rausgerissen.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

17.02.2020 - 23:42 Uhr
Das ist halt wieder die von slowdive angesprochene Reduktion eines Films auf seine Wikipedia-Inhaltsangabe. Kann man machen, wenn man Spaß dran hat, aber meins ist es nicht.
"Vorhersehbar" ist wirklich das allerletzte Wort, das mir bei "Midsommar" einfallen würde. Ich hatte überhaupt keinen Plan, wo der Film als Ganzes — nicht die Story! – hinwollte. So faszinierend, so einnehmend, so eigen.

Und "Sich-selbst-spoilern" finde ich auch nicht richtig. Wo ist es denn bitte ein "Spoiler", einen Bären im Käfig zu zeigen? Denkt man sich, [ACHTUNG ECHTER SPOILER] "oh, da ist ein Bär im Käfig, bestimmt wird Jack Reynor am Ende in diesen Bären reingestopft und bei lebendigem Leib verbrannt"?

Zappyesque

Postings: 181

Registriert seit 22.01.2014

17.02.2020 - 23:54 Uhr
Ich glaube Hubschrauberpilot meint damit lediglich, dass die Anzeichen für kommendes Unheil alles andere als subtil ins Spiel gebracht werden.

Herr

Postings: 1233

Registriert seit 17.08.2013

18.02.2020 - 00:02 Uhr
Das letzte Mal, als bei uns ein Bär im Käfig Unheil heraufbeschwor, war nach dem Besuch im Zoo, als uns die Regionalbahn genau vor der Nase wegfuhr. Es war grad Midwintar.

MopedTobias

Postings: 14015

Registriert seit 10.09.2013

18.02.2020 - 00:27 Uhr
Bei der korrekten Verwendung des Spoiler-Begriffs bin ich aber penibel. Schließlich entspringt mein Ruf als "SpoilerTobias" nicht gerade wahren Tatsachen :)

Als allzu on the nose empfand ich das foreshadowing aber nicht, bzw. hat es sich für mich gut in die generell beklemmend-abseitige Atmosphäre eingefügt.

Seite: 1
Zurück zur Übersicht

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht: