Stefanie Schrank - Unter der Haut eine überhitzte Fabrik

User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 15175

Registriert seit 08.01.2012

04.07.2019 - 19:24 Uhr - Newsbeitrag
Stefanie Schrank ist bildende Künstlerin und Bassistin der Kölner Band Locas In Love. Ihr erstes Soloalbum heißt „Unter der Haut eine überhitzte Fabrik“ und klingt auch so: nach einem Brodeln unter der Oberfläche, nach Maschinen, die bis zur Überhitzung vor sich hin laufen - und nach Geheimnissen.

STEFANIE SCHRANK
UNTER DER HAUT EINE ÜBERHITZTE FABRIK
Album-VÖ: 27.09.2019
Staatsakt/Bertus/Zebralution
Formate LP/CD/Digital
Tourdaten
Tracklisting
Stream/Buy: https://lnk.to/UnterDerHautEineUeberhitzteFabrik

Single-Auskopplung "Spooky Action" auf YouTube:



Ein Egoshooter ohne Schießen, ein Egostroller vielmehr: Kontemplatives Umherstreifen statt Waffen und Scores - durch eine "procedurally generated city“, zusammengesetzt aus Gebäude und Architekturen, die im Zuge ökonomischer Veränderungen verlassen wurden. Der schwedische Künstler Paul Steen (paulsteen.se) hat den Leerstand über fünf Jahre lang aufgespürt und fotografisch dokumentiert: Ein 50er-Jahre-Hotel gegenüber des Stockholmer Bahnhofs, eine KFZ-Werkstadt auf St. Pauli, eine Antennenfabrik in Rosenheim, Werftgebäude in Malmö und Stockholm, Bürogebäude im Hamburger Hafen, Häuser in Berlin Mitte und Kreuzberg, ein DDR-Plattenbau, das Londoner Wohngebiet Elephant and Castle uvm. - Digital Ruin Porn.
Gemeinsam mit dem Düsseldorfer Elektromusiker Lucas Croon (Stabil Elite, Bar) hat Stefanie Schrank aus analogen Synthesizern und eckig-eleganten Grooves ihren sophisticated Pop zusammengesetzt. Es ist eine Musik der Zwischenräume und Grauzonen, des Unsichtbaren und Ungehörten, die dem naheliegenden Weg durch die Mitte ein Herumstreifen in den Gestaden und auf den Nebenpfaden vorzieht. Synthiesounds, von super-konkreter Klarheit und doch ebenso rauschhaft und dreamy, schleppende Tempi und entrückte Discobeats bereiten die Klanglandschaft, in der Stefanie in Texten voller surrealer und surrealistischer Momente eine sehr persönliche Bestandsaufnahme von Zukunft, Körper, Neoliberalismus, Patriarchat und Depression abgibt.

Mal unterkühlt, mal überbordend bleiben die Songs stets überraschend und eigensinnig, gipfeln mal in den großen Refrain und fallen dann unaufgelöst in eine unwiderstehliche Rätselhaftigkeit. Geeignet für Teenager bis middle-aged music lovers. Nicht geeignet für Arschlöcher.

Was wiederum Anja Rützel, Thomas Bernhard und Gilles Deleuze & Felix Guattari dazu zu sagen haben, lest ihr weiter unten, Achtung! Long read!

Ich höre ‚Unter der Haut eine überhitzte Fabrik‘, und ich stehe wieder im Stahlbad. Padäng-padäng-padäng, schlägt der Hammer mit rhythmischen Hieben auf meinen heißen Kopf, bis meine Schädeloberfläche so flach ist, dass man bequem eine Teetasse samt Gebäcktellerchen darauf abstellen könnte. Ein grober Greifer packt mich, um mich – nun von allen Seiten akkurat in Bolzenform gedengelt – passgenau in die Aussparung eines riesigen Zahnrads einzusetzen, damit einen klaffenden Kontakt zu schließen, und los geht das Geratter, als sich eine monströse Maschine in Gang setzt, und ich gefangen mittendrin. Es ist brüllend laut und ekelhaft heiß, die Zahnräder walzen voran und schreddern Blumenwiesen und ganze Wälder, die gruselige Konstruktion wird immer größer und passt gar nicht mehr ganz in mein Sichtfeld, alles ist brutal und effizient.

Ich habe Angst, aber auf eine routinierte Art, denn die abscheuliche Maschine, so groß wie eine ganze Fabrik, ist der Standardalptraum meiner Kindheit, wenn ich Fieber habe und im Traum wild fantasiere, endlos lang und erschöpfend. Und in jeder schrecklichen Neuauflage ergebe ich mich irgendwann, ich rattere und schreddere so mit und weiß irgendwann nicht mehr, ob ich nur in der Maschine gefangen – oder doch vielleicht die Maschine selbst bin.
Die Maschine vergällte mir das Kranksein, das ich doch eigentlich heimlich genoss, die ungeteilte Aufmerksamkeit, das zum Trost geschenkte Bussibär-Heft, mein im Wohnzimmer aufgeschlagenes Notbett, damit ich tagsüber Zeichentrickfilme schauen konnte. “Schlaf doch ein bisschen“, sagte meine Mutter, wenn sie den kalten Waschlappen auf meiner heißen Stirn wechselte, „und wenn du aufwachst, geht es dir besser.“ Ich nickte und klappte die Augen zu, um sie, wenn sie gegangen war, wieder mit Mühe aufzureißen, weil ich Angst vor der Maschine hatte, dieser gemeinen, scheußlichen Persiflage auf den kleinteiligst zusammengefieselten Riesen-apparat, den ich einmal bei „Sendung mit der Maus“ gesehen hatte, der kleine blaue Elefant schubste eine Kugel an, die dann ein schlafendes Huhn aufweckte, das vor Schreck ein Ei legte, das im Herunterpurzeln ein Wasserglas umschubste undsoweiterundsofort, maximale Niedlichkeitseffizienz.

Je älter ich wurde, desto seltener träumte ich von der Fabrik. Aber ich denke oft, wenn ich ganz ohne Fieber matt und müde bin, an ihre riesigen, ewig ratternden Zahnräder.

Anja Rützel (2019)

Das Unbewußte funktioniert wie eine Fabrik und nicht wie ein Theater (es ist eine Frage der Produktion und nicht der Repräsentation).

Gilles Deleuze & Felix Guattari (1972)

Eine Maschine, die wie eine Guillotine ist, schneidet von einer sich langsam fortbewegenden Gummimasse große Stücke ab und lässt sie auf ein Fließband fallen, das sich einen Stock tiefer fortbewegt und an welchem Hilfsarbeiterinnen sitzen, die die abgeschnittenen Stücke zu kontrollieren und schließlich in große Kartons zu verpacken haben. Die Maschine ist erst neun Wochen in Betrieb, und den Tag, an welchem sie der Fabrikleitung übergeben wurde, wird niemand, der bei dieser Feierlichkeit anwesend war, vergessen. Sie war auf einem eigens für sie konstruierten Eisenbahnwaggon in die Fabrik geschafft worden, und die Festredner betonten, dass diese Maschine eine der größten Errungenschaften der Technik darstelle. Sie wurde bei ihrem Eintreffen in der Fabrik von einer Musikkapelle begrüßt, und die Arbeiter und die Ingenieure empfingen sie mit abgenommenen Hüten. Ihre Montage dauerte vierzehn Tage, und die Besitzer konnten sich von ihrer Arbeitsleistung und Zuverlässigkeit überzeugen. Sie muss nur regelmäßig, und zwar alle vierzehn Tage, mit besonderen Ölen geschmiert werden. Zu diesem Zweck muss eine Arbeiterin eine Stahlwendeltreppe erklettern und das Öl durch ein Ventil langsam einfließen lassen. Der Arbeiterin wird alles bis ins Kleinste erklärt. Trotzdem rutscht das Mädchen so unglücklich aus, dass es geköpft wird. Sein Kopf platzt wie die Gummistücke hinunter. Die Arbeiterinnen, die am Fließband sitzen, sind so entsetzt, dass keine von ihnen schreien kann. Sie behandeln den Mädchenkopf gewohnheitsgemäß wie die Gummistücke. Die letzte nimmt den Kopf und verpackt ihn in einen Karton.

Thomas Bernhard, Eine Maschine (1969)
Web:
www.stefanieschrank.com
https://www.instagram.com/stefanieshrnk/

Live 2019 (wird fortgesetzt):
17.10.2019 München*
18.10.2019 Frankfurt*
22.11.2019 Berlin**
23.11.2019 Kiel**
24.11.2019 Hamburg
25.11.2019 Bochum**
26.11.2019 tba
27.11.2019 Dresden**
15.12.2019 Köln
*mit Die Türen; **mit Die höchste Eisenbahn

Booking: Koralle Blau

Tracklisting:
01 - Nothing is lost
02 - Die Katze von Jesus
03 - Fabrik
04 - People are strange
05 - Mothra
06 - Stadt unter der Stadt
07 - Möbiusschleife
08 - Ministrantin Stefanie
09 - Flow
10 - Spooky action
11 - Synchronize

Seite: 1
Zurück zur Übersicht

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht: