Depeche Mode - Spirit

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Opa Wuttke
25.03.2017 - 19:01 Uhr
Martin Gore hat mal in einem Interview behauptet: "Ein Bandmitglied von Depeche Mode ist schwul." Abgesehen davon, dass er selbst ziemlich tuntig rüberkommt und Klein Maddin (mitunter ganz schön angesoffen) gerne mal Blödsinn in Interviews vom Stapel ließ und lässt, sind oder waren alle Bandmitglieder verheiratet. Alan Wilder hat zwei Kinder mit der Musikerin Hepzibah Sessa. Natürlich, ein bisschen Bi schadet nie, und es wurde oft spekuliert über die enge Freundschaft zwischen Dave und Alan. Mindestens genauso dicke miteinander waren aber auch Martin und Fletch...

Zum Weggang von Depeche Mode äußerte sich Alan Wilder am 1.Juni 1995 offiziell:
"Due to increasing dissatisfaction with the internal relations and working practices of the group, it is with some sadness that I have decided to part company from Depeche Mode. My decision to leave the group was not an easy one particularly as our last few albums were an indication of the full potential that Depeche Mode was realising. Since joining in 1982, I have continually striven to give total energy, enthusiasm and commitment to the furthering of the group's success and in spite of a consistent imbalance in the distribution of the workload, willingly offered this. Unfortunately, within the group, this level of input never received the respect and acknowledgement that it warrants. Whilst I believe that the calibre of our musical output has improved, the quality of our association has deteriorated to the point where I no longer feel that the end justifies the means. I have no wish to cast aspersions on any individual; suffice to say that relations have become seriously strained, increasingly frustrating and, ultimately, in certain situations, intolerable. Given these circumstances, I have no option but to leave the group. It seems preferable therefore, to leave on a relative high, and as I still retain a great enthusiasm and passion for music, I am excited by the prospect of pursuing new projects. The remaining band members have my support and best wishes for anything they may pursue in the future, be it collectively or individually."

Wilder verließ Depeche Mode zu einer Zeit, als es in der Band drunter und drüber ging, jeder mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hatte und tatsächlich jedes Bandmitglied im eigenen Auto zu Konzerten fuhr! Wilder hatte all die Studio-Arbeit für SOFAD mal wieder allein gestemmt - nur Produzent Flood mischte am Ende noch ab. Dave war in seine eigene Welt abgedriftet, war drogenabhängig und persönlichkeitsgespalten. Martin war alles scheissegal und Fletcher hatte gesundheitliche Probleme und hielt sich aus allem raus.

Zum Krach kam es schon vor der Devotional-Tour, auch wenn es zunächst banal klingt: Es gab technische Probleme mit einem Roland-Recorder ein paar Tage vor Beginn der Tour. Der Recorder sollte eigentlich verschiedene Spuren abspielen, die von den Keyboards von Alan und Martin angesteuert wurden. Plötzlich waren alle Original-Tracks, Sounds und Sequenzen futsch und konnten nicht mehr abgespielt werden. Es blieben nur ein paar Tage Zeit und Alan musste alles wieder im Studio zusammenstellen und reparieren. Dabei erhielt er Null Unterstützung vom Rest der Band. Er stand unter enormem Druck - und die anderen machten erstmal Urlaub.

Nach einem hochnäsigen Kommentar von Gahan während der ersten Tourtage explodierte Wilder hinter der Bühne und kloppte sich mit dem Sänger... ein paar Minuten vor der Show. Zuvor war er bereits im Studio mit Fletcher aneinandergeraten, der noch nie durch übersprudelndes musikalisches Talent aufgefallen war, kurz durch die Tür schaute und sich dann abfällg über einen unfertigen Song mokierte.

Nach der Prügelei zwischen Wilder und Gahan ging alles den Bach runter. Man muss sich nur die Videos von der Devotional Tour ansehen, um eine Ahnung zu erhaschen, wie kaputt Gahan an seinen Drogenexzessen ging. Fletch bekam einen Nervenzusammenbruch, flog zurück nach England und fiel für 39 Shows aus (was sicherlich keinen sonderlichen Einfluss auf die musikalische Performance hatte). Martin zog sich zurück und Dave... naja, die Story kennt man.

Gahan war immer das Bindeglied zwischen Wilder und den beiden alten Homies und Gründungsmitgliedern Martin und Andrew. Enttäuscht von Daves Eskapaden (Wilder war der einzige, der Dave wegen seiner Drogengeschichten offen zur Rede stellte) und von dem mangelnden Respekt der Bandmitglieder, den der Macher und geniale Sound-Arrangeur, der für die erfolgreichste und musikalisch innovativste Zeit von Depeche Mode verantwortlich war, vermisste, entschied sich Wilder konsequent zum Rückzug.

Natürlich wird Alan Wilder nicht mehr zu Depeche Mode zurückkommen, auch wenn man sich inzwischen (offiziell) wieder versöhnt hat und es zwischenzeitlich 2010 für ein Benefizkonzert einen gemeinsamen Auftritt von Gore am Mikro und Wilder am Klavier (Somebody) gab. Depeche Mode sind seit dem Ausstieg eine andere Band, haben sich musikalisch in eine etwas andere Richtung entwickelt. Blues und Soul. Dazu ein paar Retro-Sounds aus der Konserve. An den Reglern im Studio eine ganze Fußballmannschaft. Pluckern hier, Klackern da. Gahan mimt den rockenden Wanderprediger, Gore wringt sich gezwungenermaßen ein paar Songschablonen aus dem Ärmel und Fletcher betrachtet die Tasten auf dem Keyboard wie ehedem eine Ameise ein Ufo. Ist nunmal so, kann man nix machen. Klingt für sich genommen ja auch auf seine Weise zumindest auf dem neuen Album okay, wenn man die Bandgeschichte außen vor lässt.

Ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich für die alten Fan-Weggefährten, denen Depeche Mode mehr als ein Lebensabschnittsbegleiter war und ist, trotzdem jedes neue Album an der grandiosen Wilder-Ära messen lassen muss. Und da bleibt für Zeitgenossen wie mich verständlicherweise nicht so viel Positives über Spirit zu sagen. Denn während Plattentests-Autor Müller 1983 geboren wurde, als Depeche Mode gerade zum Höhenflug ansetzten und als Teenie-Band durch unsere Jugendzimmerdecken gingen, dudelte just zu dieser Zeit in meinem Kassettenrekorder Everything counts rauf und runter. Und als Müller sein erstes Schulzeugnis erhielt, standen wir uns im Regen die Füße platt, um als Erste die neue Violator beim WOM im Karstadt zu ergattern.

Ja, ich behaupte einfach, dieses Hochgefühl, diese Gänsehautstimmung, diese Entrücktheit beim Hören der früheren Mode-Platten, wenn wir dabei andächtig das Cover betrachteten und die schon damals bescheuerten Texte wie eine religiöse Lithurgie auswendig lernten, dieses Gefühl kann man bei der Austausch- und Beliebigkeit heutiger Musik und der dargebotenen Fülle, die es damals schlicht und ergreifend nicht gab, wahrscheinlich sowieso nicht mehr nachvollziehen. Das kann man Nostalgie oder Ewiggestrigkeit nennen, für mich ist es in Bezug auf Depeche Mode eben das Wilder-Gefühl...

Photographic
25.03.2017 - 22:47 Uhr
Mensch Opa, deine Beiträge sind irgendwie... ja, erwachsener geworden. Im Ernst: Interessanter Stoff, sehr gut geschrieben, Posting des Monats!

zurueck_zum_beton

Postings: 142

Registriert seit 07.07.2013

26.03.2017 - 00:20 Uhr
Starkes Posting, ehrlich: danke dafür.
Whatever!

alterniemand

Postings: 266

Registriert seit 14.03.2017

26.03.2017 - 01:52 Uhr
Ich find das Posting auch klasse, stimme auch in weiten Teilen zu. Insbesondere was das Gefühl angeht beim Kauf der neuen Single oder gar Album. Damals war eine neue Single,grad sowas wie Personal Jesus als erste Vorab-Single zu Violator, ein absoluter Feiertag. Zumal es damals eben nicht diese totale Verfügbarkeit von allem gab. Da waren die Single-Charts auch noch echte Single Charts und nicht so wie heute einfach mal das komplette Ed Sheeran Album in den Scheiß Top 30.

Aber man kann den später geborenen auch keinen Vorwurf machen, dass sie dieses Lebensgefühl von früher nicht kennen können. So wird Musik eben für sich bewertet und andere Maßstäbe angelegt. Das ist halt der Gang der Dinge.So traurig das ist.

Für mich hat Gahan durch das Überleben merklich an Power verloren. Die Stimme hat gelitten, die Präsenz ist seitdem nicht mehr so da. Das wirkte zur Devotional Zeit für mich am intensivsten. Dieses kaputte hat halt auch seine Ausstrahlung, seinen Reiz. Seit der Exciter ist er halt so gemäßigt, angepasst,gezügelt und gefestigt. Das ist eben langweilig. Und die Musik hat sich dieser Entwicklung insgesamt scheinbar angepasst. Immer noch gute und auch der ein oder andere sehr gute Song bei, aber weit weg von der Intensität, der Kraft,dem Mitreissenden, dem Feeling von früher.

Der Witzereißer
26.03.2017 - 03:02 Uhr
Hätte er nicht überlebt, hätte er aber wahrscheinlich noch ein bisschen mehr Power verloren.

Flami

Postings: 172

Registriert seit 28.11.2015

26.03.2017 - 06:21 Uhr
@ Der Witzereisser

Aber DeMo würden, ohne Gahan das Ableben zu wünschen, nicht konsequent den eigenen Mythos zerstören. Wäre nach Violator, spätestens aber nach Ultra Schluß gewesen, wären sie Legenden. So läuft es leider langsam aus...
solange
26.03.2017 - 06:45 Uhr
noch millionen ein neues album kaufen, machen die weiter, warum auch nicht.

Cayit

Postings: 17

Registriert seit 05.05.2014

26.03.2017 - 12:06 Uhr
Auch ohne Alan machen/machten sehr gute Alben...ULTRA/PTA/SPIRIT

26.03.2017 - 12:33 Uhr
Ultra war zum Teil Resteverwertung aus der Devotion-Zeit, Playing The Angel ist tatsächlich sehr gut, aber Spirit nur ein lauer Furz in der Bandgeschichte.
Dumbsick
26.03.2017 - 19:47 Uhr
Finde das Album ebenfalls gelungen. Bis auf eternal und der Single wissen die Lieder sehr zu gefallen.

Warum mögen so wenige Leute Ultra? Mein absolutes Lieblingsalbum
Günni
26.03.2017 - 20:54 Uhr
Ich denk Ultra ist eigentlich das beliebteste der Phase nach Wilder (würd ich auch mit übereinstimmen). Wär mir neu, das es irgendwie unbeliebt wäre.

MasterOfDisaster69

Postings: 277

Registriert seit 19.05.2014

26.03.2017 - 21:46 Uhr
Wirklich schönes Posting Opa Wuttke, dass kann man so abnicken. Es waren ganz andere Zeiten, was standen wir bei WOM in der Schlange, um mal in die eine oder andere LP reinzuhoeren. Oder der Plattenladen an der nächsten Ecke, wo man irgendwie immer auf dieselben Typen traf, meist Samstags, so ähnlich wie im Film High Fidelity, grandios btw.,Link:
https://www.youtube.com/watch?v=0eBh6xipKY006B

MasterOfDisaster69

Postings: 277

Registriert seit 19.05.2014

26.03.2017 - 21:49 Uhr
Link:
https://www.youtube.com/watch?v=0eBh6xipKYk

WolFF

Postings: 1

Registriert seit 28.03.2017

28.03.2017 - 21:47 Uhr
Na das wundert mich echt wie wenig positive Resonanz das neue DM-Album "Spirit" hier erfährt.
Seit Violator, da war ich 13, bin ich ein Riesenfan von Depeche Mode. Und das obwohl alle vier Jahre eine mehr oder weniger gelungene Platte herauskam. Und wehmütig stellte ich fest, dass die beste Phase dieser Band von Black Celebration bis SoNgs Of FAD einfach endgültig passee ist und ich gewissermassen zu spät geboren wurde ;)
"Spirit" nun hat mich mit 5, 6 richtig guten Songs genauso umgehauen wie Violator. Und das ist 25 Jahre her (omg bin ich alt ;p)
Die Liveperformance der neuen Platte ist richtig cool, und über die Hälfte der Lieder sind für mich Ohrwürmer.
Seit 1997 performt DM bei jeder Tour 5 oder 6 Lieder der neuen Platte. Und das waren oft die Stellen,wo ich pinkeln gegangen bin.
Diese Tour werde ich richtig spaß haben und lieber nichts trinken :)
9 von 10
ich muss einfach sagen
01.04.2017 - 16:57 Uhr
sotu und dm und spirit haben einfach null langzeitwert.
die songs auf spirit sind schon den beiden vorgängern weit überlegen, aber spirit ist zu harmlos produziert, da hätte man so viel atmo reinbringen können
hansifransi
01.04.2017 - 17:42 Uhr
ich muss sagen die songs auf spirit hört man 4 oder 5 mal an und dann reichts, wegwerfprodukt, neue andere bessere musik auflegen aber sofort
klotzimotzi
02.04.2017 - 15:58 Uhr
positiv zu erwähnen ist, dass es keine bonussongs gibt, nicht auszudenken, was das noch für ein schrott wäre
alando
02.04.2017 - 16:13 Uhr
sounds of the universe - 5/10
delta machine - 5/10
spirit - 8/10, kein ausfall, okay vlt. eternal, und jeder song hätte 1 oder 2 minuten länger und atmosphärischer ausgebaut werden können. ich kann das album an einem stück durchhören und freue mich auf jeden weiteren song.
doch vorsicht, nur 1x pro woche anhören, dann bleibt auch langzeitwirkung
Angelo MerteIo
02.04.2017 - 16:14 Uhr
Ist mir leider nicht hart genug. Metal on!
@klotzimotzi
02.04.2017 - 16:28 Uhr
es gibt bonussongs!!!

Felix H

Plattentests.de-Mitarbeiter

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Registriert seit 26.02.2016

19.05.2017 - 12:30 Uhr
Es tut dem Album zunächst mal gut, dass es rund 10 Minuten kürzer ist als die beiden Vorgänger. Und damit vielleicht sich ein paar lahme Enten rausgehauen hat, die sonst den Fluss gestört hätten.
Die Single finde ich leider eher zäh, da gibt es bessere auf dem Album, allen voran "Scum" oder "So Much Love". Generell ist aber das Niveau recht hoch, zusammen mit "Playing The Angel" (welches ich aber noch ein gutes Stück vorne sehe) ist es das beste Depeche-Mode-Album dieses Jahrtausends.

Felix H

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 2069

Registriert seit 26.02.2016

14.09.2017 - 08:38 Uhr - Newsbeitrag

alterniemand

Postings: 266

Registriert seit 14.03.2017

23.09.2017 - 11:45 Uhr
Cover von Heroes
https://www.youtube.com/watch?v=q6yzrZfgQvI

Ich bin etwas erstaunt, was da aus Daves Stimme herausgeholt wurde, vor allem in der zweiten Hälfte. Auf den letzten Alben klang er nach meinem Empfinden nicht so stark.

matinioh

Postings: 136

Registriert seit 28.09.2017

20.10.2017 - 00:21 Uhr
"Spirit" ist schon ein geiles Album! Mir haben sowieso schon immer die düsteren DM Songs am Besten gefallen, und die gibt es auf der neuen Platte zuhauf. Dazu noch die minimalistische Soundkulisse (geile Synthies nebst Effekten) und die einzigartige Stimme von Dave, und fertig ist ein wegweisender Electronica-Sound. Da hat James Ford ganze Arbeit geleistet.

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