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myx
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01.01.2026 - 19:42 Uhr
"Alle Menschen sind sterblich" von Simone de Beauvoir hat die Wahl der Buchclub-Runde #32 gewonnen und ist somit unsere Lektüre für Januar und Februar (Diskussionsstart: ab 28. Februar).
Auch weitere Kreise sind wie immer herzlich zum Mitlesen und -diskutieren eingeladen.
Hier noch die Buchinfos:
Mit Fosca, dem ungewöhnlichen Helden des Romans, dem auf geheimnisvolle Weise Unsterblichkeit verliehen ist, erleben wir sechs Jahrhunderte europäischer Geschichte in blutvollen Gestalten und abenteuerlichen Ereignissen. Foscas wechselvolle Schicksale lassen in ihm die tragische Erkenntnis reifen, daß die Sehnsüchte der Menschen ewig erfüllbar und ihre Hoffnung immer vergeblich sind.
Originaltitel: Tous les hommes sont mortels
Erscheinungsjahr: 1946 (frz.)
Seitenzahl: 480 |
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Deaf
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14.02.2026 - 11:30 Uhr
Wow, einen hundertseitigen Prolog sieht man auch nicht oft. |
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dieDorit
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01.03.2026 - 11:50 Uhr
Ich mache mal den Anfang, weil ich das Buch gerade beendet habe und die Eindrücke noch recht frisch sind.
Wie Deaf bereits schreibt beginnt das Buch mit einem recht langem Prolog, der aber auch schon Teil der Geschichte ist. Trotzdem kam er mir beim Lesen dann doch recht lang vor, weil auch ich (wie viele Personen in der Geschichte) gern mehr von Fosca erfahren wollte. Regine hat mich ehrlich gesagt nicht wirklich interessiert, was vielleicht auch zum Teil beabsichtigt war von der Autorin (Stichwort: Ameise).
Die eigentliche Geschichte war dann im Grunde genau das, was ich von dem Buch erwartet habe - es ist teilweise ein Geschichtsbuch, teilweise eine philosophische Abhandlung über den Wert des Lebens. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Autorin schon viel geschichtliches Vorwissen voraussetzte beim Leser. Leider sind meine Geschichtskenntnisse eher im ungenügenden Bereich (manchmal konnte mir Wikipedia aber weiterhelfen), obwohl ich behaupten würde, dass ich durchaus ein Interesse an Geschichte habe. Allerdings musste ich beim Lesen auch feststellen, dass mein Interesse wohl weniger im historischen politischen Geschehen liegt (worauf der Roman verständlicherweise einen großen Fokus legt), sondern mehr an den wissenschaftlichen Entwicklungen, Erfindungen und Entdeckungen - auch darauf geht der Roman teilweise ein, aber eher am Rande.
Nebenbei, ich hätte es sehr hilfreich gefunden, wenn die einzelnen Abschnitte Zwischenüberschriften hätten um besser einzuordnen in welchem Jahr und an welchem Ort man sich gerade befindet.
Am besten gefallen hat mir aber der fünfte und letzte Teil des Werks. Die aktuellen Ereignisse, die Fosca beschreibt, verschmelzen mit all denen aus seiner Vergangenheit. In den Gesichtern der Lebenden, Sterbenden und Toten sieht er immer wieder die aus seiner Vergangenheit, auch die Orte verschmelzen zu einem. Hier kann man gut nachvollziehen wie sinnlos ihm das alles zu sein scheint.
Ich könnte jetzt noch darauf eingehen, wie die Erlebnisse Foscas, die vielen Kriege, Siege, Niederlagen und wieder von vorn, leider gerade wieder eine starke Aktualität erhalten haben. Aber ich möchte es erstmal hierbei belassen. Vielleicht haben die anderen auch noch was dazuzuschreiben. |
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myx
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01.03.2026 - 12:20 Uhr
Ich wollte auch gerade einen Anfang machen und lasse mal so stehen, was ich vorbereitet habe. Ich lese des Buch, wie Dorit schreibt, v. a. als eine philosophische Abhandlung über den Wert des Lebens:
Ich fand das Buch interessant zu lesen, wobei ich mich weniger auf die Geschichte selber und mehr auf das konzentriert habe, was die Autorin mit dem Roman in philosophischer Hinsicht zum Ausdruck bringen wollte.
Zentral scheint mir vor allem die existenzialphilosophische Sicht auf den Menschen: sein Wesen ist nicht vorbestimmt, er ist daher frei, sein Schicksal selber zu wählen. Das Gegenbild im Roman ist die Ameise, die in blinder Naturbestimmtheit tut, was ihr vorgegeben ist und was auch alle anderen Exemplare ihrer Spezies in gleicher Weise tun.
Daher sollte man sich auch nicht "ameisenhaft" von irgendwelchen Moden und Konventionen bestimmen lassen, sondern seinen eigenen Weg wählen. Ich denke, dass dieser Wunsch gut bei Regine im Prolog zum Ausdruck kommt.
Frei ist der Mensch nicht nur von Natur aus, der Hauptteil des Romans zeigt m. E. auch schön, dass es keine göttliche Vorherbestimmung in der Welt gibt und die Geschichte nicht nach einem bestimmten Sinn abläuft oder auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet ist. Stets wechseln sich Ordnung und Chaos ab, nie können sich Vernunft und Fortschritt durchsetzen. Was zählt, ist auch hier einzig der Einzelne, der – in einer sinnfreien Welt – sein Leben nach seinen Vorstellungen gestaltet.
Das ist alles sicher sehr vereinfacht und ich bin auch kein wirklicher Kenner der frz. Existenzialphilosophie. Daher bitte einfach nur als eine erste Annäherung nehmen.
Zum Abschluss noch eine aus dem Zufall geborene Ergänzung. Ich habe ein Kalenderblatt des letztjährigen "Philosophiekalenders" in die Hand gekriegt, wo es genau um unseren Roman geht. Darauf heisst es u. a.:
Mit diesem Wunsch [nach Unsterblichkeit] hat sich auch die französische Philosophin Simone de Beauvoir (1908–1986) in ihrem Roman "Alle Menschen sind sterblich" auseinandergesetzt. Die Schauspielerin Regine möchte gern unsterblich sein. Und sie erfährt eines Tages, dass ihr Geliebter Raymond Fosca über diese Fähigkeit verfügt und schon seit dem 13. Jahrhundert auf der Welt ist. Durch sein Verhalten begreift sie allmählich, dass die Frage "Warum müssen alle Menschen sterben?" sich damit beantworten lässt, dass der Tod unserem Leben einen Sinn gibt. Er regt die Menschen tagtäglich immer wieder an, durch die Begrenzung des Daseins für ihre Ziele zu kämpfen und ihre Träume zu verwirklichen. Ein unsterbliches Leben führt dagegen zu Gleichgültigkeit und Einsamkeit. Denn irgendwann, sagt Fosca, werde er mit der Maus, an der er den Unsterblichkeitstrunk ausprobiert hat, allein auf der Welt sein." |
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myx
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01.03.2026 - 14:10 Uhr
Eine Frage schwirrt mir nach der Lektüre noch im Kopf herum: Im Zusammenhang mit Luther wird ja ein Menschentypus erwähnt, der sich lediglich seinem eigenen Gewissen verpflichtet fühlt. Wie verhält sich nun der Roman zu diesem Typus: positiv, neutral oder negativ?
- positiv: allein auf sein Gewissen zu hören als weiteres existenzialphilosophisches Beispiel dafür, dass man sein eigenes Leben frei nach eigenem Gutdünken wählt
- neutral, einfach als ein Beispiel, es gibt auch andere Wege, seinem Leben eine Richtung zu geben
- negativ, denn damit drohen Individualismus und Eigensinn, die Einrichtung der Gesellschaft nach allgemein als vernünftig anerkannten Regeln wird erschwert bzw. verunmöglicht
Da diese Gewissenssache im Roman mehrmals Erwähnung findet, könnte es sich um eine doch relevante Frage handeln. Wie schätzt ihr diesen Punkt ein, ist er euch ebenfalls aufgefallen? |
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myx
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01.03.2026 - 20:15 Uhr
Noch ein Nachtrag zu dem, was ich zum Prolog und zu Regine gesagt habe. Ich glaube, damit habe ich wirklich nur einen Teilaspekt erfasst.
Ich stütze mich v. a. auf folgende Textstelle:
Das alltägliche Leben nahm seinen Fortgang in einer Welt, die sich widerstandslos den natürlichen Gesetzen unterwarf. Was tue ich? dachte Regine.
Ich lese das als Aufruf an uns alle, sich nicht auf irgendwelche Gesetze "hinauszureden", sondern den Freiraum zu erkennen, den wir dennoch alle haben.
Regine will ja etwas eigenes sein, nicht so wie alle anderen, sie will "brennen", spüren, dass sie wirklich existiert. Und Fosca ermuntert sie ja auch dazu, sagt, sie soll es wagen, zu existieren.
Und doch hat dieses Streben, dieses Ausbrechen auch etwas Ambivalentes, löst Befremden aus. Zum Beispiel an dieser Stelle:
Eine Minute, nur eine Minute lang. Sie existierte. Alle sahen sie an, ohne zu verstehen, und alle hatten sie etwas wie Angst; sie war der Blitz, der Giessbach, die Lawine, der Abgrund, der sich plötzlich zu ihren Füssen öffnete. Sie existierte.
Und es wird irgendwie noch vertrackter, denn am Schluss des Prologs heisst es:
Ein Grashalm, nichts als ein Grashalm. Jeder glaubte anders zu sein als die anderen; jeder erkannte sich selber einen Vorzug zu; und alle täuschten sich; und sie hatte sich selbst ebenso wie die anderen getäuscht.
Hier scheint es für mich fast so, als würde dieses Ausbrechenkönnen wieder in Frage gestellt. Ich muss also ehrlicherweise sagen, dass ich allein vom Prolog her doch mehr Fragen offen habe, als ich Antworten hätte ...
Ein besondere Schlüsselstelle ist aber sicher diese Aussage von Fosca (auch im Prolog), mit der ich schliessen möchte:
"Man braucht viel Kraft", sagte er, "viel Stolz oder sehr viel Liebe, um zu glauben, dass die Handlungen eines Menschen wichtig sind oder dass das Leben stärker ist als der Tod." |