|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
23.09.2025 - 19:22 Uhr
Höre mich gerade durch die Diskographie und es macht wahnsinnig viel Spaß, so ein bisschen wie letztes Jahr mit Unwound.
All Fiction (2023) hat mich gleich überrascht, nur zwei Jahre vor Sunshine... erschienen und doch scheinen Welten dazwischen zu liegen. Der Gesang sehr verhallt, viele Streicher, offene Songstrukturen. Blood z.B. wird dominiert von einem frickeligen Gitarrenriff und Gesang. Fünf Minuten lang wogt das so auf und ab, wirklich mitreißend. Der Opener wiederum wirkt auf mich wie eine Orchesterversion von An Opening. Forgetting und Poisons sind zwei Stücke mit mächtigem "Payoff". Ersteres - vergleichbar mit Bouncing in Blue - fängt klein an und wird immer dramatischer, super unvorhersehbare Akkordwechsel, aber immer mit diesem einfachen Gitarrenthema im Hintergrund. Poisons hingegen befreit sich in der zweiten Hälfte aus der Noiserock-Zwangsjacke und mündet in eine wunderschöne, fast National-artige Auflösung. National sage ich hauptsächlich wegen des Schlagzeugers. Wobei am Ende schlägt der Noiserock doch nochmal zurück. Sehr, sehr getragene Stimmung insgesamt auf dem Album.
Highlights: It Comes Closer, Blood, Forgetting, Poisons
A Hairshirt of Purpose (2017) hört man in der ersten Hälfte an, dass da Radiohead-Fans am Werk waren, in der zweiten hingegen habe ich häufiger Trail of Dead-Vibes aufgeschnappt. Auch hier ist die Stimmung sehr getragen, viel Klavier und wieder Songs, die klein anfangen und ins Unermessliche wachsen. Milkshake ist dafür ein gutes Beispiel, wunderschöner Song. Cleanes Gitarrenpicking und Klavier stehen im Vordergrund, wobei das Schlagzeug auf eine Art im Hintergrund rumpelt, dass man meint, im Nebenzimmer würde jemand rumkramen. In der zweiten Hälfte nimmt der Song Fahrt auf, aus Picking werden Powerchords, dazu Streicher, um in der letzten Minute den Song in einer Weise zu beschließen, die mich an den 28 Days Later-Soundtrack erinnert. Die zweite Albumhälfte ist in ähnlicher Weise durchgehend stark, besonders hervorheben würde ich Dogs, die Streicher und ein Saxophon (?) erzeugen eine derart beklemmende Stimmung ab 2:10. Erinnert mich an das Debut von Black Country, New Road.
Highlights: Milkshake, Hairshirt, Dogs
Ja, so weit erstmal. Hab so viel Spaß mit dieser Band. Unglaublich, dass es sie schon so lange gibt und ich sie jetzt erst entdeckt hab. Thanks, Christopher! ;) |
|
headup
Postings: 145
Registriert seit 09.09.2017
|
23.09.2025 - 21:38 Uhr
Sehr schön....mir geht es genauso...und ja, genauso auch mit unwound.
Zwei großartige Diskographien, die ich immer noch entdecke und noch lange entdecken werde |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
24.09.2025 - 12:42 Uhr
Ja, cool! Die beiden Bands gehen für mich auch irgendwie Hand in Hand.
Ich habe lange überlegt, wie ich All Fiction gerade im Vergleich zum neuen Album finde. Es wirkt ja erstmal wie eine Demo, sehr skizzenhaft, dann viel orchestraler und atmosphärischer instrumentiert.
Als nach dem sehr krachigen Poisons dann Nude With a Suitcase losging, fiel mir das Wort ein, das dieses Album für mich sehr gut einfängt: geisterhaft. Es ist wie eine haunted Version des sehr ausdefinierten und verdichteten Sunshine and Balance Beams. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
27.09.2025 - 14:04 Uhr
Odds and Ends (2018) ist ja geil! Die Riffs sind so ausgefeilt und komplex wie bei den frühen Baroness. Und es ist auch sehr garagig, viel Barré-Griff-Geschrammel. Geht gut ab!
Highlights: Cup, Pigeon Song, Scissors |
|
Christopher
Plattentests.de-Mitarbeiter
Postings: 4227
Registriert seit 12.12.2013
|
27.09.2025 - 14:27 Uhr
Empfehle den Live-Auftritt, den sie 2021 auf ihrem Kanal gepostet haben. ("Magic isn't real 10th anniversary stream")
Da bekommt man einen guten Eindruck, was für ein grandioser Sänger Rick ist.
Hier der wirklich geile "Pigeon song":
|
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
27.09.2025 - 16:21 Uhr
Wow, ja. Und gleichzeitig gibt es von Rick Maguire dann ein reines Piano Set, das mit dem wirklich großartigen It Comes Closer eröffnet wird. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
20.10.2025 - 20:28 Uhr
Hab mich in den letzten Wochen durch die Diskographie gehört und erstelle mal eine (nicht in Stein gemeißelte) Top 10 der Alben vor Sunshine and Balance Beams. Da der Backkatalog der Band sehr umfangreich ist, hilft das dem einen oder anderen vielleicht beim Einstieg. Die Tracks in der Top 10 würde ich alle etwa so bei einer 8/10 ansiedeln. Nur die 1 ist für mich eine 9, an manchen Tagen eine 10. Ok...
10. Firewood [Green and Gray]
Hier gefällt mir das sehr noisige Thema, das auch etwas an das Ende von Born At Night erinnert, nur hier durchdringt es den gesamten Song. Der Gesang windet sich durch Strophe und Refrain mit irrwitzigen Akkordwechseln, die laut-leise-Dynamik ist außerdem ziemlich ergreifend, besonders kurz vorm Finale. Das wiederum wartet mit einem Gitarrensolo auf, das so ähnlich auch auf einer Baroness-Platte landen könnte.
9. Raised By Ghosts [Jerk Routine]
Wenn man Demonstrations mitzählt, stammt dieser Song von ihrer zweiten Platte, die ich für meine 00er-Liste noch in Erwägung ziehen werde. Der Song beginnt als schöner, schlichter Folk-Song, Gitarre und Gesang. In der zweiten Hälfte verwandelt sich das Picking in Geschrammel und rutscht ab und an in sehr deutliche Grunge-Gefilde ab. Was an der Struktur des Songs so cool ist: Man erwartet vielleicht, dass diese Steigerung eine Art abschließenden Refrain darstellt, sie wird dann aber in der letzten Minute nochmal überboten. Bei Pile passiert oft Entscheidendes noch in der letzten Minute. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
21.10.2025 - 12:11 Uhr
8. So Hard [Dripping]
Ey, wenn nach 25 Sekunden Radiohead-Weinerlichkeit der anstrengenden Sorte dieses Gitarrenthema einsetzt, geht mir so das Herz auf. Die letzte Minute ist mal wieder interessant, hält die Spannung, man fragt sich, was hier angedeutet wird, was noch so kommen mag. Am Ende ist es bloß ein einzelner Gitarrenton. Der Weg dorthin war aber trotzdem schön. :D
7. The World Is Your Motel [You're Better Than This]
In dieses Album komme ich am schlechtesten rein. Aber der Opener macht dermaßen Spaß, Abriss pur! Die Atmosphäre, die das Ende von So Hard erzeugt hat, wird hier mit einem rostigen Küchenmesser geschnitten. Nicht mal ein eigentlich sehr schmissiges Indie-Gitarrenthema kann diesen Wahnsinn stoppen. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
21.10.2025 - 13:53 Uhr
6. Bruxist Grin [Green and Gray]
Der Song ist ein verdammter Hit! Die Gesangslinie, die Percussions mit Rasseln und Tamburin, das Gitarrenthema: Alles an diesem Song sprüht vor So Divided-Energie, Wahnsinn.
5. Cup [Odds and Ends]
Pile in einer schunkeligen 60s-Blues-Variante, wobei die für diese Band typische düstere Doppelbödigkeit selbst hier durchsickert, was mMn wieder an den schrägen und originellen Gesangslinien von Maguire liegt. Der garagige Refrain haut dann sowas von rein. Dieser Song und Bruxist Grin zeigen eine Seite von Pile, die man aufgrund von Sunhine and Balance Beams vielleicht nicht vermutet hätte: die Seite, die einfach nur Spaß macht. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
21.10.2025 - 18:40 Uhr
4. Dogs [A Hairshirt of Purpose]
Dieser Song rangiert zwischen Momenten absoluter Stille und regelrechter Wall of Sound und entwickelt dabei eine sehr beklemmende Dynamik. Viola und Geige sind mit von der Partie (ich glaube auch ein Saxophon) und prägen ein ziemlich düsteres Thema, das im Mittelteil nochmal einen beeindruckenden Auftritt bekommt. Dabei ist der Aufbau so gut, im Prinzip kreisen alle Instrumente um dieselbe Akkordfolge, aber der Sound wird mit jedem Mal ein bisschen breiter.
3. Octopus [Magic Isn't Real]
Nochmal was Tierisches. Wunderschöne Gitarrenarbeit in diesem Song, ein Abschnitt wirklich interessanter als der letzte. Getoppt wird das Ganze an Schönheit nur vom Refrain, wenn Maguire "Read up if you want/Eat up if you want" singt. Am Ende wird es wieder sehr hymnisch und erinnert an Baroness. |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
22.10.2025 - 12:42 Uhr
2. Poisons [All Fiction]
Ein Song, der von seinen Kontrasten lebt. Während in der Strophe klassischer Noiserock-Abriss vorherrscht, gleitet der Song in einen warmherzigen, tröstenden Refrain, der passenderweise mit "It's safe to hide now" beginnt. Der Einsatz der Toms beim Schlagzeug erinnert mich stark an Bryan Devendorf. Aber jeden schönen Refrain kann man auch überstrapazieren. Die Band scheint sich am Ende so fest an ihn zu klammern, dass ihm die Luft ausgeht und ihm nichts übrig bleibt, als sich in einer letzten Noise-Explosion zu befreien.
1. It Comes Closer [All Fiction]
Der für mich mit Abstand faszinierendste Song von Pile vor S&BB. Das fängt schon mit der Instrumentierung an, die so unheimlich daherkommt, dass man die Instrumente dahinter vergisst und stattdessen das Kopfkino einschaltet, Fantasia, aber Ari Aster führt Regie. Die perkussiven Elemente klingen wie auseinandergeschraubt, in ihre Einzelteile zerlegt und im ganzen Haus, aber nur zwischen den Wänden und auf dem Dachboden verteilt. Es bitzelt, kratzt und pocht immer wieder, aber man fragt sich, woher das kommt und wer das überhaupt verursacht. Der Song baut sich dabei ins Unermessliche auf, nur um sich im nächsten Moment fast ganz zurückzuziehen. So geht das im Song andauernd, keiner sichtbaren Logik im Aufbau folgend. Es fühlt sich schlichtweg organisch an, besonders wie Gesang und Streicher eine Einheit bilden. Sie sind der Durchzug in besagtem Haus, der mal stärker, mal schwächer ist, einem aber stets Gänsehaut beschert. |
|
Hmm
Postings: 227
Registriert seit 02.05.2018
|
24.10.2025 - 20:57 Uhr
Vielen Dank, Hierkannmanparken! Sehr schöne Ausführungen. Ich könnte so eine Liste nur als Momentaufnahme machen. Niemals eine allgemeingültige. Dazu sind in der Diskographie Piles zu viele Highlights!
Huldigt dieser Band, Leute!!! ;) |
|
Dennis R.
Plattentests.de-Mitarbeiter
Postings: 32
Registriert seit 06.01.2025
|
26.10.2025 - 18:31 Uhr
Falls jemand Interesse an einem Ticket für das Konzert am 4. November im Frannz-Club hat: Bitte melden! Hatte den Tag ursprünglich anders geplant. Nun werde ich nach der Arbeit leider nicht rechtzeitig in Berlin sein können.
Ist ein nicht personalisiertes Print-at-Home-Ticket. Würde es verschenken und könnte es per Mail versenden. Ich möchte nur, dass es nicht verfällt.
|
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
08.11.2025 - 18:24 Uhr
Sehe sie gleich im Franzis Wetzlar, Vorfreude ist riesig. |
|
saihttam
Postings: 2820
Registriert seit 15.06.2013
|
10.11.2025 - 00:44 Uhr
Mist! Hab das Konzert gestern verpasst und noch nicht mal wirklich etwas besseres vorgehabt. Wie wars? |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
10.11.2025 - 11:49 Uhr
Ah, schade! Hier mein Konzertbericht:
Pile am 8.11. im Franzis, Wetzlar
Das Set war sehr umfangreich. Sie haben das neue Album bis auf Holds komplett, aber ohne bestimmte Reihenfolge gespielt, dazwischen immer mal wieder ältere Songs. Sie scheinen eine Band zu sein, die die Live-Performance nicht durch ausufernde Jams bereichert, wie das bei den Nerven oder King Gizz der Fall ist, sondern indem sie einzelne Stellen in den Songs noch wirkungsvoller gestalten. Das beste Beispiel dafür ist A Loosened Knot, wo sie das Riff von 00:15-00:30 genommen und die betonten Stellen so umgesetzt haben, dass sie nochmal mehr reinhauen, aber wirklich nur punktuell. Der Effekt war der Wahnsinn und hauptsächlich Kris Kuss, dem Drummer, zu verdanken. Der Typ ist eh unglaublich vielseitig, trägt die sich langsam aufbauenden Eskalationen mit einer Intensität mit, wechselt aber dann im Handumdrehen zu den Sticks mit dem Stoff vorne, um dann in den ruhigeren Parts fast ganz aus dem Soundbild zu verschwinden (die Beckenarbeit im ruhigen Part von Meanwhile Outside war wie auf Platte wunderschön). Von den älteren Songs möchte ich noch das epische Firewood und das unwiderstehlich verstonerte Two Snakes hervorheben.
Nach dem Sunshine-Set hätte das Konzert auch ohne das Gefühl, dass etwas fehlt, beendet werden können, aber es kam die Ansage "five more songs" und nach den fünf Songs dann "two more songs, but we've arrived at the political portion of the concert". Als würde diese Band nicht sowieso alles richtig machen, hat sie das heutzutage für die Musikwelt Unvorstellbare vollbracht: Sie hat die Ansage für ein "free Palestine" und "it's a genocide" mit einem Statement gegen Antisemitismus verbunden. Eine sehr auf den Punkt gebrachte Ansage gegen Trump, Vance, Thiel & co. mündete dann in zwei Songs, die dem Klang nach glaube von You're Better Than This stammen. In traditioneller Hardcore-Manier ließ der Sänger es sich nicht nehmen, durchs Publikum zu rennen. Ähnlich wie der Drummer, war Sänger Rick Maguire auch extrem vielseitig. Die Songs sind ja von den vielen Breaks und plötzlichen Stimmungswechseln geprägt, und jeden Wechsel scheint er wirklich mitzuleben.
Die Band war auch so nett und gesprächig nach dem Konzert. Der Merchstand war ein Traum, alle Alben auf LP, Tape, CD, sehr geschmackvolle Tshirts, Beutel, Poster. Sogar ein Effektpedal hatten sie da.
Im Franzis war ich das erste Mal, auch ein richtig sympathischer Laden. Ich kam rein und hatte sofort "Absteige in Alan Wake"-Vibes. Der Laden war nicht leer, hätte aber deutlich voller sein können. Das Publikum war auch cool, eine Mischung aus Franzis-Stammpublikum und enthusiastischen Pile-Fans. Der Booker hatte sich wohl sehr stark um die Band bemüht und ich bin ihm unendlich dankbar. Unvergesslicher Abend.
10/10 |
|
saihttam
Postings: 2820
Registriert seit 15.06.2013
|
11.11.2025 - 00:45 Uhr
Mist! Jetzt ärgere ich mich noch mehr, dass ich nicht da war. Vielen Dank für den schönen Bericht! :D |
|
Hierkannmanparken
Postings: 2854
Registriert seit 22.10.2021
|
11.11.2025 - 10:19 Uhr
Gerne! Hab nochmal wegen den letzten beiden Songs geschaut, die nämlich doch nicht von You're Better... waren:
Declare Independence (Björk-Cover)
The Soft Hands of Stephen Miller
Und noch einen Song muss ich nachträglich hervorheben: den Track Don't Touch Anything von Magic Isn't Real. Der Song ist so vollgepackt mit genialen Ideen, beginnt als offensichtlicher Where Is My Mind-Abklatsch, verwandelt den Moment dann aber in einen brachialen Stoner-Hit. Als hätten sie bei den Aufnahmen zu viel Hot Snakes und Blue Record gehört. Cool, aber die Ideendichte erschlägt mich schon manchmal, muss ich sagen. :D |