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Haftbefehl - Mainpark Baby

User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

28.11.2022 - 11:33 Uhr - Newsbeitrag
Am kommenden Freitag, den 02. Dezember erscheint das neue Haftbefehl-Album. Mit "Mainpark Baby" zerfetzt der Offenbacher Rapper die auf Ignoranz, Ausgrenzung und Rassismus gründende sogenannte Ausländerpolitik der letzten Jahrzehnte mit einem lauten Krachen in der Luft. Haftbefehl weiß: Mainpark ist überall.

Berlin, 28.11.2022
Um das Thema mit dem Beinahe-Zusammenbruch von Mannheim gleich mal als Erstes abzuräumen: Haftbefehl ist auf einem guten Weg. Er hat sich zurückgezogen, es ein bisschen ruhiger angehen lassen und er lässt uns in seiner Kunst an diesem Weg teilhaben. Was er zu sagen hat, steckt in seiner Musik, denn Haftbefehl geht es nicht um Außenwirkung, sondern um Wahrhaftigkeit.

Das zeigt nun spätestens sein neues, am 02. Dezember erscheinendes Album "Mainpark Baby", das bislang homogenste Werk dieser Karriere. "Ich wollte vor allem ein richtig geiles Hip-Hop-Album machen", sagt Aykut Anhan aka Haftbefehl. "Das weiße und das schwarze Album hatten einen roten Faden, sie gehörten untrennbar zusammen. Das weiße stand für das Licht, den Tag, die Party, das schwarze für die Düsternis und die Abgründe danach. Auf 'Mainpark Baby' wollte ich die Mitte zwischen diesen beiden Extremen ausloten."

Damals hatte Haftbefehl auf ein Meisterwerk gleich zwei weitere folgen lassen. Nach dem – Straßenrap bis heute definierenden! – Jahrzehntalbum "Russisch Roulette" (2014) schaute er sich die Szene eine Weile lang von außen an – um dann mit "Das weisse Album" und "Das schwarze Album" den wohl tiefgründigsten Werkzyklus der deutschen Rapgeschichte zu veröffentlichen. Er hat auf diesen Alben leuchtende Gipfel erklommen, seine tiefsten Abgründe ausgelotet und ganz nebenbei mehr über Mental Health, Sucht, Rassismus oder Klasse gesagt als jeder Leitartikel, Podcast, Instagram-Post oder Tweet zum Thema.



Die Farben-Alben, wie wir sie nun nennen wollen, waren Haftbefehls Yin und Yang, mit "Mainpark Baby" nimmt er die Mitte zwischen diesen Polen ins Visier. Es geht um die Kinder und Kindeskinder der ersten Einwanderergeneration in jener Offenbacher Siedlung, der das Album seinen Titel verdankt. Unerfüllte Träume spielen eine Rolle bei diesen sogenannten Mainpark-Babys, gescheiterte Lebensentwürfe allerdings eher nicht: Den meisten Leuten in diesen Songs hat das Leben keine Chance gegeben, überhaupt so etwas wie einen Entwurf zu entwickeln.

Mainpark ist für Haftbefehl Heimat, auch wenn er längst nicht mehr dort wohnt: "Ich bin da groß geworden", sagt er. "Eigentlich hatte ich eine tolle Jugend, aber es sind auch eine Menge Sachen gelaufen, die aus heutiger Sicht nicht unbedingt hätten passieren müssen. Ich bin aber immer noch oft da und habe eine Menge Freunde dort." Er weiß: Du kannst den Jungen aus dem Mainpark holen, aber nicht den Mainpark aus dem Jungen.

So ist der Mainpark bei Haftbefehl immer auch eine Chiffre für die Lebensrealität postmigrantischer Milieus. Mit dem neuen Album entführt er uns erneut ins Zentrum der Kampfzone, aber Heldengeschichten sucht man vergeblich. Haftbefehl zeigt den Deutschen vielmehr so radikal wie niemand sonst, dass es das in diesem Land gibt: Ghettos. Erbaut auf Ignoranz, Ausgrenzung, Rassismus. Und wie die Mehrheitsgesellschaft dann mit einem umgeht, der es herausschafft aus so einem Ghetto: auch das zeigt die Geschichte von Haftbefehl.

Die Veröffentlichung von "Mainpark Baby" wird von einem fünfteiligen Kurzfilm von Chehad Abdallah begleitet, der den Lebensweg eines repräsentativen Mainpark-Babys vom Fünfjährigen bis zum 45-jährigen, ausgebrannten Mann erzählt. In der ersten Episode zu dem Song "Die braune Tasche" – ein kriminalistisch aufgeladener Representer nach Haftbefehl-Art und mit der Zeile: "Für 100.000 würd‘ ich nicht mein Haus verlassen" – packt eine namenlose kurdische Familie hektisch das Nötigste zusammen, draußen hört man Explosionen, drinnen stopfen die Eltern ihre karge Existenz in diese braune Tasche und bereiten die Flucht der Familie vor, während ihr kleiner Junge nicht versteht, was vor sich geht.

Produziert hat Haftbefehl "Mainpark Baby" abermals mit Bazzazian und überwiegend in dessen Kölner Studio sowie in Frankfurt und Stuttgart. Das Artwork stammt erneut von Chehad Abdallah. Die symbiotische kreative Dynamik zwischen Bazzazian und Haftbefehl hat über die Jahre eine der großen musikalischen Partnerschaften des deutschen Rap begründet. Der Produzent findet für die Bilder und Geschichten auf "Mainpark Baby" kongeniale Beats und kreiert eine Musik des Getriebenseins, der schicksalhaften Ausweglosigkeit und des Verharrens im Nirgendwo, aber auch die zarte Pflanze Hoffnung keimt immer wieder auf.

Mit "Mainpark Baby" erweist sich Haftbefehl erneut als einer der besten Rapper und scharfsinnigsten, straßenpoetischsten Texter in diesem Land. Ein Dichter der Nacht, der uns mitnimmt in die Straßenschluchten, in die dunklen Keller, die Bars und auf den Strich. Das kommt hier alles weiterhin direkt und ungefiltert aus einem wild schlagenden Künstlerherzen.

Z4

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21.12.2022 - 13:50 Uhr
Kein Review, im Ernst?

captain kidd

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21.12.2022 - 14:00 Uhr
Grandios Mal wieder. Der Track mit Savas - was ein Abriss. Und der letzte Titel natürlich. Selten einen würdigeren Abschied gehört. "Ich mag nur den Geruch von Koks" ist natürlich auch geil.

captain kidd

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21.12.2022 - 14:03 Uhr
Beim letzten Track muss ich echt immer fast heulen... "Ich hab die Sprache verändert". Echt ma, Hafti...

Z4

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21.12.2022 - 14:33 Uhr
Naja, die Sprache verändert hat Moneyboy auch ^^

maxlivno

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21.12.2022 - 14:36 Uhr
Ich finde es extrem enttäuschend. Als ob er verlernt hätte zu texten. Intro, „Kein Respekt“ und Outro sind die einzigen guten Songs. Ist auch einfach besser wenn er mal ne längere Auszeit hat um klarzukommen und sich um die Familie zu kümmern

Armin

Plattentests.de-Chef

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21.12.2022 - 20:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Z4

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21.12.2022 - 20:24 Uhr
Wertung und Überschrift passt, aber falscher Link.

captain kidd

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21.12.2022 - 20:40 Uhr
Schöne Rezi auch...

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

21.12.2022 - 20:43 Uhr
Danke, ist korrigiert.

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

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Registriert seit 12.12.2013

23.12.2022 - 08:17 Uhr
Im Prinzip ist das hier wie "Azzlack stereotyp" nur von der anderen Seite.

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