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Deine Lakaien - Dual

Deine Lakaien - Dual

Chrom / Soulfood
VÖ: 16.04.2021

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

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Dass Coverversionen weit mehr sind als das simple Nachspielen bekannter Songs, ist nun wahrlich keine bahnbrechende Erkenntnis. Wenn ein Musikschüler erstmals ein bekanntes Riff auf der Gitarre hinbekommt, dann ist das Inspiration, fördert den Antrieb weiterzumachen und irgendwann vielleicht eigene Songs zu schreiben. Selbst die größten Bands können nicht behaupten, nicht doch irgendwann einmal von anderen Künstlern inspiriert worden zu sein. Leider beginnen zahlreiche Künstler – gerne im Herbst ihrer Karriere – diesen Inspirationsquellen in Form von Cover-Alben zu huldigen. Das geht mal mehr, mal weniger gut, meist jedoch werden ohnehin schon längst zu Tode gedudelte Songs nochmals durch den Cover-Wolf gedreht. Ausnahmen bestätigen die Regel, ganz klar. Dass allerdings ausgerechnet Deine Lakaien mit "Dual" eine solche Ausnahme sein wollen, überrascht dann allerdings doch, sind in den 35 Jahren Bandgeschichte doch nur zwei Coverversionen aktenkundig – Bob Dylans "It's alright Ma" von der Compilation "XXX. The 30 years retrospective" sowie "(We don't need this) Fascist groove thang" von Heaven 17, das sich 1999 geradezu verschämt auf der Single "Into my arms" versteckt hielt.

Doch wie schon mit ihren Orchester-Projekten wären Ernst Horn und Alexander Veljanov nicht sie selbst, wenn sie aus einer schnöden Cover-Sammlung nicht etwas Besonderes entstehen lassen wollten. Auch wenn die bereits im November 2020 veröffentlichte Bearbeitung von "Because the night" von Patti Smith und Bruce Springsteen etwas für Stirnrunzeln sorgte. Denn jeder der zehn Coverversionen steht ein neuer eigener Song gegenüber, der von eben diesem Originalsong in irgendeiner Form inspiriert wurde. Nicht als Gegenüberstellung, sondern säuberlich separiert auf zwei Tonträgern. Und damit das Ratespiel nicht zu einfach wird, ist die jeweilige Reihenfolge auch noch bunt durchmischt, damit "Original-CD" und "Cover-CD" einen sauberen Album-Flow vorweisen können. Verstanden? Nein? Auch egal.

Denn die Abstraktionen, sprich Eigenkompositionen, mit denen das Paket startet, sind so gut, dass sie locker als separate Einheit durchgehen könnten. "Because of because" ist eben so ein typischer Lakaien-Opener, der sofort gefangen nimmt. Der in flauschig-warme akustische Decken gehüllt wird, zusammengehalten vom vertrauenerweckenden Gesang Veljanovs, vor allem gegen Ende immer wieder ausbrechen will. Das folgende "Sick machine" hingegen schlägt wunderbar den krautrockigen Bogen von Cans "Spoon" hin zur industriellen Kälte von "Resurrection machine" vom Album "Forest enter exit". Immer wieder spielen Horn und Veljanov kunstvoll mit den Stimmungen, tauchen mit "Snow" in tiefe Melancholie ab, nur um mit "Happy man" und "Run" umgehend genau daraus zu flüchten. Und nur der Bass-Loop erinnert daran, dass tatsächlich "The walk" von The Cure hier Pate stand.

Wobei die Band um Robert Smith wohl der naheliegendste Einfluss für Deine Lakaien sind, ebenso wie "Song of the flea" von Modest Mussorgsky, von Veljanov stilecht auf russisch gesungen, sicherlich für den ausgebildeten Konzertpianisten Ernst Horn ein Fest war. Mindestens ebenso beeindruckend ist, wie die fragilen "Lady D'Arbanville" von Cat Stevens und "Dust in the wind" von Kansas in das für die Band so typische große Drama transportiert werden. Richtig überraschend jedoch sind die Bearbeitungen von "Black hole sun" von Soundgarden und "My December" von Linkin Park. Wer, wenn nicht Deine Lakaien, könnten die tiefe innere Zerrissenheit der jeweiligen Sänger, die letztlich zu ihrem tragischen Tod führte, besser vertonen? Jegliche Dissonanz, jegliche trügerische Wärme im Sound ist genau so gewollt, und im Hintergrund formuliert Horn mit Sägezahn-Kurven das drohende Desaster.

"Dual" ist, so suggeriert es der Albumtitel, nur teilweise eine reguläre Studioplatte. Ebensowenig aber ist es ein Coveralbum mit Eigenkompositionen als Beiwerk. Die große Kunst ist nicht bloß, dass beide Tonträger für sich als Album funktionieren könnten, sondern in der inspirativen Verflechtung der beiden Teile, in der wechselseitigen Inspiration. Es ist schlicht und ergreifend irre faszinierend nach Querverweisen zu suchen, nach kleinen Spuren der Einflüsse, an die man sich von beiden Richtungen aus annähern kann. Und natürlich ist es spannend zu erleben, wie Ernst Horn und Alexander Veljanov immer wieder nach Veränderungen suchen, immer wieder aus ihrer Komfortzone ausbrechen wollen. Und dabei doch unverkennbar Deine Lakaien bleiben.

(Markus Bellmann)

Highlights

Tracklist

Gesamtspielzeit: 87:06 min.

Referenzen

Veljanov; Helium Vola; Qntal; Estampie; Faun; Einstürzende Neubauten; Phantom Ghost; Wolfsheim; Goethes Erben; Das Ich; Relatives Menschsein; And One; Project Pitchfork; The Fair Sex; Invincible Spirits; Can; The Eternal Afflict; Diary Of Dreams; Suicide; Peter Murphy; Bauhaus; Gavin Friday; Dead Can Dance; Sopor Aeternus; Christian Death; London After Midnight; :wumpscut:; Greater Than One; The Cure; Das Holz; Recoil; Depeche Mode; Martin L. Gore; Dave Gahan; Men Without Hats; Howard Jones; Paul James Berry; Clann Zú; Archive; David Bowie; David Sylvian; Pink Floyd; Joy Division; New Order; Blumfeld

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