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"Konzerte sind wie magische Momente"
Interview mit Keith Caputo

Keith CaputoGleich drei Alben mit Keith Caputos Stimme wurden im Verlauf des Jahres 2000 veröffentlicht. Auf seine akustische Headlinertour im Frühjahr folgte im Dezember die aufsehenerregende "Rolling Stone Roadshow", die Keith Caputo als umjubelter Headliner bestritt. Kurz nach Abschluß dieser Tour bekamen wir die Gelegenheit, in einem telefonischen Interview mit Keith das Jahr Revue passieren zu lassen und zudem in die fernere Zukunft und Vergangenheit zu blicken. Das Interview führte Armin Linder.

Das letzte Konzert der "Rolling Stone Roadshow" liegt nun drei Tage zurück. Wie hast Du die Tour als Ganzes erlebt?

Keith CaputoKeith: "Es war unglaublich, ich hatte eine wirklich tolle Zeit. Auch die anderen Bands waren alle großartig."

Bei Deinen Liveshows hatte ich immer das Gefühl, daß Du versuchst, eine besondere Beziehung zum Publikum auf einer emotionalen Basis aufzubauen. Denkst Du, daß nicht nur Du Deinen Zuhörern etwas gibst, sondern sie auch umgekehrt in der Lage sind, Dir etwas zurückzugeben?

Keith: "Ich denke, das geht von beiden Seiten aus. Ich kann nichts geben, ohne daß ich etwas bekomme. Die Situation ist wie eine Art Spiegelbild. Auf beiden Seiten muß so etwas wie Intensität entstehen. Das ist dann ein ganz besonderer Moment. Man sollte mit ihm umgehen, als ob er heilig wäre."

Durch Deine letzten Interviews sind Gerüchte aufgekommen, daß Du vorhast, Life Of Agony wiederzuvereinigen, um ein neues Album aufzunehmen.

Keith: "Das würde ich gerne tun. Ich habe deswegen auch schon ein paar Telefongespräche geführt, aber es kam nicht wirklich etwas dabei heraus. Es gibt also noch keine konkreten Pläne"

Was sind denn dann Deine Pläne für die nahe Zukunft? Hast Du bereits Songs für ein neues Album geschrieben?

Keith Caputo Keith: "Ja, habe ich. Aber nicht für Life Of Agony. Das wäre eine andere Sache, eine andere Situation und dahinter würde eine andere Energie stecken."

Kannst Du die neuen Songs bereits irgendwie beschreiben oder Songtitel nennen?

Keith: "Ich kann sie nicht wirklich in Worte fassen, man muß sie schon hören. Sie heißen "Nursery cave", "Crocodile gypsy", "Open" und "Crippled", um nur ein paar zu nennen. Ich habe sie noch nicht richtig aufgenommen. Bislang gibt es nur Demoversionen davon."

Aus welcher Session stammt denn "The mantra song", die B-side von "New York City"?

Keith: "Der Song stammt aus der Zeit, als ich "Died laughing" aufgenommen habe, hat es aber nie auf das Album geschafft. "

Gibt es noch weitere Outtakes, die vielleicht irgendwann veröffentlicht werden?

Keith: "Vielleicht. Ich muß mich mal darum kümmern, daß ich die Tapes mit den Aufnahmen zurückbekomme. Wir haben damals rund 19 Songs aufgenommen und nur 12 davon wurden auf "Died laughing" veröffentlicht. Es ist also noch eine Menge Material übrig. Ich würde auch gerne noch eine weitere Single aus dem Album veröffentlichen. Ich denke, es steckt noch mehr darin. Aber es gibt gewisse Dinge, die ich an meiner Plattenfirma nicht mag..."

Keith CaputoWer gab den Antrieb dafür, nun auch noch eine Akustikversion des Albums, "Died laughing pure", zu veröffentlichen?

Keith: "Es waren insbesondere die Fans, die meine Webseite besuchten und dort um akustische Versionen gebeten haben. Also haben wir beschlossen, ein paar Songs zusammenzustellen."

Wieso bist Du dafür noch einmal ins Studio gegangen, anstatt einen der akustischen Live-Mitschnitte mit Streicherbegleitung zu veröffentlichen?

Keith: "Ich hätte das gerne getan, und es hätte eigentlich nichts dagegen gesprochen. Aber die Klangqualität war nicht gut genug, weil die Konzerte leider nicht professionell mitgeschnitten wurden."

Da wir in erster Linie eine Internet-Seite für Plattentests sind, würden uns Deine aktuellen Lieblingsalben interessieren. Könntest Du Deine fünf Lieblingsplatten nennen und ein paar Worte dazu erzählen?

Keith: "Kid A" von Radiohead. Ich glaube, dazu brauche ich nichts zu sagen. Sie stehen schlichtweg über jedem und allem. Als ich das Album das erste Mal gehört habe, dachte ich, daß es wirklich schwierig zu hören ist. Ich mußte mich vollkommen darauf einlassen und meinen Kopf ein Stück weit öffnen. Seitdem höre ich es immer wieder. Ich denke, daß das Album und auch die Band nun noch besser ist als "OK computer"."

Radiohead - Kid A

Radiohead - Kid A

Pink Floyd - Wish you were here

Pink Floyd - Wish you were here

Aphex Twin - Selected ambient works I/II

Aphex Twin - Selected ambient works I/II

Nirvana - Incesticide

Nirvana - Incesticide

Led Zeppelin - I

Led Zeppelin - In through out the door

Fallen Dir noch andere Favoriten ein?

Keith: "Eine schwierige Frage. Vielleicht "Wish you were here" von Pink Floyd. Auf der Tour hatte ich "Selected ambient works I/II" von Aphex Twin dabei und "Incesticide" von Nirvana. Außerdem "In through the out door" von Led Zeppelin und "Soft parade" von den Doors."

Gab es denn, außer dem Radiohead-Album, im letzten Jahr keines, das Dich zutiefst beeindruckt hat?

Keith: "Nein. Nur "Kid A". Und vielleicht noch "Mutations" von Beck. Ich mag auch sein neues Album ("Midnite vultures" d. Red.), aber manchmal wird es ein wenig albern."

Hast Du auch das Debüt von Coldplay gehört?

Keith: "Du meinst "Parachutes"? Ja, es ist großartig, ich mag es."

Was sind Deine tiefsten musikalischen Inspirationen?

Keith: "Wahrscheinlich Beethoven und Lennon."


Auch wenn Du diese Frage sicherlich schon oft beantworten mußtest: Mit einer Kollegin habe ich vor kurzem über Deinen Song "Cobain (Rainbow deadhead)" diskutiert. Was bedeutet er wirklich? Beschuldigst Du tatsächlich jemanden, Kurt ermordert zu haben oder bezieht sich der Song auf die Massenmedien, die ihn in den Selbstmord getrieben haben könnten?

Keith: "Nun, ich weiß wirklich nicht, was ihn dazu getrieben haben mag. Ich habe darauf wirklich keine Antwort, es war lediglich mein kleines Schlaflied. Es ist voll von Skepsis. Das ist alles. Der Song soll offen für Interpretationen sein."

Die Zeile "Cobain was murdered by you" ist also nicht als konkreter Vorwurf gemeint.

Keith CaputoKeith: "Das bezieht sich auf die Dummheit und den Druck, der von den Plattenfirmen ausgeht und von ihnen verschaukelt werden. Ich kenne das aus meiner eigenen Erfahrung."

War es denn Deine Idee, das "Unplugged"-Album von Life Of Agony zu veröffentlichen?

Keith: "Nein, und ich mochte die Idee auch nicht."

Aber Du konntest es auch nicht verhindern.

Keith: "Nein."

Hast Du von Deinem aktuellen Album irgendwelche Lieblingssongs? Gibt es einen Song, der Dir jedesmal eine Gänsehaut verschafft, wenn Du ihn spielst?

Keith: "Ja, vielleicht "Brandy Duval", "Neurotic" oder "Cobain"."

"Brandy Duval" hast Du bei Deinem Auftritt in Köln im Rahmen der Roadshow nicht gespielt, obwohl er auf der Setlist stand.

Keith: "Man hat unsere Zeit an jedem Abend eingeschränkt. Wir konnten eben keine drei Stunden spielen und fanden es wirklich schwierig, unser Set auf eine Stunde zu beschränken. Wir würden gerne machen, was Led Zeppelin in den Siebzigern getan haben und zehn- oder fünfzehnminütige Versionen der Songs spielen. Aber wir waren einem strikten Zeitplan unterworfen und mußten uns danach richten. Bei unseren eigenen Shows, konnten wir zweieinhalb Stunden spielen, ohne darüber nachzudenken. Dann ist es mehr als nur ein Konzert. Wir erweisen uns dann die Ehre und der Musik und der Energie, die dazwischen schwebt."

Keith CaputoMit welcher Musik bist Du aufgewachsen? Kannst Du Dich noch an die erste Platte erinnern, die Dich wirklich mitriß?

Keith: "Die erste Platte, die in mein Leben trat, war "Wish you were here" von Pink Floyd. Und die nächste war "I", die Led Zeppelin mit "Good times, bad times". Von da an habe ich oft mein Zimmer nicht mehr verlassen und einfach nur die Rockplatten von meinem Onkel angehört."

Es war also Dein Onkel, der Dich zur Musik brachte.

Keith: "Ja. Er kaufte dann meinen Großeltern zu ihrem fünfzigsten Jahrestag oder so ein Klavier und fragte mich: "Wenn ich ein Klavier kaufe, hättest Du Lust, Unterricht zu nehmen?" Ich antwortete "Wieso nicht? Ich werde es versuchen." Von da an lernte und spielte ich vier oder fünf Jahre lang klassische Musik. Dann gründete mein Cousin Joey (Z. von Life Of Agony, d. Red.) eine Band, und Rock'n'Roll ergriff mein Leben."


Wie alt warst Du, als das Piano gekauft wurde? Und wann hast Du begonnen, Gitarre zu spielen?

Keith: "Musik kam erst spät in mein Leben. Als ich 14 oder 15 war. Gitarre spiele ich erst seit ein paar Jahren, etwa seit ich 21 oder 22 bin."

Was hast Du für heute noch geplant?

Keith: "Ich werde ein paar Songs bei einer Silvesterparty spielen. Sie wird heute aufgezeichnet und dann auf VIVA Zwei ausgestrahlt. Ich mache mir ohnehin nicht viel aus der ganzen Silvestergeschichte, ich habe keinen Bezug dazu. Ansonsten werde ich einfach abwarten, was passiert."

Text: Armin Linder
Fotos: Armin Linder (Live in Köln am 10.12.2000) / Roadrunner (Pressefreigaben)

Rezensionen:
Died laughing Died laughing pure Unplugged at the Lowlands Festival '97