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Jahrespoll 2005 - Die Rangliste der Redaktion

Das gab's zuletzt bei Radioheads Jahrhundertalbum "Kid A" und Jimmy Eat Worlds Powerpopmeilenstein "Bleed American": Sowohl die Leserschaft als auch die Redaktion von Plattentests Online sind einmütig hingerissen vom gleichen Album. Von einer Band, die im Jahr zuvor eigentlich nur aufmerksamen Spürnasen ein Begriff war. Applaus für Bloc Party und ihr "Silent alarm"! Egal, wie knapp es war: Die Konkurrenz von Dredg ist distanziert. Und doch konnten auch die kalifornischen Progpopper ihre Krone ergattern: Dank dieser heimtückischen Anmut lag "Bug eyes" bei uns bei den Songs ganz vorn.

Auf die Plätze wurden Maximo Park und ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead verwiesen. Und doch brachten Maximo Park gleich zwei ihrer Ohrwürmer in unserer Song-Top-Ten unter. Auch andere Längst-nicht-mehr-Geheimtips konnten sich in der Gunst der Redaktion höher plazieren als im von Euch so zahlreich zur Stellungnahme benutzten Jahrespoll. Nada Surf begeisterten uns mit ihrer Sanftmut ebenso wie der Scharfsinn von Element Of Crime, die Hingabe von Ben Folds, die morbide Schwelgerei der Stars, die Rückkehr von Depeche Mode, das Gezappel von The Robocop Kraus oder ...

Genug Geplänkel: Bühne frei für unsere Favoriten des Jahres!

Album des Jahres

Song des Jahres

1. Bloc Party
Silent alarm

1. Dredg
Bug eyes

Als "Banquet" mit seinem Echogroove die Tanzflächen stürmte, hielt man die Briten noch für fluffige Franz-Ferdinand-Adepten. Doch "Silent alarm" war so viel mehr. Vertrackt. Kurvig. Spleenig. Politisch. Mit Rhythmus bis zum Abwinken. Hier wirbelten Kuschler wie "So here we are" und Hymnen à la "Like eating glass" gemeinsam gen Himmel. Und mit "Helicopter" hob ich ein ums andere Mal selbst ab. Was für ein Alarm!

Im Internet blinkt und blingt es an allen Ecken und Enden, meistens unaufgefordert. So auch die Dredg-Homepage, lange vor der Veröffentlichung des neuen Albums. "Bug eyes" spielte der Webseiten-Player, unaufgefordert und unweigerlich. Ein Überraschungsangriff mit Langzeitwirkung. Einen Augenblick lang stand bei mir die Zeit still. Und einige Monate später steht unser Song des Jahres fest.

(Oliver Ding) (Armin Linder)
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2. Dredg
Catch without arms

2. Maximo Park
The coast is always changing

Seit der Geburtsstunde gibt es bei Dredg nur zwei Konstanten: Genialität und Veränderung. Mit dieser Platte definiert sich die Band selbst neu und verändert mein Verständnis von Popmusik. Ein Stück moderne Musikgeschichte voller tiefgründiger Emotionen und musikalischer Raffinessen bei Melodien zum Dahinschmelzen. Wer sich mit ihnen fallen läßt, erlebt das Höchste der Gefühle. Versprochen.

Der Hemdkragen gestärkt, die Lippen spöttisch gespitzt und kühler Küstenwind in der Nase. The british way of letting go. Die Dekadenz-Krone gehört dieses Jahr nach England, denn selbst ohne jemals auf der Insel gewesen zu sein, kann man dank dieser famosen Debütsingle völlig ehrlich über Londons scheinbaren Glanz fluchen und von der rauhen Einsamkeit der Provinz schwärmen. Stilvoll geht die Welt zugrunde.

(Christoph Schwarze) (Tobias Wallusch)
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3. ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead
Worlds apart

3. Nada Surf
Always love

Von Zeit zu Zeit müssen...And You Will Know Us By The Trail Of Dead die Ohren durchpusten. Mit "Worlds apart" haben sie den Spagat zwischen Rockepos und dem wüsten Indierock ihrer bisherigen Alben geschafft. Dabei klingen die texanischen Krawallbrüder beinahe gemäßigt. Und auch wieder nicht. Dieses Album ist Bombast pur - ohne cheesy zu sein. Zwei Drummer hier, Hilary Hahn dort, ein Hauch von Punkpathos.

Wer 2005 nach Tracks suchte, die auf einem Ich-bin-in-Dich-verknallt-Tape mächtig Eindruck schinden sollten, war mit Nada Surfs herzergreifendem "Always love" bestens bedient. Das zog immer. Eine prächtige Melodie, vielleicht eine der schönsten, die dem amerikanischen Trio je über die Saiten wanderte. So zuckersüß und kuschelig. Mit Liebe, damit haben es Nada Surf ja sowieso. Aber wer eigentlich nicht?

(Martin Stenger) (Sebastian Peters)
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4. Bright Eyes
I'm wide awake it's morning

4. Element Of Crime
Delmenhorst

Vor einer Plakatwand an einem Bahnhof in Hessen. Ich muß mich setzen. Neben mir ein Mann, der seine Augen schließt. Verzweifelt. Die Welt hält den Atem an. Panische Stille. Orientierungslosigkeit. Tränen. Fremde Menschen halten sich im Arm. Die Welt ist erschüttert. In meinem Kopf Conor Obersts Worte: "We are nowhere and it's now." Und plötzlich macht alles Sinn. Die Gewißheit: Wir sind gemeint.

Niemand außer Sven Regener ist derart in der Lage, provinzielle Düsternis zu vertonen. Im Falle eines gewissen Bremer Vororts gelingt ihm dies besonders eindrucksvoll. Wer jemals dort sein durfte (oder mußte), wird ihm uneingeschränkt zustimmen. Nach diesem Song ist in Sarah-Connor-City nichts mehr, wie es war. Und niemand wird mehr ohne Grinsen bei Getränke Hoffmann einkaufen können. Ach ja: Bescheid.

(Christian Preusser) (Markus Bellmann)
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5. Maximo Park
A certain trigger

5. Stars
Your ex-lover is dead

Manchmal lohnt sich SPEX-Lesen doch: Wenn einem von einer frischen britischen Band vorgeschwärmt wird, die Morrisseys Smiths und Wellers The Jam gleichzeitig beerben soll. Und die dieses Versprechen dann nicht nur einhält, sondern übererfüllt. Mit windschiefen Krawatten, knuffigem Akzent und einer unerreichten Wagenladung von Hits, Hits, Hits eroberten Maximo Park mein Ohr im Sturm. Und mein Herz gleich mit.

Kollege Gerhardt suchte in einem internen Mailwechsel nach Erklärungen: "Ich denke, das 'dead' aus dem Titel ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern bezieht sich eben nur darauf, daß er nicht mehr in sie verliebt ist. Oder andersrum? Keine Ahnung." Unsere Verwirrung wurde bis heute kaum geringer. Egal. Diese Streicher! Dieser Gesangseinsatz! Diese Melodie! Da gönnen wir dem Hirn allzu gern eine Pause.

(Oliver Ding) (Armin Linder)
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6. The Arcade Fire
Funeral

6. The Robocop Kraus
You don't have to shout

Ein paar Schlauberger wollten wegen The Arcade Fire schon ihre alten Konfirmandenanzüge entlausen. Aber wie alle anderen wurden sie auf halbem Weg zur Reinigung von einer Platte überrollt, die dann doch lieber Trends setzte, wie sie in keiner "Glamour" stehen: Theatralik ist wieder wer. Bedingungslosigkeit auch. Und Euphorie erst recht. Hier schlägt das Herz der Rockmusik auf eine Marschtrommel ein.

"You don't have to shout", predigten die Robocops. Und doch hielt sich kein Schwein dran. In den Pfützen in Haldern so wenig wie in den vor Schweiß triefenden Clubs. Kaum piepste es los, hüpfte jeder, der sich den Tanzreflex noch nicht wegkonditioniert hatte. Zwanghaft. Freiwillig. Unaufhaltsam. Der zappeligste Ohrwurm des Jahres kam aus Nürnberg und glänzte wie eine frisch polierte Discokugel.

(Daniel Gerhardt) (Oliver Ding)
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7. Nada Surf
The weight is a gift

7. Ben Folds
Jesusland

Obwohl Nada Surf und ihre kleinen Pophymnen im Halderner Matsch untergehen, frißt sich ein Lied in meine Ohren, das mich nicht mehr losläßt: "Always love". Wochenlang trage ich diesen Refrain mit mir herum, bis ich mir endlich das Album kaufe. Und siehe da: Der Song ist kein Einzelkind, er hat all seine Geschwister mitgebracht. Ein Familientreffen, bei dem selbst notorische Einzelgänger dabei sein wollen.

Juni 2005: Ben Folds nach fast sechs Jahren endlich wieder in Deutschland. Im Gepäck auch "Jesusland" - herrlicher Harmoniegesang, perlendes Piano, stürmische Streicher. Ein Spaziergang durch Amerika. Zu den großen Firmen, aber auch zu den Bettlern, denen niemand etwas gibt. Dazwischen "Jesus saves"-Plakate, die anderen als Ersatz für Hilfsbereitschaft und Mitgefühl dienen mögen. Nur Folds gibt und gibt.

(Lukas Heinser) (Ina Simone Mautz)
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8. Element Of Crime
Mittelpunkt der Welt

8. Maximo Park
Apply some pressure

Wie nur ein Album in Worte fassen, das einen schlichtweg aus dem Hocker riß? Erwartet hatte man einiges. Daß es eine solch schöne Platte würde, wohl kaum. Manche sprechen von Stillstand - wir ergänzen: auf höchstem Niveau. Regener findet die Mischung aus Romantik und Psychose und zaubert mit seinen Mitstreitern zehn formidable Kirmescountry-Nummern. Daumen hoch für den "Mittelpunkt der Welt".

"What happens when you lose everything? You just start again, start all over again." Ob und was Maximo Park zuvor verloren hatten, wissen wir nicht. Sie kamen aus dem Nichts und starteten durch. Ein Song, der in nicht mal drei Minuten alles vereint, was Popmusik 2005 ausmachte. Eine rundrum gelungene Nummer. Und der Auftakt zu einer Singlerevue, wie sie manche Bands in 20 Karrierejahren nicht hinkriegen.

(Sebastian Peters) (Lukas Heinser)
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9. The Decemberists
Picaresque

9. Coldplay
Talk

Colin Meloy reitet den Elefant. Colin Meloy versenkt den Wal. Und Colin Meloy hat eine Meise. Seine Decemberists spannen sich mit ihrer dritten Platte den bizarrsten Seemannsgarn auf dieser Seite von Käpt'n Hook zusammen, verloren aber nie den Draht zur Realität oder zu großem Songwriting. Moderne Märchen von Amerikas verhindertstem Theaterregisseur. Ein ziemlich wunderbares Gedöns.

Ohrwürmer sind am Anfang niedlich, doch irgendwann entwickelt man einen Haß auf sie. Will sie loswerden. Anders "Talk": Langsam fraß sich die "Computerliebe"-Melodie in die Gehörgänge, machte es sich bequem und traf dann nach Monaten plötzlich genau die Hörnerven. Kein anderes Lied habe ich 2005 so oft (unbewußt) vor mich hingesummt, und kein anderes Lied wollte ich trotz Heavy Rotation noch so oft hören.

(Daniel Gerhardt) (Lukas Heinser)
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10. Depeche Mode
Playing the angel

10. ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead
Let it dive

Ein Gitarrenskalpell als Öffner, ein dunkles Baßgrollen gesellt sich dazu, und prompt titsche ich beim Erstkontakt mit "Playing the angel" wie ein Gummiball durch meine Bude. Mit einem Schritt rückwärts machen die Elektronikgroßwesire einen Riesenhüpfer zurück nach ganz vorne. Sorgfältig durchlöcherte Hits wie "Precious", die selbst Schatten zum Leuchten bringen. Ehrfurchtgebietender Pop. Das Comeback des Jahres.

Wie mit einer Extraportion Bienenhonig bestrichen hebt dieser Abgesang ab in Richtung Überschwang. Summende Gitarren dirigieren. Einiges Klimbim täuscht links den Kitsch an und trifft mit dem rechten Fuß genau ins Melodiezentrum. Nach diesem Song hat Noel Gallagher immer gesucht. Gefunden hat ihn jedoch die Band mit diesem lustigen, langen Namen. Nie klang Moll so euphorisch. Und nicht nur ich reckte die Arme.

(Oliver Ding) (Oliver Ding)


ZUM JAHRESPOLL 2005


Ältere Redaktionspolls:
2004 | 2003 | 2002


Auswertung: Armin Linder
Koordination: Oliver Ding
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de