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"Einem anderen Festival hätte ich dieses Wetter übelgenommen"
22. Haldern-Pop Festival, 4.-6. August 2005

Haldern-Pop 2005Es herrscht Fritz-Walter-Wetter. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Die Zuschauer, sie harren aus. Zentimetertief versinken sie im Schlamm. Musikredakteure fachsimpeln unterdessen. Über Lineups, die dieses Festival passend erweitern würden. Puddle Of Mudd, Wet Wet Wet, Drowning Pool. Und als Headliner die allgegenwärtigen Coldplay. Doch Matsch beiseite - auch das 22. Haldern-Pop begeisterte die durchnäßten Massen. 5000 zahlende Kunden und "schätzungsweise 15.000" (Haldern-Pop-Chef Stefan Reichmann) akkreditierte Gäste genossen nicht nur ihre nassen Füße.

Thomas Lang (The Robocop Kraus)Bereits donnerstags ließen sich dieses Mal die ersten Gäste im von Plattentests-Schreiber Sebastian Peters mitbetreuten Spiegelzelt von Franz Kasper und den Revs aus Irland anwärmen. Freitag ging es dort zunächst mit mittäglicher Nachwuchsbeschallung weiter. Und manch einer konnte seinen Augen kaum glauben, daß sich dieser Typ mit Vollbart tatsächlich als Peter Brugger von den Sportfreunden Stiller entpuppte. Die waren nämlich zufällig gerade in der Gegend und wollten sich in Haldern noch einmal für die freundliche Aufnahme in ihrem Durchbruchsjahr 2000 bedanken. Doch es sollte noch ganz andere Rückkehrer geben.

Zum Beispiel Millionaire, die den Freitag auf der Hauptbühne eröffneten. Doch im Gegensatz zu ihrem herrlich spinnerten '02er Mitternachtsgig erging sich Josh-Homme-Kumpel Tim Vanhanel in einem Gedröhne, das so durchweicht war wie der niederrheinische Boden. Queens Of The Mud Age. Auch Art Brut, die sich spontan für Ocean Colour Scene halten durften, legten keinen Wert auf Subtilitäten, hielten aber wenigstens mit dem leicht lärmigen New-Wave-Klang dagegen, der ohnehin den Freitag dominieren sollte. Am besten gelang dieser ausgerechnet den Nürnbergern The Robocop Kraus, die sich von der wetterfesten Beharrlichkeit des Publikums anstacheln ließen. Immer noch zickiger wurden die Songs, immer noch mehr Leute sprangen in den Pfützen auf und nieder. Besonders "All the good men" erwies sich dabei als perfekte Einfrierprophylaxe.

Helge 'Omen' Kaizer (Kaizers Orchestra)Mit diesem nunmehr warmgetanzten Auditorium hatten die Kaiser Chiefs leichtes Spiel. Der sportliche Einsatz von Sänger Ricky Wilson nahm das Haldern-Pop im Sturm und brachte ihm auch noch gute Umgangsformen bei. "Bitte schön." - "Danke schön." Trotz des verfrühten Abfeuerns der Übersongs "Every day I love you less and less" und "I predict a riot" kaum eine Blöße. Mit Nada Surf hingegen ging die Sonne auf. Zwar wirkte ihr melancholischer Indiepop wie ein Fremdkörper im Tagesgeschehen, der Strahlkraft von Hymnen wie "Inside of love", "80 windows" oder dem versöhnlichen Neuling "Always love" nahm dies jedoch nichts. Trotzdem unwidersprochener inszenierte sich danach das Kaizers Orchestra, das wie schon zwei Jahre zuvor auf Autofelgen und Ölfässer klopfte, als gäbe es kein Morgen mehr. Kein Wort verstanden und trotzdem durchgerockt.

Nick McCarthy (Franz Ferdinand)Dem Papier nach hätte es danach den Höhepunkt des Tages geben sollen. Denn die schottischen Überflieger Franz Ferdinand schickten sich an, im feinen Zwirn und mit all den Hits ihres gefeierten Debüts für kollektives Arschwackeln zu sorgen. So hatten auch die Hubschraubergitarren von "Take me out" umgehend den gesamten Reitplatz im Griff. Nur war ausgerechnet Alex Kapranos von einer derart offensichtlichen Unlust beseelt, die nicht mal die Aufopferungsbereitschaft von Nick McCarthy überdecken konnte. Vor allem den anscheinend ohnehin schwächelnden, Franz-Frischlingen nahm diese Singfaulheit jede Chance. Da blieb den verbliebenen Romantikern nur noch übrig, mit Saybia (Rückkehrer-Laufnummer 4) in die Nacht hinein zu träumen, während sich die Eingeweihten von Zita Swoon (Nummer 5) betören und von British Sea Power mit Blumenzwiebeln bewerfen ließen.

Jan Müller (Tocotronic)Neuer Tag, neues Glück: Der Samstag gab sich anfangs trocken, und noch schien die Organisation auf dem Zeltplatz zumindest halbwegs gerettet werden zu können. Schon wurde auf dem Gelände gescherzt, daß man dieses Wetter nur in Haldern geduldig ertragen könne. Doch pünktlich zu den ersten Tönen öffnete der Himmel nach und nach wieder alle Schleusen und prüfte solcherlei Gelöbnisse. Passend zu den fachkundig provozierten "No rain"-Rufen sorgten Neil-Young-Adept Saint Thomas auf der Hauptbühne und die The-Mamas-And-The-Papas-Nachfahren The Magic Numbers im Spiegelzelt für authentisches Woodstock-Flair. Ähnlich vergangenheitsbewußt (und überraschend nüchtern) schunkelten dann die Milchgesichter von The Coral ihren folkigen Retro-Beat über die Bühne, bevor Sarah-Kuttner-Liebling Moneybrother mit heiseren Joe-Cockerismen und The House Of Love mit klassischen Britpop ihre jeweiligen Zielgruppen erfreuten.

Carl-Johan Fogelklou (Mando Diao)Umfassendere Begeisterung gab es dann bei den Rückkehrern mit den Laufnummern 6 und 7. Die französischen Eklektiker Phoenix tanzrockten mit dem absurden Epos "Funky squaredance" den Reitplatz wieder warm. Und nach Spontanzündern wie "Everything is everything" und dem lecker verknirschten "If I ever feel better" hatten sie eh gewonnen. Dann schlurften Tocotronic passend zur aufreißenden Wolkendecke los. Die kantigen Songs von "Pure Vernuft darf niemals siegen" und wohlgewählte Klassiker gerieten ihnen unerwartet herzöffnend. Dazu hanseatischer Humor: "Das nächste Lied ist eine Coverversion. Es heißt 'Heimatlied'" gefolgt von "Aber hier leben, nein danke". Dirk von Lowtzow in großer Form. Vertrackter Lärm, stolpernde Ansagen, skurrile Texte. Und ein Publikum, das wie die verzückt aufspielende Band kaum glauben konnte, wie sehr es euphorisiert wurde. Und zum unwirklichen Abschluß mit "Neues vom Trickser" kehrten die Wolken zurück, als hätten sie einen Umweg über Mordor genommen. Magisch.

Tim DeLaughter (The Polyphonic Spree)Darauf konnten selbst die Publikumslieblinge Mando Diao keine Steigerung mehr setzen. Trotzdem hauten die Schweden ihren feuchten Fans einen Straßenfeger nach dem anderen in die Pfützen. "Cut the rope", "Sweet ride", "Sheepdog". Mehr Jubel gab es das ganze Wochenende nicht.

Bevor es dann aber an den Medames Emiliana Torrini und François Breut im Spiegelzelt war, für zerbrechliche I-Tüpfel zu sorgen, gab es zum Abschluß auf der Hauptbühne noch die absonderlichste Zeitreise: Wer nämlich nach dem schwedischen Publikumsmagneten stehen geblieben war, wurde mit der Hippie-Kommune The Polyphonic Spree konfrontiert, die kein Haar mehr auf dem anderen ließ. Ihr enthusiastisches Gewusel kümmerte sich nicht um Erwartungen (oder Songstrukturen) und steckte das Publikum mit schierer Lebenslust einfach an. Dabei klang jeder Moment aufs Neue wie das bombastische Ende eines Musicals. Mehr ist noch mehr. Aber ans Weglaufen war ohnehin nicht mehr zu denken. Jeder Widerstand steckte längst knietief im Schlamm.

Links:
Haldern-Pop
Haldern-Pop 2005 (Diskussion in unserem Forum)
Haldern-Pop im Rockpalast
Haldern-Pop im EinsLive Kultkomplex
Haldern-Seite von Diebels
Diebels-Festivals (Rund um den Festivalsommer)

Text: Oliver Ding
Fotos: Kathrin Grannemann, Elisabeth Puchert, Pressefreigaben