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"Das Leben an sich ist nicht wirklich so elend"
Interview mit Savoy Grand

Graham Langley Auf leisen Sohlen schlichen sich Savoy Grand genau dorthin, wo sich die wirklichsten aller Gefühle verstecken. Intensiver als Schmerz, lauter als Stecknadeln. Auf ihrer jüngsten Tour fanden sich die Briten im Kölner Gebäude 9 ein, um mit der subtilen Schönheit ihres neuesten Albums "People and what they want" zu glänzen und ihren Ruf als "Gods of thunder" zu bestätigen. Nebenbei zeigten Graham Langley und Kieran O'Riordan auch noch, warum man von der zerbrechlichen Stille ihrer Musik besser nicht auf übersensible, weltverdrossene Charaktere schließen sollte. Das Gespräch führte übrigens Oliver Ding.

Ich möchte mich gerne mit Euch über Stille unterhalten. Ich habe mir Savoy Grand immer als Band mit der Stille als zusätzlichem Bandmitglied vorgestellt, das allerdings gelegentlich auch mal wieder fortgeschickt wird, wenn es der Augenblick erfordert. Was denkt Ihr über die Stille?

Graham: "Wir haben keine wirkliche Agenda, die sich mit der Stille befaßt, doch ich denke, daß sie in den Songs, die ich schreibe, einfach ganz natürlich passiert. Ich denke, ich bin daran interessiert, Dinge anzudeuten, Dramen anzudeuten. Silence is golden. Dazu ist sie wirklich gut."

Nur eine gute Freundin?

Graham: (grinst) "Ja."

Wie ist Eure Beziehung zu ihr? Liebkost Ihr sie wie ein guter Liebhaber oder laßt Ihr Euch eher von ihr erobern?

Graham: "Ich denke, die stillen Momente sind genauso wichtig wie die lauten. Darum geht's in diesem Drama des Songschreibens. Beides sind Wege, mehr auszudrücken als wörtlich in den Texten gesagt wird. Aber mir scheint es, daß das eine ohne das andere schwächer ist."

Wie viele Schauspieler braucht es denn für Eure Dramen? Nur diese beiden? (Graham und Kieran lachen) Oder sind fünf Leute doch besser?

Kieran: "Es ist besser, live mit fünf Leuten aufzutreten."

Graham: "Stimmt."

Macht es so mehr Spaß?

Graham: "Ja, klar. Es macht Spaß."

Manchmal klingt allerdings die Musik ein wenig niedergeschlagen, obwohl eine Menge Spaß und vor allem Ironie in ihr steckt. Glaubt Ihr, daß Ironie ein wichtiges Mittel ist, um sich vor der Welt zu schützen?

Kieran: "Nein. Das würde höchstens ein Feigling so machen."

Graham: (lacht) "Prima. Ich werde jetzt freimütig zugeben, ein Feigling zu sein. Ein emotionaler Feigling. Das ist der eigentliche Grund, warum ich Songs schreibe."

Kein Zyniker?

Graham: "Klar, ein Zyniker bin ich auch. Aber ein sich selbst bewußter Zyniker, der versucht, damit durchzukommen."

Savoy GrandWas haltet Ihr denn generell von Zynikern? Von Thom Yorke zum Beispiel?

Graham: "Ich würde Thom Yorke nicht unbedingt als Zyniker bezeichnen. Ich denke, er ist echt in dem, was er tut. Er mag zynisch herüberkommen, weil bei ihm alles auf so großer Ebene passiert. Aber wenn Du vor dem Problem stehst, in dieser Band zu sein, ist es wirklich schwierig. Denn wenn Du nicht alles nur spielst, sperrst Du Dich eigentlich in einer Kiste ein. Und wenn Du alles übertreibst, nennt man Dich schnell einen Zyniker. Oder bombastisch. Du bekommst dieses Etikett aufgeklebt, nicht echt zu sein. Egal wie man's macht, es ist verkehrt."

Apropos bombastisch: Gehört auch der Bombast zu Euch?

Kieran: "Klar, auf der aktuellen Tour haben wir jede Menge Feuerwerk und Pyrotechnik dabei. Passend zu unserem Stadionrock-Sound." (lacht)

Graham: "Eigentlich ist das keine Sache, um die wir uns bemühen. Es steckt kein tiefer Gedanke dahinter. Die Songs haben bloß diese Momente der Befreiung, wenn Du so willst, bei denen sie lauter werden. Es ist nur so: Wenn Du laut werden willst, solltest Du richtig laut werden."

Kam denn daher auch der Name "Gods of thunder"?

Graham: "Ich denke, das mit den Göttern des Donners war ironisch. Das hat sich jemand von Glitterhouse Records ausgedacht. Wir spielten damals auf dem Orange Blossom Special (Anm. der Redaktion: jährliches Festival von Glitterhouse in Beverungen), und aus irgendeinem Grund kündigte er uns als 'Gods of thunder' an. Ich glaube, das war als Witz gemeint."

Kieran: "Das Wetter war im Begriff, sich zu ändern, als wir auf die Bühne kamen. Wir brachten diese wirklich dunklen Wolken mit."

Graham: "Ich denke, er spielte auch darauf an, daß wir für schüchtern gehalten wurden. Er wollte das Publikum darauf vorbereiten, daß wir wirklich, wirklich ruhig und leise spielen würden. Und darum wurden wir die 'Gods of thunder'."

Verglichen mit den Studioversionen schienen mir eben während des Soundchecks die neuen Songs auch mehr von dieser Befreiung zu haben, die Du eben erwähntest.

Graham: "Das kann daher herrühren, daß wir beim Soundcheck vor allem die lauten Songs ausprobieren müssen. Aber trotzdem steckt da vielleicht noch etwas mehr dahinter."

Es ist also ungefähr das gleiche Maß an Lautstärke?

Graham: "Es liegt vielleicht an der Dynamik. Da mag es einige Ursachen geben: technische Gründe zum Beispiel. Oder einfach, daß es in einer Livesituation mehr Spaß macht. Es kann ganz schön angespannt werden mit all dieser Stille um Dich herum. Deswegen denke ich, daß es ganz gut ist, auch mal eine solche Befreiung anzubieten."

Kieran: "Wir bauen uns eine größere Bandbreite an Klängen auf. Das ist gut, weil wir eine Menge Songs mit einer Menge Stille machen. Und diese Bandbreite gewährleistet, daß die einzelnen Stückchen der Stille etwas weniger Wucht haben. Es gibt dadurch einige spezielle Aspekte mehr, die sonst nicht durchkämen."

Graham: "Ich denke, es ist ähnlich wie eine Aufnahme zu machen. Ein ganzes Album voller leiser, stiller Songs ist nicht so effektiv wie Songs, die diese gewisse Dynamik besitzen."

Savoy Grand learns to rock (Haldern-Pop '02)Als ich Euch das erste Mal live gesehen habe, wart Ihr Headliner des Haldern-Pop. Es war mitten in der Nacht, und man konnte die sprichwörtlichen Stecknadeln fallen hören. Und wenn sie dann fielen, wirkte es wie eine Explosion. Atemberaubend.

Graham: "Ja, das war ein großartiger Auftritt. Damals haben wir gelernt, wie man rockt. Da ist es uns wirklich aufgegangen: 'Huch, das geht ja auch laut!'" (Graham und Kieran lachen)

Um auf die Komplexität Eurer Musik zu sprechen zu kommen: Die Songs von 'People and what they want' scheinen mir komplexer in der Struktur, wenn auch weniger in Sachen Dynamik zu sein. Die Unterschiede zwischen laut und leise kamen auf 'Burn the furniture' etwas genauer auf den Punkt. Jetzt scheint es mir zusammenhängender, in sich geschlossener zu sein.

Graham: "Ja, das hat wohl mit den Songs und der Art und Weise, wie sie zusammengesetzt wurden, zu tun. Ich war damals in London und habe die Stücke mehr für mich selbst geschrieben, ohne genau zu wissen, wie sie mal aufgenommen würden. Von den Aufnahmen der EP (Anm. der Redaktion: 'The lost horizon'-EP) ausgehend dachten wir dann, daß es wichtig ist, mehr Raum für die Band zu lassen, die so besser gestalten kann, was aus den Songs wird und wo sie schließlich landen."

Würdet Ihr 'People and what they want' als fortgeschritteneres, entwickelteres Album bezeichnen?

Graham: "Nicht unbedingt."

Kieran: "Das Besondere an 'People and what they want' ist, daß es mehr im Studio entwickelt wurde, als wir es sonst getan haben. In der Vergangenheit wurden die Songs vorher ziemlich sorgfältig geformt und ausgebaut. Jede Menge Details, lauter Kleinigkeiten. Bei 'People and what they want' hatten wir zwar eine recht gute Ahnung dieser Songs, mußten aber einen Weg finden, um sie umzusetzen."

Savoy GrandDie geistesverwandte Band Aereogramme, von denen ein Tourposter in Eurem Backstageraum hängt, hat vor kurzem ein Album herausgebracht, dem ein Horrorfilm beliegt. Was für eine Art Film würdet Ihr einem Album beilegen?

Graham: "Ich bin wirklich versucht, einen Porno vorzuschlagen. (anhaltendes tumultartiges Gelächter) Hm. Ein irgendwie wunderliches, lustiges Roadmovie ..."

Porno-Roadmovie.

Graham: "Richtig. Ein Porno-Roadmovie ..."

Kieran: "... mit richtig guten Hemden ..."

Graham: "... und Tieren." (Noch mehr Gelächter)

Leute und das, was sie wollen.

Graham: "Yeah." (kichert)

Ein weiteres Tourposter, das ich eben gesehen habe, war von der Band Low, die ja auch eine geistesverwandte Band zu sein scheint. Low haben ihren ursprünglichen Klang weiterentwickelt. Sie wurden etwas schneller, etwas lauter und vielleicht auch etwas schwerer. 'People and what they want' scheint mir sich in der genau anderen Richtung weiterzuentwickeln.

Graham: "Ich bin überrascht, daß Du das so siehst, denn für mich fühlt es sich nicht so an."

Ich denke, 'People and what they want' gewinnt seine Intensität nicht durch die große Dynamik, sondern durch die kleinen Veränderungen während der Songs.

Graham: "Ja, es ist etwas subtiler. Es gibt nicht mehr diese krassen Wechsel. Das Album ist ein wenig ausgewogener. Ich dachte immer, daß 'Burn the furniture' ein für den einzelnen Hörer äußerst schwierig am Stück durchzuhörendes Album ist."

Weil es so depressiv wirkt?

Graham: "Ja, das kann ziemlich belastend sein. Vielleicht wurde 'Burn the furniture' insgesamt in eine gewisse Ästhetik gezwängt, die nicht notwendigerweise hätte sein müssen. Ich bin vielleicht etwas überkritisch, wenn es darum geht, meinen eigenen Kram zu singen. Ich denke, das neue Album ist etwas entspannter, vor allem was die Arrangements angeht."

Graham Langley (Haldern '02)Ich würde nicht soweit gehen, das Album optimistisch zu nennen, aber Songtitel wie 'I have the answer' oder 'Change is an engine' fallen auf und deuten an, daß eine Entwicklung hin zu einer gewissen Zufriedenheit stattfindet.

Graham: "Ja, da ist wahrscheinlich etwas dran."

Kieran: "Diese Melodien sind nicht so traurig. Ich glaube, manchmal klingen wir sogar ein wenig roh. Ich denke, was wir wirklich wollten, war, einfach ein paar Dinge auszuprobieren, wie wir es auch schon mit der EP gemacht haben. Und jetzt fühlen wir uns ein wenig sicherer darin."

Graham: "Ich glaube, wir sind nicht mehr unbedingt daran interessiert, diese furchtbar unglücklichen Lieder zu schreiben, denn das Leben an sich ist nicht wirklich so elend. Es ist nicht alles so schlecht, weißt Du?"

Vielleicht liegt es an der eigenen Stimmung, welches Eurer Alben intensiver wirkt. Als es mir damals nicht so gut ging, erschien mir 'Burn the furniture' wie eine echte Erleuchtung. Da konnte das neue Album natürlich nicht ganz mithalten. Es entfaltet seine Wirkung erst etwas später, auf ganz andere Art und Weise.

Graham: "Ich habe die Hoffnung, daß das neue Album eines ist, zu dem man immer wieder zurückkehrt. Das gilt auch für die EP, die wir gemacht haben und auf der einige der besten Sachen sind, die wir je gemacht haben. Es ist eine Art verlorener Klassiker." (Graham und Kieran lachen)

Und was sind Eure liebsten verlorenen Klassiker?

Cardinal - Cardinal

Cardinal - Cardinal

Souled American - Notes campfire

Souled American - Notes campfire

Radiohead - Kid A

Radiohead - Kid A

The Kinks - Village green preservation society

The Kinks - Village green preservation society

Minutemen - The punch line

Minutemen - The punch line

Graham: "Mein verlorener Klassiker wäre 'Cardinal'. Eric Matthews und Richard Davies waren in einer Band namens Cardinal. Ein absolut übersehener Klassiker."

Kieran: "Hm, ich bin so mainstream. Bei mir wären die Klassiker gar nicht wirklich verloren."

Graham: "Souled American. Ich weiß gar nicht mehr, wie es heißt. Es hat ein schwarzes Cover mit roter Schrift. Ich glaube nicht, daß es 'Campfire tapes' heißt, aber es war irgendetwas mit Feuer. Außerdem müßte bei den verlorenen Klassikern noch etwas von SST dabei sein."

Kieran: "Außerdem würde ich noch 'Kid A' von Radiohead nennen. Ein großartiges Album, was ich gerade wieder angefangen habe zu hören. Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Vielleicht sollte ich noch etwas mehr trinken. (allgemeines Gelächter) Ach ja, was ich noch vorschlagen würde, ist ein wirklicher Klassiker, den ich noch immer sehr oft höre. 'Village green preservation society' von den Kinks. Ein wirklich großartiges Album, das mich aber auch nicht unbedingt gleich beim ersten Hören erwischt hat."

Graham: "Um noch mal auf SST zu sprechen zu kommen: Da müssen die Minutemen dabei sein. 'The punch line' ist ein tolles Album. Und vielleicht noch irgendeins der Dinosaur-Jr.-Alben. Das frühe Zeug ..."

Kieran: "Neee!"

Graham: "Ich mag aber auch die späteren Sachen, als Lou Barlow nicht mehr dabei war. Und natürlich Lous eigene Arbeit."

Und wie stehst Du zu den Plänen, daß sich Dinosaur Jr. wieder in Originalbesetzung zusammentun wollen?

Graham: "Ich weiß nicht. Auf mich wirkt das etwas unbeholfen, denn J Mascis + The Fog machen ihre Sache doch nicht schlecht. Ich glaube sogar, daß ihr letztes Album das beste ist, das Mascis seit Jahren hinbekommen hat. Ich weiß daher nicht, warum sie das machen. Er wirkt ein wenig seltsam."

Was haltet Ihr denn generell von Reunions, auch wenn man bedenkt, daß sich Eure Band eigentlich auch zwischenzeitlich getrennt hatte?

Graham: "Reunions sind wirklich schwierig, denn man wird eigentlich immer so eingeschätzt, als würde man es nur für das Geld tun."

Ihr macht es also auch nur für das Geld?

Graham: "Klar doch." (lacht)

Dann habe ich ja sogar fast schon eine passende Überschrift für den Beitrag.

Graham: (grinst) "Bitte schön. Trotzdem: In einer Band zu sein, ist wirklich harte Arbeit, und ich weiß nicht, ob ich an J Mascis' Stelle wüßte, was das Beste in diesem Falle wäre. Also wünsche ich ihnen viel Glück."

Kieran: "Dem möchte ich mich anschließen."

Stimmt. 'Viel Glück' ist ein guter Abschluß.

Text: Oliver Ding
Fotos: Lukas "Cameron" Heinser, indeed, Pressefreigaben


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Rezensionen:
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