Special

God only knows
Special zu Brian Wilson - Smile

Brian Wilson zu

Die Geschichte

"Das größte Popalbum aller Zeiten." Verdammt, darauf waren wir nicht vorbereitet. Fast 40 Jahre lang ist es unveröffentlicht vor sich hingegammelt, wurde lieblos in seine Einzelteile zerrissen, über zahllose Compilations, Bootlegs und Beach-Boys-Releases verstreut. Und jetzt ist es plötzlich da. 1966 hatten Brian Wilson und Texter Van Dyke Parks mit der Arbeit an "Smile" begonnen, direkt nach "Pet sounds" und mit dem erklärten Ziel, eben jenem nochmal eins draufzusetzen. Bloß, es war keine leichte Zeit für Wilson. Die anderen Beach Boys wollten nicht wie er, die Plattenfirma sowieso nicht, und genügend Probleme mit sich selbst hat der damals 24jährige ja ohnehin schon immer gehabt. Die Folge: "Smile" wurde einfach nicht fertig. Und schien alle Beteiligten in den Wahnsinn zu treiben.

Nachdem die Sessions für Brian Wilson mit einem Nervenzusammenbruch geendet waren, schien er die Platte schon verloren zu geben, ging anderen, weit weniger herausfordernden Projekten nach und schließlich für ein paar Jahre ins Bett. Wer es in der Folgezeit wagte, das strauchelnde Genie auf "Smile" anzusprechen, bewies zwar Mut, wurde aber bestenfalls darüber belehrt, daß es "inappropriate music" sei - zur Aufnahme oder gar Veröffentlichung nicht geeignet. Tatsächlich hat Wilson seine verrückte Popsinfonie, die nur auf dem Notenpapier funktionieren wollte, aber doch nie ganz loslassen können. "Smile", über die Jahre zum größten Mythos der Popgeschichte gewachsen, mußte irgendwann raus. Und 2003 war die Zeit reif.

Brian Wilson zu

Brian Wilson war endlich bereit, sich der Musik zu stellen, die ihm zwei Drittel seines Lebens das Hirn zermaterte. Und der Plan sah deshalb vor, "Smile" auf die Bühne zu bringen. Darian Sahanaja, Keyboarder in Wilsons Tourband The Wondermints, sollte zum Direktor dieses Vorhabens werden. Er lud jeden auffindbaren Soundschnipsel der Sessions auf seinen Laptop, vollendete gemeinsam mit Wilson einige unfertige Parts und arrangierte mehrere Stücke um. Auch Van Dyke Parks wurde hinzugezogen, brachte Licht ins Dunkel der offenen Lyric-Fragen und steuerte ein paar neue Textzeilen bei. Und als man erstmal auf der Straße war, wurde die Sache schnell zu einem solchen Triumphzug, daß entschieden wurde, der unendlichen "Smile"-Geschichte doch noch ein Ende zu setzen. Die Platte wurde neu eingespielt. Und schließlich war "Smile" fertig. Nach all den Jahren.

Das ursprünglich geplante und das heutige Cover zu

Das Album

Statt angemessen zu reagieren, vergaß sich die Welt erstmal in Skepsis. Hat Wilson mit 62 Jahren noch die Form, die dieses Album verlangt und verdient? War er nicht schon immer eher ein Komponist und Arrangeur, denn ein Leadsänger? Funktioniert so ein Vorhaben ohne die Beach Boys? Geht das mit einer Bande Session-Musikern, seien sie noch so irre gut? Und der Knackpunkt: Darf man Popmusik überhaupt notengetreu nachspielen? Darf sich Brian Wilson selbst covern? Seinen Songs die Magie des Augenblicks wegnehmen? Und besteht überhaupt die Chance, daß die ganze Geschichte nicht als furchtbar peinliche Renten-Regatta auf Grund läuft? Wie gesagt: alles keine angemessenen Reaktionen.

Um die obigen Fragen der Vollständigkeit halber aber doch zu beantworten: ja. Wenn man Brian Wilson ist, darf man all das. Und ganz abgesehen davon ist ihm "Smile" ja auch schlicht fantastisch geraten. Ein Liebesbrief aus Musik, adressiert an das Leben. Eine hochkomplexe, endlos verzweigte Angelegenheit mit tausend Querverweisen, Rückpässen und Steilvorlagen. Und gleichzeitig die einfachste Sammlung von eingängigen Popliedern, die irgendeinem Idioten einfallen könnte. Hätte man dieses Album tatsächlich schon 1967 veröffentlicht, wären die Beatles wohl nie in einem zugekifften Hippie-Bus durch England getuckert. Stattdessen hätten sie ein neues Meisterwerk schreiben müssen. Es wäre gar nicht anders gegangen.

Brian Wilson heute

Brian Wilson hat seine "teenage symphony to God" in drei Sätze geteilt. "Americana" macht den leichtfüßigen Aufgalopp, sorgsam herumgebaut um "Heroes and villains". Auch heute läßt dieses Stück noch keinen Stein auf dem anderen, ist ein kleines Album für sich und fühlt sich dabei so pudelwohl, daß es im folgenden "Roll Plymouth rock" gleich noch einmal auftaucht. "Childhood" heißt dann der kurze Mittelteil des Albums, eingerahmt in die zuckersüße Cembalo-Ballade "Wonderful" und die sanftmütige Königlichkeit von "Surf's up". Ein Leben in Pauken und Trompeten. Aber erst im Schlußdrittel geht die Sache überhaupt so richtig los.

"Elements" heißt der Teil des Albums, der Wilson damals die größten Kopfschmerzen bereitet hat und heute sein liebstes Stück ist. Eingeleitet durch ein ehrwürdiges Orchester-Intro geht er schnell über in das konfuse Klappern und Hämmern des Songfragments "Workshop". Dann knabbert "Vega-Tables" doch wieder am Pop, bis schließlich der "Roll Plymouth rock"-Refrain durchs Bild der vorgeschobenen Kinderlied-Idylle von "On a holiday" gescheucht wird. Mit "Mrs. O'Leary's cow" gilt es nochmals fremdartige Klangklippen zu umschiffen. Und dann endet die Platte doch noch versöhnlich bei "Good vibrations". Der Song, den Wilson nur als ewigen Ohrwurm für Gott geschrieben haben kann. Sie wissen schon.

Brian Wilson heute

Die Offenbarung?

Trotzdem ist es heute natürlich merkwürdig, über "Smile" zu schreiben. Es klingt nicht mehr weltumkrempelnd revolutionär, eher wie vor langen Jahren aus der Zeit gefallen. Bestimmt ist es naiv und manchmal auch kitschig, eine viel zu gute Seele für unsere zynischen Tage. Und sicherlich sind Mythos und Musik längst nicht mehr getrennt voneinander zu betrachten. Doch all dem zum Trotz - das Gefühl stimmt einfach. Das Gefühl, jeden Ton dort zu hören, wo er hingehört. Von der ersten meckernden Ziege bis zum letzten ackernden Cello. Das Gefühl, "Smile" zu hören, und es haut hin. Ob Wilsons "pocket symphony" nun auch all die "Pet sounds" und "Sgt. Pepper"s da draußen in die Tasche steckt? Ob es tatsächlich "das größte Popalbum aller Zeiten" ist? Auch hier ist die Antwort einfach: God only knows. Ja, das ist gut. Das schreiben wir oben drüber.

Die Stimmen

Zuschauer, Promimente und der Meister selbst äußern sich zu "Smile".
Videoclip

Das Making-Of

Wie "Smile" im Studio entstand.
Videoclip Teil 1 / Videoclip Teil 2

Der Auftritt

"Good vibrations" live.
Videoclip

Links:
Offizielle Homepage
Offizielle deutsche Homepage
Offizielle Homepage zu "Smile"
Brian Wilson bei Warner
Brian Wilson bei Nonesuch
Offizielle Homepage der Beach Boys
Brian Wilson-Fanpage
Brian Wilson-Fanpage
"Smile"-Infopage
"Smile"-Shop
"Smile" bei Rockument
"Smile" bei Pitchforkmedia
Brian Wilson - Smile (Diskussion in unserem Forum)

Text: Daniel Gerhardt
Fotos: Pressefreigaben