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"Es ist wie eine Achterbahn aus Gut und Schlecht"
Interview mit Maritime

Maritime

Es ist heutzutage fast schon wieder ungewöhnlich, gewöhnlich zu sein. Maritime sind sich bewußt, daß sie mit ihrem Debüt "Glass floor" nicht mehr als ein feines Pop-Album erschaffen haben. Aber auch nicht weniger. Davey von Bohlen, ehemals Frontmann von The Promise Ring und jetzt Maritime-Vorsteher, ist mit all dem sichtlich glücklich.

Wie würdest Du "Glass Floor" in aller Kürze mit dem letzten Promise Ring-Album "Wood / Water" vergleichen?

"Es ist ein bißchen nachdenklicher und geistreicher."

Würdest Du sagen, es gibt einen roten Faden von "Wood / Water" zu "Glass floor"?

"Es ist nicht wegzudiskutieren, daß Dan und ich all diese Songs geschrieben haben. Das Problem an moderner Musik ist ohnehin, daß die Leute zu verbissen versuchen, etwas passieren zu lassen. Und die Leute zu überfallen nach dem Motto: 'Hört her, wir haben ein 'The' vor unseren Bandnamen gesetzt.' Wir hingegen lassen die Songs einfach nur aus uns rauskommen, auch wenn es uncool ist und die falsche Zeit für so was zu sein scheint."

Wie ist der Albumtitel entstanden?

"Ich mag es, daß der Albumtitel aus einem Songtext stammt. Aber ich bin ziemlich sicher, daß sich 'Glass floor' nicht in eine andere Sprache übersetzen läßt. Ein 'Glass ceiling' bezeichnet eine Art gesellschaftliche Kraft. Einen Sackgassen-Job zu haben mit einem 'Glass ceiling' darüber. Etwas, wo Du nicht mehr rauskommst. Wo Du ackerst und ackerst und ackerst und trotzdem nie über das Erreichte hinauskommst. Und der 'Glass Floor' ist sozusagen der Gegenentwurf dazu... die Ablehnung der Vorstellung eines 'Glass ceiling''."

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Wie würdest Du die Grundstimmung des Albums beschreiben? Traurig? Fröhlich?

"Es ist wie eine Achterbahn aus Gut und Schlecht, aus Gefühlen und Emotionen. Das ist besser als zu sagen, ich bin traurig oder glücklich. Es ist daher völlig natürlich, daß die Platte so klingt, wie sie klingt."

War es schwierig, The Promise Ring aufzulösen?

"Zum Schluß waren Promise Ring nur noch Dan, Jason, ich und zwei Typen, die wir angeheuert haben. Die Band, das waren nur noch wir drei. Und Jason mußte rauskommen, und so hat es am Ende für alle funktioniert. Es war genau die richtige Zeit."

Magst Du das alte Zeug von Promise Ring heute noch?

"Es ist ja eigentlich typisch zu sagen, daß die alten Sachen schrecklich gewesen sind. Wie wenn man auf alte Fotos blickt und sagt: 'Oaaaah, schau Dir meine Frisur an! Was für ein Idiot war ich doch mit 20!' Aber immerhin haben wir damit all das erreicht."

Wie seid Ihr mit Eurem neuen Bassisten Eric Axelson zusammen gekommen?

"Seine Band Dismemberment Plan gab es schon ein Jahr länger als Promise Ring, und sie lösten sich sechs Monate nach uns auf. Wir leben in einer sehr kleinen Musikwelt. Unsere Bands haben schon 1995 zusammen gespielt. Wir waren zwar bislang nicht mehr als flüchtige Bekannte. Aber irgendwie hat es geklappt."

Maritime

Ich habe gehört, dass Eric einer der größten Fußballfans der Vereinigten Staaten ist. Stimmt das?

"Ja. Das Lustige ist, daß er keinen Kabelanschluß bei sich zuhause hat, aber Dan und ich einige Sender haben, auch die ganzen Sportkanäle. Und immer wenn er bei uns ist, klebt er am Fernseher. Das Gute aber ist, dass Eric mehr Energie hat, als jeder andere Mensch, den ich je getroffen habe. Er kann alles auf einmal machen. Nachdenken, E-Mails beantworten, Shows buchen und an einem Fußballmatch festkleben. Unvorstellbar."

Inwieweit war Eric an den Songs überhaupt beteiligt?

"Als Eric dazugestoßen ist, war der Großteil der Songs schon geschrieben. Dan und ich haben den Großteil der Songs zu zweit eingespielt, und dann kamen all die Hörner und Streicher hinzu, noch bevor Eric ein festes Mitglied der Band wurde. Insofern ist sein musikalischer Anteil an diesem Album eher gering. Es sind sogar zwei Songs auf der Platte, die Dan und ich schon während der 'Wood / Water'-Sessions etwa im Oktober 2001 geschrieben haben, an einem freien Wochenende. 'King of doves' und 'Souvenirs'. Damals haben wir noch nicht darüber nachgedacht."

Würdet Ihr sagen, Ihr seid eine richtige Band? Eric wohnt ja doch ein ganzes Stück weg von Euch...

Maritime

"Früher wäre es unvorstellbar gewesen, eine Band zu sein und vierzehn Stunden voneinander entfernt zu leben. Aber Computer und Internet machen es möglich. Es ist toll, eine Band zu haben, mit der man die ganze Zeit verbringt und rumhängt. Aber das ist nicht der Fall bei Maritime. Alleine schon wegen der räumlichen Distanz."

"Sind Maritime also quasi eine virtuelle Band?

"Nun, wir versuchen, das Virtuelle so gering wie möglich zu halten. Weil die virtuelle Wirklichkeit einen Pferdefuß hat. Nur wenn Du im gleichen Raum wie jemand bist, kann so etwas wie Magie entstehen."

Kennst Du Badly Drawn Boy? Eure Platte erinnert mich ein klein wenig an ihn...

"Das höchste Ziel ist natürlich, eine Platte zu machen, die so neuartig ist, daß sie mit nichts und niemandem verglichen werden kann. Aber das ist unsere erste Platte und stimmt damit natürlich nicht. Ich höre viel Badly Drawn Boy, ich schätze ihn, aber ich mag nicht er sein. Beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit. Ich will uns auch nicht mit irgendjemandem vergleichen. Das sollen andere machen."

Was hörst Du sonst allgemein so?

"Privat höre ich seltsamerweise nicht wirklich viel Musik. Aber es gibt eine Handvoll Platten, die ich immer wieder auflege, wenn ich vielleicht fünfmal im Monat Musik höre. Paul Simon ist einer meiner All-Time-Favorites. Und Neil Finn von Crowded House. Crowded House sind auch eine meiner Lieblingsbands, aber vor allem seine Solokarriere. Dan ist auch ein großer Fan von Will Oldham, mich hat er nie richtig interessiert."

Paul Simon - Paul Simon

Paul Simon - Paul Simon

Paul Simon - The Paul Simon collection

Paul Simon - The Paul Simon collection

Crowded House - Essential

Crowded House - Essential

Neil Finn - Seven worlds collide

Neil Finn - Seven worlds collide

Bonnie 'Prince' Billy - Greatest Palace Music

Bonnie 'Prince' Billy - Greatest Palace Music

Warum habt Ihr die Platte denn bei Eric in Washington DC aufgenommen?

"Zuerst einmal, weil da ein alter Freund und Produzent für uns lebt, J. Robbins. Er hat ein paar Promise Ring-Platten produziert und mindestens eine von Dismemberment Plan. Und bei ihm haben wir uns irgendwie zuhause gefühlt. Und er ist auch die Verbindung zwischen Eric und uns beiden. Wir dachten: Wenn wir uns verkrachen sollten, bringt uns J. wieder zusammen. Wo ich lebe, passiert musikalisch und kulturell ziemlich wenig. Und Eric kannte ziemlich viele Trompeter und Hornspieler, und all das sprach am Ende für DC."

Kennst Du denn die Jungs von Eurem deutschen Label Grand Hotel van Cleef?

"Ich kenne sie nicht und weiß auch recht wenig über sie. Wir schicken uns immer nur E-Mails hin und her. Aber wir sind neugierig darauf, sie zu treffen."

Und wie seid Ihr überhaupt dort untergekommen?

"Eric ist das kontaktfreudigste Mitglied in der Band. Er kennt einfach jeden. Und irgendwie muß er auch sie gekannt haben, keine Ahnung, woher. Aber es ist toll, ein deutsches Label zu haben. Keine meiner Bands hatte bislang ein ordentliches Netzwerk in Deutschland. Das lief bislang immer eher alles per Mund zu Mund-Propaganda. Aber auch das war okay."

Manche Leute kaufen Platten schon alleine deswegen, weil "Grand Hotel van Cleef" drauf steht...

"Das ist cool, und wir können jede Unterstützung gebrauchen. Und es ist toll, daß das Label einen so guten Ruf hat. Das ist eine schöne Sache für uns."

Text: Armin Linder
Fotos: Pressefreigaben

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Maritime - Glass floor