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"Wir haben einen gewissen Grundpessimismus"
Interview mit Reimer Bustorff

Reimer Bustorff (rechts)

Zwischen ein desaströses Fußballturnier - die GHvC-Mannschaft bekleckerte sich wahrlich nicht mit Ruhm - und einen gefeierten Auftritt paßt immer noch ein Interview: Auch Reimer Bustorff, seines Zeichens Bassist bei Kettcar und einer der drei Labelchefs beim Grand Hotel, stand beim Immergut-Festival gern Rede und Antwort. Und weil das gemeinsame Interview mit Thees Uhlmann leider nicht zustande kam, stellte Lukas Heinser einfach noch mal die gleichen Fragen.

Wie war es damals, als Ihr die Kettcar-Platte selbst rausgebracht habt? Es war ja eine einigermaßen mutige Entscheidung, "Du und wieviel von Deinen Freunden" nicht über ein Majorlabel herauszubringen. Habt Ihr das irgendwann mal bereut?

Bislang nicht. Und so mutig war die Entscheidung eigentlich auch nicht. Wir waren in folgender Situation: Wir hatten die Platte fertig, haben sie angeboten und wurden überall abgelehnt. Aber wir wußten, daß da draußen Leute waren, die die Platte haben wollten. Wir hatten super Resonanz über die Website, wir hatten super Resonanz bei Konzerten, und wir spürten, daß da draußen etwas geht. Insofern war das Risiko schon ein bißchen minimiert. Wir haben keine besonders hohe Startauflage gemacht und haben alles sehr knapp kalkuliert. Deshalb war die Platte auch relativ zügig überall ausverkauft.

Daß es dann wirklich so gut gelaufen ist, wie es jetzt gelaufen ist, hätten wir auch nicht gedacht. Aber ein richtig hohes Risiko war da nicht bei, eigentlich. Bei der Firmengründung war die Frage schon wichtiger, inwiefern uns das selbst als Musiker beschneidet. Weil das natürlich sehr viel Zeit kostet und man weniger Zeit hat, sich auch mal zuhause einzuschließen und einfach Songs zu schreiben. Das war schon eine Überlegung, die uns mehr beschäftigt hat."

Siehst Du Dich denn mehr als Musiker oder mehr als Label-Chef?

"Kann ich gar nicht sagen, weil sich das alles so vermengt. Sicherlich ist für mich Kettcar als Band total wichtig und steht im Vordergrund, aber genauso irgendwie auch das Grand Hotel van Cleef. Das ist bei beiden irgendwie so gleichmäßig."

Reimer BustorffIch hab gestern schon von Thees gehört, daß Ihr die Entscheidungen immer im Einklang, also zu dritt, trefft. Gibt's dann irgendwelche Bands, die einer gern gehabt hätte und bei denen die anderen sich dagegen entschieden haben?

"Ja, klar."

Und gibt es auch Künstler, von denen Ihr sagt 'Die müssen wir jetzt unbedingt irgendwie noch draufkriegen'?

"Also so Bands gibt's sicherlich, die wären dann aber auch irgendwie unerreichbar. Ich würde natürlich sofort Weezer machen, aber das ist ja auch utopisch. Das sind dann meistens wirklich auch Bands, bei denen es einfach unmöglich ist, die zu kriegen könnte, weil man das nicht bieten kann. Ansonsten: Die Bands, wo die Möglichkeit besteht, die holen wir uns."

Glaubst Du, daß es bei Euch so gut läuft und daß die Presse bei jeder Platte schreit 'Ja, das ist das Richtige!', liegt auch daran, daß Ihr auch selber Musiker seid und dadurch auch die Künstlerseite im Blick habt?

"Das ist gut möglich, aber das kann ich natürlich schlecht beurteilen. Ich denke schon, daß wir im Vorfeld schon sehr viele Sympathiepunkte hatten, weil Thees in der Medienlandschaft bereits sehr präsent war. Das war ganz klar ein Bonus. Und das haben wir natürlich auch bewußt voll ausgespielt. Wir wußten, daß Thees in aller Munde ist und viele Leute auf die neue Tomte warten. Und wir hatten natürlich mit Kettcar und Tomte einen super Einstieg für das Label. Es war danach viel einfacher, die Marr-Platte zu machen - also eine Band, die im Grunde keiner kannte. Aber es ist ja auch nicht so, daß jetzt jede Veröffentlichung von uns so bejubelt wird. Bei Bernd Begemann oder bei Marr gab es auch unterschiedliche Meinungen, und das ist ja auch ganz klar. Und bei Bernd Begemann jetzt auch extrem."

Wobei die Maritime ja fast überall wieder ziemlich gut wegkommt ...

"Ja, aber das ist auch eine Spitzen-Platte, das muß man auch sagen. In dem musikalischen Bereich, in dem wir uns bewegen, wird sie einfach gut angenommen wird. Die ist einfach nicht sperrig, es ist grandioses Songwriting. Da ist es ganz klar, daß diese Platte besser angenommen wird als eine Marr-Platte, die man sich vielleicht erarbeiten muß, die vielleicht auch ein bißchen schwieriger zu fassen ist. Und oft ist es bei Euch Schreiberlingen ja auch so, daß Ihr in den ersten, zweiten, dritten Song reinhört, dann die Platte rausnehmt und eine Din-A4-Seite als Kritik schreibt. (lacht) Nein, das war jetzt nicht so ernst gemeint."

KettcarWie ist das, wenn eine Zeitlang gar nichts funktioniert oder wenn es einen Rückschlag gab? Wie motiviert Ihr euch dann wieder? Wie motivierst Du dich wieder?

"Also, richtige Rückschläge haben wir ja in dem Maße noch nicht erlebt. Bei uns ist es erst mal so, daß wir von vornherein einen gewissen Grundpessimismus haben und immer ziemlich tief dribbeln. Wir wissen ganz genau, daß - wenn eine Veröffentlichung, auf die man voll gesetzt hat, mal richtig daneben geht - uns das schon das Genick brechen könnte. Wir haben da ja nicht haufenweise Geld rumliegen, daß wir uns das leisten könnten. Das ist einfach nicht drin.

Wir machen ja einfach Sachen, die wir selber auch lieben, und dadurch ärgert man sich dann natürlich klar auch über die Kritik. Wenn jetzt zu Bernd Begemann ein richtiger Verriß kommt, ärgere ich mich natürlich darüber, weil ich anderer Meinung bin und weil ich's anders sehe. Das ist ja auch ganz normal, aber das sind für mich keine Rückschläge in dem Sinn."

Kommen wir mal mehr zum Musiker-Aspekt: Es ist ja bei Euch so, gerade bei Kettcar, daß die Texte unglaublich viele Leute direkt ansprechen. Viele Texte könnte man direkt weiterverwenden: in Briefen, Tagebucheinträgen, Floskeln und ähnlichem. Und genau das passiert auch immer wieder. Kriegt Ihr mit, wie sehr Eure Texte ankommen?

"Ja klar, ich denke schon. Also einmal über die Konzerte natürlich. Wenn Du da Leute siehst, die irgendwie total ergriffen sind oder lauthals mitschreien, und sicherlich auch über E-Mails. Wir haben schon eine Menge E-Mails gekriegt, in dem Sinne: 'Ich hatte grad so 'ne Scheißzeit, und die Platte hat mir so weitergeholfen.' Und das geht total vielen so. Wenn so was kommt, wenn Leute so etwas sagen, finde ich das schon großartig."

Im Moment gibt es wirklich viele deutschsprachige Bands, die Erfolg haben: Wir Sind Helden, Sportfreunde Stiller, Mia, Tomte und natürlich Ihr auch. Meinst Du, daß das jetzt nur eine Welle ist, oder ist es jetzt wirklich so, daß die Leute auch erst mal die Texte besser verstehen? Weil man so langsam sagen kann: 'Ja, man kann auch auf Deutsch singen, ohne daß das einen schlechten Beigeschmack hat'?

Kettcar"So einfach ist es, glaube ich, nicht. Also einfach nur Deutsch singen und dann irgendwie etwas machen. Das hat man wohl bei Mia auch ganz gut gesehen, die sich dann ja doch ein bißchen weit aus dem Fenster gelehnt haben. Da sind ja sofort auch ganz viele Leute auf die Barrikaden gegangen und haben gesagt: 'So geht's nicht!'

Ich sehe es auch nicht unbedingt als Welle. Nicht in dem Sinne, wie das jetzt irgendwie in den Achtzigern mit der Neuen Deutschen Welle war. Da gibt es schon extreme Unterschiede. Weil da war's ja dann wirklich auch so, daß Du machen konntest, was Du wolltest. Damals war ja alles superlustig. Ich glaube, die Leute sind jetzt ein bißchen kritischer. Daß Wir Sind Helden jetzt so einschlagen, ist in meinen Augen auch total berechtigt. Das ist eine super Band, die charismatisch ist und mit Recht auch so erfolgreich ist und so viele Leute zieht. Aber es ist ja bei den größeren Plattenfirmen, bei den Majors, schon so, daß sie erst mal deutschsprachige Bands nicht mehr signen. Insofern ist es jetzt auch nicht so 'Das können wir alles verkaufen.' So sehe ich es zumindest nicht."

Wie ist das mit der gesellschaftskritischen oder politischen Dimension bei diesen Bands? Meinst Du, daß es auch darum geht, daß sich die Leute in deutschsprachigen Texten einfach besser widerfinden als in englischen?

"Ganz klar, sicher. Das war bei Tocotronic so, das war bei Blumfeld so. Die oder auch Die Sterne, Die Goldenen Zitronen, die waren oder sind ja alle viel politischer als wir. Zumindest 'Du und wieviel von Deinen Freunden' ist ja jetzt irgendwie mehr auf einer persönlichen Ebene, wo es darum ging, Gefühle auszudrücken. Wenn sich die Leute da wiedererkennen und das so annehmen, dann ist das natürlich super. Mir geht das jetzt aber auch nicht bei allen so. Es gibt da für mich auch deutschsprachige Platten, die haben für mich keine Relevanz."

Jetzt natürlich noch eine Frage, die mich und unsere Leser sehr interessiert: Wann kommt das neue Kettcar-Album?

"Die Planung ist, daß wir jetzt zum August, September ins Studio gehen und rauskommen wird sie dann - wenn alles so klappt, wie wir uns das denken - im Frühjahr. Also ich sage mal Februar 2005."

The Promise Ring - Wood/Water

The Promise Ring - Wood/Water

Maritime - Glass floor

Maritime - Glass floor

The Smiths - The singles

The Smiths - The singles

The Housemartins - Best of

The Housemartins - Best of

Phoenix - Alphabetical

Phoenix - Alphabetical

Wir fragen die Künstler immer nach ihren fünf Lieblingsalben. Könntest Du da einfach mal so fünf nennen?

"Ja, ich glaub schon. Also auf jeden Fall schon mal: The Promise Ring - 'Wood/Water'. Boar, jetzt muß ich mal ein bißchen überlegen. Fünf Lieblingsalben... Das ist ja echt schwer, jetzt. Vor allem: Ich will jetzt auch nicht Maritime sagen, obwohl das natürlich momentan wirklich mein Favorit ist. Aber das kann ich nicht machen. Was sind denn noch so ganz wichtige Platten für mich? Erik ist immer so gut in so was, dem fällt immer so was ein, der rattert die dann immer so runter. Ähm, ja: The Smiths - Alles. Housemartins, ganz großartig... Ach, das langt erst mal, oder? Muss ich doch fünf haben?"

Thees hat fünf genannt...

"Thees ist auch besser da drin."

Gibt's denn irgendein Album im Moment, wo Du dich sehr drauf freust, was auch nicht bei Euch rauskommt?

"Das ist schwierig. Nach dem Phoenix-Album jetzt, auf das ich mich sehr gefreut hab, hab ich da momentan eigentlich gar nix. Doch: Ich bin sehr gespannt auf das neue Tocotronic-Album. Da freue ich mich schon drauf, glaube ich."

Vielen Dank. Viel Erfolg dann heute noch beim Konzert. Spielt Ihr auch neue Lieder?

"Ja, es gibt zwei neue Lieder: '48 Stunden' heißt das eine und 'Handyfeuerzeug gratis dazu' das andere."

PS: Beide Lieder versprechen Großes, am beeindruckendsten war aber sicherlich das dritte, bisher unveröffentlichte Lied im Set: 'Nacht'.

Text: Lukas Heinser
Fotos: Martina Drignat

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