Special

Johnny Cash
1932-2003

Johnny Cash

Daß der Videoclip zu "Hurt" gleich sechs Mal für den MTV Music Video Award nominiert wurde, ist eigentlich nur eine unbedeutende Fußnote der Geschichte. Was zählen denn schon schnellebige Auszeichnungen wie diese, wenn einem schon die sensible Wucht der Bilder und die Brüchigkeit der Stimme alles über diesen Menschen und eigentlich das Leben überhaupt zu verraten schienen? Die Essenz des Schmerzes, der ultimative Abschied. In den Worten eines anderen, die nun für immer ihm gehören werden. Johnny Cash ist tot.

"The man in black" legte am 12. September 2003 kurz nach Mitternacht in seiner Heimatstadt Nashville für immer die Gitarre aus der Hand. Manche hatten es geahnt oder befürchtet. Kündigte sich denn sein Tod nicht schon in all den Lungenentzündungen, Herzklabastern und anderen Malaisen an, die Cash seit Jahren immer wieder ans Krankenbett fesselten? Hatte man nicht vielleicht spätestens seit dem schmerzlichen Verlust seiner Frau June erst im Mai dieses Jahres erwartet, daß er ihr bald folgen würde? Natürlich. Und doch wirkt es wie eine seltsame Ironie des Schicksals, daß einem die Farbe Schwarz jetzt so endgültig passend vorkommt.

Aber warum schmerzt der Verlust eines Mannes, der in einer beinahe fünfzig Jahre andauernden Karriere Dutzende Alben und Hunderte von Songs - und davon waren längst nicht alle gut - vollbracht hat? "Der Alte hat sein Leben doch gelebt," nörgelt es schließlich schon von den billigen Plätzen. "Und was hat Country überhaupt mit Rock und Independent zu tun?", fragt es gleich hinterher. Ganz einfach: alles. Denn Cash und sein frischer Rockabilly-Wind waren an der Geburt des Rock'n'Roll maßgeblich beteiligt. Er veröffentlichte 1957 sein "Johnny Cash and his hot and blue guitar" als erstes Album überhaupt auf dem legendären Sun-Label. Noch vor seinem Labelkollegen Elvis Presley. Und was waren das für Songs! "Country boy". "I walk the line". "Cry! Cry! Cry!" In "Folsom prison blues" ist Cash die pure Lakonie: "I shot a man in Reno just to watch him die."

Auch Spätgeborene lernen irgendwann die Faszination dieses Mannes kennen, der selbst mitten im Mainstream völlig anders war als der Rest. Irgendwann bekommt er sie alle. Auch mich. Mit Songs wie "Ring of fire", "Jackson", "I still miss someone", "Orange blossom special", "Big river", "A boy named Sue", "Hey porter" oder "Five feet high and rising". Mit seinem knorrigen Bariton, der nicht nur ein ganzes Genre prägte, sondern ihm beinahe alleine die Glaubwürdigkeit zurückgab, als es durch lächerliche Hut-Träger und andere Ärgernisse fast schon zur Farce geworden war. Mit echten Leidenschaften und ehrlichem Engagement.

Von solcher Coolness können noch heute blutige Anfänger wie Eminem oder Ville Valo, die sich überraschend ausdrücklich als Fans des King Of Country bezeichnen, nur träumen. Und das hat nicht nur damit zu tun, daß einer seiner Songs ("Tennessee stud") auf dem notorisch kultigen "Jackie Brown"-Soundtrack prangt. Oder damit, daß Cash schon Jahrzehnte vor Metallica in den Knast ging, um dort zu spielen. Nicht als billiger Showeffekt, sondern ausdrücklich für die Gefangenen. Oder mit der "American recordings"-Reihe, der künstlerischen Wiedergeburt des Mannes in Schwarz. Von jedem Nashville-Kitsch befreit setzten sich die oft nicht weniger als grandiosen Interpretationen von Songs von Nick Cave, Beck, Will Oldham, Tom Petty, U2, Sting, Depeche Mode, Soundgarden oder eben den Nine Inch Nails mehr als fest. Überall dort, wo nicht beim Reizwort "Country" gleich überflüssigerweise die Scheuklappen ausgefahren wurden. Und wer es immer noch nicht glauben will, höre endlich mit eigenen Ohren: Diese Stimme rettet Leben.

Cash war Leidender und Tröster. Schauspieler und Wahrheitssucher. Outlaw und Prediger. Trauer und Hoffnung. Zorn und Verzeihnung. Aufruhr und Halt. Selbst im größten Kummer. Und in der Vorahnung des eigenen Todes. Sein letztes Album beendete Cash mit einem beinahe leichtfüßigen Schlager. "We'll meet again / Don't know where / Don't know when." Ein versöhnliches Vermächtnis. Der Kloß im Hals jedoch bleibt.

Links:
Johnny Cash (offizielle Seite)
Johnny Cash (amerikanische Label-Website)
Johnny Cash (deutsche Label-Website)
Johnny Cash (deutsche Fansite)

Johnny Cash ist tot (Diskussion in unserem Forum)
Großer Tröster in dieser an Tröstern armen Welt (Nachruf: Junge Welt)
Der Ausbrecher (Nachruf: Spiegel Online)
Der Mann in Schwarz (Nachruf: Süddeutsche Zeitung)
Johnny Cash: A final interview (Interview: Time Magazine)

Rezensionen:
Johnny Cash - American III: Solitary man Johnny Cash - American IV: The man comes around Johnny Cash - Unearthed Johnny Cash - American V: A hundred highways

Text: Oliver Ding