Special

"Bush ist ein Mann von geringer Intelligenz, der sich mit wirklich bösen Beratern umgibt. Wir müssen gegen ihn vorgehen!"
Interview mit Boysetsfire

Boysetsfire

Musik und Politik. Zwei an sich grundverschiedene Dinge, die in den vergangenen Jahren nur wenige Bands vernünftig vereinen konnten: Rage Against The Machine, System Of A Down und - natürlich Boysetsfire. Und nicht nur in dieser Hinsicht agierte die aus Nathan Gray (Vocals), Rob Avery (Bass/vocals), Josh Latshaw (Gitarre), Chad Istvan (Gitarre/vocals) und Matt Krupanovski (Drums) bestehende Band seit jeher an vorderster Front: Mit "After the eulogy" vollbrachten Boysetsfire vor drei Jahren ein Album, das heute gut und gerne zu den Referenzwerken des Emo-/HC-Genres zu zählen ist.

Die Ausnahmestellung der Band, der vollzogene Wechsel zum Majorlabel, das am 31.03. anstehende neue Album "Tomorrow come today" - offene Fragen gab es viele. Daher zögerten wir auch keine Sekunde, als u ns unerwartet und kurzfristig angeboten wurde, die New Yorker in einem Interview zu löchern. Die Fragen stellte Armin Linder.

Könntet Ihr zuallererst mal Euer kommendes Album "Tomorrow come today" beschreiben?

Chad:"Unser neues Album ist eine Ansammlung von Songs, an denen wir in den letzten zweieinhalb Jahren gearbeitet haben. Ich denke, daß wir musikalisch und persönlich gewachsen sind und daß diese Platte das auch widerspiegelt. "Tomorrow come today" ist textlich unsere bislang politischste Platte. Und ich denke, die Musik vereint all die verschiedenen Stilrichtungen, die wir immer gerne gespielt haben, und das diesmal oft innerhalb eines Songs. "

Ich habe von ziemlich nervenaufreibenden Aufnahmesessions gehört …

Chad: "Ich würde nicht sagen, daß die Sessions nervenaufreibend waren, aber sie waren sehr intensiv. Wir haben all unsere Kraft in diese Platte gesteckt und hart daran gearbeitet, um unsere Visionen musikalisch und textlich zu verwirklichen."

Boysetsfire

Wie wird das Album insgesamt klingen? Mehr nach Hardcore wie der Song "After the eulogy", mehr hymnisch wie "Rookie" oder mehr gefühlsbetont wie "My life in the knife trade". Oder gar wie Du sagtest: mehr von allem?

Chad: "Mehr von allem in gewissen Songs, aber ich denke, insgesamt mehr fokussiert. Es ist immer schwierig, sich in die Lage des Hörers hineinzuversetzen und dann zu beschreiben, was man macht. Wir schrieben diese Platte so organisch wie möglich, wie wir es immer versucht haben, insofern fühlen wir uns stark mit jedem Song verbunden. Die Klangfarbe des Albums ist eine andere, aber wir glauben, der musikalische Inhalt unterscheidet sich wenig von dem, was wir immer schon gemacht haben."

Wie repräsentativ sind die Songs der kürzlich erschienenen "Live for today"-EP für das kommende Album?

Chad: "Sehr repräsentativ. Drei der Songs von der EP sind auch auf dem Album. Und sie wurden ausgewählt, weil wir dachten, daß sie den Geist des Albums am besten darstellen."

Worum geht es in dem Song "Release the dogs"? Zeilen wie "Heads down and hands up our need for safety has been hijacked again" oder "Blowback has blown back into our face and ignited a war" scheinen sich auf den 11. September und die aggressiven Gegenmaßnahmen der Folgezeit zu beziehen.

Chad: "Genau darum geht es. Dieser Song ist in gewisser Weise unsere Antwort an die Regierenden in den USA und ihre allzu verbissene Antwort auf den Terror auf amerikanischem Boden. Die amerikanischen Bürger haben gesehen, wie Dinge wie der der Patriot Act (Anmerkung der Redaktion: ein Gesetz, das vorgeblich zu Bekämpfung des Terrors dienen soll, dazu aber in verfassungsgemäß verbriefte Bürgerrechte eingreift) ihre Rechte untergraben. Es muß auf eine Regierung, die nicht länger das Interesse seiner Menschen und der Menschen der Welt im Sinne hat, eine entschiedene Antwort geben."

Boysetsfire

Ist es hilfreich, bei einem Major-Label unter Vertrag zu sein, um dem Publikum politische Botschaften zu vermitteln? Bands wie Rage Against The Machine oder System Of A Down haben ihre vergrößerte Reichweite ja sinnvoll zu nutzen gewußt.

Chad: "Wir haben dadurch tatsächlich eine bessere Plattform, von der aus wir versuchen können, unsere Botschaft zu verbreiten. Und wir wollen weiterhin die bestehenden Möglichkeiten nutzen, um den Menschen einen besseren Zugang zu alternativen Denkweisen zu bieten. Ich habe die Veränderungen beobachtet, die das System und die Wut auf die Gedanken junger Menschen hatte, und können nur hoffen, in der Lage zu sein, immer mehr Menschen die Augen zu öffnen.

Warum habt Ihr das Victory-Label verlassen? Wahrscheinlich seid Ihr ja schon darauf vorbereitet, des "Sell-out" beschuldigt zu werden...

Chad: "Wir haben Victory weniger verlassen, sondern uns vielmehr weiterbewegt. Unser Vertrag mit ihnen ist mit "After the eulogy" ausgelaufen, und wir haben uns nach anderen Optionen umgesehen. Wir werden schon derart lange "sell outs" genannt, daß es in dieser Hinsicht eh nur ein Witz ist. Wir machen die Musik, die wir machen möchten, und wir sagen, was wir sagen möchten. Was also hat das mit unserer Integrität als Menschen zu tun? Einer Band mit „sell out“-Vorwürfen zu kommen ist nur eine einfache Art, Ablehnung für das, was sie machen, auszudrücken. Egal."

Habt Ihr Euch dafür entschieden, eine kommerzielle Single zu veröffentlichen oder war es die Entscheidung des Labels?

Chad: "Wir haben über alles die abschließende kreative Kontrolle und stellen sicher, daß wir auch wirklich überall einbezogen werden. Wir wußten schon vorher, daß ein großes Label eine Single wollen würde, aber für uns stand der kommerzielle Aspekt an zweiter Stelle hinter den Songs auf der Platte. Und wenn wir mit allen Songs auf der Platte glücklich sind, sind wir es auch mit einer Single."

Tom Petty - Wildflowers

Tom Petty - Wildflowers

The Smiths - Hatful of hollow

The Smiths - Hatful of hollow

U2 - War

U2 - War

Tool - Aenima

Tool - Aenima

Justin Timberlake - Justified

Justin Timberlake - Justified

Wie denkt Ihr über den Durchbruch von Bands wie The Used oder Glassjaw?

Chad: "Gut für sie. Ich freue mich zu sehen, daß andere Bands aus "der Szene" Erfolg haben."

Weil wir im Grunde ein Magazin für Plattentests sind, fragen wir Bands immer nach ihren fünf Lieblingsplatten ever. Was sind Eure Top Five?

Chad: "Tom Petty - Wildflowers"

Rob: "The Smiths - Hatful of hollow" (unschwer auf so manchem Bandfoto zu erkennen; Anm. d. Red.)

Josh: "U2 - War"

Matt: "Tool - Aenima"

Nathan: "Justin Timberlake - Justified"

Chad: "Das stimmt natürlich nicht, aber Nathan ist nicht hier, und manchmal machen wir uns gerne über andere Leute lustig.

Ich kann in Eurem Backkatalog kaum einen Song ohne politisches Statement finden - sei es ganz offensichtlich oder zwischen den Zeilen. Hofft Ihr immer noch, Eure Musik könne irgendetwas in den Köpfen der Menschen verändern?

Chad: "Natürlich. Wir würden die politischen Botschaften nicht einsetzen, wenn wir sie für nutzlos halten würden. Wir haben immer eine Menge Feedback bekommen, daß wir Menschen inspiriert oder ihnen durch schwierige Zeiten geholfen zu haben. Das ist erstaunlich für uns. (auf Deutsch) Das ist Wahnsinn."

Wie denkt Ihr über das jüngste Verhalten der USA? Ich nehme an, Ihr stimmt nicht mit Bushs Politik überein …

Josh: "Ja, überraschenderweise finden wir nicht gut, was er und seine Regierung machen. Ich denke, er ist ein Mann von geringer Intelligenz, der sich mit wirklich bösen Beratern umgibt. Ich denke, wir legen den Grundstein für eine ganze Generation von Terroristen und Menschen, die Amerika und die Amerikaner hassen. Wir müssen gegen diesen Mann vorgehen."

Ich war letztes Jahr bei einer Show von Euch in Stuttgart und war etwas überrascht von dem proppevollen Club. Habt Ihr eine Erklärung für die riesige Fanbasis hier in Deutschland, obwohl die großen Medien Euch zu ignorieren scheinen?

Josh: "Ich denke, die Menschen schätzen unsere Aufrichtigkeit und das Gefühl in der Musik. Deutschland war immer wie eine zweite Heimat für uns."

Boysetsfire

Manchmal passiert es bei Euren Gigs, daß auf der Bühne mehr Fans als Bandmitglieder stehen. Schätzt Ihr diese Nähe zu den Fans? Oder wurde das zu irgendeinem Zeitpunkt störend oder gefährlich für jemanden aus der Band oder aus der Menge?

Josh: "Manchmal kann es gefährlich sein mit Menschen, die herumhüpfen oder in uns hineinrennen, aber wir würden es hassen, den Menschen zu verbieten, die Musik auf die Art und Weise zu genießen, die sie möchten. Man hat mir schon mal den Verstärker umgeworfen. Und das ist nicht lustig."

Letzte Frage: Ihr seid bereits fürs größte deutsche Rockfestival (Rock am Ring) bestätigt. Wird es weitere Festivalauftritte und die eine oder andere Clubshow geben?

Josh: "Ja und ja. Das wird im Moment aber alles noch in trockene Tücher gebracht. Schaut auf unsere Webseite http://www.boysetsfire.com/ für die aktuellen Termine."

Text und Fotos: Armin Linder

Links:
Offizielle Bandhomepage
Offizielle Deutsche Bandhomepage

Rezensionen:
Boysetsfire - Tomorrow come today