Special

"Man könnte sich drei Monate am Stück darüber unterhalten, was 'Emo' ist und was nicht"
Interview mit Pale

Pale (v.l.n.r. Co-Frontmann Christian Dang, Drummer Stephan Kochs, Frontmann Holger Kochs, Bassist Hilli)

Kaum zu glauben, daß Gitarrenpop gleichzeitig aus Deutschland und dennoch so vollkommen leichtfüßig daherkommt wie jener von Pale. Nach "Razzmatazz (The arts at the sands)" wuchert jedenfalls auch das jüngst erschienene "How to survive chance" mit Ohrwurmmelodien und üppigen Arrangements.

Im Rahmen des Taubertal-Festivals bekamen wir die Gelegenheit, Pale-Drummer Stephan Kochs, zwischenzeitlich unterstützt von von Co-Frontmann Christian Dang, ein wenig in die Mangel zu nehmen. Und bei der Gelegenheit auch gleich über Themen wie Motorpsycho, Emo, 4lyn und wieder Motorpsycho zu plaudern. Das Gespräch führte Armin Linder.

Zunächst einmal würde mich interessieren, was für ein Gefühl es ist, unmittelbar nach 4lyn eine Festivalbühne zu betreten...

Stephan: "Ich habe eben gar nicht gesehen, was bei 4lyn los war. Ich denke mal, mehr. Metal-Brett ist ja für Festivals eigentlich genau das Richtige. Man sollte sich sowieso keine große Gedanken darüber machen, wann man spielt, nach wem und vor wem. Aber eine Stunde später zu spielen wäre vielleicht sogar noch ein bißchen besser gewesen..."

Wegen der Schumacher-Konkurrenz... (Als Pale spielten, wurde direkt neben der Bühne auf einer Leinwand übertragen, wie Schumi den WM-Titel einsackte. Anm. d. Verf.)

Stephan: "Genau. Und für so was interessiere ich mich überhaupt nicht...

Naja, als wir am Anfang der Saison wußten, daß wir 14, 15 Festivals spielen, und auch ein paar größere, haben wir uns echt gefragt: Sind wir eine Festival-Band? Haben wir das drauf? Ich glaube, mittlerweile geht's, und man nimmt das auch nicht mehr so wahr. Aber letztendlich bin ich immer noch der Meinung, daß Musik in einen Club gehört. Der kann von mir aus 3000 Leute fassen, aber es muß dunkel sein.

Zum Beispiel gestern haben wir in einem Hangar gespielt, während dem Sonnenuntergang, und da bist Du auch in deutlich besserer Stimmung auf der Bühne. Das merkt man auch an den Leuten und hat wohl weniger mit dem Haupt-Act zu tun: Sobald die Sonne weg ist, stehen die Leute vor der Bühne."

Wo wart Ihr denn gestern?

Stephan: "In Berlin auf diesem Sunset-Festival, unter anderem zusammen mit den Donots."

Pale-Frontmann Holger Kochs

Besser als zwischen 4lyn und den Toten Hosen...

Stephan: "Ja, unbedingt. Nix gegen die Toten Hosen, aber ich bin so langsam aber sicher aus dem Alter raus. (lacht)"

Kommen wir zu Eurem neuen Album "How to survive chance", das ja doch etwas anders klingt als "Razzmatazz": Wo siehst Du ingesamt die Weiterentwicklung?

Stephan: "Mehr Basis, weniger nach dem Motto 'noch eine Gitarrenmelodie reinpacken und noch ein Picking reinpacken'. Wir wollten das diesmal mehr anderen Instrumenten überlassen wie Bläsersätzen oder Streichern. Und Holger hatte dadurch mehr Raum für seinen Gesang. Die Gesangsaufnahmen waren noch nie so schnell durch bei uns wie bei dieser Platte. Ich finde auch, diesmal klingt es mehr nach Holger als auf alle Platten zuvor.

Mal sehen, was die nächste Platte bringt. Im Moment bin ich ganz zufrieden damit, zum ersten Mal."

Das klingt, als ob das nächste Album schon in Planung wäre.

Stephan: "Gedanklich ja (grinst), so wie diese es auch schon nach "Razzmatazz" war."

Weezer haben sowas ähnliches ja vorgemacht...

Stephan: "Naja, Weezer können sich auch aussuchen, ob sie touren oder nicht..."

...und machen lieber drei schlechte Platten am Stück als eine gute.

Stephan: "Weezer können machen was sie wollen, ich finde das zwar nicht immer richtig gut, habe aber zumindest Respekt davor. 'Maladroit' habe ich mir jetzt aber einmal angehört und gedacht ‚Das kann doch nicht wahr sein." Aber letztendlich... wenn sie das machen wollen, sollen sie es machen.

Pale-Co-Frontmann Christian Dang

Das ist genauso wie mit Motorpsycho. Die haben einfach so einen hohen Output, daß ich gar nicht mehr hinterherkomme, mir das zu kaufen. Und ich frage mich manchmal, ob das noch Sinn macht... nur weil man die Möglichkeiten mit einem eigenen Studio hat, dann alles aufzunehmen und drei, vier Platten pro Jahr rauszuhauen plus noch einer Live-Serie, was Motorpsycho gemacht haben. So viel Geld habe ich dann als Fan ehrlich gesagt auch nicht.

Vielleicht nehmen wir noch ein paar neue Songs kurz vor Weihnachten auf, für Januar dann. Wenn wir bis dahin noch dazu kommen, Stücke zu schreiben."

War denn auch die Vorgehensweise bei "How to survive chance" eine andere?

Stephan: "Wir hatten kaum Zeit zum Proben. Weil sie uns quasi unterm Arsch weg den Proberaum wegrenoviert hatten, mußten wir dann ausweichen und stellten irgendwann fest, daß wir schon Mitte Februar hatten und wußten plötzlich: Jetzt wird's eng. Dann haben wir uns gedacht: Laßt es uns doch machen, wie wir es schon immer mal machen wollten. Lieber mehr Zeit im Studio zu verbringen und zu schauen, was wir da machen können.

Und die Voraussetzungen waren ideal, mit zwei getrennten Häusern. In dem einen Platz zum Schlafen, in dem anderen der Aufnahmeraum, alles riesengroß. Wir haben bis morgens um fünf an irgendwelchen Stücken geschrieben und dann morgens aufgenommen."

Ihr habt die Songs also erst im Studio geschrieben?

Stephan: "Drei Viertel davon, ja. Wir sind mit ein paar vagen Ideen reingegangen, aber die sind dann sehr oft umgeändert worden. Es war auch schön, dafür auch die Zeit zu haben. Letztendlich war es genauso hektisch, wie in fünf Tagen eine Platte durchzuprügeln. Aber wir wollten nicht noch mal so spontan sein und eine "Razzmatazz" machen."

Wie lief das denn damals ab?

Pale-Frontmann Holger Kochs

Stephan: "Holger kam im August aus Spanien zurück. Wir hatten genau eine Show gespielt und zweieinhalb Wochen Zeit, die Stücke zu schreiben. "Teenage heaven" haben wir samstags geschrieben und sonntags aufgenommen. Nach fünf Tagen waren wir mit der Platte durch. Wir sind nun mal keine Proberaum-Band. Wenn wir im Proberaum stehen, und uns fällt nix ein, dann fahren wir nach Hause."

Ihr seid auch als eine Art Do-it-yourself-Band verschrien...

Stephan: "Absolut. Aus Friede, Freude, Eierkuchen kann auch keine Platte entstehen. Man muß sich da auch reiben. Holger, Christian und ich sind mal feixend vor dem Sampler gesessen, haben uns irgendwelche Bläsersätze rausgeholt und sagten dann noch: 'Ey, morgen kommt ein Saxophonist. ' Und als Hilli das gehört hat, ist er wutentbrannt rausgelaufen und hat gesagt: 'Macht doch Euren Scheiß alleine!'

Letztendlich weiß aber jeder, daß er den anderen vertrauen kann. Und Hilli war dann auch der erste, der, als der endgültige Mix fertig war, gesagt hat: 'Ja, das war genau nötig so.' Es wäre ja auch langweilig, wenn man im Studio wäre und sich nicht fetzen würde."

Wie schafft Ihr es den Punkt zu finden, mit der Arbeit an einem Song aufzuhören?

Stephan: "Zeit. Sonst würden wir nie aufhören. Wir müssen uns zwingen. Wir müssen einen Termin haben, wann wir ins Studio gehen und wann wir rausmüssen, ansonsten geht gar nix."

Könntet Ihr Du nochmal die schöne Entwicklung von "Drop that beat" schildern?

Stephan: "Von 'Wir brauchen noch eine Akustik-Coverversion' von 'The time is now' (Moloko. Anm. d. Verf.) bis zu 'Wir haben ja eh schon alles umgeschrieben'. Es wird vielleicht noch erkennen, wer das Stück letztes Jahr beim Akustik-Set auf der Popkomm gehört hat..."

Pale (v.l.n.r. Co-Frontmann Christian Dang, Frontmann Holger Kochs, Drummer Stephan Kochs)

...mit dem schön falschen Text...

Stephan: "(lacht) Genau, genau. Letztendlich ist von dem Original gar nichts mehr übrig geblieben. Dann haben wir uns gesagt: Eigentlich ist es ja Verschwendung, eine Coverversion zu machen. Eigentlich brauchen wir nur noch den Text zu ändern, dann ist es eh unser Song."

Es steht also nichts im Booklet darüber?!

Stephan: "Definitiv nicht. Sonst müßten wir ja Tantiemen an Moloko bezahlen, wofür gar kein Anlaß besteht. Wir haben ja nicht mal eine Note vom Originalsong übernommen. Das wäre ja noch schöner. (lacht)"

Maximilian Hecker hat auch auf Eurem Album mitgespielt...

Stephan: " Ja, auf ‘Everytime you say 'Hey''."

Christian: "Wir haben in Paderborn zusammen mit ihm gespielt und haben da ein bißchen Kontakte geknüpft. Und Holger hat ihn dann gefragt, ob er nicht Lust hätte, bei einem Stück Klavier zu spielen.

Er wollte eigentlich vorbeikommen ins Studio, das hat aber leider nicht geklappt. Wir haben ihm dann die Sachen rübergeschickt, und er hat was drübergespielt."

Der Mann ist ja auch live großartig, zusammengekauert am Klavier...

Pale-Frontmann Holger Kochs

Stephan: "Ja, super. Auch wenn unsere Stile ziemlich gegensächlich sind."

Was sind Eure Lieblingsstücke auf dem Album?

Stephan: "Ich bin mit 'Goodbye trouble' wirklich sehr sehr sehr zufrieden, sonst hätten wir das wohl auch nicht als Single rausgebracht. Und das Stück, wo wir uns im Songwriting am meisten aus dem Fenster gelehnt haben und das uns auch danach am besten gefällt ist 'Karaoke queen'. Und acht von zehn Leuten sagen, das müßte die nächste Single sein."

Dann bin ich wohl ehrlich gesagt eher einer von den zwei anderen. Mein Favorit ist " (I am your) 808".

Stephan: "Naja, dazu ist uns nichts anderes mehr eingefallen, also muß es fast schon gut sein. (lacht)"

"Hello. Lucky thing" ist als Duett auch ganz schön geworden…

Stephan: "Ja, das finde ich auch. Wobei... das mit dem Duett war so ne Sache. Heijejeijeijeijeijei... Ich habe echt gedacht, dafür beziehen wir Prügel. Und daß jemand sagt: 'Das könnt Ihr nicht machen!'

Aber auch bei den Bläsersätzen mußten wir die Leute teilweise darauf hinweisen: 'Hört Ihr das nicht? Da sind Bläser!' Wieso haben wir uns eigentlich erst zwei Wochen lang im Studio Gedanken darüber gemacht, ob wir das machen können. Letztendlich glaube ich, daß die Leute schon so viel gewohnt sind von uns, daß man sich gar nicht mehr so die Gedanken darüber machen muß."

Zwei Viertel von Pale: Christian Dang (l.), Holger Kochs

Ihr habt allgemein mehr Songs auf dem Album als auf "Razzmatazz", bei denen Holger und Christian abwechselnd singen. Habt Ihr nicht doch wieder Angst, dadurch in die Emo-Schublade gepreßt zu werden? Nach dem Motto "Einer singt, einer brüllt"?

Stephan: "Letztendlich könnte man sich mindestens drei Monate am Stück darüber unterhalten, was jetzt Emo ist uns was nicht. Alle fünf Jahre wird nun mal für jede Gitarrenmusik abseits des Mainstreams ein neuer Begriff erfunden. Pop-Punk, Grunge... Die Leute brauchen ja auch eine Schublade. Danach richte ich mich ja auch selber.

Aber als 'Ur-Emo' sehe ich eigentlich nur Weezer und Mineral, und davon sind wir meilenweit entfernt. Jimmy Eat World waren für mich nie Emo. Das ist eine Rockband. 'Bleed American' ist so sehr Rock, wie es nur geht."

Ihr fühlt Euch auch nicht in irgendeiner Weise zu der Szene zugehörig?

Stephan: "Zu der Szene schon, aber dann doch mehr zu der Hardcore-Szene. Zu der DIY- oder Keineahnungwas-Szene. Weil wir letztendlich immer noch die Kontrolle über alles haben."

Naja, nach "Parade-Emo" klingt Eure Platte ja nun wirklich nicht. Ich dachte ab und zu gar an die neue Motorpsycho...

Stephan: "Das war auch das, was ich im Hinterkopf hatte (grinst zufrieden). Man muß den Hut vor Motorpsycho ziehen, daß sie diese Elemente ziemlich früh reingepackt haben, aber auch auf jeder Platte anders klingen können.

Die 'Barracuda' halte ich immer noch für eine der besten, die klingt teilweise so nach Mittsiebziger-Who. Und eine meiner Lieblingsplatten ist ja immer noch 'Who's next'."

DJ Shadow - The private press

DJ Shadow - The private press

Motorpsycho - Barracuda

Motorpsycho - Barracuda

The Who - Who's next

The Who - Who's next

The Jam - The gift

The Jam - The gift

The Get Up Kids - On a wire

The Get Up Kids - On a wire

Welche Musik hört Ihr privat sonst so?

Stephan: "Querbeet, von DJ Shadow bis Keineahnungwas. Mittlerweile passieren auch so Sachen wie... (setzt Mädchenstimme auf) 'Euer Gitarrist hat gesagt, er findet Get Up Kids nicht so toll. Was finden Sie denn dazu?'. Also daß man derart nach seiner Meinung gefragt wird, und da weiß ich auch nie, was ich sagen soll (lacht). Ich finde die neue Get Up Kids schon ganz gut, habe dazu aber nicht so die Riesenmeinung."

Ihr seht also auch keine großen Einflüsse von anderen Bands In Eurer Musik...

Christian: "Das kann man nie so genau sagen. Du hörst dies und das, und wenn Du selbst Songs schreibst, fließt natürlich was davon ein. Aber genau könnte ich das nicht festmachen."

Stephan: "Wir orientieren uns eben nicht an dem, was gerade in Amerika passiert, sondern wie die Ami-Bands wohl auch an dem, was vor 8-9 Jahren passiert ist. Es wird immer eine Ami-Band aus dem Hut gezogen, mit der man sich vergleichen lassen muß."

Ich habe mal was von The Jam im Info gelesen.

Stephan: "Ja, definitiv sogar."

Ich soll Euch auch noch nach dem Mogwai-ähnlichen Side-Projekt fragen, von dem ich gehört habe...

Stephan: "Das ist immer noch in der... äh... strukturellen Planung. (lacht) Also ich denke, bevor das passiert, haut Holger eher ne Solo-Platte raus."

Wie sieht das neue Video zu "Goodbye trouble" aus? Rennt sich wieder jemand die Zunge aus dem Hals wie bei "Town called Malice" (zu sehen z.B. auf http://www.thepalefour.de/, Anm. d. Verf.)?

Stephan: "Nein. Wir spielen Schauspieler, die versuchen, eine Band zu spielen. (lacht). So in Richtung Donnie Brasco, 70er-Style. Schmierig. Es soll wohl auch auf VIVA auf Rotation gehen. Mal sehen, was passiert."

Pale (v.l.n.r. Co-Frontmann Christian Dang, Frontmann Holger Kochs, Drummer Stephan Kochs)

Aber Ihr rechnet jetzt nicht plötzlich mit dem großen Durchbruch?

Stephan: "(erstaunt) WIR? Neee. Wir waren immer glücklich mit dem Zustand, in dem wir uns befunden haben. Letztes Jahr ist so viel durch Zufall passiert, vielleicht passiert es dieses Jahr wieder. Wenn nicht, kein Problem."

Und es gibt jetzt auch nicht die große Promotion-Tingeltour mit NBC Giga, VIVA Interaktiv und so?

Stephan: "Nein, wie gesagt haben wir immer noch die Hand obendrauf und können entscheiden, was wir machen und was nicht. Live spielen geht bei NBC Giga zum Beispiel nicht."

Vielleicht würde es den Verkäufen helfen...

Stephan: "Kann sein, aber deshalb machen wir's trotzdem nicht. Selbst wenn's den Verkäufen hilft. (lacht)."

Letzte Frage: Wann startet die angekündigte Herbsttour?

Stephan: "Die beginnt wahrscheinlich am 20. Oktober und dauert 2 x 12 Tage. 12 für den Norden, 12 für den Süden."

Text und Fotos: Armin Linder

Rezensionen:
Pale - Razzmatazz (The arts at the sands) Pale - How to survive chance