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Jahrespoll 2013 – Die Favoriten der Redaktion

Es war gaaaaaaaaanz knapp: Arcade Fire verlieren mit ihrem Epos "Reflektor" das Rennen um Platz 1 in der "Album des Jahres"-Wertung gegen The National und deren Ode ans Scheitern und Weitermachen namens "Trouble will find me". Seit zwölf Jahren stimmt die Redaktion von Plattentests.de jedes Jahr über ihre Favoriten ab, 2013 steht es nach "Album des Jahres"-Titeln nunmehr remis zwischen den beiden Lieblingsbands – wir prophezeien: das Rennen ist noch lange nicht entschieden. Weiterhin klettert das schottische Trio von Biffy Clyro aufs Treppchen. Zwar hatte unser Chef "Opposites" in seinen Jahrescharts ganz oben verortet, aber beim internen Voting, das nach einem komplizierten System stattfindet, geht es eben demokratisch zu.

Die Abstimmung zum "Song des Jahres" hätte indes nicht deutlicher Ausfallen können: Daft Punk feat. Pharrell Williams & Nile Rodgers stürmen mit ihrem Megahit "Get lucky" alle Jahreslisten und so auch unsere. Es ist der perfekte Popsong: Lässig und doch mit Zug, gemütlich und doch tanzbar – um "Get lucky" kam man 2013 einfach nicht herum. Auf Platz 2 hat sich Moderat noch vor Arcade Fire geschoben. "Bad Kingdom" heimst die Silbermedaille ein, während "Reflektor" sich mit Bronze begnügen muss. Seis drum, denn mit "Afterlife" stellen Arcade Fire auch gleich noch Platz 4.

Album des Jahres

Song des Jahres

Cover 1. The National
Trouble will find me
Cover 1. Daft Punk feat. Pharrell Williams & Nile Rodgers
Get lucky

Ja ja, "Reflektor" ist schon eine Wahnsinnsplatte... The National aber haben mit "Trouble will find me" ein derartiges Brett rausgehauen, dass Arcade Fire sich diesmal mit der Silbermedaille begnügen müssen. Seit Tagen rennen wir schon durch die Musikfachgeschäfte der Republik, um unseren "Album des Jahres"-Aufkleber mit der goldenen "1" aufs sechste Album der New Yorker zu klatschen. Großartige Form!

Pascal Bremmer

In 30 Jahren, wenn es haufenweise Sampler der 2010er-Jahre gibt, wird "Get lucky" immer dabei sein. Immer. Weil Pharrell Williams immer noch gutgelaunt durch die Zeilen schwingt, Nile Rodgers vom Gipfel der Lässigkeit sein Riff-Loop in die Welt schickt und Daft Punk zufrieden Sand aus ihren Roboterhelmen pulen. Sie wissen: In diesem Jahr zauberte kein Song mehr Lächeln ins Gesicht. We call it a Klassiker. Unser "Song des Jahres".

Stephan Müller

Cover 2. Arcade Fire
Reflektor
Cover 2. Moderat
Bad kingdom

Wenn man irgendwann in 30 Jahren an das Musikjahr 2013 zurückdenkt, dann wird einem unweigerlich "Reflektor" in den Sinn kommen. Arcade Fire erschufen mit Hilfe von Elektro-Zaubermeister James Murphy ein im Discolicht funkelndes Meisterwerk. Nach dem sepia-gefärbten Indierock von "The suburbs" kam dieser Move überraschend und untermauerte die Wandelbarkeit der Kanadier. Ab hier ist alles möglich.

Kevin Holtmann

"Diese Welt ist schlecht", möchten Moderat den Hörern entgegenrufen, "hört gefälligst auf zu grinsen!" Doch stattdessen werden die Münder zwischen den gespitzten Ohren breiter, immer breiter. Melancholischer Sound hin, dramatisches Video her, wer hier böse gucken kann, hat seine Seele an David Guetta verkauft. Dieser Song ist die perfekte Symbiose von abgrundtief dunklen Basslines und lupenreinem Pop. Bis dass der Tod sie scheidet.

Konrad Spremberg

Cover 3. Biffy Clyro
Opposites
Cover 3. Arcade Fire
Reflektor

Ende 2012: ungläubige Blicke unter den Biffy-Clyro-Anhängern. Ein Doppelalbum?! Sind die jetzt völlig übergeschnappt? Ja und Nein. "Opposites" brachte für die Früher-war-alles-besser-Fraktion erneut nicht den Schritt zurück. Die Schotten warfen lieber gleich 20 Hymnen in die Menge. Zum Fäusterecken, Mitschreien und Hakenschlagen über fast 80 Minuten. Und jetzt haben sie noch die Puste, souverän unser Treppchen zu erklimmen.

Eric Meyer

Berlin, November 2013. Als The Reflektors geben Arcade Fire ihr einziges Deutschlandkonzert des Jahres 2013. Zur Eröffnung ihres groovenden Spiegelkabinetts beschwören die Kanadier mit "Reflektor" paillettenbehangen Discopop und David Bowie. Ich im feinen Zwirn, rot und silber um die Augen, inmitten der elektrisierten Menge. So ein Maskenball mag streitbar sein, der glänzende Vorbote dieses unvergesslichen Konzertabends ist es aber keinesfalls.

Andreas Menzel

Cover 4. Haim
Days are gone
Cover 4. Arcade Fire
Afterlife

13. Mai 2013, Musik-Debatte mit Kollege Holtmann: Ich: "Wer ist denn Haim?" Er: "Kennst Du wirklich noch nicht? [...] Schwer, dieses Jahr an den Mädels vorbei zu kommen." Er sollte recht behalten. September 2013: Diskussion, ob 10/10 oder nicht. Es wurde am Ende keine. Aber Superlative gibt's für Haim genug: die sympathischste, frischeste, hitverdächtigste neue Band 2013. Danke, Kollege, fürs Früherzeigen.

Armin Linder

Wieder eines dieser seltsamen Arcade-Fire-Phänomene. Es ist schwierig, Ungläubigen klar zu machen, warum einen dieser Song so packt. Und noch schwerer nachzuvollziehen, wann er gekippt ist von "nett" zu BFF. Arcade Fire berühren, selbst wenn sie ihren Sound mit Discosynths unterfüttern und dazu tanzen. Weil hier das Leben regiert, weil es authentisch ist. "When love is gone / Where does it go?" Ein Tränchen verdrückt.

Kai Wehmeier

Cover 5. Savages
Silence yourself
Cover 5. Tom Odell
Another love

"Don't let the fuckers get you down." Die F-Wort-Ladies aus London kombinierten stacheldrahtige Wire brillant mit zorniger Siouxsie Sioux. Live verbaten sich Savages dankenswerter-
weise den Gebrauch von Smartphones – und obwohl Frontfrau Jehnny Beth nicht ganz den Liebreiz von Rezensentin Jennifer Depner erreicht, langte es für die Top Five. Wenn dieser knochenharte Kuchen spricht, haben die Krümel Pause.

Thomas Pilgrim

Seit fast sechs Monaten dasselbe Spiel: "Another love" zum Aufwecken. Krank? Vielleicht. Aber den durchweg großartigen Popsongs, die der Brite für sein herzerweichendes Debüt irgendwo hergezaubert hat, wird mit "Another love" die Krone aufgesetzt. "All my tears have been used up". Ob er jemals wieder wirklich wird lieben können? All the best, Tom Odell. Und wenn es hilft, dann auch gern sechs weitere Monate.

Kai Wehmeier

Cover 6. Tocotronic
Wie wir leben wollen
Cover 6. Haim
Forever

Ja, liebe Freunde der Sonne, auch Indietroniker werden älter. Dirk von Lowtzow und seine Pflegehelfer machen das Beste aus ihrem körperlichen Verfall, nämlich charmant adulte Popmusik mit graumelierten Schläfen und nachdenklichen Grübchen, gnadenlos sexy und von sympathisch milder Weisheit durchwoben. Da möchte selbst der/die unschlüssigste TransgenderIn einfach nur die Rheumadecke sein!

Andreas Knöß

Jeder kennt sie, jeder liebt sie? Sicherlich nicht. Haim waren eine der kontroversesten Bands des Musikjahres. Die Diskussionen über die Schwestern verließen jedoch bald den Boden der Sachlichkeit und verhandelten oftmals obsolete Oberflächlichkeiten. All denjenigen, die zu "Forever" wahlweise ekstatische Beziehungsenden oder sonnige Poolpartys feierten, konnte dies egal sein. Sie wussten: So frisch ist Pop im Jahr 2013.

Kevin Holtmann

Cover 7. Nick Cave & The Bad Seeds
Push the sky away
Cover 7. Steven Wilson
Drive home

"I ought to practice what I preach": Im Jahre 2013 nach Christus offenbart der geschniegelte Nick Cave endgültig seinen genialischen Wahnsinn. Das manische Stoßgebet "Push the sky away" ist der himmlische Höhepunkt einer beispiellosen Karriere. Das sind Partyhits für Misanthropen und Miley Cyrus bekommt von göttlicher Instanz den Arsch versohlt. Das größte musikalische Kunstwerk des Jahres.

Christian Preußer

Das Vorurteil, Prog-Rocker seien kalte, berechnende Technokraten, ist durch Steven Wilson schon lange widerlegt worden. Aber diese emotionale Wucht, mit der mich "Drive home" von der ersten Note an ergriffen hat, hätte ich selbst von diesem brillanten Künstler nicht erwartet. Diese bittersüße, fragile Ballade wühlt auf, berührt zutiefst. Auch nach vielen Durchläufen. Und für das Video von der Blu-Ray werden wohl noch lange Taschentücher griffbereit sein müssen.

Markus Bellmann

Cover 8. James Blake
Overgrown
Cover 8. Sigur Rós
Brennisteinn

An James Blake scheiden sich die Geister. Von den einen als Wunderkind bejubelt, unter den anderen als überschätzter Schnösel verpönt. Daran änderte auch "Overgrown" nichts, welches die Klanggemälde, die Blake in Eigenregie malte, auf eine neue Ebene hob. Wenn die Entwicklungskurve des Briten weiter so steil nach oben verläuft, sind die Erwartungen der anderen zukünftig wohl Blakes geringste Sorge.

Jennifer Depner

"Zärtliche Wucht" lautete die Überschrift unserer Rezension zu "Kveikur", Sigur Rós' siebten Album, ­und hätte kaum treffender sein können. Schon die Single "Brennisteinn" wechselte zwischen tosendem Gewitter und sanftem Regen, Feuerwerk und Lagerfeuer, Verzweiflung und Hoffnung. Einmal mehr wurde klar: Die Musik von Sigur Rós ist eine Herzensangelegenheit, mit all dem Kummer und all der Liebe, die ein Mensch empfinden kann.

Jennifer Depner

Cover 9. Editors
The weight of your love
Cover 9. Daft Punk
Giorgio by Moroder

Stadionrock von leichter Hand, unpeinliche Powerballaden, ein Hauch Springsteen und düster strahlender Post-Punk auf einer Platte? Nein, hier musiziert nicht etwa eine eierlegende Wollmilchsau. Vielmehr pfeifen die Briten um Tom Smith in neuer Fünferbesetzung endgültig auf Erwartungen. Ein Album für alle, die Editors nicht lieben, weil sie wie irgendetwas klingen – sondern darum, weil sie Editors sind.

Thomas Pilgrim

Neun Minuten, die aufzeigen, wie viel besser "Random access memories" wohl noch wäre, wenn Daft Punk mit hochgeklappten Visieren musizierten. Maestro Giorgio gibt die Devise vor: "You can do whatever you want." Das lässt sich das Duo nicht zweimal sagen, wenn sie den minimalistischen Housegroove schrittweise in den Geigenhimmel hieven und per finalem Gitarrensturm jegliche Geschmacksgrenzen zum Einsturz bringen.

Christopher Sennfelder

Cover 10. Daft Punk
Random access memories
Cover 10. Macklemore & Ryan Lewis
Thrift shop

Wisst Ihr noch? Glitzerfummel, Disco, Tanzflächen mit Boden-
platten, die beim Drauftreten leuchten? Nein? Nicht schlimm: Es gibt ja Daft Punk. Die Franzosen brachten Robocop zum Tanzen und Kraftwerk zum Swingen, sammelten für "Get lucky" Pharrell Williams und Nile Rodgers ein, Giorgio Moroder bekam sogar ein eigenes Stück. "Random access memories"? An dieses Album wird sich niemand bloß zufällig erinnern.

Thomas Pilgrim

Schon arm dran, dieser Ben Haggerty alias Macklemore: Er sieht aus wie die Zehnerjahre-Variante von Vanilla Ice und hat nur noch "twenty dollars" in his pocket. "Thrift shop" ist dennoch nach "Get lucky" wohl der zweit meist gespielte Diskokracher 2013, dabei erschien das gute Stück ja bereits im August 2012. Mit der Album-
veröffentlichung im März hält es nun auch im Redaktionspoll Einzug. Leider geil!

Pascal Bremmer

11. Casper - Hinterland

12. Unknown Mortal Orchestra - II

13. Frightened Rabbit - Pedestrian verse

14. Moderat - II

15. Steven Wilson - The raven that refused to sing (and other stories)

16. Mount Kimbie - Cold spring fault less youth

17. London Grammar - If you wait

18. Villagers - {Awayland}

19. Queens Of The Stone Age - ...Like clockwork

20. Daughter - If you leave

11. Youth Lagoon - Mute

12. Jon Hopkins - Open eye signal

13. The Knife - Full of fire

14. Pearl Jam - Sirens

15. Disclosure - White noise (feat. AlunaGeorge)

16. Vampire Weekend - Hannah Hunt

17. James Blake - Retrograde

18. David Bowie - Where are we now?

19. The National - Pink rabbits

20. The National - Sea of love


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Auswertung: Armin Linder
Koordination und Einleitungstext: Pascal Bremmer
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de