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Jahrespoll 2011 – Die Favoriten der Redaktion

Viel wurde geschrieben über das zweite Album von Bon Iver. Und kein Wort davon war zuviel. Ganz im Gegenteil, die Klasse dieses Albums verleitete sogar die sonst so debattierfreudige Redaktion von Plattentests.de zu seltener Einmütigkeit: "Bon Iver" ist unser "Album des Jahres"! Und weil doppelt genäht nun mal besser hält, haben wir gleich zwei Lieder des großartigen Zweitwerks von Vernon und Co. in die Liste der zehn besten Lieder anno 2011 aufgenommen.

Doch ganz nach oben hat es Bon Ivers Hit "Holocene" dann doch nicht geschafft. Denn dort thront eine mysteriöse Frau mit noch mysteriöseren Lippen, deren - richtig: mysteriöses Lied nicht nur uns in seinen Bann zog. "Video games" kam quasi aus dem Nichts und erwischte so die deutschen Charts (Platz 1!) ebenso kalt wie unsere interne Bestenliste. Unser "Song des Jahres" - eine Ode an die kleinen Dinge des Lebens. So soll es sein.

Album des Jahres

Song des Jahres

Cover 1. Bon Iver
Bon Iver
Cover 1. Lana Del Rey
Video games

Es geschah an einem kalten Novembertage, als sich mir eine eh schon große Platte endgültig in ihrer ganzen Dimension offenbarte. Vernon und seine Kumpels waren in Hamburg und spielten mächtige Versionen dieser kaum greifbaren Songs. Wie von Zauberhand fügten sich plötzlich alle losen Enden und diese seltsam vor sich hin schwebenden Songstrukturen zusammen.  Ein betörend entrücktes Album nahe am Rande der Unzumutbarkeit.

Kai Wehmeier

Was für Lippen! Als Ablenkungsmanöver vollkommen überflüssig. Denn sie singen so anmutig über Bier und Video-Spiele, dass sich der Schrecken, der sich hinter jeder Zeile dieses Songs verbirgt, erst allmählich zeigt. Lana Del Rey verpackt Tristesse in rauschende Farben, ist Raymond Carver in Pop. Dieses Lied, es flutet jeden Raum mit Licht - und wir rufen ihm entgegen: "Heaven is a place on earth with you!"

Christian Preußer

Cover 2. The Antlers
Burst apart
Cover 2. Bon Iver
Holocene

Was sollte nach dem schaurig-traurigen Meisterwerk "Hospice" kommen? The Antlers schienen alles gesagt zu haben, besser und intensiver konzipierte lange keine Band mehr ein Album. Doch die New Yorker belehrten uns eines Besseren: Der Nachfolger "Burst apart" ist so dringlich und sehnend, gebeutelt von Schmerz und Pein und doch voller Zuversicht und Anmut. The Antlers zelebrieren den Verfall als wundervolle Party.

Kevin Holtmann

"I was not magnificent" - schreibt es in Eure Tagebücher, Blogs, auf Eure Jutebeutel, tätowiert es Euch auf die Unterarme, schmiert es an die Klowände und schreit es mit 50.000 im Chor heraus in den Stadien dieser Welt, wo Bon Iver, wäre sie gerecht, spielen dürfte. "Holocene" ist der eine Song, der selbst dem größten Songwriter nur zustößt, der reicht für eine ganze Karriere. Und zurück bleibt dieser eine ungeheuerliche Satz.

Nicklas Baschek

Cover 3. Zola Jesus
Conatus
Cover 3. Thees Uhlmann
&Jay-Z singt uns ein Lied

Feminismus 2011: Sie verfolgt ihre Mission mit heiligem Ernst. Mit kalten Klängen durchlöchert sie das Pathos. Wenn sie die Schaltkreise verstörend aufjaulen lässt, betört die zauberhaft arrangierte Distanz. Sie versteckt sich hinter Hall und Elektronik. Doch wenn sie ihr Gesicht verhüllt, entblößt sie unsere Seelen. Die Herrin der Dunkelheit ist keine blasse "Twilight"-Bella. Sie heißt Zola Jesus.

Oliver Ding

Lautes Lachen. Oder zumindest großes Grinsen. Wenn man zum ersten Mal hört, wie Casper in "& Jay-Z singt uns ein Lied" losrappt, zucken zwangsläufig die Mundwinkel nach oben. Aber schnell merkt man: Das passt. Und macht diesen ansonsten so geradlinigen Song erst zur eckigen Hymne. Schade, dass der verwegene Sprechgesang bei der Single-Version mit dem Beil entfernt wurde. Mit mehr Kraft als Mut.

Armin Linder

Cover 4. PJ Harvey
Let England shake
Cover 4. R.E.M.
ÜBerlin

2011 geht musikalisch nach wie vor alles. Selbst ein Konzeptalbum - gar ein politisches. Man muss es nur mit genug Fallstricken, Fragezeichen und, ja huch, fabelhafter Musik ausstatten. PJ Harvey tat genau das. Kein Drittwelt-Märtyrertum, kein Exotismus-DJanening. Stattdessen: kaum was zum Tanzen, einiges zum Wundern, keine ausgleichende Gerechtigkeit. Wenn nirgendwo sonst, weshalb bitteschön hier?

Tobias Hinrichs

Ein letzter Gruß der charmantesten Schülerband der Welt. R.E.M. schließen den Kreis zwischen Bowie und Reed, täuschen eine letzte Ballade an - und schenken uns diese niemals enden sollende Hymne auf unseren trostlosen Alltag. Wenn Popmusik eines kann, dann ist es trösten. Nicht nur über unser Unvermögen hinweg - sondern auch darüber, dass die goldenste Band der Pop-Geschichte die Lichter ausgeknipst hat.

Christian Preußer

Cover 5. Casper
XOXO
Cover 5. Bon Iver
Perth

Man kann "XOXO" leicht ans Bein pinkeln. Die Platte pathetisch und pubertär finden in ihrem spät-adoleszenten Aufruhr. Kalkuliert, weil der HipHop hier auch Elektro, Post- und Indierock kann. Oder man lässt sich ein auf den flammenden Benjamin-Griffey-Seelenstrip, dessen emotionale Wucht jede Kajalcore-Band aussticht. Und der Leben retten kann. Auch die derer, die dafür eigentlich schon zu alt sind.

Dennis Drögemüller

Natürlich, in eine Stimme verliebt man sich oft bei einem Song. Oder auch in eine Gitarre. Aber in Drums? Abseits haarsträubender Schlagzeug-Soli, die Metal-Fans auf dem Wacken-Festival rühren, passiert das wohl selten. Doch 2011 verloren viele ihr Herz an Bon Ivers kleinen Marsch und zogen mit ihm durch "Perth". Jedes winzige Trommeln gleicht einem Nadelstich auf der Haut. "Now breaking new ground".

Armin Linder

Cover 6. Yuck
Yuck
Cover 6. Fucked Up
Queen of hearts

Den Groove ins Studio gerollt, ein Fuzz aufgemacht und bloß nicht zum Friseur gehen: Der beste Indie-Rock amerikanischer Prägung kam 2011 aus England. Neben den Newcomern Mazes taten sich besonders Yuck aus London hervor und rumpelten zwölf Mal tolle Gitarrenkirmes ein. Petersilie aus dem Ohr statt Finger in den Hals - wen kümmert es da, dass sich Dinosaur Jr. und Yo La Tengo dieses Jahr eher rar machten?

Thomas Pilgrim

Dass Fucked Up ein Händchen für Melodien haben, war nichts Neues. Aber sich beim ersten Durchhören der Album-Großtat "David comes to life" plötzlich die zuckersüße weibliche Gesangsstimme zwischen die Gitarrenwände drängte, ging die Sonne auf wie nie wieder in diesem Jahr. "Queen of hearts" ist trotz seiner Harmonievernarrtheit und dem naiv-verliebten Refrain ein grandioses Stück Krachmusik.

Maik Maerten

Cover 7. James Blake
James Blake
Cover 7. The Antlers
Corsicana

Viel Lärm um einen Hauch von Nichts: Quasi antiproportional zur zurückhaltenden Schönheit des Albums ergossen sich die Lobeshymnen über Herrn Blake. Von Post-Dubstep und dem neuen Minimalismus war die Rede. Die Etikettiermaschine lief auf Hochtouren. Vor allem war die Platte erst einmal neu, spannend und wunderschön. Ich möchte daher nicht noch mehr zu jenem Wortschwall beitragen als: Danke, James.

Marco Wedig

Die Story hinter "Corsicana" ist sicher keine romantische: Ein Vater schließt seine Kinder im Zimmer ein und zündet das Haus an. So düster klingt es auch: Sanfte Klänge zur ernüchternden Erkenntnis, hier nicht mehr rauszukommen. Das Fehlen jeglichen Schlagzeugs wirkt wie ein ewig aussetzender Herzschlag.  Dazu die schönste und traurigste Metapher des Jahres: "We should hold our breath with mouths together now."

Jennifer Depner

Cover 8. The Roots
Undun
Cover 8. Casper
Michael X

Vermutlich haben die Roots einen Chef wie wir. Der sie immer daran erinnert, alle Texte fertig zu haben, den Hörer glücklich zu machen und Luft zu holen. Dabei hatten viele gedacht, dass von der Legendary Crew nichts mehr kommt, nachdem sie zur Abendunterhaltung gewechselt sind, aber: "Undun" ist eine ihrer besten Platten und vielleicht sogar die beste, wenn da nicht noch "Things fall apart" wäre.

Björn Bischoff

Ein Rapvideo ohne nackte Tatsachen? Ausnahmsweise. Dafür Husum, rote Backsteine, eine Bierflasche und, äh, Schafe? Casper machte 2011 vieles gut und zuweilen unkonventionell. Wenig verwunderlich also, dass der eigentliche Hit auf "XOXO" eine alles andere als perfekte Nummer ist. Trauer und Verlust in Kraft und Freiheit verwandeln? Funktioniert hier ganz großartig. Eine Gänsehaut nach der nächsten. Natürlich unter der Jacke. Mäh, äh... prost!

Jochen Gedwien

Cover 9. Destroyer
Kaputt
Cover 9. The Rapture
How deep is your love?

Nachdem ich das Vinyl von "Kaputt" das erste Mal in meinen Händen gehalten hatte, veränderte sich meine Meinung über alles, was ich bislang auf Seite 3 vorfand. Früher dachte ich an nackte Frauen, jetzt an den fünfteiligen Trip "The laziest river". Diese 20 Minuten können Leben verändern und einen aus der Sommernachtseinsamkeit befreien. Jetzt ist Winter, und es funktioniert wie das gesamte Album immer noch ausgezeichnet.

Carsten Rehbein

Fast fünf Jahre Pause? Kein Problem für The Rapture. Vielmehr ein Grund, auf dem dritten Album drangsalierte Quetschkommoden, Bläser-Rollkommandos und andere tolle Sachen aufzufahren. Am tollsten aber: diese infektiöse Single, bei der mit Piano-House und großkariertem Indie-Wumms das Schleudertrauma auf dem Dancefloor vorprogrammiert ist. Und jetzt alle: "Let me hear that song". In der Endlosschleife.

Thomas Pilgrim

Cover 10. Theees Uhlmann
Thees Uhlmann
Cover 10. Elbow
The birds

"Es gibt eine Zeit zu rennen, es gibt eine Zeit zu ruhen" - aber gibt es eine Zeit, diesem Mann zuzuhören? Nein, Thees Uhlmann bleibt mit und ohne Tomte der Antwortgeber für alle Lebenslagen. Dass sein Solotrip dazu hinter der Springsteen-Coverpose tatsächlich so viel "Born to run"-Attitüde birgt, macht den Mann noch unverzichtbarer. Musik, zu der wir uns auch in fünf Jahren nachts um drei in den Armen liegen können.

Jana Fischer

Flatterhafte Wesen sind das Gegenteil von Elbow, den seltsamen Gentlemen. Als alle Welt die große Hymne erwartete, boten sie Stillstand. "The birds" kreist acht wundervolle Minuten lang um eine verwegene Idee: Vögel sind unsere heimlichen Beobachter und wissen alles über brechende Herzen. Der Song mäandert zwischen schwebendem Gesang und Stottergroove. "Do they keep those final kisses in their tiny racing hearts?" Ein herrliches Psst.

Oliver Ding


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Auswertung: Armin Linder
Koordination und Einleitungstext: Mark Read
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de