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Jahrespoll 2010 – Die Favoriten der Redaktion

Einmal mehr zeigt sich, wie sehr wir unsere Leserschaft verstehen. Oder wie gut wir Gehirnwäsche betreiben. Zwei Erklärungen dafür, warum zwei Bands dieses Jahr prägten. Zum einen sind da die Kanadier von Arcade Fire, deren "The suburbs" so viele Hits abwarf, dass wir uns - ähnlich wie Ihr - kaum für einen Lieblingssong entscheiden konnten, weil so viele wunderbare Hits dabei sind. Dass das unser Album des Jahres 2010 werden musste, hatte man fast ahnen können.

Da auf der anderen Seite The National merklich nachhaltiger wirtschafteten als der übliche EU-Staat, konnten sich unsere Redakteure auch auf "High violet" einigen. Mit unserem Song des Jahres 2010 "Bloodbuzz Ohio" landeten The National einen zielgenauen Treffer, an dem nicht einmal der erklärte Lieblingssong des Chefs, Stornoways Kammerspiel "Zorbing", vorbei kam. Und so war die Überraschung perfekt: Erstmals sind Album und Song des Jahres bei Leserschaft und Redaktion identisch. Und dann auch noch verdientermaßen. Wir verstehen uns.

Album des Jahres

Song des Jahres

Cover 1. Arcade Fire
The suburbs
Cover 1. The National
Bloodbuzz Ohio

Verödet, leer und tot, die traurigen Vororte des prallen Lebens. Hier sagen sich Verlierer und Schattengestalten gute Nacht. Ein bisschen Freude, ein bisschen Seligkeit, das ist alles, was sie wollen. Sie singen Zeilen über die Schattenseiten des Lebens und fassen sich dabei ans Herz. All die Enttäuschten, all die Traurigen sonnen sich im Glanz, in der Größe und in der Übermenschlichkeit dieser Band. "The suburbs", das ist unser "Album des Jahres", das ist Trost, das ist Charles Dickens in Pop.

Christian Preußer

Perfektionismus ist eine Strategie, die zerstören kann, die Scheitern erzwingt - oder im Fall von The National voll aufgeht. Die akribische Weinseligkeit steckt in jeder Note von "High violet" - und vielleicht am wenigsten in "Bloodbuzz Ohio". Aber die Fusion von Bartion-Schmelz, taumelnder Heimat-Romantik und Indie-Rock-übergreifender Pianoflora ist ein pochender Rausch für die Seele. Und unser "Song des Jahres". Weine, wenn es nicht zum Tanzen reicht!

Stephan Müller

Cover 2. The National
High violet
Cover 2. Stornoway
Zorbing

Es gibt Momente im Leben, da scheint einem alles zu entgleisen. Das ungewisse Pendeln zwischen Verlust und Gewinn, Liebe und Tod ist kräftezehrend und zermürbend. The National ziehen daraus Inspiration für die rotweingetränkten Stücke von "High violet". Die elf Songs haben nicht nur mich durch schwierige Zeiten begleitet, spendeten Trost und Mut und waren in ihrer formvollendeten Ästhetik 2010 einzigartig.

Kevin Holtmann

Aufgepasst! Das glasklare Frontgesang rund ums Bergab-Rollen und der inbrünstige Chor sind nur die halbe Wahrheit. Die Gimmicks sorgen dafür, dass "Zorbing" immer und immer weiter an Wirkung gewinnt. Es gibt hier Songs im Song im Song. Auf dem linken Kanal sind die Bläser außer Rand und Band. Und auf dem rechten wollen die Tasten einfach nicht aufhören zu hüpfen. Ein Klavier! Ein Klavier! Ein Klavier!

Armin Linder

Cover 3. Deerhunter
Halcyon digest
Cover 3. The Gaslight Anthem
American slang

"Halcyon digest" ist ohne Frage eine Ode an die Freiheit und das Glück. Ein verzweifeltes Glück, das dennoch unbedingt eingefordert werden muss. "Helicopter" etwa verwandelt eine Zeile wie "No one cares for me" in eine Woge der Entrückung, und auch "Desire lines" steigert sich in maximale Losgelöstheit hinein. Mit einem Mal scheint der längst zu den Akten gelegte Wunsch, einen alten VW-Bus zu kaufen und in die Freiheit aufzubrechen, der einzige noch verbleibende Ausweg.

Harald Jakobs

Beim ersten Hören war da die Enttäuschung: klar, engagierter Stadionpunk und Brian Fallons einzigartige Stimme - aber keine neue Offenbarung. Zunächst. Denn dann schlich sich der Song ein, in CD-Player, iPod-Playlists und den Gehörgang. Und wie! Weil er eine Geschichte erzählt, die sich Band und Fans teilen: vom Aufstieg der Punk-Band unserer Herzen, mit der wir Arm in Arm altern dürfen. Hey, Gaslight Anthem: "Look what you started."

Dennis Drögemüller

Cover 4. Joanna Newsom
Have one on me
Cover 4. Aloe Blacc
I need a dollar

Joanna Newsom widersetzt sich auch auf "Have one on me" allen Restriktionen, die klassische Medien und moderne Aufmerksamkeitsspannen zu bieten haben. Zwischen dem Pop-Quickie "On a good day" und dem entrückten Titelsong gelingt ihr nicht weniger als die Einswerdung von U und E. Musikalische Revolutionen starten nicht mehr mit drei Akkorden im ranzigen Proberaum, sondern mit der Harfe im großen Saal.

Carsten Rehbein

Liebe Gemeinde, gebt und ihr werdet bekommen. Der Klingelbeutel fordert nicht mehr als eure volle Aufmerksamkeit, und Soul-Bruder Blacc wird euch die Glückseligkeit geben. Lauschet der Melodie, den Bläsern, dem unglaublichen Gesang und dem eindringlichen Text. Eure Ohren werden befreit von ihren Sünden und es wird nur noch eine einzige Piano-Line geben, um euch den Himmel auf Erden zu bescheren.

Björn Bischoff

Cover 5. Tocotronic
Schall und Wahn
Cover 5. The Roots feat. Rice Daw
How I got over

Wenn Liebe tötet, Tyrannen singen, Idioten starren, der Zweifel siegt und das Ich sich auflöst, ist Tocotronic nicht weit. Auf dem einmal mehr brillanten "Schall und Wahn" paarten die Hamburger Ironie, Dandytum und Lärm. Zwischen Parolen des Dagegens und Danebens akzeptierten sie wenig mehr als Selbstbefriedigung. Keine Meisterwerke mehr? Von wegen. Dirk von Lowtzow ist der Bänkelsänger des Rätsels.

Oliver Ding

Der Rap und die Realness. Keiner ist tight genug, und die Roots sind ja sowieso nur was für Leute, die sonst mit dem Biz nichts an der Cap haben. Dabei fickte der Titeltrack zum neuen Album so ziemlich jedes Trommelfell, bis die Kopfhörer vom Schädel rutschten. Rhymes, Beats und Flow ohne Ende. Manch Ahnungsloser nennt es Pseudo-HipHop, ich nenne es HipHop für Leute, die HipHop lieben.

Björn Bischoff

Cover 6. The Gaslight Anthem
American slang
Cover 6. Foals
This orient

Hausinterne Rundmails ohne Zitat von Brian Fallon im Anhang? Gibt's seit drei Jahren nicht mehr. Einstandsfeiern ohne einen Hit von The Gaslight Anthem vom Redaktions-iPod? Nicht mit uns! Sogar in den Büros unserer Praktikantinnen haben die hemdsärmeligen Jungs aus New Jersey längst schnöde Schmusekater wie Maxi Hecker, Björn Dixgård und Ben Folds als Posterjungs abgelöst. Wir sind The Gaslight Anthem!

Sven Cadario

Von welcher Landschaft "This orient" handelt? Keine Idee. Egal, denn Foals kanalisierten ihre natürliche Hektik in anmutige Melancholie. Mit diesem Paradigmenwechsel wuchsen die Jungspunde über sich und den Mathekurs hinaus und verwirbelten mit sehnsüchtig perlenden Gitarren meinen Kopf. Unter den vielen Klangschichten, die hier Ringelrein tanzen, pocht ein Herz. Es freut sich über herrliches Fernweh.

Oliver Ding

Cover 7. Foals
Total life forever
Cover 7. Arcade Fire
Suburban war

Sommer! Der erste Urlaub seit 14 Jahren führte nach Dalmatien. Was dabei natürlich nicht fehlen durfte, war das neue Album von Foals. Was für ein Glück! Jeder Morgen begann mit "Black gold", jeder Abend endete mit "2 trees". Am Strand hörte ich "This orient" und sah den Schiffen beim Vorbeifahren zu. Die Rückfahrt verbrachte ich mit "Spanish Sahara" auf Dauerrotation und dachte immer nur, dass ich das unbedingt wiederholen muss. Den Urlaub? Ja, den auch.

Jennifer Depner

Arcade Fire öffneten dieses Jahr ein altes, verloren geglaubtes und reichlich vergilbtes Fotoalbum, vollgepackt mit Impressionen aus der Kindheit in einer amerikanischen Vorstadt. Die schönste Momentaufnahme bleibt "Suburban war": Ein klassisches Stück Rockmusik, ein Drama in knapp fünf Minuten. Rührend, epochal, mitreißend: "All my old friends, they don't know me now." Einen Strauß Vergissmeinnicht für Win Butler!

Kevin Holtmann

Cover 8. Villagers
Becoming a jackal
Cover 8. Marina & The Diamonds
I am not a robot

Liebe auf den ersten Ton? Gibt es! Als die Schönheit zu mir herüber schallte über den Biergarten des Haldern Festivals, da war es um mich geschehen. So schnulzig das klingt. Augenblicklich und unwiderruflich. "I was a dreamer / staring out windows", bis dieser schmächtige Conor O'Brien mit seinen introvertierten, verletzlichen und an Conor Oberst erinnernden Folkliedern mitten ins Herz traf. Kleine Gesten, großes Gefühl.

Kai Wehmeier

Es ist ihre Hymne auf den menschlichen Makel: "You're vulnerable / You're loveable", singt Marina Diamandis und erscheint dabei wie die fleischgewordene Herzenswärme im Glitzerkleid. "I am not a robot" borgt sich Vocoder und Synthesizer von Kate Bush und Gwen Stefani und wirkt trotz stimmgewaltiger Diven-Gesten ganz nahbar. So wird man zum neuen weiblichen Role-Model: mit Popmusik mit menschlichem Antlitz.

Dennis Drögemüller

Cover 9. Beach House
Teen dream
Cover 9. Hurts
Wonderful life

Wann immer mich jemand fragte, welches mein persönliches Lieblingsalbum 2010 sei, antwortete ich: das von Beach House! Kein anderes berührte mich so. Von Victoria Legrands Stimme zur wohligen Melancholie der Songs. Einer besser als der andere; sich für den schönsten zu entscheiden, fällt schwer. Dieses Album hat einfach alles: die richtige Atmosphäre, Tiefgang, Traurigkeit und pures Glück. Und natürlich Herz - meins schon das ganze Jahr.

Jennifer Depner

Die Frisur liegt, der Anzug sitzt. Hurts pflegen vor allem die Oberfläche. Und doch ist ihnen das Innenleben wichtiger. Das trübsinnige "Wonderful life" war zwischen Moll und Beat nichts weniger als das Drama des Lebens: Einem Selbstmord kommt plötzliche Liebe dazwischen. "Never give up, it's such a wonderful life", kontert der Refrain die Verzweiflung der Strophen. Schicker kann Synthpop kaum werden.

Oliver Ding

Cover 10. Janelle Monáe
The ArchAndroid
Cover 10. Caribou
Odessa

Soul, Funk, Rock'n'Roll und New Wave gab es auch 2010. Hier sogar alles auf einmal, denn Janelle Monáe zog mit ihrem Albumdebüt eine beeindruckende Metropolis aller Herren Stile hoch. Big Boi, Saul Williams, Kevin Barnes von Of Montreal und im Geiste sicher auch die B-52's werden sich am Ende selig angegrinst haben: Nicht jeder kann von sich behaupten, bei der Geburt einer neuen Grace Jones assistiert zu haben.

Thomas Pilgrim

Lief sicher auch bei Radio Eriwan auf Heavy Rotation: Dan Snaiths Ausflug ins klingelnde und klappernde Wunderland des abgedunkelten Indie-Dance, inklusive elektrisierender Spannungen an der Grenze von infektiös unrundem Maschinen-Groove und imposanter Basslinie. Kein Wodka zur Hand? Egal - hierzu das Wohnzimmer durchpflügen und dann Bier trinken funktioniert genauso gut. Ukraine: ganz viele Points.

Thomas Pilgrim


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Auswertung: Armin Linder
Koordination: Oliver Ding
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de