Archivsuche

Listen

Suche bei Amazon

Partnerangebote



skyscraper_free_trial


Mein BASE


www.titus.de

eXTReMe Tracker

Patrick Watson - Adventures in your own backyard

Patrick Watson - Adventures in your own backyard

Secret City / Domino / GoodToGo
VÖ: 20.04.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Deine Stimme zählt

Willkommen zuhause

Was macht Patrick Watson, dieser im positivsten Sinne wahnsinnige Kanadier eigentlich, wenn er nach all seinen Klangexpeditionen durch die Welt, das Universum, die Milchstraße, durch mit gleißend hellen Visionen gefüllte schwarze Löcher, strahlende Sternbilder und imposante, unerforschte Planeten nach Hause zurückkehrt? Wenn er wieder in seiner bescheidenen Wohnung in Montreal sitzt, bei Frau und Kindern, und der Müll runtergebracht, die Treppe gekehrt und Rechnungen bezahlt werden müssen? Was also passiert mit einem Kosmonauten, wenn er wieder auf dem Boden der Tatsachen ankommt? Die Antwort ist naheliegend und dennoch überraschend: Er bleibt Kosmonaut. Er findet das Abenteuer im scheinbar Bekannten, dem alle anderen nur noch flüchtige Blicke oder halbe Gedanken widmen. Er entdeckt Größe in kleinen Gesten und Schwerelosigkeit im Alltagsdickicht. Und das ist der Punkt, an dem "Adventures in your own backyard" beginnt.

Watsons viertes Album beleuchtet die Dinge aus der Perspektive eines Heimkehrers, der die Faszination der Weite erlebt hat und nun die nahe Umgebung und die ihn umgebende Nähe erforscht. Konsequenterweise fanden die Aufnahmen dann auch nicht in einem Studio statt, sondern zuhause. In entspannt heimeliger Atmosphäre hat sich Bassist Mishka Stein zu einem äußerst inspirierten Co-Songwriter für Watson entwickelt - eine ihrer Kollaborationen ist die fantastische erste Single "Into giants", eine fröhlich beschwingte, höchst melodiös fließende Folknummer mit berauschendem Harmoniegesang und Bläserfanfare zum Finale. Auch wenn dieses Mal weder Großküchen-Instrumentarium, noch rotierende Speichen vorkommen, wie auf dem bewusst experimentellen Vorgänger "Wooden arms", und das Exotischste eine gläserne Marimba ist, steht "Adventures in your own backyard" Watsons bisherigen Veröffentlichungen in nichts nach. Ganz im Gegenteil: Gerade die Besinnung auf das Essentielle verleiht dem Album eine betörende Intimität und Größe.

Schon die ersten Sekunden lassen keinen Zweifel daran: Wenn die Hausmeistergattin vor dreißig Jahren mal einen Brillantring im Hinterhof verloren haben sollte, dann findet Watson ihn. Ein Klavier mit sachte wattierter Begleitung zaubert eine kristallklare Melodie und Watson singt, beinahe flüsternd: "Leave a light on in the wild / Cause I'm coming in a little blind / Dreamer of a lighthouse in the woods / Shining a little light to bring us back home." Da ist es wieder: das Alltagsdickicht. Und die Erkenntnis, dass man auch zuhause Heimweh haben kann - wenn man zu blind dafür ist, sein eigener Leuchtturm zu sein. Und genau darum geht es auf "Adventures in your own backyard": um Bewusstwerdung, Selbsterkenntnis und Fokussierung, um Neugier und das Altpapier im Kopf, dessen Recycling im eigenen Hinterhof beginnt. "Lighthouse" eröffnet das Album mit einer Ruhe, auf die nichts anderes als ein Sturm folgen kann, wenn auch nur ein kleiner, und das Abenteuer bahnt sich in aller Gelassenheit seinen Weg. Die letzten anderthalb Minuten offenbaren eine stilechte Ennio-Morricone-Landschaft und stellen die bedeutungsvolle Frage: "Won't you show me the light in your own backyard?"

Wie hypnotisiert reicht man Watson die Hand und ist jetzt mittendrin. "Blackwind" übersetzt diese erstaunliche Eigendynamik in Musik - mit einem einnehmend perkussiven Marimba-Muster, das im Anschluss an die von Pedal-Steel würdevoll unterstrichene Feststellung "Who are we without the ones we love?" dazu ermutigt, sich auch mal vertrauensvoll in die Hände unsicherer Wetterlagen zu begeben: "It's better to move than to stand still". Man muss sich schließlich nicht immer selbst bewegen, man darf sich auch mal bewegen lassen. Watson kann das ganz hervorragend, das Bewegen, zum Beispiel mit "The quiet crowd", wieder von einem zart perlenden Piano angeführt, das sich mit sachte tirilierenden Flöten, engagierten Streichern und einem stattlichen Kontrabaß zu einem großen Ganzen fügt. Es sind vor allem die leisen Töne, die diese zwölf Stücke so unwiderstehlich machen. Und die Tatsache, dass Watson mit einem vierminütigen Lagerfeuerlied wie "Words in the fire" etwas Berührenderes erschafft, als andere mit einem fünfstündigen Opus.

Der Grund dafür liegt in zwei ganz simplen und doch außerordentlich wirkungsvollen Dingen: Zum einen in dieser fragilen, eindringlichen und doch niemals aufdringlichen Stimme, irgendwo zwischen Jeff Buckley und dem Unbeschreiblichen. Zum anderen in Watsons Anspruch, Geschichten zu erzählen, und diese Geschichten Form und Farbe seiner Songs bestimmen zu lassen. Der Künstler als Medium, nicht als Zentrum. Und so finden sich auf "Adventures in your own backyard" auch zwei instrumentale Stücke, "The things you do" und "Swimming pools", die keine Worte brauchen, um ganze Filme vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Die Initialzündungen für Watsons Werke sind dabei ganz unterschiedlich: Während beispielsweise der Titeltrack vor ein paar Jahren mit der Anfang 2010 viel zu früh verstorbenen Lhasa de Sela zusammen geschrieben wurde, ist das sphärisch schwebende "Noisy Sunday" aus einer Improvisation heraus entstanden. Ohnehin: Wenn man "Adventures in your own backyard" auf ein erklärendes Adjektiv herunterkürzen müsste, dann wäre "intuitiv" das passendste. Nichts an diesem Album ist verkopft, nichts limitiert. Eine Naturgewalt. Oder wie Watson es selbst ausdrückt: "Hands in the air / Everybody give in to the storm."

(Ina Simone Mautz)

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Lighthouse
  • Blackwind
  • Quiet crowd
  • Into giants
  • Words in the fire

Tracklist

  1. Lighthouse
  2. Blackwind
  3. Step out for a while
  4. Quiet crowd
  5. Into giants
  6. Morning sheets
  7. Words in the fire
  8. The things you do
  9. Strange crooked road
  10. Noisy Sunday
  11. Adventures in your own backyard
  12. Swimming pools

Gesamtspielzeit: 47:57 min.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum