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Die Sterne - 24 / 7

Die Sterne- 24 / 7

Materie / Rough Trade
VÖ: 26.02.2010

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sibirische Halbinsel

Die Frage muss gestattet sein: Dürfen Die Sterne in den Club? Die Reaktionen auf die EP "Der Riss" fielen letztes Jahr zumindest unterschiedlich aus. Darauf pumpten Bässe, stampften programmierte Beats und jubilierten synthetische Pianos - im Gegensatz zu Teilen der Fangemeinde und Keyboarder Richard von der Schulenburg. Der dann auch bald die Koffer packte, da sich die elektronischen Visionen der Kollegen als unvereinbar mit seinen herausstellten. Ersatz war schnell gefunden: Mathias Modica, Mastermind von Munk und Anwärter auf die ständige deutsche Vertretung von LCD Soundsystem, produzierte "24 / 7" nicht nur zu großen Teilen, sondern setzte sich auch gleich an die Tasten. Und plötzlich swingen Die Sterne noch mehr als sowieso schon.

Gitarrenpop ist das natürlich nicht mehr, reine Clubmusik aber auch nicht. Dafür verhandelt "24 / 7" bizarre Auswüchse des Web 2.0, Verblödung durch Rateshows und unwirtliche Realität genauso wie die Selbstaufgabe unter Stroboskopgewittern: "Wohin zur Hölle mit den Depressionen? / Ich geh in die Disco, ich will da wohnen." Und so flirren nicht nur bei der Single "Life in Quiz" oder im marschierenden "Convenience shop" polierte Digitalsounds durch die Luft und drängen scharfe Bassfiguren und elektronische Klavierlinien vorwärts. Euphorisch schwappen dazu Flächen über und nur leicht verklausuliert ist von sozialen Großbränden die Rede: "Es liegen 1000 Leichen in der Stadt der Reichen / Aus dem Weg, ich möchte investieren." Gentrifizierung als Massenmord. Rein bildlich gesprochen natürlich.

Richtig eisig wird es aber allenfalls textlich: "Wir seh'n uns in Sibirien / Oder bei Delirien." Denn trotz der reduzierteren Soundpalette und der untergeordneten Gitarren ist das alles höchstens ansatzweise unterkühlt. Der auf den Punkt schmatzende, voluminöse Sound entfaltet stattdessen eine Lebendigkeit, die den elektronischen Laubsägearbeiten des noch am ehesten vergleichbaren Albums "Wo ist hier" zuweilen abging. In gewisser Weise ist "24 / 7" sogar weniger Verfremdung als konsequente Fortführung des gewohnten Stils mit variierten Mitteln, zumal zentrale Elemente unverändert vorhanden sind: "Wie ein Schwein" zitiert zu Beginn mit "Friday on my mind" von den Easybeats einmal mehr einen Pop-Klassiker, "Gib mir die Kraft" tanzt einen druckvollen Spacerock-Boogie.

Eher herkömmliche Songs verbannen Die Sterne auf die Bonussektion der limitierten Ausgabe: Das akustisch und wunderbar albern für ungeschützten Geschlechtsverkehr plädierende "Ein Glück" sowie "Himmel", das zunächst auf Nachfolger des atonalen "Räuber und Gedärm"-Brockens "Der Tunnel" macht und dann zu einem wuchtigen Stromgitarren-Rocker anwächst. Stücke, die "24 / 7" nicht unbedingt braucht, um zu begeistern - denn das gelingt bereits mit Spilkers oft amüsant haarscharf neben der Idiomatik liegenden Parolen, mit mächtigen Bassläufen und trotz Tanzbarkeit ungebremstem Pop-Appeal. Aber vor allem mit stets satten und ins Schwarze treffenden Beats und Sequenzen. Hier hüpfen nicht nur die Beine, sondern auch die Synapsen. Und das gerne rund um die Uhr.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Depressionen aus der Hölle
  • Deine Pläne
  • Stadt der Reichen
  • Convenience shop

Tracklist

  1. Life in Quiz
  2. Depressionen aus der Hölle
  3. Deine Pläne
  4. Nach fest kommt lose
  5. Wie ein Schwein
  6. Passwort
  7. Gib mir die Kraft
  8. Stadt der Reichen
  9. Convenience shop
  10. Neblige Lichter
  11. Himmel (Bonus)
  12. Ein Glück (Bonus)

Gesamtspielzeit: 60:38 min.

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