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Radiohead - In rainbows

Radiohead- In rainbows

W.A.S.T.E. / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 28.12.2007

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Big ideas

Sparen wir uns das Gerede darüber, wie revolutionär es sein könnte, ein Album jenseits von großen Plattenfirmen, Handelsketten und anderen Promotionskreisläufen zu veröffentlichen. Denn auch wenn diverse hyperventilierende Medien vehement versuchen, uns das Gegenteil zu verkaufen, haben Radiohead am 10. Oktober 2007 mit ihrem 48,4-MB-Zip-File "In rainbows" keineswegs das Rad neu erfunden. Sie haben lediglich das gemacht, was sie am besten können: Sie haben Songs geschrieben und diese aufgenommen, um sie der Öffentlichkeit zu schenken. Wobei aufgrund der frei wählbaren Preisgestaltung des Downloads das mit dem Schenken durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Bei Radiohead wird eben traditionell das Spektakel vermutet, und genau das deutet sich denn auch im epileptischen Drumflackern von "15 steps" an. Doch gerade als sich die undurchdringlich scheinende Rhythmik als unruhiger 5/4-Takt offenbart hat, streichelt eine sanfte Gitarre das Gemüt. Störgeräusche und Beatkaskaden arrangieren sich mit den Möglichkeiten der Harmonie. Das Durcheinander trifft auf beschwingende Saiten und einen immer unwiderstehlicheren Groove. Eine treffendere Eröffnung könnte "In rainbows" kaum haben. Die Schaltkreise dürfen sich gleich am Anfang austoben und tauchen dann nur noch als diesige Ahnung auf. Und nebenbei stellt "15 step" schon die zwei zentralen Elemente in den Mittelpunkt: Rhythmus und Melodie.

Wenn "Bodysnatchers" die Gitarren mal wieder wunderbar laut aufjaulen lässt, ist das kein rüder Krawall, sondern Dreck für Querdenker. Deswegen zwitschert dort auch einer von diesen seltsamen Synthesizern, mit denen Jonny Greenwood immer spielt, und zwischendurch übernimmt sogar eine akustische Klampfe das Ruder. Das muss dieses 21. Jahrhundert sein, von dem man so viel gehört hat. "Nude", das eingeweihten Schnipselsuchern einen schon seit "OK computer"-Zeiten gehegten Wunsch endlich erfüllt, konterkariert den zur Zurückhaltung mahnenden Gesang durch zärtlichen Groove und transzendente Geigen. "Don't get any big ideas / They're not gonna happen." Überhaupt durften sich reichlich Streicher in das siebte Album der Briten mogeln, die sich damit auch noch als Erben der Beatles anempfehlen. Als hätte man nicht schon bereits seit "Karma police" oder "No surprises" gewusst, dass eine kleine Folkpreziose wie "Faust arp" immer schon in dieser Band schlummerte.

Wer sich wie Radiohead alle Mittel des Pop erarbeitet hat, darf sich längst auch das virtuose Spiel mit ihnen erlauben. Aus dem ursprünglichen Radaubruder "Reckoner" wird ein dezent schepperndes Mollsäuseln, dem das Träumen verboten wird. "All I need" schwebt mit seinem Basslauf ins All davon und landet mitten im Leben. In "Weird fishes/Arpeggi" drehen sich gleich drei Gitarren wie der ewige Kreislauf des Wassers immer um die eigenen Achsen. "House of cards" versteckt seine lüsternen Absichten hinter seiner Zurückhaltung. Das famose "Videotape" begradigt das verschobene Klavier von "Pyramid song" für einen digitalisierten Abschied in rot, blau und grün. Die ausgetüftelten Brüche und Texturwechsel, die auf früheren Alben immer sorgfältig herausgestellt wurden, sind unter die Oberfläche gewandert. Und zu seinen vielen surrenden Gitarren erklärt "Jigsaw falling into place" dann sogar, warum auf "In rainbows" eins so perfekt ins andere passt: "As your bad mood disappears / No longer wound up like a spring / Before you've had too much / Come back and focus again."

Viel wichtiger als die an Internetverkehr, Vertriebswege und Leistungsvergütung gekoppelte Betrachtung einer Marktentwicklung ist also die künstlerische Entwicklung, die mit Radioheads siebtem Album einhergeht. Man könnte "In rainbows" als Konsolidierung verstehen, weil diese Band zum ersten Mal nicht vorsätzlich ihre Wurzeln gekappt, sondern im Gegenteil kunstvoll miteinander verknotet hat. Man könnte gar von Stagnation sprechen, weil Radiohead scheinbar nicht mehr unbedingt vorwärts streben, sondern auch seit- und rückwärts, um sich auf bereits erarbeitete Tugenden zu besinnen. Doch der wahre Wert von "In rainbows" liegt nicht in der Abgrenzung, sondern in den Gemeinsamkeiten. Es geht um die Gleichzeitigkeit widersprüchlichster Gefühle, um das endlich gewollte Miteinander von Entfremdung und Versöhnung. Dass sich in diesen bislang unvereinbaren Gegensätzen eine solche Schönheit entwickeln darf, ist das Verdienst dieser Platte, die noch gar keine Platte ist. Und endlich weiß man, dass der Schatz am Ende des Regenbogens viel mehr ist als ein schnöder Topf voller Gold.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Bodysnatchers
  • Nude
  • Jigsaw falling into place
  • Videotape

Tracklist

  1. 15 step
  2. Bodysnatchers
  3. Nude
  4. Weird fishes/Arpeggi
  5. All I need
  6. Faust arp
  7. Reckoner
  8. House of cards
  9. Jigsaw falling into place
  10. Videotape

Gesamtspielzeit: 42:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MopedTobias

Postings: 6619

Registriert seit 10.09.2013

11.06.2016 - 16:45 Uhr
Wenn zum Ende von Videotape die Drumcomputer abdrehen, hat die Band den Höhepunkt ihres Schaffens erreicht. Überirdischer Song.

Demon Cleaner

Postings: 5650

Registriert seit 15.05.2013

11.06.2016 - 17:37 Uhr
"Videotape" ist genial!
Dumbsick
11.06.2016 - 20:45 Uhr
Mein Lieblingsalbum. Videotape, all i Need und reckoner. Einfach nur großartig.

Huhn vom Hof

Postings: 391

Registriert seit 14.06.2013

11.06.2016 - 21:07 Uhr
"Jigsaw falling into place" und "Weird fishes / Arpeggi" sind unkaputtbar, wie fast alles andere auch auf diesem Album.
Gleich nochmal die Bonus-CD auf Kopfhörern zu Gemüte führen, da ist das tolle "Last flowers" enthalten.

lumiko

Postings: 76

Registriert seit 09.09.2015

11.06.2016 - 22:19 Uhr
"In Rainbows" ist für mich das zweitbeste Radiohead-Album nach "Kid A".
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