Daniel Blumberg - Minus

Daniel Blumberg- Minus

Mute / [PIAS] / Rough Trade
VÖ: 04.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Sinn hinter dem Kollaps

Daniel Blumberg ist einer der rastlosesten Künstler, die die Indie-Szene in jüngerer Vergangenheit gesehen hat. Bereits als Teenager gründete er die längst vergessene Band Cajun Dance Party, es folgten unter anderem seine wohl bekannteste Station als Stimme und Kopf von Yuck, sowie diverse Solo-Versuche als Hebronix oder Oupa. Mit keinem seiner Projekte hielt er es mehr als ein Album lang aus, und so ist "Minus" nicht weniger als das siebte Debüt, das sich der 28-Jährige in die Vita schreiben kann. Dass er sich hier zum ersten Mal nicht hinter einem kryptischen Decknamen versteckt, kommt nicht von ungefähr, erfüllt das Album für seinen Urheber in erster Linie eine kathartische Funktion: Eine langjährige Beziehung fand ihr Ende, ein Kindheitsfreund starb, und Blumbergs hartnäckige psychische Probleme mündeten in einem kurzfristigen Klinikaufenthalt. "Minus" ist musikalisch wie inhaltlich ein Werk der Dekonstruktion, in dem ein geplagter junger Mann nach dem Sinn hinter dem Kollaps sucht und den Klebstift an sein soeben zerbrochenes Leben setzt. Angesichts seiner Begleitumstände ist die Existenz dieses Albums so beeindruckend, wie sie für seinen Erschaffer bitter nötig war.

Im Kern hat Blumberg hier eine gute Handvoll intimer, anschmiegsamer Alternative-Country-Balladen irgendwo zwischen Damien Rice und Wilco geschrieben. Doch aus seinen jüngsten Kollabo-Auftritten im Londoner Experimental-Jazz-Schuppen Café Oto hat er sich ein Team aus renommierten, in der Improvisation geübten Musikern zusammengestellt, deren Hauptaufgabe es ist, die Stücke in ihre Einzelteile zu zerlegen. Der eröffnende Titeltrack mäandert wie ein Nick-Cave-Song, verwebt stilvoll Piano- und Streicher-Texturen, um sich schließlich von einer passenderweise an Warren Ellis erinnernden Geige komplett zersägen zu lassen. Auf Songwriting-Ebene ist Repetition nicht nur hier das bestimmende Formelement, auch etwa im drückenden Walzer von "Permanent" oder in "Stacked", in dem der Brite sein bestes Neil-Young-Falsett zur Schau stellt. Dass "Minus" oft simple Refrains ohne viel Variation auf Laufzeiten von fünf Minuten streckt, ist aber keineswegs ein Kritikpunkt: Im Gegenteil ist das in Kombination mit den destruktiven Arrangements das perfekte Transportmittel für die rohe emotionale Ehrlichkeit, die Songs brennen sich so schmerzvoll beim Hörer ein, wie deren Aufnahmen für Blumberg selbst gewesen sein müssen.

Neben dieser Wirkungskraft ist die größte Stärke des Albums seine Unvorhersehbarkeit in all seinen Extremen, egal, ob sich die Band in "The bomb" plötzlich zurückhält und Blumberg und seinem Klavier allen Raum überlässt oder ob übermächtige Noise-Gitarren die Elton-John-Dramatik von "The fuse" gegen die Wand fahren. Passend zu all dem Exzess sind die beiden längsten Stücke auch die besten: In jüngerer Zeit hat wohl nichts so sehr den Geist von Talk Talks "Spirit of Eden" eingefangen wie "Madder", ein zwölfminütiger kaputter Brocken von Song, der Gesangsfragmente, gequälte Streicher und Gitarren zu einer intensiven Klimax zusammenlaufen lässt, bevor er ganz in sich zusammenbricht. Das abschließende "Used to be older" ist ein weiteres Meisterstück der Dynamik, ein Chor zirkuliert um Rhythmuswechsel und sich auf- und wieder abbauende Soundschichten, während sich eine einzelne Textzeile am allertiefsten unter die Haut gräbt: "I zip up my mind like I zip up my jacket". Blumberg hat sein Innerstes nach außen gekehrt und das in strukturverachtende, virtuose Musik verpackt, die auch ein paar Momente der Gleichförmigkeit verzeiht. Offenbar ist auch bei ersten Malen die Sieben eine irgendwie magische Zahl.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Madder
  • Used to be older

Tracklist

  1. Minus
  2. The fuse
  3. Madder
  4. Stacked
  5. Permanent
  6. The bomb
  7. Used to be older

Gesamtspielzeit: 44:24 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-06-07 21:05:00 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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