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Faith No More - Sol Invictus

Faith No More- Sol Invictus

Reclamation / Ipecac / Rough Trade
VÖ: 15.05.2015

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wie Weihnachten

Faith No More brachten ihren letzten Langspieler "Album of the year" vor 18 Jahren auf den Markt und gingen 1998 getrennte Wege. In dieser beinahe 20-jährigen Abstinenz wurde Plattentests.de gegründet, es gab Viagra, zwei neue BunderkanzlerInnen, zwei Päpste, Christoph Daums Kokainaffäre, den 11. September, Weltmeistertitel für Deutschland in Hand- und Fußball, die Euroeinführung, eine Finanz- und Wirtschaftskrise, das Wiederaufleben des Kalten Krieges und Braunbär Bruno in Bayern. Eine Menge Wasser ist die Spree heruntergeflossen und die Welt hat sich massiv verändert. Dass "Sol Invictus" nun tatsächlich erscheint, ist mithin eine Sensation. Faith No More selbst bezeichneten sich einmal als dysfunktionales Gefüge ohne kommunikativen Kleinstnenner, und als Sänger Mike Patton vor einigen Jahren nach einer Reunion gefragt wurde, antwortete er lapidar, man solle schlafende Hunde nicht wecken. Die Chancen standen also denkbar schlecht.

Wie nähert man sich nach all der Zeit einer Band, die den Crossover für das neue Jahrtausend nicht nur definierte, sondern auch überlebte und Generationen von neuen Gruppen beeinflusste, die wiederum selbst zu Helden emporstiegen? Sol Invictus ist der römische Gott der Sonne und hat den Beinamen "der Unbesiegte". Er wurde im 274 n. Chr. von Aurelian zum obersten Gott erhoben, dessen Fest am 25. Dezember begangen wurde. Dort gründen die Anfänge dessen, was wir heute als Weihnachten kennen. Dementsprechend feierlich ist das Erscheinen von Faith No Mores siebtem Album. Im Kontext des Fünfers deutet "Sol Invictus" auf die Wiederkunft des Lichts in düsteren (musikalischen) Zeiten und gibt ein ähnlich starkes Statement ab wie die überhebliche, doch selbstsichere Betitelung des übergroßen Vorgängers. Zu "Sol Invictus" hätte auch "Album of the year" gepasst, denn wir haben es hier mit nichts weniger zu tun als dem definitiven Meisterwerk 2015. Will man den Mund reichlich voll nehmen, lässt sich das neue Lebenszeichen von Patton und Kollegen als Meilenstein des 21. Jahrhunderts ansehen, der wieder unzählige Musiker beeinflussen wird und an dem sie sich zugleich werden messen lassen müssen. Hieran wird sich künftig die Spreu vom Weizen trennen.

"Sol invictus" überbrückt in seiner Einmaligkeit und Unaufgeregtheit die letzten 18 Jahre und schüttelt die unermesslichen Erwartungshaltungen geschmeidig ab. Wo man bei anderen Künstlern die Einflüsse zwecks Malen nach Zahlen gleich beim Hören mitgeliefert bekommt, gibt es bei Faith No More nur Selbstreferenzialität. Warum noch Fremdbezug, wenn man selbst die absolute Spitze ist? Die Besten sind sich selbst das Beste. Entsprechend epochal beginnt "Sol invictus" mit dem titelgebenden Opener, der die Messlatte sogleich hoch ansetzt und langsam an Fahrt aufnimmt – epochal aufgrund des Understatements, mit dem hier zu Werke gegangen wird. Atmosphärisches Songwriting, spröde und fiebrig mit so viel Keyboardarbeit für Roddy Bottum wie seit "Angel dust" nicht mehr. Nach annähernd zwei Dekaden klingen Faith No More vitaler und frischer als manches überhypte Greenhorn.

Die Single "Superhero" lässt gleich den harten Metal-Keiler aus dem Käfig und geht mit Shout-Strophe, Grölrefrain und atmosphärischem Klavierteppich unkontrolliert in die Offensive. Mitreißend stampft "Sunny side up" mit Mike Bordins vertracktem Beat und Kampfgeschrei sowie ergreifender Gesangslinie daher. Mit dermaßen verschrobenem Popappeal hat man Patton nicht einmal bei seinem Projekt Peeping Tom bewundern können. Mit sinistrer Bösartigkeit und energetischer Intensität definiert "Separation anxiety" das Hymnische neu. Das Überorgan des Frontmanns dominiert die zehn Songs auf "Sol Invictus": Er keift, schreit, wuchtet, fleht und schmeichelt sich durch ein Panoptikum musikalischer Stilbrüche und -mischungen – besonders in "Cone of shame", wo der Laut-leise-Wechsel in einzigartige Höhen getrieben wird.

Auf einem Ausnahmewerk wie "Sol Invictus" ist es schwer, Höhepunkte zu bestimmen, weil praktisch jedes einzelne Stück einen solchen darstellt: "Rise of the fall" mit mitreißender Gitarrenarbeit, "Black Friday" mit schunkeliger Eingängigkeit, die durch wütende Eruptionen unterbrochen wird, das bekannte "Motherfucker" mit genialem Mitsingrefrain und saucoolem Sprechgesang, das überlange "Matador", das ob seiner Eigenwilligkeit sofort ins Ohr geht, und schließlich das poppige "From the dead", welches "Sol Invictus" triumphal beschließt und vermutlich als Blaupause für sämtliche folgenden Alternative-Songs fungieren wird. Faith No Mores Rückkehr erreicht eine qualitative Dimension, an der kaum eine Band mehr vorbeikommen wird. Man kann nur hoffen, dass die Wartezeit auf neues Material nicht wieder 18 Jahre betragen wird. "Sol invictus" als Lebenszeichen gibt neue Hoffnung. In diesem Sinne: Faith once more.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Superhero
  • Sunny side up
  • Cone of shame

Tracklist

  1. Sol invictus
  2. Superhero
  3. Sunny side up
  4. Separation anxiety
  5. Cone of shame
  6. Rise of the fall
  7. Black Friday
  8. Motherfucker
  9. Matador
  10. From the dead

Gesamtspielzeit: 38:23 min.

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