Hundred Reasons - Ideas above our station

Hundred Reasons- Ideas above our station

Columbia / Sony
VÖ: 21.05.2002

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Panzerknacker

Bescheidenheit ist nicht nur eine Zier, sondern im Musikgeschäft auch äußerst fehl am Platz. Die Größe der eigenen Klappe verhält sich proportional zur Anzahl der grünen Scheinchen im Panzerschrank. Und den Kampf um die Plätze auf den Titelseiten der Musikmagazine entscheiden schließlich in den seltensten Fällen die Typen vom Schlage "Schwiegermamas Liebling" für sich. Wer nicht mit einer spitzen Zunge gesegnet ist, muß eben Taten sprechen lassen, ab und zu einen Fernseher aus dem Fenster einer Hotelsuite werfen, die ein oder andere Flugzeugeinrichtung verwüsten oder durch allerlei divenhaftes Gehabe auf sich aufmerksam machen. Die Devise "Auffallen um jeden Preis" gilt eben auch noch im Jahr zwei nach Zweitausend.

Hundred Reasons sehen das wohl alles ein bißchen anders. Große Sprüche hat man vom Inselquintett aus dem Provinzstädtchen Surrey noch nicht gehört, Zicken und Macken sind ebenso wenig bekannt, und es ist nicht auszuschließen, daß keines der Bandmitglieder bisher jemals ein Flugzeug von innen gesehen hat. Und dennoch: Die Truppe um Kapellenmeister Colin Doran ist gerade so richtig am Durchstarten. Schnappen anerkannten Größen wie Muse oder My Vitriol den "Kerrang!"-Award als beste Szene-Frischlinge des 2000er Jahrgangs weg, touren mit Rival Schools und Incubus und klopften kürzlich sogar an die Top 10 der britischen Charts an. Wenn man all das erreicht, ohne sich auch nur einer der beschriebenen Eskapaden zu bedienen, muß man mit seiner Musik eine ganze Menge richtig gemacht haben.

Und so ist es dann auch, obwohl Hundred Reasons streng genommen nicht mehr als hundsgemeine Diebe sind. Knüppeldicke Gitarrenplanken prügeln auf zerbrechliche Porzellanparts ein, rasendes Gebrüll macht gläserne, mehrstimmige Gesangslinien zur Schnecke, und die gesunde Härte offenbart bisweilen ein weiches Herz für charmante Melodien. Hundred Reasons haben das Spiel mit den Gegensätzen nicht erfunden, aber sie beherrschen es. Nicht umsonst läßt sich der Titel des Albums - sehr frei nach Bravo-Songbook - mit "Ideen, die nicht aus unserem Mist gewachsen sind" übersetzen.

Letztendlich zählt jedoch nicht, daß Hundred Reasons sich schamlos durchs halbe Emo-Lager plündern, sondern wie sie die geklauten Einzelteile zu einem wahrhaften Monstrum von einer Platte zusammenzimmern. Fühlt sich das Gitarrengewitter im eröffnenden "I'll find you" noch an, als würde ein Feuerwerkskörper in der eigenen Hand explodieren, setzt "Silver" auch schon die schmerzstillende Morphium-Spritze an. Und kommt man sich nach brachialen Kracheinlagen im Stile von "What thought did" wie frisch verprügelt vor, reichen Streicheleinheiten Marke "Falter" die Hand, ziehen hoch und weisen den Weg. Für Hundred Reasons kann er nur nach oben führen. Da können die noch so bodenständig sein.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • I'll find you
  • Silver
  • If I could

Tracklist

  1. I'll find you
  2. Answers
  3. Dissolve
  4. Silver
  5. Shine
  6. Falter
  7. Oratorio
  8. What thought did
  9. If I could
  10. Drowning
  11. Gone too far
  12. Avalanche

Gesamtspielzeit: 38:49 min.

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