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Woodkid - The golden age

Woodkid- The golden age

Island / Universal
VÖ: 15.03.2013

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

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Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Yoann Lemoine war nicht langweilig. Eigentlich war er sogar ziemlich gut beschäftigt, und "erfolglos" wäre auch nicht gerade die passendste Bezeichnung für sein Schaffen. Durchaus ansehnliche Musikvideos für Leute wie Lana Del Rey oder Katy Perry, Werbefilme der besseren Sorte, allen voran mit "Aides Graffitis" die wohl lustigste Kondomwerbung dieser Welt, von Fotografie und Grafikdesign gar nicht zu sprechen. Nein, eigene Musik hätte es da nicht zwangsläufig gebraucht. Als Lemoine vor knapp zwei Jahren sein Pseudonym Woodkid gebar und die Debütsingle "Iron" samt selbstgedrehtem Epochal-Musikvideo das Zwielicht der Welt erblickte, waren sich dann aber doch fast alle einig: Diese Musik braucht die Welt. Es folgten zwei weitere Singles, "Run boy run" und "I love you", die "Iron" zu einer Trilogie ergänzten, allesamt mit epischen Schwarz-Weiß-Videos. "The golden age" setzt die entstandene kleine Geschichte als Konzeptalbum fort, fügt sie in einen größeren Kontext und behandelt ein Thema in all seinen Facetten: Erwachsenwerden.

Lemoine selbst wird fast zeitgleich mit der Veröffentlichung 30 Jahre alt, womit seiner Ansicht nach die goldene Zeit hinter ihm liegt: "The golden age is over", heißt es im Opener. Etwas nostalgisch, vor allem aber mit ordentlich Pathos lässt er die Probleme seiner Adoleszenz Revue passieren und presst alles in die von den Singles bekannte Kriegs- und Helden-Metaphorik. Dabei bemüht sich der Franzose weder um besonders ausgefeilte Arrangements, noch um allzu viel Abwechslung in Aufbau und Struktur der Stücke. Der breite Sound aus Blechbläsern, Streichern und Piano, vorangetrieben von martialischer Percussion und verziert mit Orgel, Glocken, Akkorden und Synthesizern, ist von den Singles bereits bekannt und bleibt auch hier in einem sehr ähnlichen Rahmen. Woodkid verlässt sich für das gesamte Album auf ein einzelnes ziemlich gutes Rezept. Damit verzichtet er zwar auf Überraschungen, bricht aber auch mit keinem Song aus dem konstant hohen Niveau aus, es gibt keine Schwachstelle.

"The golden age" haut um, reißt seine Hörer vollkommen mit und lädt zu einer betäubenden Reise in weit entfernte und vor allem düstere Welten. Bevor man dazu kommt, auch nur den Mund zu öffnen, haben einen die Trommeln von "The great escape" komplett überrannt - der von Piano und Bläsern getragene "Boat song" ist zum Durchschnaufen da nur die logische Konsequenz. Mit "Where I live" wartet in der zweiten Hälfte ein weiterer Ruhepol, der zwar ähnlich gestrickt, aber noch eine Nummer schöner geraten ist. Dazwischen fährt Woodkid größere Geschütze auf: "I love you" löst Mitleid ob des verzweifelten Textes und Bewunderung dank der majestätischen Vertonung gleichzeitig aus, und das archaisch-sakral anmutende "Stabat mater", benannt nach einem mittelalterlichen Gedicht über die Gottesmutter, bringt jedes Priestergewand zum Flattern.

Glücklicherweise weiß Lemoine mit der Extraportion Pathos gut umzugehen. Vor zu viel Dramatik schützt immer seine Stimme, die auf angenehme Art schwach und unpräzise, aber sehr eigen klingt, und etwas wunderbar Greifbares, Unabgehobenes hat. Damit stellt sie sich komplett gegen das brutale Gesamtkunstwerk aus fett produzierten Orchesterklängen und epischen Slow-Motion-Videos. Dank ihr kann Lemoine es sich leisten, sich instrumental so richtig auszutoben. Und so muss man "The golden age" letztendlich doch ziemlich großartig finden, gibt man sich der perfekten Inszenierung einfach hin und überlässt dem Bauch das Denken. Die markerschütternden Paukenschläge kommen dort ohnehin als erstes an und pflanzen sich dann in den restlichen Körper fort. Episches Schwarz-Weiß-Kopfkino garantiert.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • I love you
  • Ghost lights
  • Where I live
  • Iron

Tracklist

  1. The golden age
  2. Run boy run
  3. The great escape
  4. Boat song
  5. I love you
  6. The shore
  7. Ghost lights
  8. Shadows
  9. Stabat mater
  10. Conquest of spaces
  11. Falling
  12. Where I live
  13. Iron
  14. The other side

Gesamtspielzeit: 48:45 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Run Forrest Run
20.10.2013 - 23:14 Uhr
Früher wurden Songs durchs Musikfernsehen bekann, nun, wo es dieses nicht mehr gibt, eben durch TV-Werbung.
Traurig
22.10.2013 - 21:58 Uhr
Eigentlich doch nur noch durch Handy-Werbung.

xspiralx

Postings: 444

Registriert seit 14.06.2013

23.10.2013 - 10:40 Uhr
Ein Glück, dass das auch ohne Fernseher geht.

Herr

Postings: 704

Registriert seit 17.08.2013

31.08.2014 - 20:31 Uhr
Darf ich um Kommentare bitten, ob dem Herrn Woodkid die Befähigung anheim fällt, seine tonale Kunst original live überzeugelnd darzubieten.
Tom
17.08.2016 - 20:07 Uhr
Großartige, neue Art von Musik, Richtung
Filmmusik. Live in Lyon mit Orchester ist für
mich der Hoehepunkt.
Vorgetragen mit einer sehr sensiblen Art, dass Woodkid hier selber bei Baltimore Files
beim Einsetzen der Streicher Weinen muss, drückt alles aus.
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